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29.04.17

Laborberichte

Birgit Herden „Kennen wir uns?

Das Gesicht des Chefs gehört zu den Dingen, die sich ein Angestellter unbedingt merken sollte. Das mag wie eine Selbstverständlichkeit klingen, doch es gibt Menschen, die eben das nicht können. Birgit Herden hätte über die neuesten Ergebnisse der Erforschung der Gesichtererkennung einen distanzierten Artikel schreiben können. Sie hätte einen Betroffenen befragen und zitieren können. Sie hätte Gehirnfunktionen erklären können, die die Wahrnehmung und das Wiedererkennen von Gesichtern steuern. Doch sie hat sich entschieden, ihre eigene Geschichte zu erzählen: Wie es eine ganze Weile dauerte, bis sie erkannte, dass andere Menschen das Gesicht des besten Freundes wiedererkennen können, sie jedoch nicht. Wie sie das Internet und Fachliteratur nach Informationen über das Problem durchstöberte. Wie ihre Umwelt auf ihr mitunter merkwürdiges, scheinbar "arrogantes" Verhalten reagierte, wenn sie wieder einmal ihren Chef nicht gegrüßt hatte. Wie sie – unbewusst wie bewusst – Strategien entwickelte, das Problem zu umschiffen. Die Ich-Perspektive hat mich als Leser ihre Lage nachvollziehen lassen. Seitdem erinnere ich mich immer wieder an diesen Text - und als ich Birgit Herden kürzlich wieder einmal begegnete, baute ich in die Begrüßung auch meinen Namen ein. Was ich übrigens ohnehin sehr praktisch finden würde, denn ich kann mir zwar Gesichter, aber keine Namen merken...

Sascha Karberg

Lange Zeit hielten wir unsere Autorin für arrogant, weil sie grußlos an uns vorbeiging. Jetzt wissen wir: Sie kann sich einfach keine Gesichter merken. Damit ist sie nicht allein. Gesichtsblindheit, sagen Forscher, ist erstaunlich weit verbreitet.


Fast ist es zu spät, als ich den Fauxpas bemerke. Beinahe wäre ich achtlos an meinem Chef vorbeigegangen. Dabei hätte ich auf der Hut sein müssen: Die langen Gänge des Verlagsgebäudes sind voll mit Fremden, die einander freundlich grüßen.

Mit dem üblichen Hallo will auch ich vorbei an einem dunkelhaarigen Mittdreißiger, doch irgendwas ist anders. Alter und Statur stimmen - ist das nicht mein neuer Chefredakteur?

Der Mann, mit dem ich mich schon zweimal unterhalten habe? Für den ich gerade Hunderte Bahnkilometer zurückgelegt habe?

So vertraut wie das Blut, das mir ins Gesicht schießt, so routiniert ist das Rettungsmanöver.

Scharf bremsen, stehen bleiben, ein freundliches Lächeln aufsetzen und auf allen Kanälen funken: »Hallo, du Unbekannter, ich kenne dich. Schön, dich wiederzusehen! « Weil ich mir aber doch nicht ganz sicher bin, eile ich schnell weiter zum Konferenzraum.

Kurz darauf eröffnet der nette Mann die Sitzung.

Das Seltsame an dieser Geschichte ist, dass mir 33 Jahre lang nicht in den Sinn gekommen ist, etwas daran könnte nicht normal sein. Verträumt? Vertrottelt? Vielleicht.

Aber ein Schaden im Oberstübchen, eine Schraube locker? Niemals.

(...)


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Birgit Herden


Dr. Birgit Herden, geborene Will, stu- dierte von 1990 bis 1994 Biochemie in Berlin und Israel und promovierte 1998 an der Universität Freiburg. Im selben Jahr gründete sie eine Buchhandlung für Science Fiction und Fantasy in Berlin (www.otherland-berlin.de). Von 2000 bis 2007 arbeitete sie als freie Wissen- schaftsjournalistin, u.a. für die Zeit, die Süddeutsche Zeitung, Technology Review, ZeitWissen und P.M.. Seit 2007 ist Dr. Birgit Herden Wissenschafts- redakteurin bei Vanity Fair.
Dokumente
Kennen wir uns? (pdf)

erschienen in:
ZEIT Wissen,
am 01.06.2006

 

Kommentare

Kris, 25.04.2016, 02:21 Uhr:

Why do I bother calilng up people when I can just read this!

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