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27.09.16

Jan Christoph Wiechmann „Ein Leben in Kabul

Mit dieser Reportage gewann Jan Christoph Wiechmann den Hansel-Mieth-Preis 2013.

Ein Leben in Kabul

Sie waren einmal fünf Brüder. Sie kannten nichts als Krieg. Ihre Geschichte handelt von Tod und Zärtlichkeit, von Armut und Hoffnung. Es ist die Geschichte Afghanistans

Sie waren mal fünf Brüder.
Die fünf Brüder aus der Steinschneiderstraße, so nannte man sie. Sie lebten mit ihren Eltern in einer Einzimmerwohnung in Kabuls Altstadt. Jedes Jahr brachte die Mutter einen neuen Jungen zur Welt, bis sie nach der Geburt des Jüngsten starb. Da begann der Krieg.
Um ihre Geschichte zu verstehen, reicht schon eine Tasse Tee mit Farhuddin, dem Zweitjüngsten der fünf. Fragt man ihn nach seinem ältesten Bruder, sagt er: Sabur starb im Kampf gegen die Mudschaheddin.
Und der zweite?
Schukur starb im Kampf für die Mudschaheddin.
Der dritte?
Schahpur starb im Kampf gegen die Taliban.
Der vierte?
Das bin ich. Ich verlor mein Bein beim Granatenangriff der Hisb-e-islami-Miliz.
Und der jüngste?
Das ist Farhad. Der ist noch heil. Der will nur weg.
Farhuddin blickt einen dabei fragend an, fast hilflos. Wenn man so will, ist das nicht nur die Kurzfassung seiner Familiengeschichte.
Es ist auch die Kurzfassung der Geschichte Afghanistans.
Farhuddin Badeli ist ein kräftiger Mann mit einem Gesicht, in das der Krieg so manche Kerbe geschnitzt hat. Er sitzt barfuß auf dem Tresen seiner kleinen Werkstatt "Brothers Tailoring" im Schneiderviertel von Kabul.
Der Strom ist wieder mal ausgefallen und kein Arbeiter erschienen, aber er näht unverdrossen weiter an einem weißen Schalwar Qamiz, dem traditionellen afghanischen Gewand. Farhuddin schneiderte schon unter den Mudschaheddin und den Taliban und den Amerikanern, und sollten die Taliban wieder an die Macht kommen, wird er weitermachen.
Er schneidert, weil er die Farben liebt. Aber auch, weil das Schneidern sein Überleben sichert. Weil es die einzige Konstante ist in 33 Jahren Krieg.
Der Schneider Farhuddin Badeli ist ein Fachmann in Sachen Krieg. Er wurde 1978 geboren, ein Jahr bevor die Sowjets in Afghanistan einfielen. Seitdem ist der Krieg nicht mehr gegangen.
Aber für ihn ist Krieg nicht gleich Krieg. Er kennt ihn in unzähligen Schattierungen. Er hat ihn als Guerillakrieg und Bürgerkrieg erlebt, als Vielfrontenkrieg und Befreiungskrieg. Er kennt die unterschiedlichen Geräusche der Sturmgewehre und Gerüche der Streubomben. Man kann es auch so sagen: Er ist ein Insider des Krieges. Er kann ihn unterscheiden, wie der Botaniker 20 Sorten Tulpen unterscheiden kann.
Vor allem kennt Farhuddin den Krieg als Kraken. Der ihm nicht nur drei Brüder und ein Bein geraubt hat, sondern auch seine Schule, Wohnung, Freunde, seine Kindheit und Träume. Farhuddin ist im Krieg zu Hause wie andere im Dorf.
Die Geschichte der Familie Badeli ist nichts Besonderes in Afghanistan.
Sie ist einzig besonders, weil sie so alltäglich ist. Man wüsste nichts von ihr, wenn der Fotograf Seamus Murphy 1994 nicht zufällig in die Steinschneiderstraße von Kabul geraten wäre. Es war auf dem Höhepunkt des Bürgerkriegs. Nach Abzug der Sowjets war das Land im Chaos versunken. Die Truppen der verschiedenen Milizen beschossen Kabul von den Hügeln der Stadt und verwandelten die 3000 Jahre alte Kulturmetropole in eine poröse Landschaft aus Häuserstümpfen und Lehmstaub.
Fast alle Bewohner entflohen damals der Altstadt - nur der pensionierte Kartograf Sami Badeli und seine Jungen nicht. Sie hatten kein Geld zur Flucht, und eine andere Bleibe wollte dem Witwer keiner geben. Also winkten sie Murphy herauf in das skelettierte Haus, und der Ire blieb ein paar Nächte.
Richtig fortgegangen ist Murphy seitdem nicht mehr. Jahr für Jahr kehrte er zurück zu den Badelis und machte eindringliche Fotos.
Erst, als sie noch zu fünft waren.
Dann zu dritt. Zu zweit. Der Krieg fraß sich durch die Familie wie ein unersättliches Monster.
Als Erstes war Sabur gegangen, der Älteste, ein eher stiller, sensibler Junge. Er war vom kommunistischen Regime in die Armee eingezogen worden und diente der Sowjetunion wie so viele Afghanen als Kanonenfutter im Kalten Krieg. Sabur wurde in der Provinz Lugar von den Mudschaheddin erschossen, einer von 1,3 Millionen Afghanen, die während der sowjetischen Besatzung starben.
Als Nächstes nahm der Krieg Farhuddins Bein. Er verlor es mit 14, beim Brotholen. Er erinnert sich, dass die Granate neben der Bäckerei einschlug und sein gesamtes Bein aufriss. Dass ein alter Mann ihn und vier andere Opfer auf einen Ochsenkarren warf. Dass er die Zehen noch bewegen konnte, aber im Krankenhaus hatten sie keine Zeit für langwierige Behandlungen.
Also sägten die Ärzte sein Bein ab, um Platz zu schaffen für die 200 anderen, die täglich auf ihre Amputationen warteten.
Farhuddin erzählt dies erstaunlich nüchtern, wie ein Unbeteilig- ter. Ist er nicht wütend auf die Ärzte?
"Nein, dafür haben sie andere gerettet", sagt er. Aber er könnte doch sein Bein noch haben? Er blickt jetzt etwas erstaunt. Er mag die Frage nicht. Er sagt: "Wer den Krieg überlebt, ob ganz oder halb, ist gesegnet." Sechs Monate dauerte damals die Heilung des eiternden Beinstumpfs.
Täglich wechselten Farhuddins Vater und Brüder die Verbände. Die Behandlung wurde teuer, Arbeit gab es in Kabul keine mehr außer als Krieger bei den Milizen.
Wenn es bis heute so etwas wie eine Jobgarantie gibt, dann nur auf diesem ewig florierenden Wirtschaftssektor - dem Töten.
So beschloss Schukur, der Zweitälteste, dass er für die Familie Geld verdienen müsse. Er heuerte bei den Mudschaheddin unter General Mas'ud an. Der Vater verbot es ihm, hatte er doch seinen Ältesten im Feuer der Mudschaheddin verloren, aber Schukur ging trotzdem. "Er war mein großes Vorbild", erzählt Farhuddin, "er war gewissenhaft und sehr ernst, er wollte Ingenieur werden." Einige Wochen hörten sie nichts, bis ein rauschgiftsüchtiger Kommandant mit grünen Augen die Nachricht überbrachte: Schukur ist tot, erschossen von den Taliban auf Patrouille nahe Qala-e Fatullah.
Da ging der Dritte, Schahpur, ein lustiger Junge, freiheitsliebend und albern, der Clown der Familie. Wie viele Afghanen war er in der Sowjetunion ausgebildet worden. Und wie viele Afghanen wechselte er nun die Seiten, um Geld zu verdienen. Wieder protestierte der Vater, wieder ging der Sohn, und wieder kam nicht er zurück, sondern der grünäugige Kommandant, er verkündete:
Auch Schahpur ist tot, auch er erschossen von den näher rückenden Taliban, einer von 400 000 toten Afghanen des Bürgerkriegs zwischen 1991 und 1996.
Wie ganz Afghanistan schienen die Badelis immer auf der Seite der Verlierer, ein Spielball fremder Mächte, zerrieben zwischen den Fronten.
Nun war Farhuddin plötzlich der Älteste. Er fühlte sich verantwortlich, den Rest der Familie durchzubringen. Aber wie? Als Amputierter? Als einbeiniger Milizionär? Das Essen wurde knapp, der alte Vater schwächlich, sie zogen vom zweiten Stock des bröckelnden Hauses in den Keller, um den Mörserangriffen zu entkommen. Dort lasen sie im Licht einer Kerze den Koran, im Radio hörten sie BBC auf Persisch.
Farhuddin musste seinem Vater versprechen, niemals eine Waffe in die Hand zu nehmen. Er musste ihm außerdem versprechen, niemals die Knochen der Leichen auszubuddeln, um sie - wie andere es machten - an pakistanische Seifenproduzenten zu verkaufen.
Also humpelte Farhuddin durch die Trümmer und verkaufte Karotten und Kartoffeln, die er am anderen Ende der Stadt holte. Kam der grünäugige Kommandant vorbei, rauchte der Vater mit ihm Haschisch, um ihn davon abzuhalten, seine verbliebenen Söhne zu rekrutieren.
Für einige Stunden kehren die Brüder zurück in ihr altes, noch immer löchriges Haus in der Steinschneiderstraße. Der Handel auf der Straße ist wieder wuselig, Kinder verkaufen Heildüfte gegen den Teufel, Kriegswitwen in Burkas betteln um ein Stück Brot.
Fast wirkt das Leben friedlich, doch die alten Häuser sind nur notdürftig geflickt, als traue die Stadt der Zukunft nicht. Von zwei Millionen Einwohnern im Jahr 1990 schrumpfte die Hauptstadt in sechs Jahren auf 200 000 und wuchs bis heute wieder auf 4,5 Millionen an. Keine Stadt der Welt wächst und schrumpft wie Kabul, im Rhythmus der Kriege.
Die Brüder sind nicht gern im alten Haus. Jeden Tag gingen wir beim Wasserholen an Leichen vorbei, murmelt Farhad.
Farhuddin sagt: Ich habe den Geruch verblutender Menschen noch in der Nase. Farhad: Hunde spielten in der Straße mit einem Kopf. Farhuddin: Wir sprechen nie über den Krieg. Nichts Gutes kommt vom Erinnern.
Ihre Kriegserinnerungen enden in einsilbigem Gemurmel. Die Rückkehr an den Ort des Grauens verstärkt nur ihr Trauma. Farhad sagt: Wir versuchen lieber, fröhlich zu sein. Jeden zweiten Tag treffen wir uns zum Fröhlichsein.
Es klingt wie ein Hobby - das Fröhlichsein. Er lacht nun etwas gequält. Farhuddin lacht nicht. Er trägt einen Blick, aus dem die Traurigkeit nicht weichen will.
So ist die Rollenverteilung: Farhad ist der Clown, Farhuddin der Ernste. Farhad vertritt seinen toten Bruder Schahpur, Farhuddin seinen toten Bruder Schukur.
So halten sie die alte Familie zusammen.
Damals in der Not, in der Enge des Kellers, lernte Farhuddin das Nähen. Ein alter Schneider brachte es ihm bei. Zunächst nähte er Knöpfe an, dann half er beim Bügeln, Stopfen, Maßnehmen. Es gab keine Polizisten, Lehrer und Politiker mehr im ausgemergelten Kabul, aber Kleidung brauchte man auch im Krieg. Er nähte flink und fleißig, von morgens bis in die Nacht, vom spärlichen Verdienst kaufte er Reis und Mehl.
Nach 18 Monaten hatte er genug Geld für eine eigene Nähmaschine zusammen, eine indische Kalson.
Da brachte er auch seinem jungen Bruder Farhad das Schneidern bei.
Als die Taliban 1996 nach Kabul einzogen, begann für Farhuddin der schlimmste Krieg, der Krieg der Barbaren gegen das eigene Volk, gegen das Menschsein an sich. Er passte sich den neuen Dekreten an, er schneiderte in dunklen Farben, die Tuniken bis unter die Knie, die Hosen bis unter die Knöchel, jedoch niemals für Frauen (Dekret Nr. 15). Wie alle Männer ließ er sich einen Bart wachsen, in der Länge einer geballten Faust, wie festgeschrieben in Dekret Nr. 3 vom "Ministerium zur Förderung der Tugend und Ausradierung der Sünde".
Er war nun Schneider in einem Land, in dem sich die Mode nicht nach Paris richtet oder der Tradition, sondern nach dem Regime.
Im Stillen jedoch rebellierte Farhuddin gegen die neuen Machthaber, die ihm seine Brüder genommen hatten. Er hielt sich nicht an Dekret Nr. 10 - "Verbot britischer und amerikanischer Frisuren" - und ließ seine Haare wachsen. Er verweigerte den Turban. Er ging auch nicht zu den öffentlichen Hinrichtungen ins Ghazi-Stadion, zu denen Ansager aufriefen wie für eine Zirkusshow.
Er hatte erlebt, wie die Taliban bei ihrem Einzug den alten Präsidenten Nadschibullah auf dem Ariana- Platz öffentlich aufgeknüpften, nachdem sie ihn kastriert hatten.
Da schwor er, keinen Handstrich für die Barbaren zu tun.
Farhuddin hoffte damals, dass sein Vater das Ende der Taliban noch erleben würde, aber er starb plötzlich in der Nacht. Die Taliban hatten dem alten Mann auch die letzte Freude, das Rauchen, noch genommen. Er durfte keinen Drachen mehr steigen lassen (Dekret Nr. 7), keine BBC mehr hören, keine Musik (Dekret Nr. 2). Haschisch war ebenso verboten wie Kartenspiele, selbst das Aufhängen eines Familienfotos von Seamus Murphy (Dekret Nr. 8). Farhuddin sagt: Vater starb an den Taliban.
Er hat Angst, dass die Gotteskrieger bald nach Kabul zurückkehren.
Wenn die Amerikaner ihre Truppen abziehen, werden die Taliban wieder die Macht ergreifen, glaubt er.
Was ist mit der Armee?
Die löst sich auf. Sobald die Soldaten keinen Sold mehr bekommen, hauen sie ab.
Und die Menschen?
Die werden ins Ausland fliehen, so schnell sie können.
Ohne Widerstand?
Warum kämpfen, kontert Farhuddin.
Das haben wir 30 Jahre lang getan, und es hat nichts gebracht.
Würde er selbst kämpfen?
Nein, sagt er bestimmt, ich werde niemals eine Waffe in die Hand nehmen.
Er beschreibt da nicht nur seine eigene Kriegsmüdigkeit. Er beschreibt die Müdigkeit eines ganzen Landes.
Nach dem Einmarsch der Amerikaner im November 2001 glaubte der Schneider, einen Ansatz von Frieden erleben zu dürfen, etwas Unbeschwertheit, vor allem Ruhe. Für ihn waren die Nato-Angriffe der bisher beste Krieg, eine Art Befreiungskrieg.
Der Handel kehrte zurück, die Menschen feierten, er ging damals andächtig an Krücken durch die Straßen und lauschte den Kindern, die zum ersten Mal wieder Musik hörten. Ich fühlte mich wie ein freier Mann, erzählt er, wie frisch aus dem Gefängnis.
Er schneiderte nun engere Kleider und brachte fröhliche Farben in den Alltag zurück - Blau, Beige, Weiß -, getrieben von einer unstillbaren Sehnsucht nach Sinnlichkeit. Er bekam einen Großauftrag des Innenministeriums, lehnte jedoch ab. Ich arbeite für mich, sagt er, nicht für eine Regierung.
Farhuddin erinnert sich nicht mehr genau, wie lange die Waffenpause hielt, ein paar Monate, vielleicht ein Jahr. Die Kämpfe in der Stadt blieben aus, dafür kamen die Selbstmordattentäter, die Sprengfallen. Sie zerstörten das Einkaufszentrum, das Hotel Intercontinental, die indische Botschaft. Die Taliban töteten auch seinen besten Freund Wais.
Es begann - 2004 - ein neuer Krieg, hinterhältig und feige, weil der Tod aus dem Nichts kommt, als Bombe unter dem Kleid. Der Feind steht nicht mehr auf den Bergen, sondern neben einem in der Menge.
33 Jahre hat der Krieg nun sein Leben bestimmt und einen neuen Menschen geformt, einen Kriegsmenschen. Der Krieg trainiert die Sinne, das Denken, das ganze Sein. Es beginnt schon beim Weg zur Arbeit. An diesem Morgen kommt die Meldung, dass vier Selbstmordattentäter auf dem Weg nach Kabul sind.
Farhuddin meidet bestimmte Plätze und Routen, dort, wo er Offizielle und Ausländer wähnt, Militärkonvois und Menschenmassen.
Der Kriegsmensch hört und sieht anders. Er taxiert die Menschen in seiner Nähe. Er sucht den Horizont nach Explosionswolken ab. Er umfährt den Tod wie andere den Stau. Er horcht nicht dem Singen der Vögel, sondern den Schritten der Täter.
Normalerweise gehen Kinder durch Entwicklungsphasen. Farhuddin ging durch Kriegsphasen.
Wenn sie ihm eine Lehre brachten, dann diese: Der Krieg kommt immer wieder. Er ist wie Jahreszeiten, ein Gesetz der Natur.
Das Schneidern hat ihn überleben lassen, sagt er. 1200 Afghani nimmt er für einen Anzug, etwa 20 Euro. Er hat sich auf die Karzai- Mode spezialisiert, runde Kragen, elegante Tuniken. Immerhin wurde der Präsident von Star- Designer Tom Ford zum schicksten Mann der Welt erklärt. Aber ein Gewand für Karzai würde er nie schneidern. Er mag korrupte Politiker nicht. Seinen Widerstandskampf führt er im Stillen, mit den Stichen seiner Nadel.
Nach dem Tod seines Vaters hat Farhuddin geheiratet und eine Familie gegründet. Am Stadtrand hat er sich ein kleines Haus gebaut.
Er hat violette Vorhänge geschneidert und die Wände aprikosenfarben gestrichen, ans Bett stellt er rosafarbene Kunstrosen.
Je düsterer die Tage, desto größer seine Begierde nach Farben und Wärme.
An einem Freitag, dem Ruhetag, kommt Farhad mit seinen beiden Kindern vorbei. Farhad hat das Schneidern inzwischen aufgegeben und filmt Hochzeiten.
Das macht mehr Spaß, findet er. Die Brüder balgen mit ihren Söhnen, sie streicheln sie zärtlich, kochen ihnen Essen, schneidern ihre Kleidung. Sie sind wie Mütter zu ihnen. Sie sagen: Wir haben nie etwas anderes gelernt. Unser Vater war auch unsere Mutter.
Es gibt für sie keinen stärkeren Lebenstrieb als diesen: Sie wollen ihr Vater sein.
Farhuddin hofft, dass seine Kinder lesen und schreiben lernen, anders als er. Dass seine Söhne zur Universität gehen und Ingenieure werden. Und was hofft er für seine kleine Tochter Firuza?
Da überlegt er etwas länger. "Sie soll bis zur zwölften Klasse in die Schule gehen." Nicht länger?
"Nein, das muss reichen." Später kommen ein paar Schneider zum Kartenspielen vorbei. Sie sitzen eng zusammen auf dem Teppich, in der Mitte Farhuddin, dieser kräftige Mann, der doch so fragil wirkt.
Sie spielen um Geld, was die Taliban mit einem Monat Haft bestrafen würden (Dekret Nr. 9).
Sie fragen, ob man Alkohol mitgebracht habe. Sie reißen derbe Witze über die Taliban wie Engländer über Schotten. Ein schlanker, femininer Mann versorgt sie mit Tee, er ist eine Art Muse. Da sitzen acht Männer, die zocken und sich tätscheln, als wollten sie die letzten Tage in Freiheit genießen.
Farhuddin Badeli ist nur ein einfacher Schneider, das betont er. Aber er kennt sein Land. Für die Zukunft sieht er schwarz. Viele Afghanen sind aus dem Exil zurückgekommen, vielleicht wollten sie anfangs wirklich am Neuaufbau mitwirken, aber nun saugen sie das Land aus.
Die mehr als 50 Milliarden Euro, die über UN und Nato ins Land fließen, zweigen Politiker und Beamte ab und bauen sich Häuser in Neu Delhi und Dubai.
Sie plündern die Gegenwart, um in Zukunft wegzukommen. Sie werden nicht nur das Geld mitnehmen, sondern auch Bildung und Intelligenz, das Rückgrat jeder zivilisierten Gesellschaft.
Für Farhuddin sind sie nicht anders als die Briten, Sowjets, Iraner, Pakistaner, die Afghanistan immer als Objekt der eigenen Begierde gesehen haben.
Wohin würde er fliehen?
Wohin sollte ich?, fragt er und zeigt auf seinen Beinstummel. Ich schneidere dann für die Übriggebliebenen, nur für die Taliban nicht.
Und Farhad?
Der geht als Erster, egal, wohin.
Dann bist du, Farhuddin, der letzte Bruder.
Dann bin ich der letzte. Ich gehe nicht.
Bevor er stirbt, würde Farhuddin gern einmal Frieden erleben.
Er ist 33 und hat ihn noch nie in seinem Leben kennengelernt. Er stellt ihn sich ruhig vor, erlösend, irgendwie hellgrün. Wenn er Frieden nähen müsste, würde er die Landkarte Afghanistans aus hellgrünem Stoff nähen. Ich habe die Hoffnung, diesen Frieden eines Tages kennenzulernen, sagt er, und es klingt wie die Begegnung mit einem mysteriösen Fremden aus einer fernen Welt.



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Jan Christoph Wiechmann


Jan Christoph Wiechmann, ist Autor beim "stern". Von 2003-2010 war er als US-Korrespondent in New York. Gewinner Egon Erwin Kisch Preis 2002. Henri Nannen Preis 2010 (gemeinsam mit Giuseppe di Grazia und Katja Gloger). 2013 Hansel-Mieth-Preis.
Dokumente
Ein Leben in Kabul (pdf)

erschienen in:
Stern,
am 15.08.2012
Mit dieser Reportage gewann Jan Christoph Wiechmann den Hansel-Mieth-Preis 2013.

 

Kommentare

Kinga v. Gyökössy-Rudersdorf, 29.04.2013, 12:36 Uhr:

Danke für diese Wunderbahren Text. Wir waren dort EntwicklungshelferInnen und sie haben die Sele, Tragick gespürt, und ohne Patos mit Empatie geschrieben.
DANKE!

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