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Prämierte Texte

Waltraud Schwab „Schön ist das nicht

Mit diesem Text gewann Waltraud Schwab den Theodor-Wolff-Preis 2005.

Klaus Dehne ist einer, den sich die jungen Leute in der Berliner Koloniestraße nicht freiwillig zum Freund machen. Zum Gegner allerdings wollen sie ihn auch nicht. Langsam schlendern sie auf ihn zu, wenn er sie ruft. »Was treibt ihr?« – »Nichts«, antworten sie und weichen seinen eisblauen Augen aus. In den Hauseingängen rumhängen, auf dem Bolzplatz die Wut rauslassen, eine Bierdose die Straße hochkicken, ein paar Mädchen ohne Kopftuch »Schlampen« hinterherbrüllen – was soll das schon sein? »Hausaufgaben gemacht?«, fragt Dehne. »Nee«, antworten sie. »Kommt ihr vorbei und zeigt’s mir?« – »Später.« – »Wann?«, will der Hausmeister des Wohnblocks, in dem sie leben, wissen.

Dehnes Fragen sind kurz. Und selbst, wenn einer »Alter, fick dich« antwortet, bleibt er am Ball. »Hast du keine andere Sprache?« Auf so was sind die Jugendlichen im Soldiner Kiez nicht vorbereitet. Ihre Sätze funktionieren doch gut. Um abzulenken, fängt einer aus der Truppe an, auf seinen Kumpel einzuboxen. Alles noch Spiel. »Chalas, wenn ich mit euch spreche«, sagt Dehne. Chalas, lass das – arabischer Grundwortschatz Dehnes. Französisch, Serbokroatisch und etwas Türkisch spreche er auch.

Schon 13 Jahre ist Dehne Hausmeister in der Koloniestraße 22/22a. Dort leben 278 Menschen: Türken, Polen, Griechen, Italiener, Thais, Russlanddeutsche. »Echtes Multikulti«, meint er. Darunter sind 48 Schulpflichtige, von denen statistisch gesehen ein Viertel die Schule abbrechen werden. Außerdem, sagt Dehne, leben 26 »Alete-Rocker« im Haus. Ein in den Siebzigerjahren hochgezogener Bau mit zwei Innenhöfen ist es. Im feuchten Berliner Winter ist Dehne im Keller anzutreffen, um neuer Überschwemmungen Herr zu werden. Er hat Maschinenbautechnik gelernt. Heute nützen ihm seine Kenntnisse, um fehlende Fundamentisolierungen im Hochhaus zu überbrücken. »Nicht Hausmeister, Facility-Manager bin ich«, sagt der 61-Jährige.

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Waltraud Schwab


Waltraud Schwab,Jg. 1956, Studium der Theaterwissenschaft, Soziologie und Amerikanistik in Berlin sowie »Fine Arts and Critical Studies« in London. Von 1986 bis 1989 als DAAD-Lektorin in London. Danach in Berlin im Bereich Erwachsenenbildung tätig. Journalistische Veröffentlichungen in der taz, der Wochenzeitung Freitag und anderen Publikationen. Von 1998 bis 2002 als freie Journalistin, unter anderem bei den Berliner Seiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, bei F.A.Z.net sowie bei der Frankfurter Rundschau. Seit 2002 Berlin-Reporterin bei der taz – die tageszeitung. 2005 Theodor-Wolff-Preisträgerin. Im Berliner Jaron-Verlag liegt unter dem Titel »Berlin ist eine Frau« eine Sammlung von Reportagen und Porträts vor.
Dokumente
"Schön ist das nicht" (pdf)

erschienen in:
die tageszeitung (taz),
am 25.02.2004

 

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