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20.09.17

Prämierte Texte

Wolfgang Görl „Von der Familie verstoßen

Mit diesem Text gewann der Autor den Theodor-Wolff-Preis 2005.

Es ist ein Hintereingang, buchstäblich, und wer zu ihm gelangen will, muss ein tristes Areal betreten, halb Parkplatz, halb Lagerstätte. Vorne, an der Front zur Zielstattstraße, hängt im äußersten Winkel des Gebäudes ein Schild, das Aufschluss gibt, auf wessen Gehaltsliste die Menschen stehen, die hier ein- und ausgehen: »Siemens ICN, Information and Communication Network«. An diesem Morgen, neun Uhr, ist wenig zu spüren vom Geist eines Weltkonzerns. Vereinzelt schleichen Personen über den Hof: eine Frau mit Thermoskanne, ein Mann samt Aktentasche. Sie halten den Betriebsausweis an den elektronischen Türöffner und verschwinden hinter der Fassade aus Waschbeton, dunkelbraunen Metallplatten und Glas. Würde man lange genug warten, käme vielleicht Franz Wiese des Wegs. Oder Tobias Sigl. Oder Julia Schmidt. Oder ein anderes Mitglied der Siemens-Familie, das diesen Ort im vertraulichen Gespräch als »Getto«, »Lepra«– oder »Isolierstation« brandmarkt. Aber das bitte nur, wenn kein Vorgesetzter zuhört. »Sonst kriegt man eine Abmahnung«, heißt es.

Überhaupt herrscht hier eine Atmosphäre der Unsicherheit und der Resignation. Die meisten der Menschen, von denen in dieser Geschichte die Rede ist, möchten anonym bleiben. In Wirklichkeit haben sie andere Namen, als die hier zitierten. Sie fühlen sich, sagt Julia Schmidt, »ausgemustert und entsorgt«; mithin genau so, wie es die Aufschrift auf einem der Müllcontainer im Hinterhof verkündet: »Restabfall. Nur für Siemens AG«. Das Gebäude in der Zielstattstraße ist so etwas wie ein Auffanglager für Mitarbeiter, die der Konzern loshaben will. Etwa 100 bis 150 Siemensianer – die Angaben schwanken – sind es, die hier einer Tätigkeit nachgehen, die sie als entwürdigend und sinnlos empfinden. »Hier«, sagt Franz Wiese, »sind diejenigen kaserniert, die sich gewehrt haben. Ohne Kontakt zu den alten Kollegen.« So, wie sie es sehen, sind sie Opfer unternehmerischer Willkür. Aus Sicht der anderen Seite ist ihr Schicksal der bedauerliche, aber unvermeidliche Preis, den die Krise auf dem Telekommunikationsmarkt fordert. Bildlich gesprochen: Damit das Schiff nicht sinkt, musste ein Teil der Mannschaft über Bord gehen.

(...)

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Wolfgang Görl


Wolfgang Görl, geboren am 19. Dezember 1954 in München. Aufgewachsen im Münchner Vorort Gräfelfing, dort Gymnasiast mit starker Tendenz zur Rockmusik. Nach Abitur und Zivildienst Studium der Germanistik und Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Mitarbeit an der philosophischen Fachzeitung Widerspruch. Von 1984 bis 1997 Redakteur des Starnberger Lokalteils der Süddeutschen Zeitung, München. Seitdem Reporter für den Münchner Lokalteil der SZ, für die Seite 3 und andere Ressorts sowie Streiflicht-Autor.
Dokumente
Von der Familie verstoßen (pdf)

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 17.06.2004

 

Kommentare

Jacoby, 25.04.2016, 03:01 Uhr:

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