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Die Reise, die der Reporter Kuno Kruse im Frühjahr 1996 nach Bosnien unternahm, wurde zu einer ständigen Begegnung mit dem Grauen. Skelette am Wegesrand. Leichen, bedeckt von Steinhaufen. Kruse war dabei, als verscharrte Opfer ausgegraben wurden, und er sprach mit Zeugen von Massenmorden. Im Interview mit Nicolas Büchse spricht er über die Schwierigkeit, eine Sprache für das Unaussprechliche zu finden und über die Rolle des Reporters in der Absurdität des Bürgerkrieges.
Herr Kruse, die Reise, die sie für Ihre Reportage „Das Land, in dem die Gräber reden“ im Frühjahr 1996 in Bosnien unternahmen, wurde zu einer ständigen Begegnung mit dem Grauen. In einer Szene beschreiben Sie, wie der Bosnier Mehmed Talic in Leichenbergen nach seinem Freund sucht: „Dort liegt am Straßenrand, merkwürdig verdreht, wie eine weggeworfene Schaufensterpuppe, schon wieder ein Mensch, vom Winter mumifiziert. Nein, sagt Talic nach einem kurzen Blick, das sei doch nicht sein Freund Niko. Der hatte andere Zähne“. Wie ist es, den Schrecken zu beschreiben? Für mich war es in Bosnien überhaupt das erste Mal, dass ich Tote gesehen habe. Das war eine merkwürdige, fast fremde Erfahrung. Ich war betroffen, ich war bewegt. Und ich habe möglicherweise meine eigene Bewegtheit übertragen, indem ich einfach Talic beobachtet habe und beschrieben habe, um auf diese Weise meine eigenen Gefühle nicht beschreiben zu müssen. Denn natürlich: als ich vor den Gräbern stand, war ich von Gefühlen überwältigt. In solch einem Moment geht einem durch den Kopf: Hier sind Menschen erschlagen wurden, die Angst hatten, die leben wollten.
Fiel es Ihnen schwer, Ihre Beobachtungen aufzuschreiben, eine Sprache für das Unaussprechliche zu finden?
Nein, der Text ließ sich leicht schreiben, verlangte nicht viel Kreativität, er ist ja eine Art Augenzeugenbericht. Klar war, dass ich mich als Reporter zurücknehmen wollte, denn die Beobachtungen und Fakten stehen für sich.
Haben Sie den Lesern all den Schrecken, den Sie sahen, zugemutet?
Ja, in aller Nüchternheit. Denn nur in nüchterner Beschreibung kann man dem Schrecken nahe kommen, Gefühle entstehen beim Leser selber.
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