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Lektüre-Tipps von Hilmar Schmundt, SPIEGEL-Redakteur im Ressort Wissenschaft und Erfinder der "Laborberichte“ auf dieser Website.
Reportagen sind ein Stück Leben, gesehen durch ein Temperament, heißt es. Bleibt die Frage: Was am Text ist so wie es ist, weil das Leben so ist, wie es ist? Und was am Text ist eher dem jeweiligen Temperament zu verdanken? Um diese Frage auseinanderzuklamüsern, lohnt es sich manchmal, eine zweite Perspektive zu haben, frei nach dem Motto: Mit der zweiten liest man besser.
Hilmar Schmundt
Joe Simpson: Touching the Void
Zwei Bergsteiger kämpfen ums Überleben in den Anden. Der eine ist schwer verletzt, der andere versucht, ihn zu retten. In einer ausweglosen Situation begeht er den ultimativen Vertrauensbruch: Er muss das Seil durchschneiden, um selbst zu überleben. Der Verletzte stürzt ins Leere, und landet in einer Gletscherspalte. Doch das ist nicht das Ende, sondern der Anfang eines langen Leidensweges, extrem kurzweilig erzählt. Man darf sogar immer mal wieder lachen. Mit britischer Selbstironie beschreibt Joe Simpson, wie er sich aus der Spalte befreit, um danach tagelang in einer verzweifelten Odyssee durch ein Labyrinth aus Eis und brennender Tropensonne zu irren, geplagt von Halluzinationen. Simpson hat Literaturwissenschaft studiert, und das merkt man. Souverän spiegelt er die Ereignisse nicht nur durch sein eigenes Temperament, sondern erzählt kursiv immer wieder parallel die Erlebnisse und Gefühle seines Seilpartners in dessen eigenen Worten. So entsteht eine geniale, psychologisch fesselnde Doppelbelichtung. Die legendäre Geschichte wurde unter demselben Titel als Dokudrama verfilmt, und das Bonusmaterial der DVD erzählt, wie die beiden Bergsteiger, beide schwer traumatisiert, ihre Erlebnisse verarbeitet haben. Und wer den Film kennt, liest auch das Buch noch einmal mit anderen Augen.
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