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Prämierte Texte

Christoph Wöhrle „Doktor Fastfood und Mister Dschihad

Mit diesem Text gewann Christoph Wöhrle den Theodor-Wolff-Preis 2007.

Amerika weht durch die Glogauer Straße. Fritten und Bratfett – Kreuzberg mal anders. Heute bedient der Chef persönlich bei »American Easyfood«. Erisen Tufan legt behutsam ein rundes Stück Rind auf den Grill. Der 27-jährige Türke hat aus seiner Passion für die Staaten einen Beruf gemacht: Hier isst man wie in Übersee. Tufan ist klein, feist, frohsinnig. »Immer nur Döner – das ist langweilig. Ich habe hier eine Marktlücke entdeckt. Amerika heißt für mich Freiheit und Lebenslust.«

Der Kontrapunkt zu Tufans Laden liegt ein paar Häuser weiter: ein orientalisches Café an der Sonnenallee. In Neukölln-Nord hat die Hälfte der Bevölkerung einen Migrationshintergrund; die meisten sind Muslime. Jeder vierte Einwohner bekommt Geld vom Staat. Dicke Rauchschwaden wabern durch den Raum. »Amerikaner sind Verbrecher«, sagt Yasser, der Mitarbeiter. Er ist 35 Jahre alt und Palästinenser. Er holt einen Klumpen Kirschtabak aus einem Schraubglas, knetet ihn und drückt ihn in einen Pfeifenkopf. Yasser trägt Bart. »Unsere Feinde sind sie – genau wie die Israelis«, sagt er.

Erisen Tufan wendet das Fleisch. »Bei mir bekommen sie 180-Gramm-Burger. Genau wie in den Staaten«, sagt er. Wem das nicht reicht, für den gibt es den Double-Meat-Burger mit Doppel-Käse für 3,49 Euro oder die extradicke Cheesy-Pizza Manhattan. Oder doch lieber Muffins und Brownies? Sogar eine Bestellung per Internet ist möglich. Tufans Freunde haben ihn für verrückt erklärt, als er den Laden vor drei Jahren umgestaltete und den Döner-Grill hinauswarf. Er nimmt das Fleisch vom Grill und legt es auf die untere Brötchenhälfte, nachdem er sie mit seiner Spezialsoße bestrichen hat. Darauf kommen Gurken und Salat, eine Scheibe Chester.

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Christoph Wöhrle


Christoph Wöhrle, geboren am 30. Mai 1979 in St. Georgen (Schwarzwald). Nach Abitur und Zivildienst im Jahre 2001 Mitarbeit bei einem Straßenkinderprojekt in Bolivien. Seit 2001 Studium der Neueren Deutschen Literatur, Politischen Wissenschaften und Soziologie an der Humboldt-Universität Berlin und in Brasilien. Erste journalistische Erfahrungen als freier Mitarbeiter im Lokalteil des Südkurier, St. Georgen. Danach als freier Mitarbeiter für diverse Publikationen tätig, u.a. für die Magazine Stern, Spiegel, Park Avenue, Neon, Playboy, Maxim und für die Berliner Zeitungen Die Welt (Reportage) und Berliner Morgenpost. Seit April 2007 Mitglied der 22. Ausbildungsredaktion der Berliner Journalistenschule.
Dokumente
Doktor Fastfood und Mister Dschihad (pdf)

erschienen in:
Berliner Morgenpost,
am 10.09.2006

 

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