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30.05.17

Prämierte Texte

Thomas Delekat „Daddy! I love you

Für diese Reportage erhielt Thomas Delekat den Theodor-Wolff-Preis 2004.

Jossi Mendellevich hörte am Telefon, wie eine Bombe seinen Sohn zerriss. Besuche bei zwei Familien, die ihre Söhne verloren. Am selben Tag, zur selben Zeit - der eine war ein Opfer, der andere der Attentäter.

Jossi steht in Yuvals Zimmer und sieht sich Leichen an. Er betrachtet die Zeitungsfotos vom Linienbus Nummer 37, das Wrack, das Blut und die Porträtgalerie mit allen 18 Opfern, darüber die Schlagzeilen. Es ist heiß, die Zeitungsseiten fächeln beim Blättern ein bisschen Luft durch Yuvals verlassenes Zimmer. Jossi betrachtet die Bilder genau, alles will er wissen. Er schont sich nicht. Erst wenn er alles weiß, überwindet er den Tod. Das glaubt Jossi.

Jossi kann von einem kleinen Foto die Augen nicht lassen, er ist ganz hingerissen davon. Das Bild zeigt ein verrußtes Stück vom Bus und eine Hand. Sie hängt aus einem leeren Fenster, ein Totenzettel dreht sich am Wurzelgelenk. Es ist Yuvals Hand, Jossi weiß es durch die Ärmelbündchen. Yuvals Jacke, Yuvals Hand. Die Hand liegt still, sie hält in einer Geste inne, und zufällig ist es Gottes Fingerzeig, derselbe, den Adam empfängt auf Michelangelos Schöpfungsbild in der Sixtinischen Kapelle. Gottes gestreckter Zeigefinger, Yuvals Hand, genau so. Nur ohne Lebensfunken. An Yuvals Mittelfinger sind zwei Glieder abgerissen. Blut tropft aus dem Stumpf, es trieft und kleckert eine Spur über den Totenzettel. Jossi weint in die aufgeschlagene Zeitung.

(...)

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Thomas Delekat


Thomas Delekat. geboren am 8. März 1953 in Köln. Aufgewachsen in Frankfurt am Main, dort auch ein Musikstudium, zugleich Ausbildung zum klassischen Gitarristen. Während des Studiums erste journalistische Erfahrungen als Freier Mitarbeiter für die Frankfurter Rundschau. 1983 Volontariat bei der Frankfurter Rundschau. 1983 bis 1984 freier Mitarbeiter für den Hessischen Rundfunk (Musiksendungen) und für das Feuilleton der Frankfurter Rundschau. 1984 bis 1997 Opernredakteur bei "Die deutsche Bühne", Köln. Daneben auch Reportagen für die Zeitschrift GEO, die Hamburger Wochenzeitung Die Zeit u. a. Von 1997 bis 1998 Feuilleton-Redakteur und -Reporter bei der Hamburger Morgenpost, unter Chefredakteur Mathias Döpfner. Ab 1998 bei der Tageszeitung Die Welt, Berlin, zunächst als Kulturreporter, später ohne Ressortbindung. dann bis April 2007 Gesamtressortchef Motor/ Boote für Die Welt, Welt am Sonntag und Berliner Morgenpost. Seitdem Chefreporter.
Dokumente
Daddy! I love you (pdf)

erschienen in:
Die Welt,
am 19.09.2003

 

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