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24.05.13
Henri-Nannen-Preis 2009, Kategorie Dokumentation
Henri-Nannen-Preis 2009: Dokumentation

Fünf weitere Autoren / Klaus Brinkbäumer / Ullrich Fichtner / Jochen Brenner
Der Bankraub

Dünner Regen plätschert auf den Zürichsee, es ist unwirtlich kalt in der Schweiz Ende Oktober, in der vornehmen Bahnhofstraße tragen die Damen schon den Winterpelz, sie entsteigen flachen Lamborghini, die im Halteverbot parken vor der großen UBS-Bankfiliale. Dort bilden sich jetzt kleine Menschentrauben jeden Tag, Passanten studieren die Bildschirme im Schaufenster, die Aktienkurse, die Rentenmärkte, die Rohstoffbörsen - sie notieren tiefer im Minus, Stunde um Stunde, fast alle Werte im freien Fall, fast alle Pfeile zeigen zum Boden, und im Kongresshaus am See beginnt die Finanzmesse mit dem Namen: "Strukturierte Produkte".  mehr...


Henri-Nannen-Preis 2009, Kategorie Dokumentation: Die nominierten Texte

Malte Henk
Das Monster von Genf

Es ist wie eine Sucht, sagt sie, du denkst daran die ganze Zeit. Spätabends zu Hause oder jetzt, morgens um neun im Büro. "Ich suche das Higgs-Teilchen", sagt Rosy Nikolaidou. Das Higgs-Teilchen ist der Zacken einer Kurve auf dem Computer. Man kann mit der Maus klicken, dann fluten Zahlen den Schirm, man tippt Befehle ein, wartet, dann wächst der Zacken, das ist gut, oder er schrumpft, das ist schlecht.  mehr...


Wolfgang Uchatius / Kerstin Kohlenberg
Wo ist das Geld geblieben?

Am Nachmittag des 31. Oktober springt im zweiten Stock einer gelb gestrichenen Villa in der Frankfurter Innenstadt das Faxgerät an. Fünf Seiten Papier schieben sich aus dem Schlitz, auf der ersten Seite steht der Briefkopf der Commerzbank, auf der letzten die Unterschrift ihres Vorstandsvorsitzenden Martin Blessing, irgendwo dazwischen die eine, entscheidende Zahl: 8,2 Milliarden Euro. Um so viel Geld bittet die Commerzbank die Bundesrepublik Deutschland, vertreten durch den »Soffin«, den neu gegründeten Sonderfonds für die Stabilisierung der Finanzmärkte. Dessen 21 Mitarbeiter haben erst wenige Tage zuvor in der gelben Villa ihre Büros bezogen. Die Krise hat hier ihre Anlaufstelle.  mehr...


Henri-Nannen-Preis 2009, Kategorie Dokumentation: Die Vornominierten Texte

Dirk Kurbjuweit / Christoph Schwennicke
Gefährliche Trägheit

Der Tag, an dem die Kurven sich kreuzen werden, ist nur noch ein paar Wochen hin, und es wird kein schöner Tag sein für Mechthild Reith. Sie kämpft noch, dass es nicht passiert, aber es wird passieren. Mechthild Reith arbeitet seit vielen Jahren für die SPD, sie hat das schon gemacht, als die Partei auf ihren Gartenfesten noch Dixie spielte und nicht BossHoss, als Rudolf Scharping vom Rad fiel und Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine so taten, als passte kein Blatt Papier zwischen sie. Reith hat viel erlebt.  mehr...


Alexander Smoltczyk / Uwe Buse / Ansbert Kneip
Der große Preis

Steffen Bock ist Deutschlands klügster Tanker. Er kennt sich aus. Die meisten der 15 000 Tankstellen dieses Landes sind in seinem Computer gespeichert. Und alle Preise. Bock passt auf. Der 45jährige Diplomkaufmann aus Nürnberg hat Benzinpreispiloten, die für ihn herumfahren, Preise notieren und sie ihm mailen. 8000 sind es mittlerweile, ein Heer von Freiwilligen. Steffen Bock hat den Kampf aufgenommen. Den Kampf gegen die Erpressung an der Säule.  mehr...


Barbara Hardinghaus / Jochen-Martin Gutsch
Die 30-Cent-Republik

Heino Hambrecht zieht mit dem Zeigefinger zwei Linien auf die Tischplatte, die das ganze Problem beschreiben sollen. Die eine Linie wandert weit nach links, die andere weit nach rechts. "Unsere Arbeitswege", sagt Hambrecht. "70 Kilometer fahre ich. 37 Kilometer fährt meine Frau." Der Ort dazwischen, dort, wo die Zeigefingerlinien beginnen, ist Hambrechts Haus, in Hüngheim, Baden-Württemberg.  mehr...


Dinah Deckstein / Jürgen Dahlkamp / Jörg Schmitt
Die Firma

Was gut sein soll an Bestechung? Schwer zu sagen. Bestechung ist schlecht. Bestechung ist verboten. Und weil meistens die Falschen das Schmiergeld kassieren, fette Diktatoren oder fade Direktoren, fehlen der Bestechung auch die Sympathieträger. Es ist daher Frau Georgia O. aus Nigeria zu verdanken, dass die Sache nun nicht mehr ganz so deprimierend bleibt, zumindest nicht im größten Bestechungsfall der deutschen Nachkriegsgeschichte, im Fall Siemens. Denn siehe da, auf Blatt 327 bis 329 im Asservat 10100-18 der Ermittlungsakte Siemens: Korruption kann wunderbar sein. Kann glücklich machen. Kann Leben schenken.  mehr...


Matthias Irle
Die Treppe der Willigen

Tom Conroy hat es an diesem Morgen geschafft. Ann Poulos auch. Und Frederick M. Hartman sowieso. Für sie waren die 19 Stufen aus dunklem Holz hinauf zum Spezialspritzen-, Düsen-und Röhrenhersteller Vita Needle in Needham bei Boston nicht zu viel. Doch ob auch Rosa Finnegan die steile Treppe je wieder hochkommt?  mehr...


Holger Stark / Marcel Rosenbach / John Goetz
Ihr tragt eine Mitschuld

Der grauweiße Wohnblock in dieser süddeutschen Stadt ist ein guter Ort, wenn man sich vor dem Rest der Welt verstecken will. Er fügt sich unauffällig in die Vorstadtsilhouette, sechs Familien leben hier, die meisten haben Kinder. Vor der Tür parkt ein grüner Spielzeugtraktor, die Fahrräder haben Baby-Anhänger, an einem weht eine amerikanische Flagge. In einer der Alleen steht an einem Außenbriefkasten in blassgrüner, krakeliger Handschrift ein dreiteiliger arabischer Name, der mit dem Vornamen Rafed beginnt. Das Sichtfenster ist verklebt, die Schrift schwer lesbar, man muss nahe heranrücken, um sie zu entziffern.  mehr...


Beat Balzli / Steffen Winter / Michaela Schießl
Casino provincial

Vielleicht hätten die sächsischen Volksvertreter einen etwas weniger symbolbeladenen Ort wählen sollen, um ihre Landesbank zu gründen. Zumindest wäre ihnen eine Menge Hohn und Spott erspart geblieben. An jenem regnerischen 19. Dezember 1991 traten die Abgeordneten in der Dresdner Dreikönigskirche zusammen. Das Gotteshaus, das damals als Ersatzparlament diente, war gerade um eine Attraktion reicher geworden. Unterhalb der Orgelempore prangte nun ein weltberühmtes Relief aus der Renaissance: der Dresdner Totentanz.  mehr...


Susanne Paulsen
Zwischen Licht und Dunkel

Als Kind liebte es Oliver Nadig auf Türme zu steigen. Je höher, desto besser. Auf den Göttelborner Wasserturm im Saarland kletterte er, den Münchner Fernsehturm, den Fernsehturm am Alexanderplatz in Berlin, dessen Fenster von der Decke bis zum Boden reichen. Oben sah der kleine dunkelhaarige Junge hinab durch die dicken Gläser seiner Brille. Er war mit nur einem Rest von Sehfähigkeit zur Welt gekommen. Farben waren ihm von jeher fremd. Details konnte er nicht erkennen.  mehr...


Christian Schüle
Das gecoachte Ich

Sie entsprach perfekt dem Ideal unserer Zeit, alles ging glatt, alles war eindeutig, sicher, Schritt für Schritt ein Aufstieg. Sie tat, was sie immer tun wollte, fuhr den großen Wagen, hatte das gute Gehalt, den verständnisvollen Mann, saß in einem Büro mit bestem Blick über die Hamburger Außenalster, erfuhr soziale Anerkennung, war rational, planend, positiv, und dann, ohne genau sagen zu können, wann, wo und warum, hatte sie auf einmal ihr Ich verloren. Sie konnte nicht mehr sagen: Ich spüre mich. Sie wusste nicht mehr zu sagen, wer sie war.  mehr...


Christian Schwägerl / Rafaela von Bredow / Philip Bethge
Marktplatz der Natur

Der Emissär aus Europa kommt aus dem Staunen nicht heraus. Handtellergroße Schmetterlinge flattern um seine Nase. Orchideen hängen in Kaskaden von den turmhohen Bäumen herab. Nashornvögel gleiten über die Wipfel. Der satte Geruch von Werden, Wachsen und Wuchern liegt in der Tropenluft.  mehr...


Sebastian Christ
Die Folgen der Entvölkerung

Und ich sagte mir: Hey, was gibt es heute schon noch für Abenteuer? Alle großen Berge sind bestiegen, die Welt wurde mit dem Ballon umrundet und der Atlantik von Männern und Frauen durchschwommen. Dann merkte ich, dass die wahren Herausforderungen vor der Haustür liegen, und dass absurde Anstrengungen keinen weltläufigen Superlativ benötigen. Das öffentliche Nahverkehrsnetz in Nordhessen und den angrenzenden Regionen!  mehr...


Jürgen Neffe
Darwin

Am ersten Morgen in der Neuen Welt krabbeln Ameisen aus meinem Laptop, schwarz und winzig genug, hinter einer Stecknadelspitze Platz zu finden. Erst ein paar, dann Hunderte, direkt aus den Tiefen der Tastatur. Vielleicht fressen die Biester hier inzwischen Bauteile von Prozessoren. Neue Nahrungsquelle, neue Nische, neue Chance - vor allem darum dreht sich dieser brodelnde Kosmos namens Brasilien. Unmittelbarer Schaden nicht feststellbar.  mehr...


Harald Schumacher / Henryk Hielscher
Albtraum Knast

Ulrich Beckheuer, Leiter der Justizvollzugsanstalt (JVA) Euskirchen, stellt den Mann im dunkelgrauen Hemd vor. "Das ist Herr Sommer." Der Endvierziger mit dem kurzrasierten Schädel blickt freundlich-neugierig. Er war Vorstandsvorsitzender eines namhaften deutschen Unternehmens mit vierstelliger Belegschaft und hieß natürlich ganz anders. Gut sieben Monate saß er in Untersuchungshaft und wurde wegen Kapitalanlagebetrugs zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.  mehr...


Wolfgang Wiedlich
Ein kleiner Haufen Denker

Am Anfang war der Kühlschrank. Vor 90 Jahren werden in Detroit die ersten für den privaten Haushalt verkauft. Gerade einmal 61 Exemplare. Die kühlenden Chemikalien sind giftig und neigen zu kleineren Explosionen. Ein Jahr später, 1919, wird James Lovelock nördlich von London geboren. Bald wird er ein neugieriger Junge sein. Viel später wird er für die NASA darüber nachdenken, mit welchem Instrument an Bord einer Sonde man am besten prüft, ob der Mars belebt oder unbelebt ist.  mehr...


Heike Buchter
Das Gift der Spekulanten

Es war ein Komplott zur Rettung der Finanzwelt. Die Beteiligten trafen sich am Montag vor einer Woche in einem Sandsteinbau in Manhattan, zwei Häuserblocks von der Wall Street entfernt. Der Drahtzieher ist dort Hausherr: Timothy Geithner, 46, Präsident der New York Federal Reserve Bank, der regionalen Notenbank. Die Geladenen â€" Vertreter von Finanzriesen wie Citigroup, JP Morgan Chase, Deutsche Bank, Goldman Sachs, Morgan Stanley, Merrill Lynch und UBS â€" sollen nach seinem Willen ein riesiges neues Notfallnetz an der Wall Street spannen. Und zwar möglichst schnell. Es wird gebraucht, wenn Geithners Albtraum wahr wird und die nächste große Krise ausbricht.  mehr...


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