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07.12.16

Diskussion

Kathrin Passig „Kommentar zum RF-Workshop 2010

In jedem Jahr kommentieren drei Gäste den Reporter-Workshop - drei, die keine Journalisten sind und darum, so die Hoffnung, das Treiben dort aus einer ganz anderen Perspektive in den Blick nehmen. In diesem Jahr war unter anderem Kathrin Passig dabei. Sie war so freundlich, ihren mündlichen Vortrag für diese Website zu verschriftlichen. Voila:

Ich sage normalerweise nicht zu, wenn man mich einlädt, Veranstaltungen “mal aus der Außenperspektive” zu kommentieren. Man hat keine Ahnung von Branche und Thema, meint unbedarft herum und wird dafür zu Recht von den Zuhörern missmutig angeguckt. Der Vorteil ist natürlich, dass man, wenn man bei Null anfängt, viel dazulernen kann, und so war es auch hier; eventuell habe ich von dieser Veranstaltung am meisten von allen profitiert. Zugesagt hatte ich nur zwecks eigener Fortbildung, “Reporterworkshop, kann man immer mal brauchen”, so dachte ich. Ich habe in den letzten Jahren vom Sachbuchschreiben gelebt, aber mir fehlt das Vertrauen in die Fähigkeit der Buchverlage, mit den Veränderungen klarzukommen, die Internet und E-Book mit sich bringen werden, deshalb bin ich auf der Suche nach weiteren Standbeinen. Der Reporterberuf war mir da in den letzten Jahren wie eine gute Wahl erschienen: Man interviewt jemanden, der sich die ganzen mühsamen Antworten ausdenken muss, die transkribiert man dann und steckt selbst das ganze Geld ein. Was kann daran verkehrt sein?

Von dieser Vorstellung hat mich die Veranstaltung abgebracht, und zwar schon im allerersten Vortrag, “Freie Reporter - Kann man mit Reportagen Geld verdienen?” von Antje Windmann und Ania Faas. Wenn ich für fast gar kein Geld das machen will, was ich gerne mache, muss ich dafür nicht erst Reporter werden. Ich kenne das Problem aus anderen Branchen: Wenn der Auftraggeber weiß, dass man seine Arbeit mag und sie auch fast umsonst machen würde, hat man verhandlungstechnisch schlechte Karten. Dazu kommt, dass man mit allen Menschen konkurriert, die bereit sind, dasselbe auch ganz unbezahlt zu tun, weil es nun mal Spaß macht. Das geht in den letzten Jahren Übersetzern so, deren Arbeit in einigen Bereichen (wie Websites und Untertitel) von unbezahlten Freiwilligen übernommen wird, und es geht Fotografen so, die mit allen Flickr-Nutzern konkurrieren, die ihre Bilder mit Lizenzen für kommerzielle Nutzung versehen. Ob die Lösung für dieses Problem lautet, dass man einen Beruf braucht, der weniger Spaß macht, weiß ich nicht. Aber jedenfalls haben Sie mich von einem schlecht durchdachten Zukunftsplan abgebracht; vielen Dank dafür.


Ich war positiv überrascht, dass sich dann doch mehrere Vorträge mit dem Web befassten - und negativ überrascht, wie dringend das nötig war. Ich mache mir Sorgen um Sie. Sie genießen nicht mehr die Vorteile, die man als Reporter vor fünfzehn Jahren genossen haben mag. Sie müssen diese weggefallenen Vorteile doch durch irgendetwas ausgleichen, und Internetkompetenz böte sich da an. Im letzten Vortrag heute erklärte Jens Radü, die Zeit sei auf unserer Seite, und meinte damit, wenn ich ihn richtig verstanden habe, etwa Folgendes: Wir befinden uns in einer Übergangsphase, in der die Werbegelder vom Print in den Onlinebereich wandern, und wenn sie dort angekommen sind, wird es wieder genauso viel Geld wie früher zu verdienen geben. Ich möchte keine Prognose abgeben, aber ich kann diesen Optimismus nicht teilen. Mick Jagger hat kürzlich in einem Interview mit der BBC erklärt , die Rolling Stones hätten anfangs überhaupt nichts an ihren Platten verdient. Und zwar nicht, weil sie noch neu im Geschäft waren, sondern weil niemand Geld von Plattenfirmen bekam. Dann folgte eine kurze Phase zwischen 1970 und 1997, in der viel Geld verdient wurde. Knapp dreißig Jahre lang konnten Musiker mit dem Verkauf von Musikaufnahmen Geld verdienen, und das war’s. Es gibt keine Garantie, dass mit Journalismus demnächst wieder mehr Geld verdient wird, nur weil vor einiger Zeit mehr Geld als heute damit verdient wurde.


Ich stelle mir die Situation beim Reporter-Workshop schwierig für Sie vor. Nicht dass sich in den Gesprächen, die ich hier geführt habe, irgendjemand darüber beklagt hätte, ich rate nur ins Blaue. Aber Sie konkurrieren alle um dieselben wenigen Auftraggeber, die zum Teil auch noch anwesend sind ... Ich weiß nicht, wie Ihr Networking aussieht und habe nichts davon mitbekommen, aber mir scheint es aussichtsreicher, sich hier quer zu vernetzen, als nach oben auf die Festanstellungsposten und gutbezahlten Aufträge zu schielen, von denen es doch nur wenige gibt und in Zukunft eher noch weniger geben wird. Ein praktischer Vorschlag dazu wäre, die Textarbeit, wie sie hier in den Workshops stattgefunden hat, ganzjährig auf der Website stattfinden zu lassen. Wenn ein veröffentlichter Text überhaupt eine Kommentarmöglichkeit anbietet, ist das Signal-Rausch-Verhältnis bei diesen Kommentaren oft so ungünstig, dass man als Autor schnell die Lust verliert, sich damit zu befassen; außerdem kann man am gedruckten Text ja doch nichts mehr ändern, ganz gleich, wie recht der Kommentator haben mag. Im Vergleich dazu wäre es eine sehr luxuriöse Möglichkeit, eigene Texte vor der Veröffentlichung von den hier versammelten Leuten kommentieren und kritisieren zu lassen.


Der Reporter-Workshop scheint mir in einer Übergangszone stattzufinden. Auf der einen Seite steht ein etabliertes System, wie mir erst klar wurde, als ich bei der Begrüßung hörte, wie viele und welche Spender und Stiftungen sich hier beteiligen. (An dieser Stelle warf Cordt Schnibben ein, es gehe um höchst überschaubare Beträge, und ich sagte, im Vergleich zu den Veranstaltungen, auf denen ich sonst so sei, also eher Barcamps, klinge es doch nach viel Geld.) Der zweite Bereich, dem die meisten Teilnehmer anzugehören scheinen, wirkt unklarer und prekärer. In der Biologie passieren in solchen Grenzbereichen immer spannendere Dinge als anderswo – zwischen Wasser und Land, zwischen salzigem und weniger salzigem Wasser, oder in der Ethnologie bei den Übergangsriten. Vielleicht ist die Situation beim Reporterworkshop gerade deshalb produktiv.


Bei Reportagen schätze ich es sehr, wenn sie mich ratlos hinterlassen und der Autor nicht im ersten Satz einen eindeutigen Standpunkt ankündigt, der sich dann bis zum letzten Satz vorhersehbar entfaltet. Auch der Reporter-Workshop lässt mich ratlos zurück, und ich glaube, das ist ein gutes Zeichen. Vielen Dank.

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Kathrin Passig


Kathrin Passig, Jahrgang 1970, lebt als Sachbuchautorin in Berlin. Sie ist Mitbegründerin der Zentralen Intelligenz Agentur und bloggt seit 2005 für die "Riesenmaschine", eine mit dem Grimme Online Award ausgezeichnete Institution zur Verherrlichung von Zukunft und Fortschritt. 2006 gewann sie in Klagenfurt den Ingeborg-Bachmann-Preis. Buchveröffentlichungen: «Lexikon des Unwissens» (Rowohlt Berlin 2007, zusammen mit Aleks Scholz), "Dinge geregelt kriegen - ohne einen Funken Selbstdisziplin" (Rowohlt Berlin 2008, zusammen mit Sascha Lobo), "Verirren - Eine Anleitung für Anfänger und Fortgeschrittene" (Rowohlt Berlin 2010, zusammen mit Aleks Scholz).
Website des Autors
erschienen in:
Reporter-Forum,
am 22.05.2010

 

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