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07.12.16

Tobias Kniebe / Alexander Gorkow „Junge Nummer eins

Gewinner des Deutschen Reporterpreises 2010 - Kategorie Kulturreportage.

Junge Nummer eins


München ehrt den Regisseur Klaus Lemke - den härtesten Rocker und entschlossensten Träumer des deutschen Films. Begegnung mit einem Schwabinger Freiheitskämpfer, dessen Blick unter der Schiebermütze immer noch schärfer wird.


Alexander Gorkow und Tobias Kniebe, Süddeutsche Zeitung, 24.07.2010


Man ist als schamhafter Kleinbürger drauf trainiert, an solchen Sachen nicht lange hängenzubleiben, aber man kann ja auch nicht drüber hinwegsehen. Klaus Lemkes Poloshirt ist am Kragen zerrissen, und seine Sneakers sind vorne aufgeplatzt.

Dazu kommt aber eine furchterregende Pünktlichkeit. Auf die Sekunde steht Klaus Lemke vor dem "Arri"-Kino in der Türkenstraße. Er ist fast 70 Jahre alt, braungebrannt, schlank, der Körper topfit durch tägliches Training im "Leos" hinter der Uni. Er trägt die Schiebermütze tief ins Gesicht gezogen. Jetzt kommt das Grinsen, es folgen zwei Lemke-Schlüsselwörter: die Anrede "Cowboys!", dann der Ausruf "Bombe!"

Klar ist: Die Zerfetztheit gehört zu dem Mann wie seine Pünktlichkeit, seine Wahl des Ortes, seine Selbststilisierung, seine Sprache: Kontrolle und Verwahrlosung. Genie und Wahn. Das Gesamtpaket Lemke, so wie es jetzt gerade die Türkenstraße schmückt, hat eine Botschaft. Die Botschaft ist nicht, dass hier ein genialer und unterschätzter Filmemacher die zehntausend Euro, die er am Montag als Filmpreisträger der Stadt München bekommen wird, dringend braucht. Sagen wir so: Er braucht sie nicht, aber er kann sie ganz gut gebrauchen. Dass er unterschätzt werden würde? Stimmt auch nicht. Dominik Graf hält am Montag die Laudatio, weil Graf einer von jenen ist, die Lemkes Filme maßlos verehren. Die Botschaft ist noch weniger, dass das saturierte deutsche Filmestablishment, dem die staatlichen Fördermillionen aus allen Taschen quillen, seinen Schwabing-Botschafter vor die Hunde gehen ließe. Nur weil Lemke es versäumt hat, sich wie alle anderen ergrauten Ex-Talente in Patricia Riekels Bunte -Wohnstift für alte Hofnarren einweisen zu lassen?

Nein, die Botschaft Klaus Lemkes ist fröhlicher. Und sie ist subversiver.

An einem heißen Sommertag in München ist er zunächst einmal die Straßenjungenausgabe eines unbedingten Bildungsbürgers, der den modernen Kulturkanon pfeilgerade'runterbrummt: Nietzsche, Heidegger,Howard Hawks, Sergio Leone, was du willst und vor allem, wie es ihm selbst gerade passt, um das Leben der Mädchen und Jungs in den deutschen Städten zu beschreiben; in Hamburg, seiner Hafen-Liebe, in Köln, seiner Prolo- Liebe, natürlich in München, seiner Luxus-Liebe - nicht in Berlin, das ist für ihn seit eh und je "subventionierter Unsinn für verspannte Töchter und Söhne".

Und wie viel Liebe für die Kinder der Städte Lemke im Herzen trägt, für diese revolutionäre Phantasie in feindlichen Verhältnissen! Er schenkte ihnen Szenen wie diese, aus seinem Film "Brandstifter" (1969): Da will der linke Hipster Friedel mit seinem Opel aus einer Parklücke, rammt den Wagen davor. Spießer versammeln sich am Straßenrand, um den Schaden zu ermessen. Friedel zieht nun einen Zettel aus seinem schwarzen Sakko, schreibt etwas drauf und klemmt den Zettel an die Scheibe des von ihm gerammten Autos. Die Gaffer ziehen ab. Auf dem Zettel unterm Scheibenwischer steht dieser feine Text hier: "Leute haben mich gesehen. Sie beobachten mich, während ich dies schreibe. Sie denken, ich hinterlasse Ihnen meine Adresse. Sie irren sich." Dann fährt er mit quietschenden Reifen weg. Wenig später folgt der Abspann, fette rote Schrift über dem Kölner Dom, dazu singt Bob Dylan vom "Drifter's Escape".

Zunächst muss die Legende besehen werden. Es fing an, 1967, mit dem Acapulco-Lemke. Dieser Lemke war Teil einer Gang von Künstlern und harten Trinkern, die Mitte der Sechziger, weiß der Geier warum, alle in Schwabing gelandet waren und den Traum vom amerikanischen Kino träumten, wie er mit Howard Hawks und seinem "Rio Bravo" gerade im "Türkendolch" lief. Zugleich solidarisierten sie sich mit anderen Träumern, die auf dem Weg dieser Sehnsucht schon vorangegangen waren, wie Jean-Luc Godard mit "Außer Atem". Werner Enke gehörte dazu, Rudolf Thome, Wim Wenders auch, der aber als Trittbrettfahrer. Untrennbar verbunden mit der Vorstellung, selbst solche Filme zu machen, war die Idee dieser Leute, endlich bei den richtigen Mädchen zu landen.

Daraus entstanden - in einer dreijährigen Explosion aus Begehren, Chuzpe, Ahnungslosigkeit und todesmutigem Autodidaktentum - Filme wie "Detektive" und "Rote Sonne" von Rudolf Thome, "Zur Sache, Schätzchen" von May Spils und Werner Enke. Und "48 Stunden bis Acapulco", "Negresco" und "Brandstifter" von Klaus Lemke. Für einen Augenblick fühlte sich das deutsche Kino rebellisch, leicht und schön an. Die Mädchen, die entdeckt wurden und bei denen die Filmemacher auch landen konnten, waren unter anderem Iris Berben, Uschi Glas und Uschi Obermaier.

Es gibt eine Szene in "Acapulco", da blitzt der wahre Lemke schon auf. Ein Mann, zum Killer geworden, sitzt in Mexiko in einer Taverne, im schwarzen Anzug, Krawatte, Sonnenbrille. Ein Junge drückt auf die Wurlitzer, es ertönt eine Instrumentalversion von "Summer in the City". Fädenziehender Weltpopkäse aus den 60ern, wie vom Cheeseburger 'runtergekratzt. Als Nächstes sieht man den Mann eine mexikanische Staubpiste entlangfahren. Ein Wagen kommt ihm entgegen, er erkennt Monika, die blonde Frau, die ihn nach Acapulco gelockt hat. Beide Autos halten. Er setzt zurück. Dann steigt er aus seinem Wagen aus und in ihren ein. Ohne ein weiteres Wort fährt sie los, die Kamera schaut durch die Heckscheibe zurück, wo sein Auto verlassen am Rand dieser Piste steht, die Fahrertür zur Straße hin weit offen.

Plötzlich liegt eine starke Vibration in der Luft, ein Gefühl, dass alles jetzt absolut wurscht ist, dass hier jemand im Scheitern die Freiheit findet, aber dass diese Freiheit zugleich etwas Endgültiges, fast schon Jenseitiges hat. Man könnte verrückt werden vor Nostalgie, dass man damals nicht dabei war. Andererseits ist das ein glücklicher Moment, wenn man sieht, dass Kunst die Wirklichkeit eines Lebens vorwegnehmen kann: Ist denn nicht Klaus Lemke heute exakt dieser Junge? Der damals seinen Wagen zurückließ?

Man kann mit ihm zusammen auf einen weißen Rauputzbau starren, mit einem verunglückten Logo in Blassblau, auf dem "Amalienpassage" steht. "Da war eine Wiese und ein Trümmergrundstück, mittendrin stand 'ne Holzhütte. Das war der ,Bungalow`", knurrt Lemke: "Da gab es das billigste Bier. Und eine der ersten Musicboxen. Und da ging es los." Im "Paulo" trinkt er einen Espresso und blickt über die morgendlich belebte Türkenstraße. "Schwachsinn", sagt Lemke plötzlich unter seiner Mütze. Frei zu sein, heißt für ihn auch, sich frei zu machen von der Vergangenheit, die seine Gesprächspartner gerade abklopfen wollen, der ganze Kram in Schwabing damals, nicht zuletzt der Kokain-Wahnsinn mit Fassbinder und dessen Kohorte in der "Klappe". Es gibt schöne Fotos, wie sie in diesen Tagen das Gericht verlassen, wie Gangster vom Auto-Schrottplatz aus einem frühen Lino-Ventura-Film.

Klaus Lemke kann heute über so etwas milde lächeln, und Sentimentalitäten sind ihm recht fremd: "Der Fassbinder wurde übrigens erst schwul, als es ihm was genützt hat."

Im Oktober wird er also siebzig Jahre alt, er findet das "im Grunde genommen Scheiße", sieht aber jedem neuen Tag mit Freude entgegen - und mit nicht graeterhaftem, sondern straßenethnologischem Interesse auch den Mädchen, die gerade die Türkenstraße 'runterlaufen. Der Mädchen-Lemke. Das ist die nächste Legende. Dass er diese tollen Frauen immer wieder verliert, oder sie ihn, so wie die schöne junge Revoluzzerin Iris Berben, die seitdem ihren Marsch durch die Institutionen des Fernsehprogramms gegangen ist, um jetzt Präsidentin der Filmakademie zu sein. Weiter kann man sich nicht entfernen vom Universum des Klaus Lemke.

Für ein paar Jahre holt er in den frühen Siebzigern das neurotische Topmodel Sylvie Winter zum Film, bevor die in die Fänge des Bhagwan gerät. Dann bemerkt er hinter einer Bar in Schwabing den, wie er mit Ernst sagt, "wirklich unglaublichen Po" einer Kellnerin aus Niederbayern, den diese auf die "denkbar arroganteste Art ausstellt - als wär's ein Gemälde von Picasso". Das war Cleo Kretschmer. Mit der dreht er - angefangen 1976 mit "Idole" - eine Serie von sehr bayerischen, sehr improvisierten Filmen, in denen auch der erfolglose DJ Wolfgang Fierek mitspielt. Die Filme kosten praktisch nichts, sind aber enorme Kassenerfolge. Irgendwann läuft auch diese Nummer auf Autopilot, und wenn es so weit ist, muss für Lemke immer etwas Neues kommen. So geht das bis heute.

Am 16. August, kurz nach Mitternacht, wird der Lemke-Film "Schmutziger Süden" im ZDF laufen, der gleich drei neue, in Schwabing entdeckte Lemke-Mädchen enthält. Der übernächste dann wird den schönen Titel "Drei Kreuze für einen Bestseller" tragen. Er wurde im Winter auf Fuerteventura gedreht. Es geht um ein Mädchen, das sich zu Unrecht für eine hochbegabte Schriftstellerin hält, und einen Jungen, der sich unglücklicherweise in sie verliebt.

Wenn man sich viel traut, könnte man Lemkes Mädchen-und-Jungs-Universum so zusammenfassen: Tolle Mädchen mit romantischen Hummeln im Hirn zerstören rührende Jungs, die von einem eigenen Hirn gewissermaßen nur träumen können. Die Dialoge und Bilder, die Lemke dann mit seinen Laien beim Drehen bastelt, sie sind von so unverstellter Komik, dass man danach für das normale deutsche Fernsehen relativ verloren ist.

Und so läuft das Lemke-Ding: Die Filme kosten fast nichts, alles wird improvisiert und mit einfachsten Mitteln auf digitalen Kameras gedreht. Jeder, der mitmacht, bekommt 50 Euro am Tag und keinen Cent mehr. Was noch an Geld gebraucht wird, finanziert Lemke selbst, meist mit der Gage des letzten ZDF- oder WDR-Verkaufs. Seit Jahrzehnten hat er bei keiner Filmförderanstalt mehr Produktionsmittel beantragt und keinen Sender mehr um einen Vorschuss oder eine Erlaubnis gebeten, wenn er eine Idee hatte. "Schmutziger Süden" wird, wenn es nach ihm geht, bald eine Miniserie fürs Bayerische Fernsehen werden, die das Wesen der Münchner Mädchen im Jahre 2010 ergründet, denn Lemke kennt dieses Wesen: "Extrem sexy, konsumfreudig, aber vollkommen verwirrt". Oder, anders gesagt: "Kaum steht der Fick vorm Bett, gehen die Mädchen von heute vor Schreck auf Facebook."

Lemke sucht in diesen Filmen etwas Flüchtiges. Er stochert jetzt gerade in seinem Türkenstraßenfrühstück 'rum, sagt dann: "Film ist, wenn man etwas ahnt, lange bevor man es weiß. Und man denkt, man zieht das Geschehen durch seine Vorahnung magisch an." Pause. Grinsen. Die großen weißen Zähne. Dann: "Das ist es übrigens, was Heidegger sagen wollte. Er konnte es aber nicht." Eine Vorlesung von Heidegger hat er besucht in seiner Jugend in Freiburg, und er kam früh auf den Trichter: "Auf Heidegger kannst du nur betrunken reagieren."

Zurück zur flüchtigen Magie: Sicher geht es Lemke auch um die Mädchen, und doch hat er vor allem mit den lieben, aber haltlosen Jungs zu schaffen, die seine Stelle in seinen Filmen einnehmen. Sie sind schwerer zu finden als die Mädchen. Gerade hat er wieder einen entdeckt, der ihn beflügelt: Henning Gronkowski aus Hamburg, 21 Jahre alt. In "Schmutziger Süden" wird man ihn erstmals in einer Hauptrolle sehen. Wie das, was er sucht, zu ihm kommt, das kann Klaus Lemke überaus exakt beschreiben.

Er erinnert sich mit fotografischer Klarheit an den Moment, als er im Herbst 1971 durch eine Seitenstraße der Hamburger Reeperbahn fuhr und ihm ein 16-jähriger Junge praktisch vor die Motorhaube stolperte. Der Junge hatte eine seltsame Frisur, Lemke nannte ihn sofort "Prinz Eisenherz". Vor allem aber hatte er eine Unschuld im Blick und die Entschlossenheit, sich mit einem Löwenherzen dem Leben zu stellen. So was hatte Lemke noch nie gesehen: die Macht eines derart schrägen Lächelns. Er schnappte sich den Knaben, schleppte ihn zu dessen Mutter, einer einfachen Frau in einer einfachen Arbeiterwohnung. Eine Viertelstunde später hatte Prinz Eisenherz die wichtigste Rolle in Lemkes heute legendärem Film "Rocker".

Den hatte er gerade zu drehen begonnen, mit den "Bloody Devils", einer sehr realen, sehr garstigen und sehr kriminellen Motorradrockergang aus Hamburg: "Diese Rocker wollten lieber sterben, als alt zu werden. Und fast alle aus meinem Film haben das auch bald geschafft." Was genau er mit diesen Typen anstellen wollte, davon hatte er bei Drehbeginn noch keine Ahnung. "Rocker" handelte dann ab sofort aber von Prinz Eisenherz, der versucht, seinem kriminellen Nichtsnutz von Bruder einerseits nachzueifern und ihn andererseits zu retten. Eine im Detail fesselnde, in den Dialogen oft komödiantische, am Ende tief berührende Geschichte. Eine weitere Legende war geboren: der Rocker-Lemke.

Vor ein paar Tagen wurde "Rocker", wie jedes Jahr im Juli, vor tausenden Fans im Sankt-Pauli-Stadion gezeigt. Wie jedes Jahr sprachen die Hamburger - sogar die, die nur bei offenem Fenster im umliegenden Schanzenviertel zuhörten - jeden Satz mit. Lemke hat diese Sätze nicht geschrieben, seine Rocker, seine Zuhälter haben sie vor der Kamera improvisiert. Alles wird zusammengehalten von Prinz Eisenherz. "Der ist das eigentliche Herz von Sankt Pauli, und dieses Herz ist drin in ,Rocker`", sagt Klaus Lemke.

Daneben wird für ihn alles andere, Mädchen, Geld, Ruhm, Ehrungen, Retrospektiven, unwichtig. Auch die beinahe gottgleiche Verehrung, die Lemke immer wieder entgegenschlägt, wenn er in Hamburg als Regisseur von "Rocker" vorgestellt wird. "Der Film hat keinen Regisseur", sagt er dann: "Da spricht die Stadt selbst." Aber er weiß in diesen Momenten, dass seine Vision kein Hirngespinst ist, dass diese Momente, die er jagt, Menschen glücklich machen und manchmal sogar Leben verändern können.

Und plötzlich ergibt alles einen ganz klaren Sinn. Auch die Lemke-Wohnung im obersten Stock eines Mietshauses in der Amalienstraße, wo er seit den Siebzigern wohnt. Warmwasser gibt es nicht, zum Duschen geht er ja täglich ins Fitnessstudio. Einen Fernseher oder Computer besitzt er nicht, DVDs schaut er auf einem winzigen Gerät, das er in die Tasche stecken kann. Der Bildschirm ist zehn Zentimeter groß.

Diese Wohnung, deren Wände vollgespickt sind mit Zetteln für Ideen, Stills und Dialoge, sie muss exakt so sein, wie auch das zerfetzte Poloshirt exakt so sein muss. "Die Mädchen und die Jungs, mit denen ich drehe - die tun das deshalb quasi umsonst, weil ich selbst nichts habe", sagt Lemke: "Wenn die sehen, da sind plötzlich neue Turnschuhe und ein neues Poloshirt, dann werden die misstrauisch. Ich kann hier nicht so tun, als ob ich arm wäre. Ich bin es - weil ich alles Geld, das ich kriege, sofort in den nächsten Film baller. Das spüren die. Ein bisschen mehr Luxus, ein größeres Set, ein schicker Apparat: Und alles wäre vorbei."

Zumindest jede Chance, das Glück einzufangen. Deswegen lehnt Klaus Lemke tatsächlich immer wieder gut bezahlte Angebote für "Tatorte" und anderen systemstabilisierenden Unsinn ab. Deshalb schimpft er mit Freude über die deutsche Filmförderung: "Alles ist von Staatsknete zu Tode subventioniert. Und wie Hamlet gelähmt ist durch sein untergründiges Einverständnis mit seinem Vater, so ist der deutsche Film gelähmt durch sein untergründiges Einverständnis mit dem Staat."

Tatsächlich wurde Lemke so zu dem deutschen Filmemacher, der weiß, dass er nie mehr die Filmförderung brauchen wird. Und er wurde zu dem deutschen Filmemacher, der so etwas einfach sagen kann: "Die Filmförderung dient dazu, dass das Catering aufgehübscht wird. Drei von zwei Beschäftigten, die an einem Filmset herumstehen, sind überflüssig." Die Konsequenz: "Die ganze Welt brennt - und wir Deutsche produzieren derweil Filme wie Grabsteine."

Aber warum macht er immer weiter? Warum muss nach dem tausendsten Mädchen noch ein weiteres und nach dem tausendsten Jungen noch ein weiterer erforscht werden? Ist es nicht, mit siebzig Jahren, auch mal genug?

"Ich wusste, dass diese Frage kommen würde", sagt Lemke: "Dabei mache ich doch Filme, um vor genau solchen Fragen geschützt zu sein." Lange schweigt er unter seiner Kappe. Dann: "Weil man es eben für eine halbe Stunde wieder besser mit sich selbst aushalten kann, wenn man einen Film mit Dean Martin gesehen hat. Oder die Macht eines schrägen Lächelns. Einen Moment, der etwas Unbezahlbares auslöst, etwas, das man nicht weiter beschreiben kann. Das uns aber am Leben erhält." Er blickt nicht auf, aber er lächelt. Dann sagt er: "Im Christentum heißt das Erlösung."

Mehr gibt es nicht zu verstehen am Ende dieses Tages in Schwabing, bei dem es, wenn man ehrlich ist, keine Sekunde lang um Schwabing ging. Klaus Lemke tippt sich an die Mütze und sagt zum Abschied: "Cowboys, das sind Splitter vom Paradies." Und so verschwindet er im Gewimmel der Türkenstraße.

Falls es noch ein paar spannende Philosophen gibt, so sollten sie wissen: Jungs, Lemke ist einer von euch. Er beweist, dass wir in großen Zeiten leben: Denn man darf sich tatsächlich für sein Leben entscheiden. Lemke entschied sich für seines, als er in Acapulco den Wagen zurückließ. Er stieg bei Monika ein, die heute auch schon wieder Geschichte ist.

Klaus Lemke ist der freieste Mensch, den man treffen kann. In Schwabing. In München. Wo auch immer.

Was sagt man dazu? Bombe.


© Süddeutsche Zeitung GmbH, München. Mit freundlicher Genehmigung von http://www.sz-content.de (Süddeutsche Zeitung Content).

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Tobias Kniebe


Tobias Kniebe, Jahrgang 1968, ist Filmredakteur der Süddeutschen Zeitung. Er studierte Journalistik, Philosophie und Politikwissenschaft und ist Absolvent der Münchner Journalistenschule. Er hat Dokumentationen für das Bayerische Fernsehen gedreht, gehört zu den Erfindern des Neon-Magazins und schrieb mit Elmar Fischer das Drehbuch des Terrorismusdramas "Fremder Freund", das 2003 mit dem "First Steps Award" ausgezeichnet wurde. Zu seinen Buchveröffentlichungen gehören "Das Prinzip", eine Auswahl von Kolumnen für das SZ-Magazin, und das historische Sachbuch "Operation Walküre - Das Drama des 20. Juli".

Alexander Gorkow


Alexander Gorkow, geboren 1966, verheiratet, drei Kinder, studierte Germanistik, Mittelhochdeutsch und Klassischen Philosophie in Düsseldorf. Von 1986 bis 1993 war er Freier Kulturreporter unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, bei der er seit April 1993 als Redakteur arbeitet. Seit 1995 Korrespondent aus dem Bayerischen Landtag und Reporter für Bayerische Landespolitik für den Bayernteil, die Innenpolitik und die Seite 3 der SZ, ab Januar 1999 Leiter der Medienseite der SZ, 200 Neugestaltung des SZ WOCHENENDES, ab Mai 2002 Leiter des SZ WOCHENENDES und seit September 2009 Leiter der SEITE DREI.
Dokumente
Junge Nummer eins

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 24.07.2010

 

Kommentare

Deandra, 25.04.2016, 02:56 Uhr:

sou dona do lar, pretendo tira minha haÃt£iiaçblo pra entra no mercado de trabalho ajude-me por favor não tenho condição, tenho uma filha e so meu esposo trabalha.

Mahala, 25.04.2016, 02:12 Uhr:

A wonderful job. Super helpful inraimotfon.

Carl, 29.08.2013, 21:12 Uhr:

text

Thomas, 20.04.2011, 01:43 Uhr:

Eine wirklich in allen Passagen sehr filigrane und feinfühlige Darstellung von Lemke. Selbst wenn einige Stellen im Artikel in Lemkes Dasein doch recht illusorisch anmuten, so würde ich das gar nicht wissen wollen. Dieser scheinbar irre Mensch ist einfach nur genial oder eben Bombe.
Ich habe "Rocker" leider, leider erst zufällig ende 2010 sehen können. Dieser Junge, dem Lemke mit der Kamera im wahrsten Sinne des Wortes die Seele ausgesaugt hat, geht mir nicht mehr aus dem Kopf. Schade, dass nie wieder was von ihm zu sehen oder zu hören war.

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