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31.07.16

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Michael Stührenberg „Die Macht aus den Gräbern




Der Grabschmuck ist prächtig, denn der Tote war reich. Nun lebt er, saßen die Leute auf Madagaskar, als Ahnengeist fort. Als eines jener launischen Wesen, um deren Gunst die Lebenden unablässig bemüht sind


Gegen fünf wache ich im Sand neben dem Toten auf. Anakaos Strand liegt reglos, und Nosy, die Geisterinsel draußen vor dem Riff, ist noch ein Strich im Grau des Morgens. Die Leiche stinkt. Es wird Zeit, sie zu begraben.

Ich schaue nach den Trauergästen. Unter einem umgestülpten Boot schnarcht Kassuma. Er säuft von allen Fischern am meisten, sieht mit 40 aus wie 60. Aus seinem offenen Munde ragt riesig ein Eckzahn. Regis und Alexandre, auch sie lang auf den Sand gestreckt, schlafen ihren Rausch im stillen aus. Und noch ein paar Dutzend mehr. Nur einige Frauen sind schon unterwegs. Nah am Ufer gleitet eine Piroge vorüber. Momu, die Schöne, auf dem Weg zu den Algenfeldern. Weiß blitzt ihr Lächeln in den aufkommenden Tag. Auf der anderen Seite der Leiche liegt Aurelien. Er knirscht laut mit den Zähnen, rollt bedrohlich die Augen. Er mimt wieder einmal Akiu futi, den weißen Hai. Der kam vor 20 Jahren durch den Riffgürtel und kreuzte vor dem Strand; ein Monster, besessen von einem bösen Geist. Er suchte unschuldige Seelen. Statt dessen fand er einen gewieften Gegner: Aurelien, den besten Fischer von Anakao, lang, dünn und hart wie ein Nagel. Einen toten Hund warf Aurelien dem Ungeheuer ins Wasser, an einem Haken befestigt, und an dem Haken war ein Seil, und das Seilende band der Fischer um einen Baum am Strand. Der Hai schluckte Hund und Haken, riß den Baum mit sich in die Tiefe. Seither jagt Aurelien den Geist. Nur heute nicht. Heute beerdigen wir. Es ist unsere dritte Totenfeier in zwei Wochen, mit Fluten von Bier und Rum. Nun ist das Dorf Anakao müde, die Reserven sind verbraucht. An den Füßen brennen Tanzblasen, die Stimmen sind heiser, die Körper von zuviel Liebe ausgelaugt - keiner, der sich nicht amüsiert hätte. Regis, der Bürgermeister, hemdlos in roten Shorts, spricht als erster: "Ich glaube trotzdem, wir müssen ihn trotzdem zum Friedhof bringen !" "Trotzdem" - Regis sagt es auf französisch: quand meme - ist sein Lieblingswort. Es bedeutet nichts, verschönt nur Regis' Sätze in bedeutendem Maße. In Anakao redet jeder, wie er will. In Anakao heißt auch jeder, wie er will. Tsabitsoke, der Tote, hieß lieber Latiratsy. Ebenso wie Regis es manchmal vorzieht, Ludi zu heißen oder, von Amts wegen, President. Er ist der Gebildetste im Dorf, Lehrer von Beruf. Die übrigen, nur Fischer, haben auch mehrere Namen, aber keiner von ihnen besitzt ein Wort wie quand meme. Weil alle nur madegassisch sprechen, im Dialekt der Vezo, eines kleinen Volkes unter dem Wendekreis des Steinbocks. Es ist eine Sprache, die sich aufs Wesentliche beschränkt. "Invaovao?" fragt der in Stöhnen erwachende Kassuma: Was ist neu? Die Standardfrage. Nie: Wie geht's? Oder: Hallo ! Oder einfach: Guten Tag! Zwar existieren diese Wörter, aber für Anakaos Wohlbefinden sind sie irrelevant. Immer nur: "Invaovao?" Aus Angst, es könnte mal etwas Neues passieren. Aber nein. "Tsy misy ! " rufen alle: Nichts Neues! Kassuma lächelt: "Eka! " Gut! Der Gestank nimmt zu. Regis, Aurelien und Alexandre binden das Segel von den Stangen. Zwei Tage lang hat es dem Toten als Sonnendach gedient, den Lebenden zwei Nächte hindurch als luftige Vergnügungshalle. Im Uferwasser, parallel zum Strand, fährt die Leichenpiroge vor. Ein halbnackter Paddler sitzt im Bug, ein zweiter im Heck. "Heeeh-Hoooh!" brüllt Regis. Aus den Hütten strömen die Hinterbliebenen. Verschlafen, verkatert. Vier heben die Bambusbahre mit dem Toten aus dem Sand, torkeln den Strand hinab bis ins knietiefe Wasser, hieven ihre Fracht aufs Boot. "Schade, daß die Feier zu Ende ist", meint Kassuma durstig. Das Schlimmste steht bevor: der Lauf zum Friedhof. Mitten durchs "Minenfeld". Das Wort stammt von Regis und beschreibt Anakaos Strand bei Ebbe, wenn sich die Fischer zur Notdurft in den feuchten Sand gehockt haben. Wenn dann die Häufchen dort liegen, getarnt zwischen abgelutschten Mangokernen, zwiebeligen Muscheln, mit Algen verknoteten Seeigeln - bis die Flut sich als Klospülung betätigt. Die Minen waren meine erste Erfahrung mit Anakao, vor drei Jahren, beim ersten Gang durch das Stranddorf, schon damals mit Regis an meiner Seite. Vergebens versuchte er, mich zu warnen: "Vorsicht Mine !" Während sie mir schon glitschig unter der Fußsohle explodierte und dem Bürgermeister zu enormer Heiterkeit verhalf. "Ich weiß nicht, wie oft ich ihnen schon trotzdem gesagt habe, nicht überall auf den Strand zu koten", erklärte Regis amtlich. "Die Minen halten die Touristen fern !" Viermal war ich inzwischen in Anakao und habejedesmal nach Auswegen gesucht. Einer schien hinten ums Dorf herumzuführen, durch die Sanddünen, die Anakao gegen die trockene Dornensavanne des madegassischen Südens abgrenzen. Doch die Dünen sind gefährlicher als die Minen. Mädchen stehen dort, angeblich, um sich zu waschen. Die einen hinter Büschen, die hübscheren aufrecht und frei, nur ein dünnes Lamba-Tuch um die Hüften gewunden, die Brüste in den lauen Wind gestreckt, den hinter gebogenen Wimpern versteckten Blick auf den Trampelpfad geheftet, über den schleppenden Schrittes die Freier wandeln. Von solchen Wegen kann man nur abkommen. Eine andere Möglichkeit, die direkte Passage durchs Dorf, scheitert am maritimen Drang der Vezo. All ihre Pfade führen von Osten nach Westen, von den Hütten zum Meer. Als einzige Hauptstraße dient das seichte Uferwasser, und weil jeder an ihm wohnen möchte, ist Anakau so lang geraten, über zwei Kilometer. Von dem riesigen Land in ihrem Rücken erwarten die Vezo nichts. Ihr Dorf, selten breiter als 150 Meter, lebt vom Meer und sieht auch so aus: Netze, zum Flicken zwischen Bäume gespannt. Silberteppiche aus Millionen Anchovis, zum Trocknen auf dem Boden ausgebreitet.

Bunte Fische, auf Äste gespießt und zum Räuchern um niedrige Feuer in den Sand gesteckt. Den übrigen Platz füllen Hütten, die meisten aus Stangen und Stroh, krummgeweht vom Südwind, der die großen Fluten begleitet. Nirgends ein Durchkommen, nicht einmal am Strand, den Hunderte an Land gezogener Ausleger-Pirogen versperren. So bleibt auch für den Gang zum Friedhof nur das Minenfeld. Regis hebt den Arm, gibt der Piroge mit dem Leichnam das Startzeichen. Die Paddel tauchen ein, langsam schiebt sie sich über das seichte Wasser. Am Rand des Watts verfällt die Prozession in Laufschritt, im Rhythmus von Mandoline und Trillerpfeife. Kinder rennen lachend voraus. Erwachsene, Arme angewinkelt, zockeln in Würde, ordentlich gruppiert um den Bürgermeister und die Musikanten. Aurelien mimt noch immer den Hai. Ich laufe neben Alexandre, im schnaufenden Pulk der Greise. Er hat ein schönes Mondgesicht, das durch den spitzen Mund noch runder wirkt. Seine Brust ist eingefallen, der Bauch nur noch eine Abfolge schlaffer Falten über der zerschlissenen Shorts. A lexandre ist Experte fürs fällig!" hat er mir gestern nacht beim Gelage erklärt. Verläßt die Seele den Körper, kann sie dafür verschiedene Gründe haben: Gott ruft sie fort, oder die Ahnen zwingen sie zu sich. Manchmal reißt böser Zauber sie aus dem Körper. Die vierte Option ist die beste: Die Seele geht aus freien Stücken. Tsabitsoke, der Tote, hatte Glück. Kein Zweifel, seine Seele wollte weg. Der Alte war krumm geworden, fast taub, seine dürren Arme zogen keinen Fisch mehr ins Boot. Übermächtig wurde da die Versuchung, als er vor drei Tagen den Tod einer Nachbarin feierte. Voller Ungeduld pochte seine Seele in ihrer morschen Hülle. Mit drei Flaschen Rum gewappnet, setzte sich Tsabitsoke zur Leiche und trank den mürben Körper ins Delirium. Morgens fand ihn Kassuma als erster. Röchelnd, die Augen noch halb geöffnet, lag der Greis im Sand. "Schnell!" rief Kassuma die auf dem Strand Schlafenden wach. "Tsabitsoke geht fort !" Beweislos konnte dies freilich niemand akzeptieren. Vielleicht war es ja nur der Rausch. Also kam Alexandre, der Experte. Behutsam nahm er Tsabitsokes Kopf zwischen beide Hände und legte sein Ohr auf die vertrockneten Lippen. Doch außer dem Röcheln war nichts zu hören. "Gebt ihm zu essen!" befahl Alexandre, und jemand brachte Reissuppe. Als der Löffel den Mund berührte, weiteten sich die Augen, und der Kopf drehte sich in schwacher Wut zur Seite. Die Seele war schon im Aufbruch. Die Agonie war ein unnützes Ringen. Als hätte das Fleisch noch einen Willen. Natürlich half die Familie. Frauen und Männer schmiegten sich an den Greis, der zitternd auf dem Rücken lag, den Atem in Stößen, wie bei einer Entbindung. Unaufhörlich streichelten sie den widerspenstigen Körper. Stundenlang. Bis Alexandre sich erbarmte. Sanft legte er sich Tsabitsokes hohlwangiges Gesicht auf den Oberschenkel und drückte ihm mit Daumen und Zeigefinger die Augen zu, während sich die andere Hand fest auf Mund und Nase preßte. Noch ein Stöhnen, und die Seele hatte freien Weg. Es war ein ungeheuerlicher Augenblick, Sekunden voll wie Jahrhunderte. Ich konnte meinen Blick nicht von Alexandres Gesicht lösen. Soviel Liebe stand darin. Wir laufen immer noch, wenn auch langsamer. Die Leichen-Piroge hat einen kleinen Vorsprung. Ostwind kommt auf, treibt die Mandolinenmusik aufs Meer hinaus. Anakao liegt hinter uns, der weiße Strand wird kahl. Endlich kommt der Friedhof in Sicht. Die Gräber liegen auf einer hohen, mit Büschen bewachsenen Düne. Lange Reihen grauer Steinhaufen, zu mächtigen Quadern aufgeschichtet. In einigen stecken Paddel. Wie Arme von Ertrinkenden ragen sie in den Himmel. Wir waschen uns den Kot von den Füßen und steigen hoch. Alexandre dirigiert die Menge. Tsabitsokes Seelenheil steht auf dem Spiel. Wenn jetzt nicht alles nach Ahnenbrauch geschieht, werden Anakaos Geister den Verstorbenen nicht aufnehmen in ihren Kreis. Die Frauen setzen sich zur Leiche in den Schatten und schluchzen laut. Um den Ahnen zu zeigen, wieviel Liebe sich Tsabitsoke in seinem langen Leben verdient hat. Die Männer klettern auf einen der Steinquader und beginnen, in dessen Mitte eine Grube auszuheben. Stein um Stein, während Staub und Schweiß sich auf ihren Oberkörpern zu feinem Brei vernischen. Nach einer Stunde ist es soweit. Alexandre läßt den Toten ins Grabloch heben, bettet den Kopf auf ein Kissen. Dann kniet er sich zu Tsabitsoke, wie vor drei Tagen, als er ihm den Atem stoppte. Einen Liebesdienst schuldet er ihm noch, den letzten, ganz im stillen, versteckt unter einem bunten Tuch, das Kassuma und Regis nun über die Grube spannen. Mit einer Glasscherbe beschneidet Alexandre den Toten. "Veloma!" - Leb wohl ! sagt er zur Seele, die ganz in der Nähe auf ihren Portgang wartet.

Nur das Gepäck fehlt noch. Die Verwandten reichen es in die Grube: Tsabitsokes Fischernetz, seine Tasse, drei Teller, einen uralten Plattenspieler, einen Stapel 45er-Platten ohne Hüllen, die meisten ohnehin zerbrochen, ein knopfloses Radio, einen Kartonkoffer von jener Sorte, die in Anakaos Hütten die Schränke ersetzen. Glücklicher Tsabitsoke ! Sein Tod ist ein Umzug. Nur die Piroge muß er zurücklassen, sie paßt nicht ins Grab. Dafür stopft ihm Alexandre noch ein paar Geldscheine unters Kissen, bevor die anderen beginnen, das Loch wieder mit Steinen zu füllen. Ich folge Alexandre zum Friedhofsrand. Wir blicken aufs Meer. Es ist heiß, Mittagszeit, das Licht auf dem Wasser blendet unsere Augen. Nosy Ve, die Geisterinsel, liegt in praller Sonne: ein weißer Streifen mit einer hellgrünen Krone aus Büschen und Bäumchen. Da wohnt er nun, Tsabitsoke, wie alle Ahnen des Dorfes, seit sich die Seenomaden hier niederließen und Anakao gründeten. A lexandre breitet beide Arme aus, wie zum Fliegen, und sagt: "Vorumbe!" - Große Vögel! So heißen die Geister, alle, denn mit den vielen Namen, die sie sich zu Lebzeiten erfanden, ist auf der Insel Schluß. Da bilden die Ahnen nur noch eine Familie. Mit einer einzigen Aufgabe: das Dorf zu schützen. Dafür werden sie entlohnt, kollektiv. Zweimal im Jahr bringt Anakao den Ahnen Opferim März, damit sie die Kranken heilen; im August, damit sie fürs ganze Jahr volle Netze garantieren. Eine Woche lang lebt dann das Dorf nur für seine Geister. Fische haben Schonzeit, denn die Pirogen müssen als Fähren herhalten, um Frauen, Kinder, Kranke und Krüppel auf die Insel zu schaffen. Und Ziegen, eine ganze Herde, weil Blut und Eingeweide, vermischt mit Rum, die Geister nähren. Haben die Ahnen den Lebenden etwas mitzuteilen, versetzen sie ein paar der Dörfler in Trance. Mit gespreizten Armen fliegen die Besessenen dann über den Inselstrand, und jeder sieht: Das sind keine Fischer, sondern große Vögel - Vorumbe! Anakao kann nicht ohne Ahnen auskommen. Zwar gibt es einen Gott - die Vezo nennen ihn Zanahary, und er hat Madagaskar lange vor der christlichen Botschaft erreicht. Aber der Schöpfer steht zu hoch über den Menschen. "Wollte man zu Ihm aufsteigen, würde einem schwindelig", lehrt das Sprichwort. Niemand kann Ihn begreifen, sich in Seine Lage versetzen. Nur die Ahnen können dies. Sie füllen die Leere zwischen Himmel und Erde. Als Vermittler. Haben die Lebenden ein Problem, legen die Geister bei Zanahary ein Wort für sie ein. Sie plädieren, feilschen, gewinnen fast immer, denn auch Gott hat ein Herz - für die Ahnen. Deshalb fühlt sich Anakao in seiner Abgeschiedenheit niemals einsam. Weil die Welt nicht am Dorfrand aufhört. Sie dehnt sich endlos ins Unsichtbare, prallt nie gegen die Grenzen von Hölle oder Paradies, denn Menschen und Geister teilen sich das Diesseits. Die Geister sind präsent. Wie wollte ich sie leugnen? Meine Hütte liegt neben der Epicerie Clara, einem Kramladen im Viertel der Tantsivoky, der "Ewig Hungrigen". Morgens, wenn ich die Brettertür aufstoße, treffe ich dort auf die alte Catherine. Sie ist mit dem Geist Kudfunsava verlobt. Jeden Morgen kauft sie ihm in dem Laden einen halben Liter Rum, seit 40 Jahren.

Früher war Catherine reich. Ihr Mann unterhielt drei Segelpirogen, die Waren und Menschen zwischen Anakao und Tulear transportierten. Aber er starb vor zwölf Jahren, und Catherine, für die niemand mehr sorgt, ist durch den Hunger hager geworden. Vielleicht, sagt Catherine, sei ihr Mann an der Eifersucht Kudfunsavas gestorben. Obwohl dieser Geist eigentlich dazu bestimmt sei, Kranke zu heilen, also Gutes zu tun. Aber auch er sei ja nur ein Mensch, und das Problem sei, daß Menschen durch den Tod nicht besser würden. Jeder bleibt, was er war. Tsy misy vaovao ! Nichts Neues, nie ! Solange die Toten in die Familie der Ahnen aufgenommen werden, ist das nicht weiter schlimm. Jene aber, die einen Gewalttod sterben, im Sturm draußen ertrinken, vom Krokodil oder vom Hai gefressen oder wie Kudfunsava vergiftet werden - all jene also, die nicht zu den Ahnen dürfen, sondern als Irrgeister durch die Ewigkeit rasen, toben ihre Menschlichkeit in Exzessen aus. Sie sind die Hölle der Lebenden. "Als er sich in mich verliebte, hat es mich fast umgebracht", erinnert sich Catherine. "Ich war 14 Jahre alt, und plötzlich wurde ich krank. Die Mutter mußte den Hexer rufen." Der legte dem Mädchen die Hand auf den Leib und fühlte den Geist. Erst nach langem Drohen, die Ahnen würden Catherine zu sich holen, sollte er sein Versteck nicht verlassen, kam der Irrgeist heraus und nannte durch den Mund der Besessenen kleinlaut seinen Namen: Kudfunsava. Fortan entfaltete er seine Borstigkeit im Rahmen offizieller Beziehungen. Er ließ eigene Sachen für sich kaufen: ein weißes Hemd, einen Hut, ein Handtuch, das Catherine beim Tromba, der Geisterbeschwörung, über die Schulter geworfen trägt, einen Spazierstock aus Edelholz. Der Ehemann zahlte, bis zu seinem Tode. Seither bestreitet Catherine den regen Rum- und Zigarettenkonsum Kudfunsavas durch die paar Pfennige, die ihr die Trance-Konsultationen einbringen. Im Schein einer Öllampe wartet sie abends in einer winzigen Strohhütte auf Kundschaft. Wohl wissend, daß in Anakao noch weitere Frauen einen Heilgeist unterhalten. Kommt doch jemand, legt Catherine die Geister-Kleider an, verbrennt Weihrauch, besprenkelt die Hüttenwände mit Wasser, öffnet eine Flasche Rum und stöhnt erbärmlich, wenn Kudfunsava in sie fährt. "Manchmal", erzählt sie mit der Nachsicht der ewig Verlobten, "ist Kudfunsava in mir und wir reden, und plötzlich ruft jemand in Tulear oder Saint-Augustin nach ihm, und wie ein Blitzjagt er aus mir heraus." Um fernes Leid zu lindern, will sie mich stolz glauben machen. Als wäre Kudfunsava ein überforderter Notarzt, ohne Zeit für die Alte, deren Seele er vor langer Zeit entjungfert hat. In Wirklichkeit aber besitzt er noch andere Frauen, sogar in Anakao, und er fährt in sie, wann immer es ihm paßt, wie ein geiler Gutsherr in seine Mägde. Ich mag ihn nicht. Vielleicht war er es ja, der die arme Peta tötete. Das war vor zwei Wochen, ein schlimmer Tag. Peta, schmal und hübsch, wies die gleichen Symptome auf wie einst Catherine: Fieber, Ohnmacht, Erbrechen. Aber diesmal war der Hexer machtlos. Eines Morgens tanzte Peta im Minenfeld, immer im Kreis, die Arme ausgestreckt. Plötzlich blieb sie stehen, rief: "Veloma, ianareo!" - Lebt wohl, ihr alle! - und fiel tot in den Sand. Am Abend war ihr Körper doppelt so dick wie zu Lebzeiten. Natürlich habe ich Kudfunsava gefragt, ob er es war. Nach Petas Tod kroch ich zu Catherine in die Hütte. Doch als der Geist kam, starrte er mich durch die sanften Augen seiner Alten nur stumm an. Er wußte nichts mit mir anzufangen. Für ihn war ich Vazaha, einer jener Weißen, die grundlos kommen und ergebnislos wieder gehen. Ich gehörte nicht in seine Welt. Manchmal bedaure ich das. Lebte ich in Anakao, ich wurde mich als Geisterjäger versuchen. Wie Aurelien. Vielleicht wird er den weißen Hai nie erwischen, ihn vielleicht nicht einmal sichten. Doch sein tägliches Mühen hilft, die Hölle zu schmälern. Wenn er Akiu futi mimt, mit gebleckten Zähnen knirscht und die Augen gierig im Kreise rollt, flattern im Himmel über Anakao die Banner der Revolte. Dann fühle ich, auch Kudfunsava wäre mit Unerschrockenheit beizukommen. Manche haben versucht, die Geister durch einfaches Leugnen zu töten. Aber wie kann man abschaffen, was es angeblich nicht gibt? An diesem Widerspruch, glaube ich, scheiterte Pater Engelvin in erster Linie. 20 Jahre lang hat er gegen die Geister gekämpft - ohne an sie zu glauben. Ambroise Engelvin, der Lazaristen-Missionar, kam 1914 in Madagaskars Süden. Ein offener, humorvoller Mann, der betete, predigte, lehrte, verarztete und sich unablässig um die physischen und metaphysischen Nöte der "Primitiven" sorgte. Soviel hatte er zu tun, daß ihm für nichts anderes hätte Zeit bleiben dürfen. Doch nachts konnte Ambroise oft nicht schlafen. Trommeln, Lachen, die schamlosen Spiele einer "brennenden Jugend" - tausend Geräusche, die aus den Hütten in die Ohren des Missionars drangen. Also füllte er die Schlaflosigkeit mit Worten - seinem Geist, mit dem ich nun nachts meine Hütte teile: 170 kleingedruckte Seiten, irgendwo auch ein Foto, das eines kleinen Franzosen in weißer Kutte, mit schwarzem Haar, buschigen Augenbrauen, einem struppigen Vollbart. Von Beginn an ahnte der Pater Schwierigkeiten. Er wußte, daß Madagaskar nicht dem Christengott gehörte. Seit der Missionierung im 19. Jahrhundert galten zwar 90 Prozent der Madegassen als Christen. Doch der Allmächtige blieb schwach. Bis heute. Überall auf der Insel dienen die Menschen weiterhin den Ahnen, scheinen sie nur für das Sterben zu leben. Madegassen verehren ihre Toten nicht, sie verhätscheln sie. Die Merina im Hochland öffnen im Winter die Grabhäuser, um mit ihren Ahnen zu feiern und sie zu fröhlicher Blasmusik in frische Leichentücher zu wickeln. Die Mahafaly, ein Hirtenstamm im Süden, schicken dem Verstorbenen dessen Rinder nach, nur damit er sich nicht vor den Ahnen zu schämen braucht. Die Sakalava im Westen graben alle fünf Jahre die Gebeine ihrer Könige aus und baden sie in einem heiligen Fluß. Jeder der 19 Inselstämme hat eigene Bräuche und Riten, die sie voneinander unterscheiden. Doch allen gemeinsam ist jene Kultur, die das Abendland als Ahnenkult bezeichnet. Es ist die ungeteilte Herrschaft der Geister. Weil sie älter sind, stehen die Ahnen höher in einer Hierarchie, die vom Neugeborenen bis zu Zanahary, dem Ewigen, reicht. Ihre Gesetze sind die Fady: Tabus wie das Betreten von Orten, die für Geister reserviert sindzum Beispiel Grotten am Meer oder der Schatten von Tamarindenbäumen -, wie der Verzehr mancher Speisen, wie auch das Arbeiten, Lieben, Heiraten und Beerdigen an bestimmten Wochentagen. Die Seelen der Toten, das fiel Pater Ambroise auf, lösen sich auf in einem universalen Ganzen, werden zur Raza, der Familie aller Ahnen. Für sie gibt es kein Jüngstes Gericht, gibt es weder Lohn noch Strafe. Denn Zanaharys Unergründlichkeit läßt keine absolute Moral zu. Gut und Büse sind relative, soziale Begriffe: Was man dem einen an Gutem tut, fügt dem anderen Schaden zu. Deshalb fällt Madegassen das Handeln so schwer. Weil sie trotz bester Absichten automatisch auch das Falsche tun. Stets fühlen sie sich schuldig, nicht gegen-über Gott, sondern gegenüber den anderen, der Gemeinschaft von Lebenden und Toten. Dagegen kennen sie nur ein Rezept: es ebenso zu tun wie die Generationen vor ihnen. Ihre Gegenwart ist nur Verlängerung von Vergangenheit, nie Beginn einer Zukunft. Kein Projekt, das über den Tag hinausreichte. Tage gefüllt mit Taten, die nur Wiederholungen sind. Invaovao? Tsy misy! Nichts Neues, zum Glück! Das macht die Missionarsarbeit zum Martyrium. Der Gott des Ambroise Engelvin braucht den einzelnen, losgelüst aus der Anonymität aller anderen, die sein Verhalten erklären und entschuldigen können. Er fordert den Libre arbitre, den freien Willen, der die Seele richtbar macht zu Verdammnis oder Erlösung. Nichts davon fand der Pater bei den Vezo. "Aufgrund des dem Schwarzen eigenen Infantilismus", schrieb er in einer jener Nächte, als ihm die Wollust der Fischer den Schlaf raubte, "kann er nicht für sich selbst entscheiden und beruft sich daher auf die Tradition." So ging er 1934 zurück in seine Welt, gescheitert, im Gepäck nichts als Erinnerungen und die Hoffnung, an seiner "Stelle möge der "Fortschritt" die Bekehrung vollbringen: "In einigen Generationen wird der Vezo seine eigene Persönlichkeit verloren haben. Wir werden es nicht mehr mit Primitiven zu tun haben, sondern mit "Aufgeweckten', die einige Qualitäten und sämtliche Fehler der Zivilisation angenommen haben werden, denn sie zivilisieren sich durch Nachahmen dessen, was man ihnen zeigt." Mein Missionar! Wie ich mit ihm fühle, ihn in seiner Einsamkeit fast liebe. Wie ich mir wünschte, ihn in seinem Paradies noch erreichen zu können. Und sei es nur, um ihn nach über 60 Jahren "Fortschritt" einen Tag lang mit Regis ins Minenfeld zu schicken. Regis, der Bürgermeister, ist Anakaos Fortschrittsbeauftragter. Ein Genie der Scheinheiligkeit, ungeheuer begabt. Wie kann man so schlau sein und dabei so dämlich dreinschauen? Und heute ist die Lage ernst: Die Welt fordert Rechenschaft von Anakao! Am Trinktisch vor der Epicerie Clara sitzt ein fülliger Vertreter der Welternährungsbehörde FAO. Das Gesicht rot von Hitze und Wut. Seit Tagen rackert er sich ab, um den Fischern das Fischen beizubringen. Jeden Nachmittag hockt er unter einem Baum neben der Epicerie und zeigt, wie Haifischhaken an Stahlseile zu spleißen sind. Und niemand schaut zu. Das heißt, niemand von Bedeutung. Nur ein paar Taugenichtse, in der Hoffnung auf ein bißchen Geld, das sie bei der dicken Aimee loswerden könnten, die hinter dem Durchreichefenster der Epicerie thront. Aurelien, Kassuma und die übrigen Haifischer jedoch bleiben abwesend. Manchmal beobachtet der FAO-Mann sie durchs Fernglas, wie sie, die viereckigen Segel straff gespannt, draußen vor Nosy Ve kreuzen. Finden sie in ihren Netzen einen noch lebenden Hai, schlagen sie ihm mit einer Eisenstange den Schädel ein, bevor sie ihn in die Piroge ziehen und an Land schleppen. Fischen nach Ahnenart. "Ich kann morgen meine Sachen packen", ruft der Weltbeamte beleidigt. "Mir ist das egal! Ich bekomme mein Gehalt so oder so, ganz gleichgültig, ob hier einer was lernt oder nicht. Die Frage lautet: Will Anakao Fortschritt?" Regis sinnt über seinem Bierglas. Die Stirn ein Faltenmeer, die Augen nur noch klaffende Wunden des Herzens. Natürlich will er den Fortschritt nicht aufhalten, schließlich verdient er ja an ihm. Kein Entwicklungsprojekt, sei es der Bau eines neuen Klassenzimmers oder die Einrichtung einer Notapotheke, kommt ungeschröpft an seiner Tasche vorbei. Aber er weiß auch, daß die Fischer ihn gewählt haben, damit er den Fortschritt verdünnt. "Ich weiß nicht, wie oft ich es ihnen trotzdem schon gesagt habe!" flüstert er zerknirscht. "Wie oft habe ich gesagt: Wollt ihr vielleicht warten, bis wir alle verhungern?

Die Riffe sind fast leergefischt. Nicht einmal die Anchovis kommen noch. Und die Haie in euren Netzen werden auch immer kleiner. Und jetzt tötet ihr sogar die Delphine und Schildkröten. Diese herrlichen, vom Aussterben bedrohten Tiere !" "Und?" fragt der FAO-Mann interessiert. "Was antworten sie?" Regis' Blick flieht in die Ferne, zu einer Schar nackter Kin- der, die ihre Spielzeugpirogen auf blaugrünen Ebbelachen segeln lassen. "Immer das gleiche", sagt er. "Fombaraza! Ahnensitte! Diese Dickköpfe! Es ist zum Heulen. Aber ich werde trotzdem mein Bestes versuchen!" Triumphierend wendet sich der Weltbeamte mir zu: "Da hören Sie es, ihr eigener Bürgermeister gibt mir recht "' Am Nachmittag rollt ein dumpfer Donner den Strand hinauf. Es folgt Geschrei, dann ein unheimliches Schweigen. Fünf Mittuten später stürzt Regis schweißnaß vor die Epicerie Clara. "Schnell!" schreit er. "Eine Katastrophe ! Komm! " Dann setzt er sich an den Tisch und bestellt auf meine Rechnung ein Bier. Ich erkundige mich nach der Katastrophe. Regis berichtet: Eine Mine! Diesmal eine echte. Auf jeden Fall ein gewaltiger Knall. Hat eine Frau beim Kochen erwischt. Bum! explodierte der Kochtopf. Die Frau nur noch ein blutiger Haufen. Vielleicht schon tot. Und da in Anakao niemand zufällig stirbt, sucht das Dorf nach dem Schuldigen, der den Topf verzaubert hat. "Das endet bös!" prophezeit der Bürgermeister und trinkt aus. Am Katastrophenort ist halb Anakao versammelt. Marktfrauen, Muschelverkäuferinnen, Nachbarinnen, alte Männer, die nicht mehr zum Fischen taugen. Alle noch vereint im gleichen Groll, bevor der Verdacht sie scheidet. Das Opfer liegt wimmernd vor der Hütte. Das linke Auge ist ausgelaufen. Auf der Wunde klebt ein Lappen, Fliegen machen sich darüber her. Ich untersuche die Feuerstelle. Das kleine Strohdach darüber ist zerfetzt, durchschossen von etwas, das seinen Weg durch die Bretterwand der angrenzenden Hütte fortgesetzt und dabei ein fußballgroßes Loch gerissen hat. Aber es war nicht der Kochtopf. Der liegt lädiert im Hof. Ich folge der Spur ins Innere. Auf dem Boden liegt ein Klumpen Metall. Der Rest eines Gasbehälters, weggeworfen von einem der Fabrikschiffe, die jenseits von Nosy Ve das Meer leerfischen. Ein Dörfler hat den Behälter beim Tauchen gefunden und seiner Frau zur Zierde ans Küchenfeuer gestellt. Ich zeige der Menge meinen Fund, erkläre Regis die Ursache. Schlagartig erhellt sich sein Gesicht. Der Fall ist gelöst: Kein böser Zauber hat die Frau verstümmelt, sondern der Fortschritt, von den Weißen im Meer deponiert. Anakao atmet auf. Einige klatschen, sogar das Opfer scheint befreit zu lächeln. "Ich weiß nicht, wie oft ich sie trotzdem schon vor ihrem Aberglauben gewarnt habe", hebt Regis an. Aber da bin ich bereits ins Minenfeld entflohen. Fast renne ich Kassuma um. "Invaovao?" fragt er. Ich beschränke mich aufs Wesentliche: "Tsy misy !" Etwas ist passiert, doch nichts hat sich bewegt. Irgendwann doch eine Neuigkeit: Die Schönste im Dorf, Momu - sie heißt auch Laureat, manchmal sogar Natacha -, sie schwimmt im Elend. "Alex !" jammert sie morgens vor meiner Brettertür, während Tränen über die hohen Backenknochen rollen und direkt aufs Hemd tropfen, dort wo es ganz voll und rund ist. "Alex adaladala!" Alex, der Bruder, ist verrückt! Nun ja, auch das ist nichts wirklich Neues. Alex, einst ein guter Fischer, hat vor zwei Jahren mit dem Kiffen begonnen und seither nicht aufgehört. Von mittags bis abends sitzt er am Strand und saugt das Gift in sich hinein. Jetzt trägt er Basta-Züpfe, ist abgemagert und hat ein Problem mit den Ahnen. Neulich traf ich ihn, wie er in den Dünen einen Karatekampf gegen Geister ausfocht. Eine Warnung, die alle lächelnd übersahen. Kurz darauf stürzte sich Alex brüllend auf die Marktstände. Diesmal fegten seine Kungfu-Künste Fische, Mangos und Maniok-Wurzeln zu Boden. Da sagte Momu zu Regis: "Wir müssen etwas tun!" Regis nickte, nichts geschah. Und jetzt ist es zu spät. Alex adaladala! Total verrückt, aufgewühlt wie das Meer bei Sturm. Eine ganze Armee von Geistern muß er letzte Nacht geortet haben, als er brüllend die eigene Hütte in Brand steckte. "Was soll bloß werden?" schluchzt Momu. Ich verstehe ihren Kummer. Wenn Alex jetZt stirbt, wird niemand seinen Tod feiern. Es ist schwer, sie nicht mit offenem Munde anzustarren. Ihr mächtiger Haarschopf, wolleweich, reicht bis auf die zierlichen Schultern.

Die Lippen sind voll, die obere schwungvoll geschnitzt wie jene fernen Vögel, die Kinder ganz zuletzt aufs Bild malen, damit der Himmel nicht so leer bleibt. Momu, die Herrliche! Seit langem sehne ich mich danach, ihr gefällig sein zu dürfen, und sei es jetzt nur durch einen guten Rat: "Schick ihn ins Irrenhaus !" Eine andere Möglichkeit sehe ich nicht. Wir müssen Alex dem Fortschritt übergeben. Am nächsten Tag fahren wir nach Tulear. Momu sitzt unter dem geblähten Segel und schaut zu, wie der kantige Ausleger das Meer aufschlitzt. Alex liegt glücklich im Bootsbauch. Er glaubt, wir wollten ihm in Tulear ein Fahrrad kaufen. In der Bucht von Saint-Augustin, in dessen Tiefe die Geister von Ertrunkenen wohnen, begleiten fünf Delphine die Piroge. Fliegende Fische kreuzen unseren Weg. Wie Pfeile schießen sie aus dem Wasser, auf der Flucht vor unsichtbaren Räubern, und segeln über hundert Meter weit. In Tulear wohnen jene, die in Anakao "Vezo-Putake" heißen: Schlamm-Vezo. So tief sind sie gesunken, daß keiner von ihnen mehr fischt. Das "Toby" liegt am Rand der Stadt. Der Name bedeutet "Zentrum der Erweckung". Selbst Irrenhäuser heißen, wie sie wollen. Im ganzen Land gibt es Tobys. Sie gehören der lutherischen Kirche und sollen die Menschen vom Aberglauben erwecken. Ihre Gründerin, die Prophetin Nene Lava, ist die Tochter eines Hexers aus dem Süden. Sie hat den eigenen Vater bekehrt. Sechsmal, so heißt es, sei sie gestorben, in den Himmel gefahren und wiederauferstanden von den Toten, um Madagaskar die Botschaft Jesu zu überbringen: Hexerei ist Todsünde, der Ahnenkult Gottesfrevel! Der Versuch einer Revolution. Nene Lava will fortsetzen, wo Ambroise Engelvin scheiterte. Dessen Credo von Bekehrung durch Fortschritt ist allerdings nicht mehr haltbar.

Im Gegenteil. Experten von Weltbank, Weltwährungsfonds und EU betrachten heute die Ausrottung der Geister als Voraussetzung für den Fortschritt auf Madagaskar. Entwicklungshelfer wettern, die Insel sei nicht entwickelbar. Versuche, die Landwirtschaft zu rationalisieren, scheitern an den Fadys, den von den Ahnen erlassenen Tabus. Auch ein Investitionsschutzgesetz, das Ausländern endlich den Erwerb madegassischen Bodens erlauben würde, kommt nicht zustande. Immer wieder wird der Vorschlag im Parlament abgeschmettert. Die Deputierten argumentieren, der Boden könne nicht verkauft werden, da er im Besitz der Ahnen sei. Kaum sind wir im Toby angekommen, werfen sich drei Pfleger auf Alex und legen ihn in Ketten. Momu weint. Der Pastor, ein sehr schwarzer Mann mit grauem Haar, führt uns durch die Anstalt. Die Kranken liegen in Strohhütten, fast wie in Anakao. Aber niemand läuft durch die Gegend und fragt "Invaovao?" Lethargie, drückend wie die Hitze, liegt über dem Irrenhaus. In einer der Frauenhütten steht ein Mädchen an einen Pfahl gekettet. Ein T-Shirt reicht ihm bis knapp über die nackten Schenkel. Bei unserem Anblick krächzt diejunge Frau ein Liebeslied, zieht ihr Hemd auf Brusthöhe und reibt sich die Schamlippen. "Satan!" murmelt der Pastor. "Satan !" Momu kennt die Frau. Sie heißt Clara, eine Hure. Früher bediente sie weiße Touristen in den Strandhotels nördlich von Tulear. Mit zuviel Erfolg. Aus Neid ließ ihre beste Freundin sie verhexen. "Wir heilen sie durch Exorzismus", verspricht der Pastor und erklärt: "Es gibt nur zwei Geister: Gott und den Teufel. Der Teufel benutzt den Ahnenquatsch, um uns in die Irre zu führen! In Wahrheit sind die Toten bei Jesus. Sie haben mit dem Leben auf Erden abgeschlossen." Im Halbdunkel der Hütte, eine Kettenlänge vom Marterpfahl entfernt, vollführt Clara noch einen Striptease für den Teufel. Momu weint wieder. Doch sie will dem Beginn von Alexens Rettung beiwohnen. Am nächsten Morgen um fünf sitzen wir auf einer harten Bank in der Anstaltskirche. Die Wände sind nackt. Nur hinterm Altar hängt ein großes Holzkreuz. Ich greife verstohlen nach Momus Hand. Aus dem Dunkel vor der Kirchentür nähert sich ein Klirren und Schleifen. In langer Reihe treten die Irren ein, unter ihnen ein kahler Alex, ohne Basta-Zöpfe, mit gesenktem Haupt und vorgestreckten Händen in Eisen. Auch die übrigen tragen Ketten, damit der Teufel in ihnen nicht treten, kratzen und würgen kann. Eine Zwergin knurrt unaufhörlich zwischen den Zähnen. "Satan knurrt", flüstert neben mir ein "Schäfer" - so heißen die Exorzisten. Vorn beendet der Pastor die Morgenandacht. Wie auf Befehl setzen sich die Irren vor dem Altar auf den Boden. Dicht gedrängt, Kette an Kette. Aus einer Seitentür treten neun Schäfer und Schäferinnen in die Kirche, ganz in Weiß, alle mit einer Bibel bewaffnet. Der Kampf beginnt. Er vollzieht sich schnell und laut, ein Blitzkrieg. Wie Furien stürzen sich die Schäfer auf die Besessenen. Brüllen sie an, schlagen ihnen mit der Bibel auf die tumben Köpfe, machen dem Dämon den Garaus. Alex kneift die Augen zu. Nach einer Viertelstunde beruhigt sich der Tumult. Jetzt segnen die Schäfer, mit gütigen Händen auf gebeugten Häuptern und friedlichen Lippen an halbtauben Ohren. Nur im Munde der Zwergin knurrt noch immer der Teufel. Kein Zweifel, dem Glauben an ihn und den allmächtigen Christengott gehört die Zukunft. Aber wie soll ich denen in Anakao das beibringen? Wie Alexandre erklären, daß er die Sterbenden statt aufs benachbarte Nosy Ve ins ferne Fegefeuer schickt? Wie Aurelien sagen, daß er seit 20 Jahren ein Hirngespinstjagt? Wie Catherine nach 40 Jahren mitteilen, daß ihr Verlobter nicht existiert? Mit welchen Worten Kassuma zumuten, daß es nun doch etwas Neues gibt? Sie alle sitzen am Trinktisch der Epicerie Clara. Ich habe die Dämmerung abgewartet, die Troststunde, wenn die kurze Geburt des Abends Anakaos Welt trikolor einfärbt: der ins All fliehende Himmel, noch hellblau, fast durchsichtig, darunter das nachblühende Rosa der Sonne und schließlich, vom Horizont bis zum Strand, das dunkelgrüne Band des Meeres - Anakaos feurige Fahne. Ich setze an: "Nene Lava sagt, es gibt keine Ahnen!" Schweigen. Plötzlich Catherine: "Kudfunsava sagt, es gibt keinen Teufel ! " Die Replik scheint unangebracht zu sein, wird übergangen. Erneutes Schweigen. Regis (empört): "Der Teufel ist gefährlich ! Ich weiß nicht, wie oft ich ihnen das trotzdem schon gesagt habe." Kassuma (den Riesenzahn nachdenklich in den Filter einer Zigarette gebohrt) : "Wer bezahlt die Runde?" Aurelien (mimt den Hai): " " " "" Catherine (störrisch): "Kudfunsava sagt, es gibt keinen Teufel !" Alexandre (entgegenkommend) : "Einmal habe ich im Radio eine Frau gehört, die kam gerade aus dem Himmel zurück. Genau wie Nene Lava. Und sie hat dort auch genau dasselbe gesehen." "Was denn?" fragt der Bürgermeister. Alexandre: "Daß der Himmel sehr sauber ist!" Regis nickt befriedigt. Gewiß könnte er gegen die Beweiskraft des Arguments Zweifel erheben, könnte zu bedenken geben, daß es im Vergleich zum Kloakenstrand von Anakao eine Menge himmlischer Orte geben muß. Aber nein: "Dann war Nene Lava also trotzdem wirklich im Himmel. Was sie sagt, muß stimmen !" Regis schraubt eine frische Flasche Rum auf, gießt den ersten Schluck zwischen Entendreck und Zigarettenkippen zu seinen Füßen. "Für die Ahnen ! " verkündet er. Alexandre stimmt ein: "Mögen sie uns schützen ! Und Nene Lava auch !" Anakaos phantastische Weisheit: Wahrheit ist, womit wir leben können. Der Rest ist Theorie, unterhaltsamer Gesprächsstoff aus einer vierten Dimension, der unserer Abwesenheit. Invaovao? Tsy misy! Die Nacht kommt schnell. Vorn im Minenfeld kann ich noch Momus Silhouette ausmachen.

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Michael Stührenberg


Michael Stührenberg studierte an der Sorbonne, verbrachte drei Jahre als Lehrer in Gabun und in der Elfenbeinküste, begann seine journalistische Laufbahn in den 1980er Jahren bei der Agence France-Presse (AFP) in Paris, wo er noch heute lebt, inzwischen als Buchautor und freier Reporter für deutsch- und französischsprachige Magazine.
Dokumente
Michael Stührenberg: Die Macht aus den Gräbern (pdf)

erschienen in:
GEO,
am 01.04.1997

 

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