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Prämierte Texte

Stefan Ulrich „Ein Schiff mit Kurs Gerechtigkeit

Mit diesem Text gewann Stefan Ulrich den Theodor-Wolff-Preis 2003.

Wenn Stefan Wäspi all das Elend für ein, zwei Stunden hinter sich lassen will, dann fährt er an den Strand. Dort läuft der Schweizer Staatsanwalt jenen schmalen, feuchten Streifen zwischen Meer und Land entlang, wo der Fuß beim Joggen weder von Wellen erfasst wird noch im trockenen Sand versinkt. Zur Linken blickt er auf die Dünen von Den Haag, zur Rechten auf die See. Der Rhythmus von Schritt, Atem und Herzschlag lässt die Stimmen vom Balkan verstummen. Und jenes steinerne Schiff mitten in Den Haag, auf dem der Jurist seine Arbeitstage verbringt, verschwindet vor seinem inneren Horizont.

Ein Geisterschiff: Der spitze Bug teilt die Eisenhouwerlaan und die Johann de Witt Laan im Kongressviertel der holländischen Hauptstadt. Ein hoher, massiver Eisenzaun umgürtet den ockergelben, lang gestreckten Ziegelbau wie eine Reling, und hinten, am breiten, stumpfen Heck trennt eine steinerne Balustrade ein Freideck ab. Darüber recken sich, steuer- und backbords, zwei turmartige Aufbauten, die an Kriegsschiffe erinnern. Bis tief in die Haager Nächte hinein leuchten in den Büros die Computerschirme. Hunderte von Männern und Frauen arbeiten hier, am Internationalen Jugoslawien-Tribunal, abgeschirmt von der Stadt und ihren Menschen unter der blassblauen Flagge der Vereinten Nationen. Sie wirken an dem, was Wäspi "unsere Mission" nennt. Ihr Endziel heißt Gerechtigkeit. Doch bis dorthin ist es eine Fahrt ins Ungewisse - ohne Kompass, ohne Karten und knapp an Treibstoff.

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Stefan Ulrich


Stefan Ulrich, geboren am 19. Oktober 1963 in Starnberg. Nach dem Abitur Studium der Rechtswissenschaften in München und Freiburg. 1993 bis 1994 Zweites Staatsexamen und Promotion zum Presserecht. Erste journalistische Erfahrungen bei der Süddeutschen Zeitung, München, und der Badischen Zeitung, Freiburg. Während seines Volontariats bei der Süddeutschen Zeitung (1994 bis 1996) arbeitete er unter anderem als Gerichtsreporter in München. 1996 Wechsel in die Nachrichtenredaktion der Süddeutschen Zeitung. Während dieser Zeit begann er, über völkerrechtliche und völkerstrafrechtliche Themen zu schreiben, ab 1998 Redakteur im Ressort Außenpolitik, wo er als Blattmacher und Autor arbeitete. Seit August 2005 Korrespondent der Süddeutschen Zeitung in Rom, zuständig für Italien und den Vatikan. Seine Arbeitsschwerpunkte sind: Vereinte Nationen, internationale Beziehungen, Völkerrecht, internationale Gerichte, Europäische Union und Italien.
Dokumente
Ein Schiff mit Kurs Gerechtigkeit (pdf)

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 06.08.2002

 

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