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25.09.16

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Franziska Reich „Nach oben gespielt

Veronica Ferres hat große Rollen, große Männer, großen Erfolg. Doch wer ist die Frau, die angehimmelt und auch verlacht wird? Eine Annäherung an einen sehr deutschen Star

FRIEDHOF - AUSSEN/TAG
Sie steht am Grab ihrer Mutter. Zuvor hat sie Hortensien im Garten ihres Geburtshauses gepflückt. Jetzt stellt sie die Blumen in einer Vase aufs Grab. Die Vase hat einen Sprung. Sie richtet die Blüten, gießt die Erde, bekreuzigt sich. Dann steht sie da, in Stille versunken.
Und es ist kein Film.
Wenn man Kollegen und Freunden davon erzählt, dass man sich mehrere Monate lang mit Veronica Ferres beschäftigt, reagieren sie immer mit einem Ausruf. „Mein Gott, du Arme!"- „Schauspielern kann sie jedenfalls nicht!" - „Ihr Macker ist Horror!" Nur die Babysitterin ruft: „Eine solch starke, schöne Frau!"
Die Reaktionen der Menschen klingen nach Urteil. Weiß oder schwarz. Gretel oder Hexe. Es gibt kaum eine deutsche Schauspielerin, die ihre Quoten erreicht, die so oft die Titel der bunten Blätter ziert. Keine, die so ausdauernd verspottet, verachtet, verlacht wurde wie sie. Veronica Ferres erscheint als Widerspruch auf zwei langen Beinen. Als Januskopf der Prominenz.
Es ist das erste Telefonat vor dieser langen Reihe von Begegnungen. Sie ruft an von einem Dreh an der Wartburg. Donato macht ihr gerade die Haare. Von Zeit zu Zeit kiekst sie: „Autsch! Donato! Das ist mit meinem Kopf verwachsen!" Ansonsten spricht sie voller Atemhauch mit dieser wohlvertrauten Ferres-Stimme. Hallo, hier ist die Veronica Ferres. Haben Sie einen kurzen Moment für mich Zeit?
Sie bekomme ja morgen diesen Preis in München, den wolle sie gar nicht haben, sie habe ihn auch nicht verdient, und, nun ja, sie finde es blöd, sich dort kennenzulernen, denn es gehe ihr ja nicht um Galas, sondern vor allem um ihre Kunst. Sie sei so traurig, dass man bei den Dreharbeiten zu „Casanova Variations" nicht dabei gewesen sei, John Malkovich als Casanova, sie in der Rolle seiner letzten Geliebten, die Arbeit sei unglaublich intensiv gewesen und sie durch ein tiefes Tal gegangen und ...
Es ist der erste Kontakt mit einem ihr fremden Menschen. Ihre Stimmlage klingtnach zugewandtem Plauderton, und doch schwingt in jedem ihrer Sätze eine tiefere Botschaft. Jede Pause, jedes Zögern, selbst die Kiekser für Donato sind so gekonnt gestreut. Diese Frau istauf Sendung. Sie setzt das Licht und die Pointen. Es ist, als spiele Veronica Ferres vom ersten Moment an die Hauptrolle in ihrem eigenen Melodram. Titel: Der lange Weg der Veronica E - Aus dem Nichts zum unsterblichen Star.
Es scheint, als wolle sie nicht mehr nur oben sein. Als wolle sie geliebt werden - von Herzen, von mir, vom ganzen Land.

KESSELHAUS, FESTSAAL - INNEN/NACHT
Münchens Reichtum hat sich zur Spendenauktion versammelt.Veronica Ferres erscheint in schwarzer Robe. Perfekte Maske. Geschürzte Lippen. Kaum Falten. Die Fotografen blitzen. Sie albert charmant. Auf der Bühne bekommt sie irgendeinen Preis. Er hat die Form einer riesigen roten Hand. Sie dankt, spricht gefühlvoll ins Mikrofon und setzt sich zu Parmesanmousse mit irgendwelchem Chichi. Nach 20 Minuten flüstert ihre Agentin: „Kommen Sie schnell. Veronica muss zu einer anderen Verleihung."

DICKES AUTO - INNEN/NACHT
Sie trinkt stilles Wasser. Sie hat kalte Füße. Der Fahrer stellt die Fußheizung an. „Warum sagten Sie, dass Sie diese Art Events nicht mögen?" - „Ich sehe dann, wie mich viele bewerten. Was hat die denn für eine Nase! Wieder mehr Falten! Das ist mir manchmal zu viel." - ,Warum geben Sie sich dann den Stress?" - „Das gehört alles zu meiner Arbeit dazu. Doch es ist Zirkus. Das Spielen, die Kunst ist alles, worum es mir geht." Die Kunst. Das Wort schwebt einen Moment durch den Fond.

BAYERISCHER HOF, BALLSAAL - INNEN/NACHT
In der Maske: Puder und Concealer. Auf dem Flur: Bussi und Bussi. Auf der Bühne: wo hltemp erierte Worte. Society-Fotos in der Lobby, Statements in die Kameras. Und wieder zurück durch die Nacht.

KESSELHAUS, FESTSAAL - INNEN/NACHT
Sie springt auf die Bühne und bietet ein Abendessen bei sich zu Hause für je 1000 Euro an. 57 Gäste heben die Hand. 57000 Euro für die Wohltätigkeit, für ein israelisches Krankenhaus. Sie freut sich. Sie will ins Bett. SCHNITT
Dieser Abend der ersten Begegnung strengt an. Viele Wichtigtuer, große Hektik und eine Veronica Ferres, die auf höchster Drehzahl läuft. Sie beherrscht dieses Charity-Bling-Bling perfekt. Mit ihrer Agentin und reizenden Bekannten an der Seite, mit diesen vielen Menschen in den großen Sälen, die ihr Erscheinen freudig beklatschen. Sie ist Profi der Instant-Inszenierung. Witzelt mit dem Barmann, hält eine Rede zum Elend in Nahost, gibt die Diva für die Kameras. Virtuos springt sie von Rolle zu Rolle.Vom Clown zur Künstlerin,von der Tiefgründigen zur Zotigen, von Mutter Teresa zum Boulevardstar. Binnen Sekunden wechselt ihre Farbe. Ein Chamäleon der eigenen Fantasie.
Vielleicht ist das ein Mosaikstein, ihren über zwei Jahrzehnte währenden Erfolg zu erklären. Veronica Ferres erfüllt die Erwartungen ihres Publikums. Sie ist eine Anpassungskünstlerin.
Seit ihrem 25. Lebensjahr, seit sie in „Schtonk" als busenüppige Muse des Hitlertagebuch-Fälschers Fritz Knobel zum Kurvenstar avancierte, hadert, kuschelt und kämpft Veronica Ferres mit ihrem Image. Die ersten Jahre galt sie als barock, ein bisschen blöd, aber lustig — das Superweib eben, ein Geschöpf ihres damaligen Geliebten und Förderers Helmut Dietl. Die Vroni war sexy, aber keine Göttin, mehr Dorfschöne als Star. Doch dann, im dritten Lebensjahrzehnt, verließ sie ihren Dietl, verliebte sich in den großmäuligen Agenten Martin Krug und verlegte sich ganz auf Mega-TV-Events. Sie spielte starke und vom Leben gebeutelte Frauen, todgeweihte Staatsanwältin, verfolgte Jüdin, die Frau vom Checkpoint Charlie — für jede Schicksals stunde der Menschheit eine passende Frauenfigur. Dazu zeigte sie sich in Talkshows vom Stoff so tief betroffen, als habe sie alles Leid selbst durchlebt. Es gibt eine Theorie von Psychologen, dass ein eingebildeter Missbrauch so tief empfunden werden kann wie ein tatsächlicher. Damals schien es, als lebe Veronica Ferres ihr Schauspiel nach dieser Theorie.
Ein Regisseur, der wie so viele, die man nach Frau Ferres fragt, lieber nicht genannt werden will, sagt: „Sie hat es übertrieben mit der Betrof- »fenheitsnummer. Ab er die Quoten waren gigantisch. Alle wollten sie leiden sehen, warum hätte sie Nein sagen sollen? Aus heutiger Sicht aber hätte ein leiserer Kunstfilm ihrem Image gutgetan."
Diese damalige Ferres war niemals leise, nicht als Schauspielerin und nicht als Mensch. Sie erzählte und erzählte und am liebsten über sich. Mit Lady-Di-Pose und Bekenntnissen und Geständnissen in jedem People-Magazin. Keine andere Schauspielerin hat ihre Befindlichkeiten so zelebriert wie sie. Es war, als verwechsle Veronica Ferres Schauspiel und Leben.

FILMSET, TRAILER - INNEN/TAG
Die Sonne scheint warm und gleißend hell an einem Februartag in München. Veronica Ferres sitzt in einem Trailer und Verena, seit 25 Jahren ihre Maskenbildnerin, macht Vanillekipferl" aus ihr. So nennt es Veronica Ferres, wenn Verena ihre Gesichtsfarbe in samtene Blässe wandelt. Sie reibt sich die Augen und sagt: „Irgendwie schlafe ich nicht mehr. Ich wache alle zwei Stunden auf und gehe die Rolle durch." Seit einigen Tagen dreht sie „Lena Fauch", die Polizeiseelsorgerin im ZDF. „Stehen Sie unter Druck?" - „Ich liebe die Arbeit am Set. Aber wenn ich drehe, muss alles sitzen. Wie bei einem fein getunten Formel-1-Wagen oder bei einem Vollblut-Araber, der gleich startet."
Sie nippt an einem grünen Brei. „Grüne Hölle"nennt sie ihn - kleingehäckselter Spinat, angereichert mit Lecithin und Ölen. Er schmeckt, als bisse man in Wiese. Zehn Tage vor Drehbeginn ernährt sie sich nur noch von Brühe und Säften. Um zwei Kilo zu verlieren. Um klar zu sein in Körper und Geist. Am Set bereitet der Caterer morgens die Hölle und mittags ein trockenes Huhn. Zwischendurch knabbert sie getrocknete Maulbeeren. Sie sagt, als Schauspielerin brauche sie einen Körper, den sie mögen könne. Jeden Tag beginnt sie mit Yoga - fünf Tibeter auf einem Handtuch. Jeden Tag beendet sie mit einer Stunde Auspower-Sport. Sie lebt in Askese.

FILMSET, WOHNKÜCHE - INNEN/TAG
Beleuchter und Tonassistenten wuseln durch den Raum. Szene 53. Dutzende Male.Aus jeder Perspektive spricht Lena Fauch: „Und was heißt es dann,wenn Jesus sagt: Liebet eure Feinde?" Zum 20. Mal: „Aber woher nimmt man die Kraft zu lieben, wenn man hasst?"
Es sind Sätze, die Veronica Ferres auch im Leben sagen könnte. Sie klingen nach jener salbungsvollen Tiefe, die man von ihr aus Talkshows kennt. Im Laufe der Stunden am Set verschwimmen Veronica und Lena, sie verschmelzen, Persönlichkeit und Rolle, untrennbar zu einer einzigen Figur. Und man sitzt auf einem Sofa in der hintersten Ecke und sagt sich: Das ist nun schon die hohe Kunst der Schauspielerei. Aber überstrahlt die Person Ferres, überstrahlt ihr Image nicht jede Filmrolle, die sie spielt? Und man denkt an die Worte eines Produzenten: „Sie ist wirklich gut. Aber sie wird eben immer als Star besetzt und erst in zweiter Linie als Schauspielerin. Ein Film mit Ferres ist ein Ferres-Film, egal, worum es darin geht. Für das Publikum ist sie die Ferres in irgendeiner Verkleidung. Das liegt nicht an ihrer schauspielerischen Qualität. Das liegt an ihrem übermächtigen Image."
Ist das ein Triumph? Ist das tragisch?
In der Wohnküche schreit der Regieassistent: Ruhe bitte! - und Veronica Ferres ackert sich weiter durch die Sätze mit Jesus und Liebe und Kraft. Konzentriert auch beim 30. Durchgang. In den Pausen bietet ihre Assistentin Limetten-Wasser und Maulbeeren an. Verena tupft das Make-up nach.Vorjeder Klappe lockert Ferres die Stimme. Dann brummt sie einen erdigen Urmutter-Ton. Klappe - Szene -Puder - Urmutter - Klappe ...Sie ist das Zentrum dieses Universums, seit mehr als zwei Jahrzehnten. So etwas geht an keinem Menschen spurlos vorüber. Es verändert die Wahrnehmung des Selbst. Die ungeteilte Aufmerksamkeit der Umgebung wird zum ganz alltäglichen Erleben.

MITTAGESSEN, TRAILER - INNEN/TAG
Sie sagt: „Ach, so gern würde ich Sie mal in meine Küche auf die Eckbank einladen und bekochen! Ich liebe das: gutes Essen, schlemmen, gutes Gespräch." Und man schaut auf ihr trockenes Huhn.
SCHNITT
Man kann sich nur schwer vorstellen, dass sie je einfach so schlemmt. Will sie einfach etwas Nettes sagen? Oder bodenständiger wirken, als es der Set-Rummel nahelegt? Sie wird die Einladung nochmals wiederholen, doch es wird dazu nicht kommen.
Ein Tag mit Veronica Ferres kann verwirrend sein. Man grübelt oft über den Sinn hinter ihren Worten. Sie ist so schwer zu fassen. Eine Seiltänzerin zwischen Schein und Sein. Jetzt im Trailer erzählt sie von ihrem Alltag als Mutter, die jeden Morgen für ihre zwölfjährige Tochter Lilly die Schulstullen schmiert. In einem Moment vergleicht sie sich ganz selbstverständlich mit einem Formel-1-Bioliden - im nächsten erzählt sie über Selbstzweifel und ihre immerwährende Unsicherheit. Es ist, als bemühe sie sich ständig um eine Darstellung all ihrer Facetten. Als lebe sie in Angst, dass man sie auf ein Bild reduzieren könnte. Als arbeite sie angestrengt am idealsten Gemälde ihrer selbst: das sie als Star zeigt und als gute Freundin und als sensible Künstlerin und Vollblutmutter und ...
Vielleicht wird man so, wenn man zu lange die Einzige war, die an sich glaubte. Wenn man dem Leben ständig die Träume abtrotzen musste. Veronica Ferres hat ihrem Leben viele Träume abgetrotzt. Schon in Solingen als Kind. Die Mutter meinte, ein mittlerer Schulabschluss würde reichen - Veronica machte Abitur mit einem Schnitt von 1,8. Die Mutter meinte, sie solle in die Sparkasse zur Lehre gehen - Veronica zog nach München. Nicht um den Regisseuren des Massenkinos nahe zu sein, sondern den Köpfen des Neuen Deutschen Films. Wim Wenders, Margarethe von Trotta, Reinhard Hauff, Werner Herzog – in diese Höhen träumte sie sich damals. Jeden Schritt aus ihrer kleinbürgerlichen Welt tat sie mit Bedacht. Zwölf Schauspielschulen lehnten sie ab – sie nahm privaten Unterricht und jobbte, um ihn zu bezahlen. Bei Herzog machte sie ein Praktikum, beim Theaterpapst August Everding begann sie, Theaterwissenschaften zu studieren, sie knüpfte Kontakte, kämpfte, boxte. Dieser jungen Ferres passierte nichts durch Zufall oder Glück. Sie zwang ihre Träume in die Wirklichkeit.
Heute hat sie in mehr als 80 Filmen und Serien gespielt und Preise im Dutzend gewonnen. Sie kann Gagen und Vertragsbedingungen diktieren, bis zu 12 000 Euro soll jeder Ferres-Tag kosten. Sie kann sich dank ihrer eigenen Produktionsfirma Construction Film selbst in Szene setzen. Bis hinauf zu den Intendanten der großen Sendeanstalten reicht ihr fein gewebtes Netz. Mit Exkanzler Gerhard Schröder durchzechte sie schon mal die Nacht bei Rotwein, mit Franz Beckenbauer, Franzi van Almsick und Starkoch Alfons Schuhbeck pflegt sie so etwas wie Freundschaft, und auch die Bundeskanzlerin traf sie kürzlich in Berlin. Veronica Ferres hat sich beharrlich Einfluss und Macht erarbeitet. Keiner will es sich heute mit ihr verscherzen, Kritik wird allenfalls versteckt geübt. Am Set loben Schauspieler ihre kollegialen Qualitäten, Regisseure besingen ihren Perfektionismus, und Produzenten lieben ihre Talente bei der Vermarktung.
Inzwischen spinnt Veronica Ferres auch in Hollywood ihr Netz. Nach den „Giacomo Variations“ und einer wunderbaren Nebenrolle in der Verfilmung des Bestsellers „Hectors Reise oder Die Suche nach dem Glück“ hofft sie auf weitere internationale Produktionen. Sie ist jetzt 49 Jahre alt. Eigentlich zu alt für Hollywood. Doch, so erzählt sie, dort habe man Interesse an ihr, sie sei ein Zugpferd für den deutschen Markt. Die US-Agentur, die sie in L. A. vertritt, gehört einem Mann namens Jeff Berg, einem der Einflussreichsten in Hollywood – und was auch immer der für sie erreichen kann, er vertritt echte Filmgrößen. Es scheint ihr wichtig, dass man das weiß. Sie lebt noch immer mit dieser brachialen Energie für ihre Träume. Ihr Wille gegen alle Wahrscheinlichkeit.
Irgendwann zwischen „Lena Fauch“ und endgültigem Ausbruch des Frühlings fragte Veronica Ferres lachend: „Wie war das noch gleich? Siezen oder duzen wir uns?“ Es klang so harmlos. In den vergangenen Wochen hatte sie sich oft gemeldet und erzählt von Projekten, Hollywood und der Faschingsparty ihrer Tochter. Sie hatte zwei Bücher für die Kinder geschickt und sich immer mal nach dem Befinden erkundigt, aufmerksam und zugewandt.
Hinter der manchmal zu dicken Theatralik hatte das Gesicht einer sympathischen Frau geschimmert. Einer Frau, die ständig schwankte zwischen Vertrauen und Angst. Einer Frau, die in vielen Momenten unsicher schien. Unsicher, ob man ihr Können anerkannte. Unsicher, ob sie im scharfen Set-Licht noch schön genug war. Unsicher, ob man sie wirklich mochte. Eigentlich war es das Gesicht eines Menschen, den man gerne duzen mag. Doch war sie sich noch bewusst über unsere Rollen – sie: Porträtierte und man selbst: Journalistin? Oder war sie sich darüber nur allzu bewusst? Benutzte sie Nähe, um zu verstricken? Man wollte ihr trauen. Man mochte sie auch. Doch je näher sie kam, desto unschärfer wurde das Bild. Die private Veronica und die öffentliche Ferres hatten immer weniger gemein. Was war echt? Und was gespielt?

„WETTEN, DASS..?"-STUDIO — INNEN/ABEND
Sie sitzt auf dem Sofa bei Markus Lanz. Sie nestelt einen Brautschleier hervor. Sie steckt ihn ins Haar. Dann tanzt sie einen Walzer. Es ist ihre Art, Deutschland mitzuteilen, dass sie heiraten wird. Lanz will wissen, wann und wo. Sie ziert sich. Sie wolle das erst mit ihrer Familie besprechen. SCHNITT
Vor dem Auftritt hatte sie angerufen. Sie hatte gesagt, dass ihr vor dem „Wetten, dass ..?"-Sofa graue, sie fühle sich dort immer so festgekettet. Sie hatte tief geseufzt. Doch dann, am Samstagabend, schaltete man ein, und da zückte sie plötzlich diesen Schleier. Und man starrte auf den Bildschirm. Der Schleier, der Tanz, ihr Geziere - warum, um Himmels Willen, tut sie das?
Zum WM-Finale verbreitete sie via Twitter ein Foto: sie mit Deutschland-Fahnen auf den Wangen und einem Pferd daneben, das die argentinische Fahne auf dem Rücken trägt. Dazu die Worte: „Morgen werdet ihr Argentinien zureiten und zähmen: `Sie wirkt so schamfrei bei diesen Aktionen, so selbstbezogen und überdreht.

FERRES-BÜRO — INNEN/TAG
Ein strahlender Tag Anfang Juni.Vor drei Tagen hat Veronica Ferres ihren 49. Geburtstag gefeiert.Von nebenan holt sie die letzten Stücke des Apfelkuchens, den sie nach dem Rezept ihrer Mutter gebacken hat. Diese Fürsorglichkeit ist typisch für sie. Ingwerbonbons für Halswehkranke. Bier für die Beleuchter. Apfelkuchen für den Besuch.
Es ist ein angenehmes Gespräch. Nichts Grelles an ihr und auch nichts Lautes. Sie erzählt nachdenklich über ihren Aufstieg. „Irgendwann kam das Kind in mir durch, das bildlich auf den Schlitten sprang und sich die Teufelsschlucht hinunterstürzte.“ Oder: „Es war, als sei ein Drahtseil in meinem Herzen verankert, das mich in Richtung Kunst zog und zog. Und ich dachte: Hör auf zu ziehen, ich kann das nie! Aber das Seil zog einfach weiter. Eine unbändige Kraft.“
Es sind Sätze, die klingen nach Geige und Abendrot.
Doch in ihrem Büro in München ist es nicht so, als würde man ihren Worten misstrauen. Es ist nur so: Ferres spricht, wie man es sonst nur von Hollywoodstars kennt. Es sind Sätze, die so durchtherapiert klingen, so übertrieben und selbstverliebt. Sie spricht, als wolle sie unbedingt ergreifen. Als sei sie selbst von sich ergriffen. Und so schwingt in ihren Worten immer wieder ein seltsamer Drang nach Geltung mit.
Im Laufe des Gesprächs sind wir auf die Terrasse gewechselt. Sie steigt noch mal durchs Fenster und holt ihr Handy, um ihre Lieblingssongs vorzuspielen. Sie sucht Udo Lindenberg aus. Seine Stimme wabert durch den kleinen Hof: „Wenn du durchhängst/ Gibt’s nix Stärk’res als uns zwei/Wir halten fest zusammen/ Alles andere geht uns am Arsch vorbei.“ Veronica Ferres singt leise mit.
In diesem Moment, was soll ich machen, genau in diesem Moment betritt ein groß gewachsener Mann die Terrasse. Sie hört ein Geräusch, springt auf und quietscht: „Neeeiin!“, und er säuselt: „Jaaa!" Sie wirft ihre Arme um seinen Hals. Der Mann ist ihr Bräutigam Carsten Maschmeyer, bekannt und reich geworden als Versicherungsmakler, der früher mit Drückerkolonnen Versicherungen verkaufte.
Am Anfang ihrer Beziehung hatten sie sich gern als Power-Paar auf den roten Teppichen Deutschlands inszeniert. Bei einer Gala legte er ihr ein Herz aus bunten Losen. Das spätere Präsidentenpaar Wulff verbrachte seine Ferien in ihrer Villa auf Mallorca. Doch bei aller zur Schau getragenen Jetset-Liebe und auch wenn er sich für sie den Schnauzer abrasierte - es blieb dabei: Diese Frau, die seit beinahe 30 Jahren alles für ihr Image tut, hat sich einen Mann ausgesucht, den ihr Publikum nicht mag. Beim Apfelkuchen hatte sie gesagt, wie ungerecht sie das öffentliche Urteil über Carsten finde. Er habe nie etwas Unrechtes getan. Es hatte geklungen, als sei er ein Opfer von Verleumdung. Mit Vehemenz hatte sie ihre Liebe verteidigt: „Wenn die Liebe irgendwo hinfällt, machst du dir keine Gedanken über dein Image. Keiner der Menschen da draußen lebt mit mir, keiner wacht mit mir auf, keiner kennt die Hintergründe, keiner von ihnen kann mich glücklich machen. Es gibt nur einen Mann auf der Welt, der das kann - und diesen Mann liebe ich." Und irgendwie hatten ihre Worte gerührt.
Jetzt setzt sich dieser von ihr erwählte Mann an den Tisch, und sie verschwindet im Büro. Man plänkelt über dies und das. Maschmeyer ist ein charmanter Plauderer. Irgendwann sagt er, man werde sehr von Veronica geschätzt. Sie setze großes Vertrauen in das Verhältnis. Und man lächelt - doch plötzlich spürt man: Druck. Als habe man sich verheddert in einem Geflecht aus Vertrauen, Erwartung und Kalkül.
Wenige Tage später spaziert man durch Ambach am Starnberger See. Carsten Maschmeyer und Veronica Ferres haben sich hier ein Anwesen hergerichtet, ein Wochenenddomizil, mit Seezugang und Erkerchen. Es sieht nach „Sissi" und Frieden aus. Eine Nachbarin erzählt, dass es während der Bauzeit nicht ganz so friedlich zugegangen sei. Die Nachbarschaft sei genervt gewesen von den umfangreichen Bauarbeiten und dem selbstherrlichen Auftreten des neuen Besitzers. Die Anekdoten handeln mehr von Maschmeyer als von Ferres. Sie klingen nach einem Zwist, der oft aufkommt, wenn sich ein Neureicher in eine altehrwürdige Gemeinde einkauft. Nicht schön, aber harmlos. Nach der Rückkehr nach Berlin findet sich im Postfach eine Mail von Veronica Ferres. Sie weilt gerade in Los Angeles. Sie schreibt, es würden gerade Nachbarn am Starnberger See ausspioniert. Ob man ihr sagen könne, was dahintersteckt. Im Anhang: die Mail eines misstrauischen Nachbarn, den man nie angesprochen hat. Im Verteiler: ihre Agentin Inga, ein Agent in Berlin und „Tiger“ – ihr Kosename für Maschmeyer.
Es ist ein unwohles Gefühl, diese Mail zu lesen. Einerseits fühlt man sich ertappt. Als habe man Vertrauen gebrochen. Andererseits ist man wütend. Dieser Ausflug gehörte schlicht zum Job. Das muss sie wissen. Hat sie Angst? Sie ist erfolgreich. Sie hat Geld, Freunde und Familie. Sie könnte lockerlassen. Doch es scheint, als wolle sie ihr Bild bis zum letzten Pinselstrich kontrollieren.

ELTERNHAUS – TAG/INNEN
Es ist der Morgen des letzten Treffens. Ihr Vater ist gerade beim Arzt. Er lebt noch heute in dem Haus, in dem sie seit ihrem achten Lebensjahr aufwuchs. Hier beginnt ihr Drehbuch. Man sieht ein Badezimmer mit braunen Fliesen, ihr Mädchenzimmer mit dem alten Schreibtisch und auch ein Gästezimmer mit Couch. Hier schlafe sie noch immer am besten, mit Lilly und Carsten auf der großen Matratze am Boden.
Das Bild, das Ferres von der heranwachsenden Veronica zeichnet, ist das eines lebenshungrigen Backfischs. Ein Mädchen, unsicher und manchmal einsam, das verborgen unter dem Schreibtisch Büchner und Sartre verschlingt. Eine Tochter, die unter dem strengen Katholizismus der Mutter leidet und sie dennoch innig liebt. Eine kleine Schwester, die ihre zwei Brüder bewundert. Eine Schülerin, die nichts mehr will als auf die Bühne – in der Theater-AG, nach Wuppertal zu Pina Bausch, in die große weite Welt. Schon damals besaß sie den Willen. Ihr Traum gegen alle Wahrscheinlichkeit.
Ihr Vater kommt vom Arzt zurück. Es gibt Apfelkuchen, diesmal gedeckten. Die Solinger Welt von Veronica Ferres ist eine Apfelkuchen-Welt ohne Chichi. Hier besetzt sie nur eine Rolle: die der liebenden Tochter. Das macht den Aufenthalt entspannt.
Ihr Vater sagt, er sei stolz auf alle drei Kinder. Man glaubt ihm das. Er ist kein Mann für Kitsch. Seine Jüngste sei immer ruhig gewesen, nur – und er lacht leise in sich hinein - nur einmal bei der Karnevalssitzung im Schwimmverein, da habe der Ober-Karnevalist gefragt, welches Kind einen Witz erzählen wolle, und Veronica habe sich gemeldet. Ihr Witz ging ungefähr so: Die Maus fragte den Elefanten, kannst du mir mal deine Badehose leihen?

FRIEDHOF – AUSSEN/TAG
Und jetzt stehen wir also am Grab ihrer Mutter. Ein letztes Mal zuppelt sie an den Hortensien. Dann sagt sie: „Ich muss nachher eine neue Vase besorgen. Jetzt braucht Pa erst mal sein Mittagessen." Und es ist kein Film.


Franziska Reich hat Ethnologie studiert. Sie kennt die Gratwanderung einer teilnehmenden Beobachtung. Wie viel Teilnahme, wie viel Beobachtung? Diese Frage stellte sie sich bei jedem Treffen mit Veronica Ferres

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Franziska Reich


Franziska Reich, geboren in Bonn, Studium in Freiburg, Großbritannien und Hamburg. Hat frei gearbeitet für verschiedene Magazine und Zeitungen (BZ, WIENER, TAZ, FR, ALLEGRA), Ausbildung an der Berliner Journalistenschule, seit 1999 Redakteurin im Berliner Büro des stern - mit einem Zwischenstopp bei Neon. Beim stern zunächst in den Ressorts Politik und Wirtschaft, dann für D2. Inzwischen schreibt Reich für alle Ressorts und stern-Ableger.
Dokumente
Franziska Reich: Nach oben gespielt (pdf)

erschienen in:
Stern,
am 14.08.2014

 

Kommentare

Elaine, 25.11.2015, 11:49 Uhr:

Und ich meine, mit Deiner Erwartung leistest Du der Frechheit der Obrigkeit Vorschub. Wenn geiwsse Politiker sehen, dass die Bevf6lkerung nur mit Angst einer Entwicklung zur Diktatur entgegensieht, werden sie geradezu zu dieser Entwicklung ermutigt. Wir mfcssen ihnen bei jeder Gelegenheit klarmachen, dass sie kein Recht haben, Menschen zu diskriminieren oder Redefreiheit zu beschneiden. Wir mfcssen bei jeder Gelegenheit auf unseren Bfcrgerrechten bestehen und sie gebrauchen. Ein Recht ist ein Gut, das verdirbt, wenn man es nicht offensiv gebraucht. Nein, ich will mich bis zum Lebensende nicht einschfcchtern lassen.

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