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Roland Schulz „Das verlorene Meer

"Auf dem Plaza Avaroa standen stramm fünf Seekadetten, starr vor Stolz." Am "día del mar", dem höchsten Feiertag Boliviens, im "Meeresmonat" März. Einen der Kadetten der bolivianischen Kriegsmarine hat Roland Schulz später getroffen und ihn zum Helden seiner Geschichte gemacht – die Geschichte einer Marine, der das Meer abhanden kam.

Der Text klingt bisweilen pathetisch, vielleicht sogar unzeitgemäß, aber gerade diese Sprache macht ihn so imposant – Beispiel: "Die Urne kam mit klingendem Spiel." Und: "Das Gefühl sprang Diego Bonillo an wie ein Tier." Es ist eine Reportage, die im Präteritum beginnt und mit einer Hymne, einem Schlachtgesang endet. Das ist mutig.

Das Thema, die Kriegsmarine eines Binnenstaataes, lädt ein zu Hohn und Spott. Doch Roland Schulz verhöhnt nicht, sondern überhöht, indem er die ernste Würde seiner Figuren in dem Text nachbildet. Dieses Pathos, dieser hohe Ton, dieser Willen zur Form: Nicht jeder wird das mögen. Mir gefällt es. Gerade weil Roland Schulz sich große Gesten traut, habe ich seinen Text mit allergrößtem Vergnügen gelesen.

Ariel Hauptmeier

Jedes Jahr am 23. März trauert Bolivien um die Küste, die es einst besaß, und schwört, an den Pazifik zurückzukehren. Bis dahin übt die Marine des Binnenstaates auf dem Titicacasee.

Als er die Asche des toten Helden nahen hörte, prüfte Diego Bonillo Salazar sich und seine Uniform ein letztes Mal, hob sein Gewehr und verbannte jedes Gefühl, so wie er es gelernt hatte. Es fiel ihm schwer. Fahnen flatterten von den Straßenlaternen und warfen springende Schatten, überall flackerte das Licht von Kerzen in der Nacht, es war Unruhe in der Menge, schon jetzt. Die Urne kam mit klingendem Spiel. Von Norden her drang das Dröhnen der Trommeln aus der Dunkelheit, Trompeten waren zu hören, Pauken, Hörner, Pfeifen und dazu der stolze Tritt von tausend Stiefeln, die im Gleichschritt auf das Pflaster knallten, es marschierten die ersten beiden Bataillone der „Colorados de Bolivia“, Infanterieregiment No.1, die Leibgarde des Präsidenten. Sie sangen. Diego Bonillo Salazar stand sogleich Habt-Acht. Sie sangen den Marsch des verlorenen Meeres.

Das Gefühl sprang Diego Bonillo an wie ein Tier. Trommelwirbel rollten über den Plaza Eduardo Avaroa im Herzen von La Paz, der größten Stadt Boliviens, schwollen an wie der Donner eines aufziehenden Gewitters, schon kam die Lafette, geleitet von vier Korvettenkapitänen mit blanken Degen, die nun eine bronzene Schatulle herab hoben, über roten Teppich zu Diego Bonilla trugen und ihm die Asche des toten Helden zu Füßen legten, zu Ehre und Wacht. Da war es Diego Bonillo Salazar, Kadett einer Marine ohne Meer, als spüre er Hitze und Kälte zugleich.

„Es ist ein Gefühl“, sagt Diego Bonillo, doch schweigt dann, nach Worten suchend. „Ein Gefühl“, sagt er schließlich, „von Trauer und Glück.“ Und sicher sei er, dass alle Kameraden der Armada Boliviana da eins seien, mögen sie am Tag der Tage auf den Flüssen des Amazonasbeckens Dienst tun oder auf denen des Hochlands, am Titicacasee oder auch an der Seite der Asche des Helden Eduardo Avaroa – am „día del mar“, dem Tag des Meeres, fühlten alle Seemänner Boliviens den gleichen Zwiespalt. Die Trauer um das verlorene Meer, im Krieg geraubt vor grauer Zeit, gegen Chile wars, 1879, seitdem ist Bolivien Binnenstaat. Aber auch das Glück über Stärke und Stolz der Bolivianer, die heute noch dem Meer gedenken, im 127. Jahr des Verlustes, und an jedem 23. März vor sich und der Welt ihren Willen bekräftigen, zum Pazifik zurückzukehren. „Was einmal unser war, wird eines Tages wieder unser sein“, spricht trotzig Diego Bonillo Salazar, Kadett zur See an der Marinekriegsschule zu La Paz, 3663 Meter über dem Meer, 310 Kilometer bis zur nächsten Küste. Er zählt zu den Alten dort, weil er, 22 Jahre alt, im letzten Jahr der Schufterei steht, die aus Jungen von Stadt und Land Offiziere zur See machen soll. Und weil er das Meer schon einmal sah.

Der gesamte Text von Roland Schulz kann über "Download" rechts heruntergeladen werden.

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Roland Schulz


Roland Schulz, geboren 1976. Im Rahmen seiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München studierte er Kommunikationswissenschaft, Geschichte und Politische Wissenschaft. Er lebt in München. Er arbeitet für „Geo“.
Dokumente
Das verlorene Meer (pdf)

erschienen in:
mare,
am 01.03.2007

 

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