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01.10.16

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Alexander Smoltczyk „Unsere gute Frau in Kalkutta

Mutter Teresa ist die höchstgeachtete Frau der Welt: Niemand wird so häufig wie sie als Vorbild genannt. Doch längst hat sich ihr Mythos verselbständigt, und kaum jemand weiß genau, wie die fast 85jährige Nonne lebt und arbeitet. GEO-Reporter haben sie besucht

Von Alexander Smoltczyk, Fotos: Lois Lammerhuber, GEO, 6/1995

Es ist einfach, die Heilige zu sprechen. Sie hat Telefon. Es ist eine siebenstellige Nummer, bei der Auskunft zu erfragen. „Guten Tag, können Sie mir bitte sagen, ob sich Mutter Teresa gerade in Kalkutta aufhält?" — „Ich hin Mutter Teresa," Eine dunkle, leicht lispelnde Stimme. Die Stimme sagt, sie sei nicht zu sprechen für Journalisten, so viel sei schon geschrieben worden, wo doch nur das Werk zähle und nicht der Mensch. Die Stimme gibt ihren Segen: „God bless you."

Die vor fast 85 Jahren in Skopje als Bürgerstochter Agnes Bojaxhiu geborene Nonne ist die wohl geachtetste Frau der Welt. Parteichefs, Großmächtige und Kanzler beugen sich zu ihr hinab, um die Botschaft der Nächstenliebe zu vernehmen. Tyrannen leihen ihr das Ohr. Mutter Teresa ist eine Lichtgestalt, eine Fleischwerdung des Guten. Ihr Name wird mehr als jeder andere genannt, wenn Volkserkunder nach einer vom Schlechten gänzlich unbefleckten Person fragen. Nur der Dalai Lama ist noch reiner. Aber der ist ein Gott.

Mutter Teresa ist keine Göttin. Jeder kann sie anrufen. Oder besuchen. Sie hat eine Adresse: ein grauverputzter Neubau an der Bose Road, einer brüllenden, von Teekochern, Ersatzteilhökerern und Saftpressern wimmelnden Straße. Hier im Zentrum von Kalkutta liegt das Hauptquartier des Ordens, das „Mutterhaus".

Neben der Eingangspforte ist eine Holztafel angebracht: „Mother Teresa. IN/OUT". Ein Schieber gibt ihre Präsenz an.

„Lookin' for Mother?" Ein Herr mit Menjou-Bärtchen lehnt rauchend aus dem Fenster gegenüber. Mr. John Graham von Grahams „Pack and Transport Lid" ist seit 26 Jahren Mutter Teresas Hausnachbar. An seinem Fenster sind schon die Queen und Bush und Carter vorbeigelaufen und ...: „Arafat — ein Männchen mit zwei großen Pistolen. Ich kenne sie alle. Alle Großen sind kleine Menschen, wenn Sie mich fragen. Nur bei Mother ist es umgekehrt."

„Ist Mother für jeden zu sprechen?"

„Für jeden. Aber Sie werden sie nicht zu fassen bekommen. Na, probieren Sie's."

Die Pforte öffnet sich auf einen Innenhof. Morgens um halb sechs ist der Konvent ein Waschhaus. Im Licht einer 60-Watt-Birne wringen junge Vestalinnen ihre Saris, schöpfen Wasser und vergessen doch nie, sich vor der Madonna zu bekreuzigen.

Gebet in der Kapelle. Die Schwestern stehen barfuß in Reihe. Manche gähnen. Für sie ist es nach dem Morgengebet früh um fünf schon die zweite Andacht. Sie besitzen drei Saris und einen Rosenkranz, eine Bibel und die Kopie der Ordenssatzung. Darin steht, daß sie Anrecht haben auf „einen Bleistift, einen Füller, ein Radiergummi und ein Lineal". Keine Spiele, keine Romane, keine Armbanduhren. Kein Radio, kein Fotoalbum, keine Besuche. Briefpapier nur alle vier Wochen. Nach zehn Jahren der erste Heimaturlaub.

Draußen erwacht der Verkehr, hupend, knatternd, klingelnd, kreischend. Aber wo ist Mother? Da, am Eingang, kauert ein kaum kniehohes Bündel, eine blaue Strickjacke, aus der groß wirkende, knorrig ineinander verschränkte Hände ragen: Mothers Hände.

Auf allen Fotos sind diese Bauernhände zu sehen, sie segnen, heilen, schützen und beten: Sie sind die Chiffren der Heiligkeit Mutter Teresas. Wenn sie, wie jetzt gerade, aus den Archivolten ihrer Finger wiederauftaucht, den Kopf gegen die Krümmung des Rückens nach oben gestemmt dann ist sie, bis in den Faltenwurf, der Mater dolorosa so ähnlich, als wäre hier ein Körper in eine unsichtbare Form gewachsen.

Mother kniet gleich unter dem Lichtschalter, stets um sich schauend, ob auch jeder Gast einen Plastikrosenkranz bekommen hat; und wenn sich jemand in der Liturgie verliert, ist es Mutters Wurzelhand, die ihn zurückführt. Sie scheint alles zu sehen. Und kaum fällt der erste Lichtstrahl herein, reckt sich aus dem Weiblein ein Arm und knipst die Neonröhren aus. Denn Verschwendung ist Diebstahl an den Armen, und den Ärmsten der Armen ist das Leben der Teresa geweiht. Für sie hat sie 1950 ihren Orden „Missionarinnen der Nächstenliebe" gegründet, für sie hat sie neben Keuschheit, Armut und Gehorsam noch ein Gelübde festgesetzt: „den Ärmsten der Armen von ganzem Herzen ohne Gegenleistung zu dienen".

Auch Mother gähnt. Dann läutet ein Glöckchen. Während die Schwestern ins Refektorium eilen, bleibt sie auf der Wandelgalerie stehen. Gäste kommen. Eine sehr blonde Dame aus Texas legt sich die Wurzelhand aufs Haar, andere versuchen, den Saum des Saris zu berühren. Teresa läßt es in Demut über sich ergehen, fragt nach Woher, Wohin und verteilt kleine Aluminium-Medaillons, die sie durch eine Berührung der Lippen segnet.

Wie viele Spender es wohl geben mag? Und wie mögen die 20-jährigen Novizinnen, die meist aus besseren Verhältnissen kommen, das gestrenge Leben im Mutterhaus ertragen? „Fragen Sie Mother", sagt Schwester Dina und lächelt.

Wie klein sie ist. Teresas Körper ist zusammengeschrumpft, als wollte er sich der Welt entziehen. Ihr Sah ist mehrfach geflickt. Die Sandalen, in denen sich auch die Zehen wie zum Gebet verschränken, würde jede Altkleidersammlung zurückgehen lassen. Diese Frau wird keine Kathedralen bauen. Und wie normal sie ist, wie unscheinbar. Graublaue Augen, wie halbgefrorenes Wasser:

„Mother. Darf ich Sie etwas fragen? Wieviel ..."

„Zahlen? Das ist nicht wichtig. Wer weiß schon die Zahlen." Ihre Hände sind fest und federleicht.

„Aber für eine Reportage brauche ..."

„Unwichtig. Soviel wurde schon geschrieben. Fragen Sie nicht, seien Sie kein Reporter. Sagen Sie: Ich. Denn es gibt nur einen, der die Antworten kennt." Sie weist mit dem Finger nach oben, in den dieselsatten Himmel. „Sprechen Sie nicht mit uns, wir sind nichts. Lassen Sie IHN zu Ihrem Herzen sprechen."

„Aber wie ... Mother?"

„Seien Sie morgen um acht im Sterbehaus." Ich also. Am nächsten Morgen stehe ich vor Nirmal Hriday, dem „Haus des reinen Herzens". Das ehemalige Pilgerhospiz liegt in Kalighat, dem mit Teesiedern, Huren und Pilgern übervölkerten Tempelbezirk Kalkuttas. Särge werden zimbelschlagend zur Brandstätte am Fluß getragen, ein Zicklein dem Altar der Kali zugeführt. Das Fleisch teilen später die Elenden unter sich auf — zu Ehren der großen und furchtbaren Göttin.

Als älteste Wirkstätte Teresas ist auch das Sterbehaus eine Art Heiligtum: „Mutters erste Liebe", sagt ein Schild am Eingang. Hierher werden aus Rinnsteinen und Bahnhöfen die Halbtoten und Zerfressenen gebracht. Damit sie in Würde sterben können, wenn schon ein solches Leben ihnen nicht gegeben war.

In Decken geschlagen hocken die Todgeweihten auf ihren Liegen, wie Rabenvögel. Nur ihre Augen sind feucht und dunkel. „Liebe Schwestern und Helfer, heute wollen wir des Paulus gedenken". beginnt Schwester Dolores den Tag. „Paulus war nicht immer heilig. Nein, er war der böse Pharisäer Saulus, bis der Herr ihn rief. Das lehrt uns: Niemand ist verloren. Hier", die Oberin schiebt mich lächelnd in den Kreis: „Unser junger Freund aus Deutschland kam als Reporter, nun bleibt er als dienender Helfer. Saulus — Paulus!"

Die Gruppe wendet sich einem Kästchen zu, in dem ein Marienpüppchen mit Orden leuchtet. Es ist Mothers Lotusorden, die höchste Auszeichnung der Republik Indien. Unter dem Schrein kauert auf Pritsche Nr. 32 der Bettler Abdul, dem die Wunden nicht heilen. Und der jetzt die jungen Menschen aus Kalifornien, Tokyo und Paris vor sich stehen sieht, wie sie Unverständliches rezitieren: .Lieber Gott, großer Heiler, ich knie vor Dir. Ich bitte Dich, gib meiner Hand Fertigkeit, Klarheit meinem Geist, Sanftmut und Mitgefühl meinem Herzen." Abdul wartet still aufs Frühstück.

Und doch. Es macht Sinn, daß diese Überirdischen ausgerechnet vor dir, dem gottverlassenen Rabenmenschen Abdul, das Kreuz schlagen. Denn in jedem Siechen ist der Körper Christi, auch wenn der Körper schwärig ist und die Maden in ihm wühlen. Der Dienst am Todkranken, hat Mother gesagt, ist ein Gottesdienst. Das Sterbehaus mit seinen 105 Pritschen ist eine Kirche.

Ein Gotteshaus allerdings, das jetzt mit Dampf gefüllt ist. Haarige, mit Pergament bespannte Skelette hocken im Waschraum und kippen sich Wasser über die Knochen, in Kesseln werden die verkoteten Decken der Nacht gewalkt, ein Greis mit riesigem Geschlecht zieht sich über den Zementboden, und die Dame aus Texas versucht durchzuhalten, was Dolores als Tageslosung aufgegeben hat: „Wir lächeln den ganzen Tag."

Es dampft aus den Bottichen, die Freiwilligen singen Gospels. Aus einer Ambulanz wird ein neuer Körper gebracht, es scheint eine halbverbrannte Frau zu sein. Dem wimmernden Mann, in dessen Mumienkörper aus irgendeinem Grund immer noch Leben ist, kratzen zwei Schwestern die Würmer aus dem Fuß, und neben der Kammer, wo die Särge liegen, hocken Helferinnen und schneiden Zwiebeln und Kohl. Es wird geputzt, gekocht, gewaschen, bandagiert, alles in einem Raum, und jetzt trippeln auch Kinder mit Schultaschen durch den Sterbesaal, weil auf dem Dach der Unterricht beginnt.

Das ist eine eigenartige, erfrischend unromantische Mischung aus Pietät und Hemdsärmeligkeit. Nicht jede Geste der meist indischen Schwestern ist ikonenreif, aber sie lachen und scherzen mit den Patienten. Hier arbeiten keine Madonnen voller Mitleid, sondern Handwerkerinnen der Nächstenliebe. Ralf, Freiwilliger aus Frankfurt: „Ich habe in einem Münchener Altenpflegeheim gearbeitet. Es gab Ultraschall, Morphium, Röntgenbilder. Alles war hocheffizient und professionell. Wie in einer Fabrik. Und eben das ist der Unterschied. Mir sind der Schmutz und das absolute Gottvertrauen hier lieber."
Seit 1952 gibt es das Haus der reinen Herzen. Ein ehemaliges Kassabuch verzeichnet die Ein- und Abgänge: „Lfd. Nr. 65 644 Reman Sahabudi, 18 Jahre, Muslim, männlich, Tb, wohnhaft: Fußweg neben Sealdah-Station." Oder: „Nr. 65 630, Nibadhitha, 12 Tage, Hindu, weiblich." Die Krankenberichte werden mit Bleistift geführt und immer wieder ausradiert, um Papier zu sparen.

Die Sterbenskranken werden liebevoll gepflegt; medizinisch behandelt werden sie kaum, Daß Tuberkulöse nicht isoliert liegen, daß Kanülen zwar sterilisiert, dann aber über Nacht bis zum neuen Gebrauch im Freien liegengelassen werden — das ist nicht wichtig. Gott hat seinen Plan für jedes Erdenwesen. „Wir sind kein Krankenhaus, wir sind ein spiritueller Orden", sagt die Oberin Dolores. „Mother sagt: Gott hat uns nicht gerufen, um erfolgreich, sondern um reich an Glauben zu sein." Ich möge bitte verstehen: Es gehe nicht um die Kranken, es geht um IHN.

Diese Haltung wird Mutter Teresa zum Vorwurf gemacht: „Die Ordensschwestern haben Geld genug. Warum soll den Ärmsten nicht die gleiche medizinische Behandlung zustehen wie den Reichen?" wird Dr. Jack Preger fragen, dem ich später begegne. Seit 18 Jahren unterhält er zwei Straßenkliniken. Mit Mother kam es zum Bruch, als Preger begann, die Ärmsten der Armen über Familienplanung äufzuklären. Wie viele andere kritisiert der Arzt aus Wales, daß in Teresas Häusern die Siechen nur als Mittel zum Zweck benutzt würden: den Schwestern als Gottesdienst, den meist unausgebildeten Freiwilligen als Erfahrungslabor. „Viele der Sterbenden könnten durch professionelle Behandlung gerettet werden. Aufopfernde Pflege allein genügt nicht, Schmerz läßt sich auch mit einer Doppeldosis Liebe nicht ertragen."

Dr. Jayanta Mukherjee kommt dreimal die Woche nach Feierabend mit seinem Motorroller im Sterbehaus vorbei, ein Freiwilliger, „Okay", sagt er, „Wir improvisieren mit den Medikamenten, die wir haben. Wir verabreichen bisweilen Valium, aber die ausgezehrten Körper vertragen meist keine starken Schmerzmittel. Und vergessen Sie nicht: Wir sind in Indien. In dem Staatskrankenhaus, wo ich arbeite, streiten sich die Patienten mit Hunden und Katzen ums Essen."

Mother wehrt sich gegen eine Professionalisierung der Fürsorge. Sie will nicht, daß ihre Nonnen medizinische Kenntnisse erwerben. Sie sollen arm bleiben, schlicht im Geiste und ohne Gepäck. Schwer sei es gewesen, sagt Doktor Mukherjce, überhaupt Bluttransfusionen oder die Sterilisierung von Nadeln durchzusetzen. Aber, sagt er, Dinge ändern sich. Heute werden im Operationssaal des Leprahauses Titagarh auch Amputationen durchgeführt. Nicht jeder Hindu-Bettler muß die Leidensstationen Christi durchleben, bevor er in den Himmel entlassen wird. Es kommt dank Dr. Mukherjee immer häufiger vor, daß die Moribunden sich erholen, daß sie eines Morgens auferstehen, ihr Bündel packen und wieder auf die Straße gehen. Ohne ein Wort des Dankes, denn Arme sind unbescheiden.

Die Leidenden genießen es, ihre Helfer herumzukommandieren. Bestellen Kamm und Rasur, beschweren sich lautstark, wenn das vorgeschriebene zweite Ei nicht im Blechnapf liegt. Die Ärmsten der Armen sind nicht automatisch auch die Besten der Guten. Sie sind hart, weil sie keine Kraft mehr zur Güte haben.

Und selbst hier in der Vorhalle des ‚Jenseits gibt es zwei Kasten. Sie sind in den Krankenbüchern als Ups und Downs gekennzeichnet. Die Pritschen der hoffnungslosen Fälle stehen zu ebener Erde, die anderen etwas höher auf einem Treppenabsatz. Wie Raben hocken die Ups und sehen ruhig zu, wie — weit, weit unter ihnen — ein Down den Mund aufreißt, den stoppligen Kopf im Nacken, wie er stöhnt und hustet. Sie haben schon zu viele sterben sehen. Die blonde Helferin versteht nicht, was der alte Bengale wimmert. Sie streichelt dem Greis den welken Arm, mit langsamen, betont liebevollen Bewegungen, als wenn ein Kind mit einer Puppe spielte. Mike ist seit fünf Monaten Freiwilliger im Sterbehaus. Obwohl zwei Drittel der Patienten Tuberkulose haben, lehnt der 60-jährige Versicherungsmakler aus Vancouver Mundschutz und Handschuhe ab: „ER wird Sorge tragen." Für ihn ist das Waschen virensatter Decken ein Gottesheweis. Ich tauche die Hände lieber in das Weihwasserbecken mit einem Desinfizienz.

Viele Freiwillige wohnen auf eigene Kosten in den Hotels der Sudder Street. Kaum einer leidet unter dem Helfer-Syndrom: „Ich will eine Erfahrung machen. Nirgendwo sonst kann ich wie eine Krankenschwester mit Schwerstkranken arbeiten, ohne Ausbildung", sagt die Dänin Astrid. Sie hat für nächsten Monat einen Trommelkurs in einem Ashram gebucht. Warum auch nicht, weshalb sollen auch die Helfer leiden?

Alle paar Stunden zieht eine Touristengruppe durch das Haus des reinen Herzens. Mutter Teresas Sterbehaus ist Teil jeder Kalkutta-Tour. Mother erlaubt es, weil nur durch den Anblick der Armut die Herzen der Satten bekehrt werden könnten. Es ist eine Schockbehandlung. Vier Japanerinnen müssen schluchzend hinausgeführt werden, sie schützen ihre Gesichtchen vor dem Anblick der Rabenmenschen, überwältigt vom Leid und gerührt von der eigenen Rührung.

Dabei liegt da nur Nr. 22. Dem geht es gut heute. Er wird gleich rasiert werden und hat schon zweimal Tee bekommen, und wenn er so gräuslich agonierend die Hand reckt, will er nur sagen: Mein Bein liegt quer, ich spüre es nicht, und ich brauche meinen Spucknapf.

Ich helfe. Drücke gespendete Mixed-Pickles-Portionen der Air India aus, kämme, füttere, wasche und lasse bunte Pillen in dunkle Münder fallen, warte, daß ER zu meinem Herzen spricht.

Dann ist da Sahahudin, der Junge auf Pritsche 33, den sie aus Bihar gebracht haben. Er hat sich erst nicht waschen lassen wollen, hat gefragt, was mit seinen Habseligkeiten geschehe, die er in einer Plastiktüte aufbewahrt. Die Schwindsucht hat seinen 18-jährigen Körper abgenagt wie einen Hühnchenrest. Zerfetzt zittert er und wimmert, und ich verstehe ihn nicht. Er klammert sich an mich wie an einen großen Bruder und hustet und würgt und hat Augen wie - wie ein kleiner Bruder. Über Sahabud in hängt ein Foto des Besuchs vorn Heiligen Vater in Kalighat und ein Ausspruch der Mutter. Sahabudin kann nicht lesen, was da in Englisch geschrieben steht. Ist wohl auch besser so: „The greatest aim in life is to die in peace with God (Mother)."

Als ich zwei Tage später komme, ist die Pritsche 33 leer. Dafür liegen im Nebenraum der Küche drei Bündel in Laken gerollt. Aus einem schaut ein Paar Füße hinaus. Es sind staubige, hornige Füße, und Sahabudin braucht sie nicht mehr.

Auf dem Boden steht ein Milchpulver-Karton. Das Neugeborene darin ist schon mit Kalk bestreut. Die Schrift an der Wand der Kammer sagt: „I'm on my way to heaven".

Für die Toten gibt es keine Messe. Sie werden aneinandergebunden zu einer letzten, ewigen Umarmung und dann auf eine Bahre gelegt. Wir tragen sie durch die Küche, an den gleichmütig essenden Kranken vorbei, auf die Straße, Eine Hand fällt heraus. Ein Hund schnuppert daran. Kinder schauen kurz herüber oder bleiben mit gekreuzten Armen stehen. Die Körper riechen. Weil nie viel Leben in ihnen war, setzt die Verwesung schnell ein. Wir schleppen sie zum städtischen Verbrennungsort am Fluß. Der Geruch wird noch lange an den Händen kleben.

Zwei Stunden liegen Bündel und Karton in der Sonne. Eine Krähe kommt und setzt sich nieder. Rings um die Feuerstätte ist Wäsche aufgehängt, die Kinder der Leichenbrenner spielen mit Murmeln, ein Hund liegt zusammengerollt in der Asche der Toten. Es ist heiß und friedlich. Nach einer Weile beginnt es nach Sonntagnachmittag im Park zu riechen, nach Barbecue. Das Holz brennt ohne Flammen. Alles geht in Rauch auf und steigt gen Himmel. Fast alles. Sahabudins linker Fuß nicht. Den haben die Krähen schon weggepickt.

Gegenüber vom Mutterhaus hängt John Graham aus dem Fenster.

„Wie war's im Sterbehaus'?"

„Nicht sehr romantisch."

„Ich sage Ihnen 'was: Die Freiwilligen dort huldigen ihrer Göttin der Barmherzigkeit, und die Opfergabe sind sie selbst. Das Sterbehaus ist ein Herzschrittmacher für frustrierte Europäer. Ort der reinen Herzen und des reinen Gewissens. Die sollten lieber ihr Flugticket spenden, davon hätten die Armen mehr."

Mag sein. Mag ja sein. Aber warum muß ich immer an Sahabudins Fuß denken? Diesen Blick, als er sich den Brustkorb drückte?

Der Schieber am Mutterhaus sagt: „Mother IN." Ich gehe hinauf.

Im Treppenaufgang hängt eine Weltkarte zu Füßen Christi. Sie erinnert jede Nonne täglich daran, wie groß die Aufgabe ist, die Mother ihnen gestellt hat. In 115 Ländern gibt es mittlerweile 543 Pflegeheime, Waisenhäuser, Suppenküchen und Aidszentren — 543 „Tabernakel", wie Teresa sagen würde. Sie war es, die als erste Missionarin Zutritt zum Sowjetreich bekam. Sie hat Libyen und Irak, Kuba und Sudan erobert. Und doch gibt es noch einen weißen Fleck: „Bevor Mother in Frieden sterben kann, möchte sie ihrem Herrn noch China schenken", sagt Schwester Fabienne, eine ehemalige Benediktinerin aus Frankreich. Ein Haus in China — dann erst kann sie gehen.

Den Großteil ihres weltlichen Tages verbringt Mutter Teresa auf der Wandelgalerie im ersten Stock. Die ist Audienzsaal und Kommandobrücke, verbindet die Kapelle mit dem Büro, schlägt die Brücke zwischen Geist und Welt. Hier werden die Spenden abgegeben, wird jeder Schein, jede Münze sorgsam zu Häufchen gelegt. Rücklagen und regelmäßige Almosen lehnt Teresa ab, weil sie dem Armutsgelübde zuwiderliefen. Sie akzeptiert weder zweckgebundene Spenden, noch schaut sie, ob der Spender saubere Hände hat.

Jedem Almosenbringer, der an die Pforte klopft, dankt Mother mit einem gelben Segenskärtchen, auf das sie „God bless you M Teresa" schreibt. Es ist die Handschrift einer Lehrerin, jeder Bogen sorgfältig ausgefahren und mit kräftigem Druck. „Mother..." „Sie kommen aus Berlin? Ah, da haben wir auch ein Zentrum. Sie haben nur ein Haus, ich dagegen habe 543 Häuser und ..."
„Mother, was geschieht mit all den Geldern?"

„Oh, das Geld. Was die Menschen uns bringen, wird sofort ausgegeben. Wir betteln nicht. Für Morgen sorgt Gott, so wie er für die Lilien auf dem Felde sorgt." Es ist unmöglich eine multinationale Organisation, deren Spendenaufkommen auf 50 Millionen Dollar geschätzt wird, kann so nicht verwaltet werden. Nicht mit einem einzigen Telefon, dem in Mothers Zelle. Nicht mit sechs mechanischen Schreibmaschinen. Nicht ohne Finanzplanung, Rücklagen und Haushaltsrahmen. Nicht in jeder Entscheidung abhängig von einer 84jährigen Greisin, in deren Gedächtnis kein Tag mehr hängenbleibt. Es kann nicht funktionieren. Nicht so.

Es funktioniert. Seit 45 Jahren.

Mother regiert die 3500 Schwestern ihres Ordens mittels kleiner gelber Kärtchen, auf die sie mit Kugelschreiber Anweisungen schreibt. Ihre Sendschreiben werden per Kohlepapier vervielfältigt. Sie denkt nicht an Morgen, sondern kümmert sich um das Nächstanstehende, so wie sie sich zeitlebens um ihren Nächsten gekümmert hat, spontan und nicht zu fassen.

Gewiß, es gibt einen General council, sechs gewählte Schwestern, die von Mutter Teresa je nach Bedarf zusammengerufen werden — doch liegen alle Entscheidungen, die über das bloße Verwalten hinausgehen, nach wie vor in Mutters Händen: „Frag Mother. Nur sie kann es sagen."

Ihre Allgegenwart har groteske Züge. Seit Teresas Kräfte nachlassen und sie abends schon um zehn Uhr schlafen geht, achtet sie auf das kleinste Lichtlein in einem der Schlafsäle und schickt sogleich eine Botin, es zu löschen. Jede Ausgabe über 5000 Rupien, 250 Mark, muß von der Ordensgründerin genehmigt werden, bevor sie aus dem braunen Tresor des Mutterhauses ausbezahlt wird. Über jede Rupie ist Rechenschaft abzulegen. Ist Mother auf Reisen, ruhen die Geschäfte.

Das Geheimnis des Ordens ist, daß es kein Geheimnis gibt, keine schwarzen Kassen oder grauen Eminenzen. Nur ein unbedingtes Gottvertrauen. „Es funktioniert", sagen die Schwestern, und jede kann erzählen, wie sie gerade einen Mixer kaufen wollte, und schon zog jemand am Glockenstrang des Mutterhauses und hatte einen Mixer dabei. „Gott wird Sorge tragen. Glauben Sie mir."

Dieser unbedingte Glaube ist die Stärke der Missionarinnen. Ohne ihn ließe sich das harte Leben im Geiste des heiligen Franziskus nicht ertragen. Für das, was die Weltlichen Effizienz nennen, ist es katastrophal. Ein Beispiel: Bevor Oberin Imelda im Behindertenheim von Duni Dum einen Schuppen abreißen durfte, um einen neuen Schlaftrakt zu bauen, vergingen Monate: „Mutter kam. Sie hörte zu, dann betete sie und sagte, nein, ihr Herz lasse den Abriß nicht zu", erzählt sie. „Also beteten wir weiter für den Neubau. Mutter kam noch einige Male. Immer beteten wir für sie. Eines Tages sagte sie: Es ist gut."

Mutter Teresa ist unfähig zu weltlicher Größe. Sie glaubt nicht an ausgeklügelte Organisation. Das kostet nur Zeit, die sie besser für die Armen verwendet. Jede Bürokratisierung ist ihr unheimlich, wie der Vorbote eines Verrates an den Allerärmsten. Im August 1993 löste sie per Rundschreiben sämtliche Landesvertretungen ihrer Laienorganisation „Coworkers" auf. Zehntausende von freiwilligen Helfern, Werbern, Almosensammlern wurden nach Hause geschickt. „Wir leben wie die Armen", sagte Mother. „Wir brauchen keine Büros und Gehälter und Versammlungen. Ich hätte das nicht erlauben sollen." Es hatte unautorisierte Spendensammlungen in ihrem Namen gegeben. Vor allem jedoch war ihr die Laienorganisation zu mächtig geworden und unerträglich der Gedanke, daß mit Almosen Faxapparate und Lohnsteuer bezahlt werden sollten.

Die Boten der Nächstenliebe sollen ohne Gepäck kommen, sollen leben wie die Armen. Im Sommer, wenn Kalkuttas Dächer in der Sonne glühen, gibt es keinen Ventilator im Mutterhaus, auch in Teresas Zelle nicht. „Sie hatte eines Tages sogar überlegt, ob sie nicht alle Orden, Diplome, Auszeichnungen verkaufen könnte, um den Armen zu helfen. Aber wir Schwestern haben sie schnell davon überzeugt, daß all das keinen Geldwert hat", berichtet Schwester Fabienne.

Pater Menezes, einer der Beichtväter des Ordens, meint: „Das System Teresa läuft, weil absoluter Gehorsam herrscht. Mutters Wort ist Gottes Wort. Aber vor allem funktioniert es", fügt er hinzu, „weil Mother SEIN Werkzeug ist."

Abends treffe ich auf einer Brahmanenhochzeit den Stadtplaner Nayak. Die Gäste trinken Whisky sour, und die Mauern des Palastgrundstücks sind blickdicht mit Ketten aus Nelken behängt. „Mother? Eine gute Frau, aber sie verdirbt unser Image. Sie präsentiert dem Ausland eine 900-Millionen-Nation als hilfsbedürftig. Sie verteilt Almosen, und die Armen verhökern sie weiter, statt selber zu arbeiten. Wir brauchen keine individuellen Aktionen, sondern bessere Politik." Smog zieht über die Mauern und mischt sich mit den Parfüms und den Duftstäbchen der Oberschicht. „Inzwischen glaubt doch alle Welt, daß Kalkutta nur aus Sterbenden, Dreck und Mother besteht. Dabei haben wir 3000 herrliche Paläste, drei Golfplätze, einen Poloclub ..."

Gewiß, gewiß. Doch die Stadt ist zum Inbegriff des Unlebbaren geworden, zum Menetekel, zur Hölle —  und damit zum Paradies der reinen Herzen, der Hilfswerke und Missionssehulen. Nur vor dem Mythos „Kalkutta", der Müll- und Massenstadt mit ihren Rattentempeln, konnte der Mythos „Teresa" entstehen. Nur vor dem trüben Hintergrund Kalkuttas gewann die Hutzelgestalt im weißen Sari genügend Kontrast, um in alle Welt auszustrahlen.

So haben die Bewohner der Megalopolis ein gespaltenes Verhältnis zu ihrer berühmten Mitbürgerin. Mother ist zugleich die Stadtheilige Kalkuttas und dessen schlechtes Gewissen. An die Schulen und Gefängnismauern ist ihr Runzelgesicht gemalt — aber die Reichen halten sich abseits, sie loben und spenden und schließen die Augen.

Und die Armen? Kalkutta brodelt zu sehr von Aktivität, als daß die Teeköche oder Zuckerrohrpresser sich noch um den Greis kümmern wollten, der auf dem Pflaster darbt. Irrsinn und Siechtum sind Teil des Alltags, kein Grund für Ekel und auch keiner für Mitleid.

Ich gehe nach Dhapa, der Müllstadt, einer Landschaft aus Rieselfeldern, Schlamm und Müll. „Mutter Teresa" ist den Kloakenmenschen unbekannt. Sie lesen die Zeitungen nicht, sondern verarbeiten sie zu Schnipseln. Ich gehe zur Howrah-Brücke, zum elendigsten Ort der Stadt. Ich frage die Ärmsten, die sich aus Straßenkot Wände kneten. „Mother" ist ihnen keine Heilige, sondern eine Adresse, wo es jeden Mittwoch Pillen und Brot gibt — „wenn man es geschickt anstellt".

Kalkutta ist kein Ort für Sozialromantiker. Auch Teresas Schwestern machen sieh keine Illusionen. Wenn sie paarweise durch die Kartonstädte ziehen, wissen sie, daß sie von den Ärmsten der Armen als Milchkühe gesehen werden, selten als die Engel mit den drei blauen Streifen.

Die Missionarinnen der Nächstenliebe verteilen Hustensaft und Darmtabletten am Scaldah-Bahnhof, wo die Provinzzüge ankommen. In Titagarh lehren sie Lepröse Saris weben, und sie haben ein Kinderhaus im Slum „Stadt der Freude". Sie laufen durch die Gerbersiedlung Prem Dan, verteilen Anrechtsscheine auf Almosen, kontrollieren, ob die Armen immer noch arm sind und bedürftig. Sie machen viele gute Dinge, und machen sie in der Regel gut. Sie tun, was auch viele andere Helfer täglich in Kalkutta tun, und ohne Jesusbildchen an der Wand. „Aber", sagt Pastor Christiaan Minderhoud, Direktor des in Indien sehr aktiven Lutherischen Weltdienstes, „es wird immer einen Rest geben, um den sich nur die Schwestern Teresas kümmern."

Ich gehe ins Waisenhaus Shishu Bahvan, ein weiteres Heiligtum des Teresa-Ordens. Im ersten Stock des Hauses, an dessen Front steht: „Laßt uns etwas Schönes tun für Gott", gibt es einen Raum, den kein Besucher betreten darf. Als wäre hier das Allerheiligste des Ordens verborgen. Es ist der Raum der ungewollten Kinder.

In Brutkästen und Gitterbetten liegen Wesen, die im sechsten, siebten, achten Monat geboren und dann von ihren Müttern verlassen worden sind. Schwester Charmaine zeigt auf ein Äffchen, einen frühgeborenen Kindergreis mit Kanülen in den Bleistiftamen, der sich stumm im Brutkasten rekelt. „Ein Lastwagenfahrer fand es auf der Straße, in eine Zeitung gewickelt. Er hatte sich gewundert, daß Hunde daran schnüffelten," Die Hindu-Helferinnen haben dem Kind einen roten Fleck auf die Stirn gemalt, er soll Glück bringen.

Ich weiß nicht, ob es weise ist, in einem so überfüllten Land gegen Kondom und Pille zu Felde zu ziehen. Doch die Frage, ob unerwünschte Föten gerettet werden müssen, erübrigt sich zwischen den Alubetten des Schlafsaals von Shishu Bahvan. In jedem dieser Menschlein ist eine Welt gerettet worden.

Später werden die Kinder zur Adoption vor allem ins Ausland freigegeben, an Eltern aller Konfessionen. Für Schwester Charmaine ist jedes gerettete Kind ein Gottesbeweis: „Ich bringe sie alle durch, mit SEINER Hilfe" — mit fünf Brutkästen und staunenswerter Herzenskraft und Intuition. Nur für das Greislein mit dem roten Punkt auf der Stirn soll es nicht ausreichen. An einem der nächsten Morgen liegt wieder ein Milchpulver-Karton im Sterbehaus.

Ich gehe auch nach Prem Dan, der ehemaligen Chemiefabrik. Im Schatten einer Werbetafel leben 300 geistig Behinderte in Frieden, geschlitzt durch eine glasgespickte Mauer vor den Anfeindungen der umliegenden Gerberslums. Es sind Menschen, die zusammengefaltet auf dem Boden hocken, vor sich hin brabbeln und mit den Augen rollen in harmlosem Wahn. Keiner will sie haben. Schwachsinnig gewordene Frauen, die ohne Prozeß 40 Jahre im Staatsgefängnis saßen, vergessen von allen, bis Mother sie auslöste. Und die jetzt in Prem Dan ihr Gnadenbrot bekommen. Oder die Bucklige, die nach Fliegen schnappt und jault wie ein Welpe. Man fand sie vor 18 Jahren im Wald, ein ausgesetztes behindertes Kind, das von Bären aufgezogen wurde.

Die Menschen, die keiner will, ernähren sich von dem unaufhörlichen Ausstoß der indischen Schreibstuben. Wie um Rache zu nehmen für die Untätigkeit des Staates, leeren sie alte Aktenordner, zerreißen Quittungen, Belege, Vermerke und stampfen alles zu Altpapierballen, um sie zu verkaufen.

Ich gehe auch nach Titagarh, sehe, wie den Leprösen vom Bruderorden Teresas beigebracht wird, Saris zu weben. Und kein Leprakranker muß den Rosenkranz beten können, bevor er Aufnahme findet.

Ist das alles? Das ist alles. Diese Nonnen wissen nichts von Langzeit-Entwicklungsstrategien, von Hilfe zur Selbsthilfe. Das Strategiepapier des Ordens ist das Evangelium, ihr Szenarium für die Slums ist die Bergpredigt, und sie verbringen mehr Zeit mit Beten als mit Barmherzigkeit. Denn sie sind keine Sozialarbeiter, keine Reformer, und sie sind auch keine Heiligen mit Goldrand, sie sind eben nur — katholische Nonnen. Nicht mehr und nicht weniger.

„Mother IN" steht am Mutterhaus in der Bose Road. Nachbar John Graham spielt Halma. Er weiß Neues.

„Haben Sie gehört? Gestern sollte Teresa die neue Kirche drüben in Prem Dan eröffnen, das Marmorschiff über den Jauchepfuhlen. Die gesamte Kirchenhierarchie Bengalens war versammelt. Und wo war Mother? Verschwunden. Kurzfristig abgereist nach Mangalore, hieß es. Um irgend etwas zu entscheiden. Sie ist wirklich nicht zu fassen."

„Das war auch mein Eindruck. Ich reise ab."

„Mother ist Mother. An ihren Werken sollt ihr sie erkennen. Einer Heiligen sieht auch der Klerus die Capricen nach."

„Ist sie denn wirklich heilig?" — „Mir ist sie eine gute Nachbarin. Aber für die anderen... Sehen Sie doch nur!"

Auf der Wandelgalerie des Mutterhauses ist wieder Gedränge. Frauen in bunten Saris beugen sich zu einer verwachsenen Gestalt hinab, die kaum über die Brüstung reicht, und versuchen, ihre Sandalen zu berühren. An der Wand hängt ein Bronzerelief, und wenn man genau hinschaut, sind es die gleichen Gesichtszüge wie die des Weibleins.

Der Weg in den Himmel jener Frau, die einmal Agnes Bojaxhiu aus Skopje war, ist vorgezeichnet, ausgemalt in all den Ölbildchen und Ikonen, die in den Waisen- und Siechenheimen hängen. Auch ohne den Segen des Vatikans wird sie schon zu Lebzeiten als Sancta Teresa verehrt, täglich heiliggesprochen von ihren Anhängern. Ihrer ist das Himmelreich.

Doch was wird werden auf Erden, ohne sie? Seit die Gestalt im weißen, dreifach gestreiften San zum Universalgewissen geworden ist, schrumpft ihr Körper und knotet sich zusammen, als wollte er sich der Welt entziehen. Aber er darf nicht. Vor zehn Jahren bat Mutter Teresa ihren Vertrauten Johannes Paul II., eine jüngere Nachfolgerin zuzulassen. Sie war die endlosen Audienzen mit Kardinälen und Bischöfen leid und wollte ihre letzten Jahre im Sterbehaus verbringen — auf der helfenden Seite. Der Heilige Vater lehnte ab. Und das Generalkapitel, das über hundertköpfige Konzil der Regional-Oberinnen und Delegierten, wählte Mother gegen ihren Willen wieder zur General-Oberin. Sie darf nicht gehen. Das nächste Konzil ist 1996 .

Und so befindet sich der Orden in einem Zwischenstadium. Er wird noch im apostolischen Geist geführt, in wolliger Fixierung auf eine 84-jährige Gründerin, die sich längst gern von der Welt verabschiedet hätte, aber doch alles tut, um eine Normalisierung zu vermeiden, Nein, es darf keine Delegation geben, keine Strukturen und Büros. Die so schnell gewachsene Kongregation der Barmherzigkeit wird geführt, als hätte ER selbst das Kommando. Als säße der Allwissende, Allmächtige im Dunkeln hinter den Gitterstäben der Bürostube. Vielleicht ist es ja auch so.

Teresas Körper hat sich schon verabschiedet. Ihr Herz durfte es nicht. Als es vor einigen Jahren aussetzte, bekam Mother einen Schrittmacher eingepflanzt. Seither werkelt sie weiter wie eine unermüdlich sirrende Maschine. Ihr Gedächtnis verkürzt sich, die Tage und Menschen ziehen vorbei, ohne einen Abdruck zu hinterlassen, Jeder kann sie sprechen, bekommt seinen Segen und sein Alu-Medaillon.

Doch auch wenn der Schieber auf IN steht, ist Mother nicht zu fassen, Die Person zerrinnt zwischen den Fingern. ihre letzten Jahre lebt sie in einem schmalen Abteil des Zeitzuges, kümmert sich um den Nächsten und das Nächstliegende, während draußen die Welt vorüberjagt. Für morgen sorgt der Herr.

„Mother..."

„Willkommen! Woher kommen Sie? Aus Berlin? Ah, da habe ich auch ein Haus. Ich habe 543 Häuser und ..."

Sie erkennt mich nicht.

„Mother, wer wird nach Ihnen kommen?"

Die Wurzelfinger wachsen in den Himmel. „ER wird rechtzeitig für jemanden sorgen. Und plötzlich ist eine andere da, ich bin doch nicht wichtig. God bless you."

Es ist leicht, mit einer Heiligen zu sprechen. Es ist nicht schwer, sie zu besuchen, Es ist unmöglich, sie zu enträtseln. Jedenfalls in dieser Welt.

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Alexander Smoltczyk


Alexander Smoltczyk, geboren 1958, Studium der Volkswirtschaft, Philosophie und Landwirtschaft. Redakteur und Reporter für die taz (Frankreich-Korrespondent), Geo, Wochenpost und Merian, ab 1996 Reporter beim SPIEGEL. Seit 2005 lebt er als Italien- und Vatikankorrespondent in Rom. Smoltczyk hat mehrer Bücher veröffentlicht und zahlreiche Journalistenpreise erhalten, unter anderem zwei Kisch-Preise und einen Henri-Nannen-Preis. Seit Mai 2007 schreibt Smoltczyk wöchentlich Deutschlands erstes Vatikan-Blog „Uups! – et orbi“.
Website des Autors
Dokumente
Smoltczyk: Unsere gute Frau in Kalkutta (pdf)

erschienen in:
GEO,
am 01.06.1995

 

Kommentare

ali saleh, 04.02.2015, 20:39 Uhr:

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