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21.09.17

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Deike Diening „Gebrüder Schrott

In der Reportage „Gebrüder Schrott? wühlen die vier Ludolf-Brüder in Resten und versuchen, das Beste draus zu machen – zumindest jedenfalls sich ihren Reim darauf. Sie sind Wesensverwandte des Reporters. Dienings Reportage aus dem Westerwald fängt im Tonfall der Bibel an („Kupfer zu Kupfer, Öl zu Öl“) und endet mit dem Wort „normal?.

Zwischen Schöpfungsgeschichte und Tod, in Gestalt eines übriggebliebenen Fußes auf dem Beifahrersitz, wird Schrotts Sammelsurium erzählt, eine Männerwelt voll „Haufenprinzipien?, Einsamkeit und ebenso nützlichen wie bewundernswerten Fertigkeiten; so jener, Benzinmarke und Oktanzahl riechen zu können. Für physische und sonstige Wunden hilft Motorenöl. Das alles ist handfest erzählt, wundersam und schön konkret wie ein Schrottplatz eben. Aber nie ist das Grundmotiv der ersten Sätze vergessen: dass Reste auf das Ganze verweisen, und sich noch aus Ruinen die Größe des Entwurfs ablesen lässt.

Manchmal rufen Leute an, deren Lebensteile auch nicht mehr zueinander passen wollen. Und manchmal findet man auch jene Sätze zum Hinknieen à la: Peter kocht manchmal, „es muss alles frisch sein“, darauf besteht er. Frisch bedeutet, dass die Konserve noch nicht abgelaufen ist. Solche Sätze werden vielleicht oft gesagt, von einfachen Leuten. Die Reporter-Kunst besteht darin, sie zu hören, sie sorgsam einzupacken und an der richtigen Stelle mit großem Ernst einzusetzen.

Wer in Autowerkstätten recherchiert, sieht die Pirelli-Pin-ups und meistens schreibt man das auch genauso hin. Diening nicht. Sie denkt nach. Dann schreibt sie: An der Wand neben der Hebebühne hängen Bilder von prallen Frauen, die Männer gerne mögen, die Autos gerne mögen. Kann man nicht besser machen.

Alexander Smoltczyk

Sie leben im Westerwald mit Ersatzteilen, nach dem Haufenprinzip. Die vier Ludolfs riechen sogar die Oktanzahl von Benzin. Nun filmt sie das Fernsehen – und sie schreiben Autogrammkarten.

Kurz bevor alles auseinander fällt, kurz vor der endgültigen Auflösung der blechernen Schöpfung des Menschen – Kupfer zu Kupfer, Öl zu Öl – treten die Ludolfs auf den Plan. Vier Brüder am Endpunkt der Industrialisierung, vier Männer mit einer Autoverwertung. Sie fügen die Schöpfung von Hand wieder zusammen, immer im guten Glauben, dass zu allen, auch den kleinsten und rostigsten Teilen unter ihnen, ein Ganzes existieren muss. Denn irgendwo, so ist das in der industrialisierten Welt, muss es ein Modell geben, das dem ersten entspricht. Irgendwo gibt es einen Typ, der baugleich ist.

Vor etwa 50 Jahren warf Marianne Ludolf vier Söhne in die Welt, die das Autoschrauben und das Idiom des Ruhrpotts lernten. Sie gab dem ersten Bruder den Namen Uwe, dem zweiten den Namen Günter, den dritten nannte sie Peter und den jüngsten „Manni“ Manfred.

Heute schreiben sie ihre Namen auf Autogrammkarten des frei zu empfangenden Männer-Senders DMAX, der sie in einer Doku-Soap jeden Mittwochabend als bizarres Kuriosum verkauft, denn solche wie sie kann man in der Republik kein zweites Mal finden. Weil sie in ihrer eigenen Welt leben, im kleinen Dernbach im Westerwald. Weil sie unverwundbar scheinen in dieser Welt, selbst durch die Belagerung des Fernsehens. Das Produktionsteam hat das Haus gegenüber gemietet und ihre Halle verkabelt, wochenweise drehen sie Folgen ihres Alltags. Sie müssen nur die Kamera einschalten. Was die Sache unwiderstehlich macht: diese seltsamen, menschenfreundlichen Trolle – Manni und Peter leben direkt im Haus, quasi zusammen mit den Autoteilen – sind in der Sache nicht zu schlagen. Sie finden alles. Sie erkennen Motorschäden am Geräusch und Benzinsorten am Geruch.

Ein türkisfarbenes Gebäude in Dernbach, die Treppe hinauf rechts liegt die Wohnung und links die Halle, das Universum aus Gummi und Blech. „Wir sind die einzige Autoverwertung in Deutschland, die zur Inventur nicht alles durchzählen muss“, sagt Peter. Sie dürfen schätzen. Und es leuchtet sofort ein, warum selbst die Beamten eingesehen haben, dass Zählen hoffnungslos wäre.

Bis zur Unkenntlichkeit entbeinte Autos liegen in Themengruppen herum. Sie bilden sich verjüngende Haufen, die Vergaser verstehen sich gut mit ihresgleichen, die Anlasser, die Scheibenwischer, die Motorhauben, sogar die stinkenden Wunderbäume aus den Wagen haben eine Ecke bekommen, wo sie einträchtig nebeneinander hängen. Mehrere Millionen Teile werden es wohl sein.

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Deike Diening


Deike Diening, Jahrgang 1974, studierte Publizistik, Anglistik und BWL in Berlin. Sie arbeitet als Reporterin beim Berliner „Tagesspiegel?.
Dokumente
Gebrüder Schrott (pdf)

erschienen in:
Der Tagesspiegel,
am 06.09.2007

 

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