|
Für diese Reportage war der Autor für
den Egon-Erwin-Kisch-Preis 2010 vornominiert.
Klaus Brinkbäumer
Wer
schreiben will, muss leben
Der
amerikanische Schriftsteller David Foster Wallace wird von seinen
Lesern verehrt, von Literaten bewundert. Seine Familie kennt die
Rückseite der Wahrheit: Fast 30 Jahre lang hielt er die Depressionen
aus, dann setzte er die Medikamente ab und erhängte sich.
Von
Klaus Brinkbäumer, DER SPIEGEL, 10.8.2009
Die Stimme
ertragen sie alle nicht, die Hörbücher, die Radioaufnahmen, ganz
breit klingt die Stimme nach Illinois im Mittleren Westen, so klar
ist sie und schüchtern, im einen Moment scharf und im nächsten
verschreckt. Die Agentin muss weinen, sobald sie die Stimme hört,
die Schwester schafft nur fünf Minuten YouTube, sie sieht und hört
den Bruder, dann geht es nicht mehr, dann klickt sie ihn weg.
Die Mutter sagt,
eine seiner Kurzgeschichten habe sie sich neulich angehört, ganz
ruhig vorgetragen, da habe er von einer perfektionistischen Mutter
geschrieben und von einem Sohn, der den Ansprüchen der Mutter nicht
genügte.
Die Mutter weint.
Sie sitzt in einem blauen Lesesessel in Urbana, Illinois, eine zarte
Frau, ganz dünn, schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, die Jacke so blau
wie das Oberhemd des Vaters, ihres Mannes, blau wie die Gardinen
hier, die Kommoden. Die Mutter weint, entschuldigt sich, sagt, dass
sie jeden Morgen durch den Park gehe, wo der Sohn damals Tennis
spielte, "so elegant, so leicht" habe er gespielt, als er
noch ein Junge war, und dass sie jeden Morgen rufe: "Schlaf gut,
mein Baby."
Sie sagt, dass
sie manchmal fest glaube, dass er noch da sei. Ihr Mann sitzt neben
ihr, auch er in seinem blauen Sessel, die Füße hochgelegt, er zeigt
die Hochzeitsfotos, 2004 im Schnee von Illinois, der Sohn im
schwarzweißen Sakko und mit Schlips, nie trug er Schlips, nur für
Karen, und lachend, wie selten.
An seiner Seite
die Künstlerin, Karen, auf die er stolz war, weil er endlich ein
richtiger Ehemann sein wollte, so richtig, dass er Freunde fragte,
wie das gehe, Ehemann sein, und sich Notizen machte. Karen ist die
Einzige, die nicht besucht werden wollte auf dieser Reise in das
Leben des David Foster Wallace, sie schrieb zurück: "Es ist
immer noch schwer für mich, über David zu reden, über seine Arbeit
und die Erinnerungen, und manchmal glaube ich noch nicht, dass er
fort ist."
Es ist ein
knappes Jahr vergangen seit dem 12. September 2008. Amy, die
Schwester, hatte zu ihm fahren wollen, sie sagt, sie habe es in den
Wochen zuvor geahnt, sie war seine erste Leserin, sie kannte ihn, und
nein, "geahnt" sei das falsche Wort, sagt sie, "ich
habe es gewusst, und er wusste, warum er mich nicht mehr in seiner
Nähe haben wollte".
Ein Jahr ist
vergangen, seit Karen ihn fand, Ehefrau, Künstlerin, die David
Foster Wallace seit Monaten kaum allein gelassen hatte, seit der
Überdosis vom Juni gar nicht mehr, die am 12. September 2008 kurz zu
einer Vernissage fuhr, für 90 Minuten, weil er gesagt hatte, es geht
mir gut, fahr nur, Schatz, denn er wusste, dass dies seine Chance
war, und sie verstand es zu spät - Karen, die zurückeilte, die ihn
sah und die Polizei rief und dann bis zum nächsten Morgen wartete,
um die anderen im ersten Kreis zu schonen.
Um den
Schriftsteller David Foster Wallace zogen sich zwei Kreise, 20 Jahre
lang. Im zweiten, im äußeren, waren seine Leser, Jünger, die auf
Web-Seiten jeden Satz des Autors diskutierten, die aussehen wollten
wie er, Stiefel, Sweatshirt, Bart, lange Haare, Kopftuch; Wallace
hatte etwas Messianisches für seine Leser, weil sein Thema das Leben
und das Leiden in und an der modernen Welt waren, die "Unmöglichkeit,
diese Welt ohne Drogen zu ertragen, welche die Welt aber zum Alptraum
machen", wie sein deutscher Verleger sagt.
Den Jüngern
schien es, als habe er die Qualen des Westens mit all dem Überfluss,
dem Zynismus und der Langeweile stellvertretend erlitten und
sensibler wahrgenommen, dann schärfer durchdacht und am Ende
lustiger beschrieben als jeder andere. Darum versammelten sich auch
Schriftsteller im äußeren Kreis, Don DeLillo oder Jonathan
Frantzen, große Literaten, die glauben, dass Wallace ein Genie war,
der Beste.
"Da waren
Sätze, die Energiestöße in sieben Richtungen feuerten", das
schreibt Don DeLillo. Dass Wallace ein "writers' writer"
war, liegt an seinen Essays, die die Kunst des Schreibens lehren, da
sie mit neuen Wörtern, neuen Konstruktionen von Absatz zu Absatz
gleiten bis zu einem Ende, mit dem kein Mensch gerechnet hat. Er
schrieb für "Gourmet" über das "Maine Lobster
Festival" und schockierte die Chefredaktion, weil er
neurologisch ergründete, was der Hummer fühlt, wenn er versucht,
aus dem Topf zu klettern. Sein amerikanischer Ruhm aber gründet auf
einem Roman, "Infinite Jest", 1996 erschienen, wüst,
utopisch, verwegen, dunkel wie "Der Zauberberg", nur
komischer.
Das Problem
dieses Amerikas ist das Zuviel. Zu viel Vergnügen, zu viel Spaß, zu
viel Konsum und viel zu viele Möglichkeiten. Tragisch. Aber wie
tragisch ist das wirklich, wenn Menschen durch zu viel Freude
stürzen? Nun, nach sechs Jahren, die der Übersetzer brauchte, ist
der Text auf dem Weg von der Druckerei in die deutschen Buchläden,
das große Buch des Herbstes, schon jetzt*.
Im ersten, dem
inneren Kreis, der Wallace umschloss, ging es um eine andere Welt,
und alle, die dort aufgenommen wurden, waren zum Schweigen
verpflichtet. Im inneren Kreis versuchten sie einem Kranken zu
helfen, sie versuchten, mindestens drei Selbstmordversuche zu
vertuschen und neue zu verhindern, sie versuchten, das Geheimnis oder
die Rückseite der Wahrheit zu wahren, und es gelang ziemlich gut,
über 20 Jahre lang.
Alle, bis auf
Karen, die Ehefrau, waren jetzt, ein Jahr danach, bereit, über das
Zentrum der Kreise zu reden: David Foster Wallace, mit 46 Jahren
gestorben am 12. September 2008 in der Garage eines beigefarbenen
Bungalows in der Oak Hollow Road von Claremont, Kalifornien.
Er hatte nichts
mehr sortiert, sein letzter Roman "The Pale King", ein
Fragment über die Wiederholungen des Lebens und die Steuerbehörde
IRS, lag in Schubladen. Er hatte eine Notiz für Karen geschrieben,
eine Entschuldigung, da er wusste, dass sie ihn finden würde. Er
nahm einen Strick, es gab einen Balken, er erhängte sich in dieser
Garage, in der er geschrieben oder es versucht hatte bis zuletzt. Es
war das Ende, das er gewählt hatte, und das könnte der Trost für
alle sein. Aber es tröstet sie nicht, er war nicht mehr David, sonst
hätte er es nicht getan. So nicht. Er hätte das Karen nicht
angetan, glauben sie.
Am nächsten
Morgen rief Karen Davids Eltern in Urbana an, und die Mutter rief
Amy, Tochter und Schwester, in Tucson an, "gestern ist David
gestorben", sagte die Mutter, und Amy dachte, das klinge so
friedlich, und sie dachte: "David kann niemals so einen Knoten
knoten."
Und der Vater
sagt, dass der Sohn doch handwerklich so ungeschickt gewesen sei.
Einmal, weißt du noch, beide Eltern lachen jetzt, ihr Lachen ist ein
Geschenk nach zwei Stunden Tränen, einmal hatte David in vier Wochen
vier platte Autoreifen. "Wie bekomme ich das Rad vom Auto
runter?", fragte er am Telefon. "Du musst die Schrauben
gegen den Uhrzeigersinn drehen", sagte der Vater. Stille. Dann:
"Ich habe meine Uhr nicht dabei, Papa."
Es ist eine
wundersame Reise ins David-Foster-Wallace-Land.
Es begann, als
er 17 Jahre alt war
Ein weißes Haus,
Montclair Road, Urbana, von Chicago drei Stunden nach Süden. Seit
über 40 Jahren lebt die Familie Wallace hier, James lehrt
Philosophie an der University of Illinois, Sally war
Englischlehrerin. Grammatik, Genauigkeit, das ist die Spezialität
der Mutter, am Küchentisch lasen sie "Moby-Dick". Sie
erfanden Wörter: "twinger" waren alle Dinge, für die es
kein Wort gab, bis auf jenes Zeug, das abends an Kinderfüßen
klebte, Sand, Staub, die Fussel, denn das hieß "greebles".
David las Wörterbücher, er sammelte seltene Begriffe und schrieb
sie auf.
Und er ärgerte
die Schwester. Als sie in der Pubertät dick wurde, presste er sich
an die Wand und tat, als wäre kein Platz für zwei im Raum. Die
Eltern überzeugte er, dass sie keinen Babysitter mehr brauchten,
also bekamen Amy und David je 50 Cent, um aufeinander aufzupassen,
und sobald die Eltern fort waren, jagte David die Kleine durchs Haus,
bis sie sich oben im Bad einschloss. Über ihre Poster von Andy Gibb
lachte er, der Pink-Floyd-Fan.
In seinem Zimmer:
"Frankenstein"-Poster. Die Mutter setzte sich abends für
zehn Minuten an Davids Bett, "talk time" wie bei "Peter
Pan", wo es ja die Aufgabe einer Mutter ist, die wirren Gedanken
der Kinder zu sortieren.
Eine normale
Kindheit? Eher mehr: mehr Bildung, mehr Fürsorge, mehr Reisen auch,
Paris, wo David stundenlang nach echter Coca-Cola suchte, dann
London, Maine, Arkansas. Auch mehr Druck?
"Nicht von
uns", sagt James leise.
"Nein",
so sagt es die Tochter, "es gab Regeln, Abendessen um 17.45 Uhr,
Vater kommt ja aus einer Militärfamilie. Aber sie waren liebevoll,
sie nahmen uns ernst."
Tennis lernte
David im Park, ein Hochbegabter, schnell Auswahlspieler, und wenn die
Eltern den Ball über den Zaun kloppten, sagte der Sohn, ihr Trainer:
"Das ist Tennis, nicht Baseball."
Natürlich sucht
man bei solch einem Besuch nach Abgründen, nach Gründen, aber da
sitzen zwei Trauernde, kluge Eltern, die ihr Kind beerdigen mussten.
Sally weint, James lächelt ihr liebevoll zu. Und sie sagen, dass sie
David niemals zu etwas drängen mussten, Hausarbeiten hatte er immer
am ersten Tag fertig, A+, immer die Bestnote. Auf Campingausflügen
wollte er wissen, was Poesie ist, und dann Joyce lesen.
Vater und Tochter
zerstritten sich einst, als der Vater so dahinsagte: "Es muss
hart sein, einen Bruder zu haben, der so smart ist wie David."
Heute sagt er: "Amy war gekränkt, klar. Aber ich meinte es
anders: Ich meinte, dass David nun mal außerhalb jeder Rangliste
war, ich konnte mich ja auch nicht mit ihm messen, niemand konnte
das, so schnell und schlau war er."
Es begann, als er
17 Jahre alt war.
Es war der
Geburtstag der Schwester. Die Familie wollte essen gehen, der Vater
ging David holen, der oben im Bett lag, schwitzend, zitternd, und
sagte: "Ich komme nicht mit." Was war denn das,
Depressionen? Die Eltern wussten es nicht, das Wort war noch nicht
modern. "Eine biochemische Veränderung im Gehirn", sagt
die Mutter. "Man kann einem Depressiven die Depression nicht
ausreden, das habe ich gelernt", sagt der Vater.
David verstummte.
Er schloss sich ein, er ging nur noch mit Tennisschläger und
Handtuch hinaus, weil er nach Sport aussehen wollte, wenn der Schweiß
kam. Als er Tabletten genommen hatte, als sein Vater einer Freundin
von dem versuchten Suizid erzählte, drohte David mit dem Abbruch der
Beziehungen.
James Wallace:
"Er nahm ja viele Drogen."
Sally Wallace: "O
ja. Er liebte Marihuana."
James Wallace: "O
ja. Ich bin ja in den fünfziger Jahren aufgewachsen, ich kannte das
doch alles nicht."
Als er aufs
College gehen wollte, sagte David: "Ich will doch nicht. Darf
ich hierbleiben?" Er ging dann, aber zweimal nahm er
Urlaubssemester und legte sich ins Bett. 1988: Die Elektroschocks
schienen zu helfen. Ärzte verschrieben Nardil, ein Antidepressivum
mit vielen Nebenwirkungen, nicht gut für den Kreislauf, nicht gut
für den Magen, und David Foster Wallace schrieb darüber. Er hatte
erlebt, worüber er schrieb, und durchdachte, was er erlebt hatte, er
schrieb dann auch über diese Gedanken. Diese Mischung aus Nähe und
Reflexion macht seine Texte so obsessiv und prägnant, doch
ungeschützt war der Autor. "Es scheint, als liege der
Unterschied zwischen echter Kunst und La-La-Kunst in der Bereitschaft
zu sterben, um den Leser zu rühren", schrieb er.
Wallace,
Fußnotenfetischist und Liebhaber von Sätzen mit zwei- bis
vierhundert Wörtern, schrieb auch, er könne beurteilen, wie
Antidepressiva wirken. "Sie sind prima, wirklich", aber
eben "prima in dem gleichen Sinne, wie es prima wäre, auf einem
anderen warmen und komfortablen Planeten mit Essen und frischem
Wasser" zu leben: "Es wäre prima, aber es wäre nicht die
gute alte Erde." Er schrieb, dass in den letzten
Highschool-Jahren die Halluzinationen begonnen hätten, "ich
dachte, dass sich da eine riesige Wunde in meinem Gesicht geöffnet
hätte, auf meiner Wange gleich neben meiner Nase".
Diese Sätze
stammen aus einer Kurzgeschichte, sind Fiktion, aber "er wusste,
worüber er schrieb", sagt Amy, die Schwester. Sie hat Pasta
bestellt in einem Restaurant in Tucson in Arizona, "Fettuccine
Tutto Bene", und rührt sie nicht an. Amy ist
Pflichtverteidigerin hier in der Wüste, manchmal hört sie im Schlaf
Davids Stimme, nicht oft. "Ich hätte gedacht, David wäre ein
besserer Geist", sagt sie.
Amy war seine
erste Leserin in all den Jahren. Fünf Fassungen schrieb er von jedem
Text, drei per Hand, die Buchstaben klein und wie gedruckt, zwei am
Computer, dann bekam Amy das Manuskript. "Infinite Jest"
las sie im Garten, David bezahlte sie, weil sie ein freies
Redigierbüro aufgemacht hatte. Es lief nicht gut. Er war der einzige
Kunde.
Engste Vertraute
seit dem Moment, als beide aufs College gingen, so beschreibt sie das
Verhältnis. "Im Nachhinein ist es ein Jammer, wie viel Zeit wir
vorher vergeudet haben", sagt sie.
In zwei
Verfassungen erlebte sie den Bruder, den Studenten. Entweder
arbeitete er manisch, oder er trank. Einmal lag er in seinem Zimmer,
hörte, dass seine Schwester als Eisverkäuferin Geld verdiente, dann
fragte er: "Wie machst du das? Wie verlässt man das Haus? Wie
spricht man mit Menschen?" Depressionen haben mit einem
gestörten Neurotransmitterhaushalt im Gehirn zu tun, was zu
gestörten Gefühlen führt, heute ist es bekannt, Allgemeinbildung.
"Damals waren wir so hilflos", sagt Amy. Sie waren daheim
zu Besuch, in Urbana, Amy musste zurück zum College. Er bat sie,
nicht zu fahren, sie fuhr, am nächsten Morgen hörte sie, dass er
wieder versucht hatte, sich zu töten.
"Ich war so
wütend", sagt Amy. Sie weint. Schiebt die Nudeln weg. Amy
Wallace Havens hat rote Haare, blaue Augen, trägt Jeans und T-Shirt,
eine schöne Frau. "Er versprach, es nicht wieder zu tun. Er
meinte das ernst."
Bonnie Nadell,
seine Agentin, saß im Auto auf dem Weg zum Strand, als sie es
erfuhr, im September 2008. Die Kinder spielten hinter ihr. Ein
bisschen gelangweilt, vor einer Ampel, schaltete die Agentin ihr
Mobiltelefon ein, vier Nachrichten von Davids Ehefrau, warum nur,
dann der Rückruf, dann stieg sie aus und schrie.
Vor 23 Jahren
hatte Bonnie Nadell gerade angefangen als Literaturagentin in San
Francisco, als ein Manuskript in der Post lag, ein Roman, "Der
Besen im System". Es ging um eine Frau, die Angst hatte, nur als
Figur in einer Geschichte zu existieren. Es war ein
leidenschaftlicher Text, anders als das, was die eisigen
Literaturstars jener Jahre schrieben, Jay McInerney oder Bret Easton
Ellis. So fiebrig. Maximalistisch.
Bonnie Nadell,
braune Haare, immer grinsend, blickt auf Los Angeles hinab aus ihrem
Büro. Sie sagt, sie habe versucht, Wallace auszureden, den Text
mitten im Satz zu beenden, "du bist nicht Kafka", er habe
darauf bestanden, mehr war nicht zu korrigieren. Sie verkaufte das
Werk für 20.000 Dollar an Gerry Howard von Viking Press und dachte,
der Beruf ist ja einfach.
Es wurde
anstrengend. Absagen und lügen musste Bonnie Nadell für den neuen
Klienten, weil Wallace nicht reisen konnte. "In New York musste
er sich vor einer Lesung mal übergeben vor Angst", sagt Gerry
Howard in Manhattan, ein grauhaariger Herr in kariertem Hemd, "bei
einem Fototermin bekam er eine Panikattacke. Ich sah ihn vier
Bourbons in Minuten kippen, dann verschwand er mit einem Groupie. Es
würde mich nicht wundern, wenn sein IQ bei 190 lag, aber seine
Probleme wurden deutlich."
"Wenn ich
glücklich sein könnte, würde ich dafür das Schreiben aufgeben",
sagte Wallace zu Howard, dann wieder: "Schreiben möchte ich
mehr als alles andere."
Er war
schüchtern, und am Anfang konnte er Fehler nur mit Scham ertragen,
dann lernte er, dass Humor half, Selbstironie. Dann kamen die
Mädchen.
"O ja",
sagt die Mutter. "Viele Mädchen, glaub ich", sagt der
Vater.
Manche kamen nach
Lesungen mit ins Auto, David nannte sie die "Bimbo-Brigade".
Einer, mit der es ernster war, Gail in Urbana, schenkte David ein
Haus, weil er glaubte, finanziell für sie sorgen zu müssen, wenn es
schon sonst nicht ging.
Mary Karr lernte
David Foster Wallace in einer Klinik kennen, er war auf Entzug, sie
machte ein Praktikum, "das verband uns wie zwei
Vietnam-Veteranen", sagt sie. Mary steht in ihrer Küche in
Manhattan, macht Ingwer-Ananas-Tee, setzt sich auf ein weißes Sofa
vor roher Klinkerwand.
"Er war
ein wahrer Künstler"
Jung sei David
gewesen, sehr förmlich auch. Er sah aus wie ein Fahrradkurier oder
wie ein Gruppensex-Freak, so übermaskulin in seinen Timberlands und
den abgeschnittenen Jeans, Tabak kauend und spuckend, dazu
Fingerhandschuhe, aber er nannte sie "Mrs. Karr". Niemand
redet so im Land der Vornamen, sie fragte: "Are you fucking with
me?", "Willst du mich verarschen?" Dann ging es
schnell, zu schnell: Er verehrte die sieben Jahre Ältere, sie mochte
den witzigen Jungen, der ihrem Sohn erzählte, in seinem Bart wohne
eine Spinne. David ließ sich ihren Namen auf den Arm tätowieren und
wollte heiraten, sie war frisch geschieden und wollte endlichen Spaß,
alle zwei Wochen.
"Er war ein
wahrer Künstler, mit 25 schon. So ernsthaft. Ich habe ihm gesagt,
dass es nicht um Klugheit gehe in der Kunst. Yates war nicht klug,
Rilke war nicht klug, nur klug zu sein ist billig. Es geht um Herz,
um Gefühl." Mary Karr, Dichterin, trägt ein rotes Kleid,
schwarze Haare, "was noch?" Das Ende, Mary?
"Es war
tumultös, ein Desaster. Er überlud mich mit Erwartungen, ich sollte
seine Anna Karenina sein. Er unterschrieb Briefe mit 'Young Werther'.
Das Süßeste, Traurigste an David war, dass er so bedürftig war. Er
brauchte Rückversicherung und Aufmerksamkeit." Mary Karr sagt
dann, dass der Mann mit dem Markennamen DFW "auch eine Menge
Ärger in sich gehabt" habe, er habe einen Rucksack und dann den
Kaffeetisch nach ihr geworfen, auch ihre Mutter habe er angerufen. Er
sei einer dieser Männer gewesen, "die alle fünf Jahre ihr
Leben in die Luft jagen müssen vor Wut, selbstmitleidig,
selbstzerstörerisch. Und wenn du nicht mehr trinkst, keine Mösen
mehr jagst, was bleibt dir dann noch?"
Dies ist das
einzige Thema, bei dem sie sich nicht einig sind im inneren Kreis.
Die anderen sagen, David sei höflich gewesen, bescheiden, demütig
fast, stets in Sorge um andere, und Mary habe Davids Mutter
angerufen, so herum stimme ihre Geschichte. Es klingt so, als sei
Mary Karr, die Ex-Freundin, ausgestoßen aus der Gemeinde.
Denn zum inneren
Kreis zählen die Beschützer, jene Menschen, die glaubten, den Star
in ihrer Mitte vor der Welt und sich selbst hüten zu müssen, die
Eltern, die Agentin, die Schwester, die Ehefrau, ein bester Freund
auch, der in dieser Geschichte keinen Namen haben möchte, und
Michael Pietsch.
Michael Pietsch
nennt die Arbeit mit Wallace "den großen Kick meines
Verlegerlebens, ein einziges Abenteuer". Pietsch, Verleger bei
Little, Brown and Company, trägt blaues Hemd und graue Hose, kurze
braune Haare, er hat ein Büro über Grand Central, Manhattan, rote
Sitzmöbel. 200 Seiten bekam er damals zu lesen, nach 200 Seiten kann
niemand sagen, wohin "Infinite Jest" führen wird, aber
Pietsch bot, bis er es hatte. Für 75 000 Dollar raubte er Gerry
Howard den besten Autor, den beide je drucken durften.
Pietsch und
Wallace trafen sich bei einem Mexikaner auf der Lower East Side, der
Käse war nicht gut, Wallace übergab sich. Er sah jung aus,
kindlich. Pietsch trank Bier, Wallace trank Limonade.
Danach:
Schweigen. E-Mails schrieb Wallace nicht, der auch selten nur
telefonierte und keinen Fernseher hatte. Michael Pietsch wartete an
der Ostküste, Wallace schrieb im Westen. Manchmal schickte der
Verleger dem Autor ein Buch, manchmal lud er ihn in die große Stadt
ein, aber Wallace ertrug New York nicht. Den Klatsch nicht, die Fans
nicht, die Enge nicht und schon gar nicht den Lärm.
Und dann kamen
sie. 3000 Manuskriptseiten. Was sahen Sie, Michael?
"Warten Sie,
ich denke mich zurück." Er holt das Buch, blättert, liest.
"Ich sah einen brillanten Autor, der Charaktere sezierte, die
nicht so brillant waren und eine Menge schlechter Entscheidungen
getroffen hatten, Verlierer, die eine Menge Ärger hatten. Und ich
sah eine enorme Empathie für diese gefallenen Gestalten. Da waren
eine philosophische Tiefe, eine Komödie, eine neue Sprache, da war
diese weltumspannende, imaginative, hochkomische und hochpolitische
Konstruktion."
Natürlich, ein
Verleger wirbt für sein Buch. Aber es ist wahr: "Infinite Jest"
ist der Roman über den Zustand der USA, über den Verlust aller
Ziele in dem Moment, wenn alles erreichbar wird, über Liebe auch,
über Trauer und Sucht. Er beginnt mit einem jungen, kiffenden
Tennisspieler, der in einer Akademie Profi werden soll. Er führt zu
einem Einbrecher, der nicht begreift, dass der gefesselte
Hausbesitzer ihm den Safe gern öffnen würde, denn der Hausbesitzer
spricht nur Französisch und nuschelt auch noch, denn er ist ja
erkältet, und so erstickt der Hausbesitzer am Ende am Knebel. Ein
Bauarbeiter tritt auf und ab, der einen Flaschenzug nutzen will, um
sich das Leben zu erleichtern, aber der Flaschenzug reißt ihn hinauf
und dann in die Tiefe; so geht das bei Wallace mit allem, was das
Leben lebbar machen soll. Dieses Leben zahlloser Chancen führt den
Tennisspieler und viele mehr in den Wahnsinn, in der Heilanstalt
liegt zu Beginn schon eine junge Patientin, nach zwei
Selbstmordversuchen, und sie erzählt von ihrem Gefühl: Angst.
"Ich wollte
mir nicht unbedingt wehtun. Oder mich irgendwie bestrafen. Ich hasse
mich nicht. Ich wollte bloß raus. Ich wollte nicht mehr mitspielen,
das ist alles ... Wehtun hat mir gerade noch gefehlt. Ich wollte mich
bloß einfach nicht mehr so fühlen. Ich glaube ... ich glaubte
nicht, dass dieses Gefühl je weggehen würde. Glaub ich auch jetzt
noch nicht. Lieber fühl ich gar nichts als das hier ... Das Gefühl
ist der Grund, warum ich sterben will. Ich bin hier, weil ich sterben
will ... Deswegen hat man mir Schnürsenkel und Gürtel weggenommen.
Nur das Gefühl nimmt man mir nicht weg, oder?"
Michael Pietsch
wusste damals nichts von den Depressionen seines Autors, er las
Stellen wie diese einfach als dichteste Stellen eines dichten Romans,
Pietsch schlug dennoch Kürzungen vor, 250 Seiten. Es war
spielerisch, Wallace argumentierte und kürzte doch. Als sie fertig
waren, sagte Wallace, er hoffe, der Verlag werde kein Geld verlieren,
"ich lachte und sagte, dass wir ekstatisch seien, aber er
glaubte mir nicht", sagt Pietsch.
Wallace studierte
am Amherst College, in Tucson und an der Harvard University, dort
aber nur ein Semester lang Philosophie; er wollte lieber leben, so
gut er konnte, das ging nur auf dem Land, leben und schreiben, das
war eins. Er lehrte Literatur, zuletzt am Pomona College in
Claremont, er schrieb am "Pale King", er litt am "Pale
King". "Ich glaube, er war seiner alten Tricks überdrüssig
und wusste nicht, was seine neuen Tricks sein könnten", sagte
Karen, seine Ehefrau.
Der Kölner
Verleger Helge Malchow machte sich auf den Weg, um den Autor, den er
verpflichten wollte, in Los Angeles zu treffen. Wallace, sagt
Malchow, sei ja nicht nur moralischer Ankläger der populären
Kultur, sondern er berichte von innen, als Teil dieser Kultur, darum
subversiv. Sie trafen sich am Bahnhof, Wallace kam per Zug mit
Plastiktüte und Parka, "er sah aus, als suchte er ein Plätzchen
für die Nacht", sagt Malchow; sie aßen und sprachen über
Georg Büchner.
Und in Basel
machte sich ein einsamer Mann ans Werk.
Ulrich
Blumenbach, blondierte Haare, dicke Brauen, schwarze Jeans, schwarzes
T-Shirt, trägt Wasser und Espresso hinauf in die Übersetzerstube
mit Rheinblick.
Sechs Jahre für
ein Buch.
52.000 Euro Lohn.
Achtmal hat er
die 1080 Seiten von "Infinite Jest" gelesen, 1552 Seiten
hat die deutsche Ausgabe, "Unendlicher Spaß" ist mehr
geworden als eine Huldigung, werktreu und zugleich eigenwillig, mutig
und angemessen meisterlich.
Blumenbach hat
David Foster Wallace nie getroffen, aber er kennt ihn gut. "Sein
Ziel war ein Hyperrealismus, der aller Facetten des Lebens sprachlich
habhaft werden wollte, es ging ihm um Sinnlichkeit und größtmögliche
Präzision der Weltbeschreibung", sagt Blumenbach. Die Tricks:
"ein Rhythmus durch Satzzeichen, unendlich viele Hypotaxen,
Semikolons, besonders wenn Morde geschildert werden, dann werden die
Satzzeichen zu Atemzeichen, das Ersticken des Opfers überträgt
sich. Und außerdem sind da die kleinen Fehler". "Cagatorically"
heißt es bei Wallace, am Anfang korrigierte Blumenbach so etwas
noch, dann merkte er, dass es Absicht war, weil Wallace' Verlierer so
sprechen mussten. "Ein Exempel konstatieren", so heißt es
bei Blumenbach, schöner könnte es Lothar Matthäus nicht sagen.
Ulrich Blumenbach
wollte Wallace treffen und "mit einem Kniefall" das Werk
überreichen. Er hatte eine Liste mit Fragen, ahnte nichts von der
Verfassung des Autors, "seine Essays waren so hell, so komisch,
sein ständiges Produzieren hat einen falschen Eindruck gemacht".
Es sei wohl so,
sagt er, "dass wir alle vieles abblocken, das macht uns
lebensfähig. Er ließ alle Flutwellen von Alltagselementen bewusst
über sich rollen, um sie dann literarisch bewältigen zu können".
Es gab noch
vergnügte Tage im Leben des DFW, auch in den letzten Jahren. Einmal
reiste er nach Wimbledon, er schrieb über Roger Federer, "Poesie
in Bewegung", verzaubert. DVDs von Federer-Matches schickten ihm
seine Eltern, "das waren Davids Pornos", sagte Karen. Sie
richtete ihm ein Zuhause ein, endlich mehr als nur Matratzen und
Bücher und Tabletten und Werner, der Pitbull. Sie brachte ihn zum
Lachen, über seine Phobien, die Angst vor Haien beim
Strandspaziergang.
Aber es waren
nicht mehr viele gute Tage, und es wurden weniger.
Das Problem, so
schrieb er Freunden, war, dass Nardil, das Antidepressivum, seinen
Blutdruck erhöhte, es schwemmte ihn auf, es veränderte ihn. Er kam
nicht voran mit dem neuen Roman, im Mai 2008 schrieb er das letzte
Wort, er glaubte, dass das Medikament seine Emotionen bremse, nicht
nur die üblen, die es bremsen sollte, sondern auch jene, die er
brauchte, um schreiben zu können. Er konnte mit der Medizin leben,
aber nicht mehr schreiben, und Schreiben war Leben für ihn. "Das,
was die Existenz erträglich macht, entreißt ihr den Sinn", so
sagt es Helge Malchow - der Abgrund postmoderner Existenz?
Im Juni wollten
die Eltern nach Kalifornien fliegen, sie hatten die Tickets schon. Am
Tag vorher rief David an, "hi Mom, this is David", das
sagte er immer. Er hatte zwei Bitten: Sie sollten nicht kommen, und
sie sollten nicht beleidigt sein. Dann nahm er Tabletten und
überlebte.
Im August 2008
musste Karen für eine Woche verreisen, nun flogen die Eltern nach
Kalifornien. Er hatte abgenommen, 30 Kilogramm. Die Mutter kochte,
aber er aß und schlief nicht mehr. David fragte: "Wie macht man
Smalltalk? Wie kauft man ein?" Zum Abschied die Tränen.
Ende August
wollte ihn die Schwester besuchen. "Es ist nicht alles gut",
hatte er am Telefon gesagt, aber sie durfte nicht kommen. "Ich
verzeihe mir nicht, dass ich nicht trotzdem gefahren bin", sagt
sie, "er hatte keine Kraft mehr in sich."
Er hatte Nardil
abgesetzt, der Körper musste sich erholen, vier Wochen brauchte es,
ehe erwiesen war, ob neue Medikamente wirkten, es waren heikle
Phasen. Und nichts wirkte. Die Ärzte rieten ihm, zu Nardil
zurückzukehren, aber was 20 Jahre lang gewirkt hatte, wirkte nicht
mehr. David Foster Wallace lächelte. Die Jünger im äußeren Kreis
ahnten noch immer nichts, die Vertrauten im inneren Kreis dachten, es
gehe ihm besser.
Er wollte keine
Medizin mehr, er musste es riskieren.
Er wollte leben,
dafür musste er schreiben können.
Zurück |
Atlanta, 14.08.2012, 11:31 Uhr:
Dieses Portrait ist ein großes Glück. Von meisterlicher Hand geschrieben, voller Empathie und Fleiß. Vielen Dank
Kommentar hinzufügen