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23.07.17

Rico Czerwinski „Totgemacht

Gewalt ist cool

"Drei Jungen vom Balkan" haben in der Schweiz einen Jugendlichen erschlagen, einfach so, im schönen Tessin. Ein Skandal, die Aufregung ist groß, aber keiner weiß, was los ist. Rico Czerwinski ist nach Locarno gefahren, hat bei Eltern und Freunden recherchiert und eine verstörende, ja: brutale Geschichte geschrieben über die Lust an der Gewalt, die Ignoranz von Eltern, das Abgleiten zuvor unauffälliger Jugendlicher in (Medien-)Welten, aus denen sie auftauchen als besinnungslose Schläger, die einen beliebigen Passanten zu Tode prügeln.  

"Wichtig ist, dass man wenig trinkt, keine Drogen nimmt, wenn man sich prügeln möchte. Einer der Standards ist es, dann zu sagen: Che cazzo vuoi – was verfickt willst du. Dann muss man augenblicklich, und so heftig wie man nur kann, zu- und den anderen am besten sofort zu Boden schlagen. Zielzone des ersten Schlags ist einzig das Gesicht, Mittel der Wahl die Faust. Dann ist eine korrekte Schlägerei schon vorbei, fast. Die meisten dieser neuen Schlägereien sind extrem heftig und extrem kurz – oder sie dauern länger, dann gilt es aber eher als «harmlose Schubserei». Bei einer perfekten Schlägerei gehe es darum, seinen Gegner so effektiv wie möglich ausser Gefecht zu setzen, ohne selbst wirklich in Gefahr zu sein. Deshalb gehört zu einer perfekten Schlägerei noch ein Finale, das alles beenden soll, und es gibt nur ein wirklich gutes Ende.

Man möchte vermeiden, dass sich der vermeintliche Sieger abwendet, weggeht, das vermeintliche Opfer aber doch noch aufspringt und Rache nimmt. Coole Schläger gehen daher sicher, dass sie die Sieger sind und bleiben. Coole Schläger stellen sicher, dass sich der andere nicht doch noch rächt. Der Besiegte darf daher am besten nicht mehr aufstehen. Dazu gibt es in der von Brankos Freund Florian beschriebenen typischen Choreografie einer Jugendschlägerei im Jahr 2008 genau einen vorgeschriebenen Weg. Man tritt dem Niedergeschlagenen mit voller Wucht ins Gesicht."

Kühl rattert der Artikel dahin, rau erzählt, kein bisschen gefällig und doch einen erstaunlichen Sog entfachend, ein Mahlstrom, aus dem man am Ende geschockt aufwacht - geschockt wegen einer Gewalt, die offenbar nichts will, deren Gründe im Unklaren liegen und die gefüttert von den Bildern im Netz, die allzeit und überall verfügbar sind und aus den "mit medialem Müll gefütterten Kinder der Schweizer Unterschicht" lebende "Zeitbomben" macht.

Rico Czerwinskis Fazit: "Ich habe mich immer schwer getan mit dieser Diskussion, dass Mediengewalt reale Gewalt erzeugt. Inzwischen sehe ich das anders. Man muss den Eltern sagen: Kümmert euch um eure Kinder! Reglementiert ihre Internetnutzung! Es ist gefährlich, was dort kursiert!"


Ariel Hauptmeier



Bis sie ohne erkennbaren Grund einen 22-Jährigen töten, sind sie wie tausend andere. Sie haben die Schule fertig, wohnen in Mehrfamilienhaussiedlungen, sind noch in der Ausbildung oder arbeiten. Dario wird kurz vor der Tat noch von erfahrenen Fachleuten des Schweizer Militärs begutachtet. Er ist lediglich einmal in eine Polizeikontrolle geraten, hatte keinen Fahrausweis. Und auch die Psychologen der Armee glauben noch im November 2007, dass er während seiner Rekrutenschule bei der Luftabwehr für andere Menschen keinerlei Gefahr darstellt.

Aber etwas übersehen sie alle. Etwas, das dazu führt, dass am 1. Februar 2008 plötzlich ein blutiger Körper vor diesen 19- bis 21-Jährigen liegt. Jetzt kann es sich niemand erklären, jetzt hat niemand die geringste Idee, wie es dazu kommen konnte. Jetzt sind nur das Entsetzen und die Empörung gross, jetzt erzählt man sich in seiner Ratlosigkeit, einen Menschen zu töten, das sei das Ziel an jenem Abend gewesen.

Bis jetzt gibt es fast keine veröffentlichten Fakten zu den – wie die Journalisten fast des gesamten Landes sie selbst in seriösen Zeitungen nennen – «Jungen vom Balkan». Zu Dario, Luka und Branko, die jetzt als neuer Beweis für die These vom Gewaltimport aus unterzivilisierten Kulturen dienen. Als starkes Argument, eingebürgerten Schweizern bei schweren Delikten die Staatsbürgerschaft abzuerkennen. Man kann den vielen, die jetzt in völliger Fakten- und Verständnislosigkeit wutentbrannt ihrer Verwirrung Ausdruck verleihen, keinen Vorwurf machen.

Selbst die an der Tat laut Staatsanwalt unmittelbar Beteiligten wissen offenbar nicht, wie sie diese deuten sollen. Ihr Sohn habe verständnislos und mit weit aufgerissenen Augen dagesessen, als die Beamten morgens um 4 Uhr in ihre Wohnung stürmten, erinnern sich Darios Eltern. Und schliesslich war es schwer genug, überhaupt Anwälte zu finden. Und daher haben Eltern, Geschwister und langjährige Freunde sich bisher fast völlig an die von den Juristen verhängte strikte Informationssperre gehalten. Niemand hat detailliert erzählt, wer sie waren, wie diese «auf dem Balkan Verwurzelten» lebten. Wie man lebt, bevor man eine Tat wie diese begeht.

(...)

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Rico Czerwinski


Rico Czerwinski (geb. 1976), schrieb während seines Politikstudiums in Göttingen und Genf Reportagen für den Stern, die taz und den Spiegel-Reporter. Wurde beim Tagesspiegel in Berlin ausgebildet und arbeitet seit 2002 als Redakteur bei Das Magazin, Zürich. Axel-Springer-Preis, Zürcher Journalistenpreis und EMMA-Männerpreis.
Dokumente
Totgemacht (pdf)

erschienen in:
###ARTICLE_PUBLISHER###,
am 28.03.2008

 

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