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24.08.17

Making of...

Roberto Saviano „Gomorrha

Roberto Saviano, 29, stammt aus Neapel, studierte Philosophie, arbeitete als Lokaljournalist für den „Corriere del Mezzogiorno“ und schreibt für „Il Manifesto“ und „L’Espresso“. „Gomorrha“, sein erstes Buch, erzählt vom organisierten Verbrechen in Süditalien. Es ist ein Wirtschafts-Krimi, ein Tatsachen-Roman, ein Reportage-Buch – voll subjektiver Eindrücke und essayistischer Streifzüge durch das Reich der Camorra. Saviano liefert Hintergründe – und er nennt Namen. Sein Buch erscheint in 33 Ländern, steht fast überall auf den Bestsellerlisten und wurde weit über eine Millionen mal verkauft. Ein Erfolg, den der Autor mit seiner Freiheit bezahlen muss. Seit Erscheinen des Buches in Italien lebt Roberto Saviano im Untergrund und steht unter Polizeischutz. Spiegel-Reporterin Fiona Ehlers traf ihn im Hamburger Literaturhaus, zwei Leibwächter warteten vor der Tür.

Gomorrha


Das Interview führte Spiegel-Reporterin Fiona Ehlers


Reporter Forum:
Signore Saviano, sind Sie Schriftsteller oder Journalist?

Roberto Saviano: Für italienische Schriftsteller bin ich Journalist, für Journalisten einer, der ein Buch geschrieben hat. Ich selbst würde mich als Non-Fiction-Autor beschreiben. In „Gomorrha“ wollte ich zwei Dinge vereinen – die Form des literarischen Romans mit den Fakten über die Camorra. Nichts in „Gomorrha“ ist Fiktion, alles beruht auf Tatsachen, aber der Stil ist erzählerisch. Nach einer Lesung fragte mich der amerikanische Reporter William Langewiesche, den ich sehr bewundere, wie es denn käme, dass italienische Journalisten derart lapidar über relevante Themen schreiben, während unsere Schriftsteller Dinge erzählen, die niemanden interessieren. Das hat mir zu denken gegeben.

Reporter Forum:
Hat Langewiesche Recht?

Roberto Saviano:
Leider ja. Italienische Schriftsteller sind nicht besonders mutig, sie trauen sich nicht, die ganz großen, politischen Themen anzugehen. Ich bin oft gefragt worden, ob ich einen Roman, eine Art Thriller über die Camorra schreiben möchte und habe immer abgelehnt. Ich wollte etwas Wichtiges machen, etwas mit Nutzwert. Mir gefällt die Antwort von Truman Capote auf die Frage, was sein Buch „Kaltblütig“ eigentlich sei. Ganz einfach, antwortete er, es ist ein Non-Fiction-Roman. So etwas wollte ich auch.

Reporter Forum: Was war zuerst, der Stil oder das Thema?

Roberto Saviano: Am Anfang war die Wut. Ich bin mit dem organisierten Verbrechen aufgewachsen, ich komme aus Casal di Principe, der Hochburg der Camorra. Dazu kam die Wut auf die Medien: In italienischen Redaktionen funktioniert das so – wer ein schlechter Journalist ist, wer seine Texte zu spät abgibt oder Termine verpennt, wird auf die Camorra, die kalabresische Ndrangheta oder die sizilianische Mafia angesetzt. Das organisierte Verbrechen gilt bei uns als eine Art Strafe, wer darüber berichtet, kann seine Karriere vergessen, riskiert angezeigt zu werden und in Prozessen zu versauern. Das hat mich, als ich noch Lokaljournalist war, ungeheuer geärgert. Denn eigentlich müsste es umgekehrt sein: Die Mafia müsste eine Art Auszeichnung sein, nur die Besten unter uns, die Spürnasen und die Schönschreiber, sollten darauf angesetzt werden.

Reporter Forum: Wie haben Sie als Neapolitaner eine notwendige Distanz zur Camorra entwickelt?

Roberto Saviano: Ich habe Philosophie studiert und meine Abschlussarbeit über Max Weber geschrieben, Titel: „Die Wahrheit im Tumult“, da lernt man Distanz. Den Blick auf die Camorra habe ich von einem Historiker, bei dem ich studierte. Es ist ein Blick, der nach dem Weg des Geldes fragt, nach dem wirtschaftlichen System Camorra. Ohne diesen Blick wäre ich zu sehr vom Krieg der Clans fasziniert gewesen, vom Blut, den Schiessereien, vom Tod. Ohne diesen Blick wäre aus meinem Buch eine Folge von „The Sopranos“ geworden. Das wollte ich auf jeden Fall vermeiden.

Reporter Forum:
Kurz nach dem Erscheinen von „Gomorrha“ wurden Sie unter Polizeischutz gestellt. Warum?

Roberto Saviano: Die Camorra ist eine demokratische Organisation, die Bosse wissen ganz genau, dass sie niemandem das Wort verbieten können. Die New York Times hat mich mal den Salman Rushdie von Italien genannt. Das stimmt so nicht. Mein Leben ist nicht in Gefahr, weil ich über die Camorra geschrieben habe.

(...)

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Roberto Saviano


Roberto Saviano, 29, stammt aus Neapel, studierte Philosophie, arbeitete als Lokaljournalist für den „Corriere del Mezzogiorno“ und schreibt für „Il Manifesto“ und „L’Espresso“. „Gomorrha“, sein erstes Buch, erzählt vom organisierten Verbrechen in Süditalien.
Dokumente
Interview mit Roberto Saviano (pdf)

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 14.04.2008

 

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