Reporter Forum Logo
07.12.16

Gern gelesen

Sophie Dannenberg „Manomann, diesmal sind die Alten dran!

Mit dem Grips Theater sind viele aufgewachsen. Unsere Autorin kann die frühen Lieder noch heute singen. Ein persönlicher Blick zurück im Zorn.


Von Sophie Dannenberg, Der Tagesspiegel, 11.12.2004


Als ich acht Jahre alt war, war meine Auftragsliste schon ziemlich lang. Ich sollte meinen Vater gegen seinen Boss aufhetzen und meine Mutter gegen meinen Vater. Ich sollte im Büro des Bürgermeisters Krawall schlagen, die Zäune aller großen Gärten einreißen und mit Äpfeln auf einen General der Bundeswehr schießen. Ich sollte meinen Lehrer vor Gericht bringen und das Haus des Schulministers platt machen. Ich sollte die imperialistischen Machenschaften eines Großkonzerns unterwandern und eine Revolution in Lateinamerika anzetteln. Hinter mir stand die geballte Macht des Berliner Grips Theaters, und doch fühlte ich mich überfordert.

Alles schien ganz einfach. Im Grips Theater gab es eine schlechte Welt, böse Erwachsene und pfiffige Kinder. Die bösen Erwachsenen ließen sich in zwei Gruppen unterteilen: in die bösen Bösen und die dummen Bösen. Die pfiffigen Kinder schafften es dann jedes Mal, die dummen Bösen zu agitieren und mit ihrer Hilfe die bösen Bösen zu besiegen. Dabei wurden die üblichen Parolen verkündet: Toleranz, Gleichberechtigung, Anti-Imperialismus, Anti-Kapitalismus, Emanzipation, Bildungschancen, Befreiung. Am Ende sangen die pfiffigen Kinder mit den ehemals bösen, nun ebenfalls pfiffigen Erwachsenen dem Publikum ein Mutmachlied. Zum Beispiel das:

"Man muss sich nur wehren / Man muss sich nur wehren / Und auch die Fragen stelln, / die die andern stören!"

Ich bin jetzt 33, und die Lieder von Volker Ludwig und den anderen kann ich noch immer auswendig. Wenn ihr aufpeitschendes Dur ertönt, verwandle ich mich in ein Gripstheaterkind, heute noch. Ich denke an das Logo mit dem Vogel - oder war es ein Maulwurf? - der konspirativ in einer Kiste hockte und mich ansah, als wollte er flüstern: "Hast du die Herrschenden schon besiegt?" Ich musste jedes Mal passen. Dann wurde ich größer und kehrte dem Grips Theater den Rücken. Vergessen konnte ich es nie. Heute möchte ich tun, was Genosse Volker mir aufgetragen hat und die Fragen stellen - die die anderen stören:

Was wollte das Grips Theater wirklich? Was waren die Ziele, was die Methoden? Welches Menschenbild, welches Gesellschaftsbild verkündet es?

Schon eines der ersten Gripstheaterstücke aus dem Jahr 1971 enthält eine Kriegserklärung der Kinder. Das Ziel ist scheinbar pazifistisch: statt Panzer sollen Spielplätze gebaut werden. Und dieses Ziel wird mit Gewalt durchgedrückt. Beim Spielen in einem leer stehenden Haus werden die Kinder Balle, Malle und Hupe von den Polizisten Knack und Knillich erwischt und verhört. Statt zu antworten, singen sie revolutionäre Lieder, machen eine Sitzblockade und drohen mit einem Kinderheer. Der böse böse Polizist flieht, der dumme böse sieht alles ein und schreibt einen Antrag für ein Spielhaus. Der Rekrutierungs-Song geht so:

"Einer ist keiner /Zwei sind mehr als einer! / Noch reden uns die Großen rein / Und sagen, was wir soll'n / Bald werden wir ganz viele sein / und machen, was wir wolln."

Die DKP nennt das Bündnispolitik und Horst Eberhard Richter "Lernziel Solidarität". So integrieren sie den unsympathischen Artur in ihre Gruppe. Es entspinnt sich folgender Dialog:

-"Ich sag ja, er ist doof. Außerdem heißt er Artur."

-"Mensch Malle! Wir brauchen doch Verstärkung! Dann kann man uns nicht mehr so leicht wegjagen!"

- "Naja, Verstärkung schon. Aber nicht so einen Stänkerfritzen."

- "Lass es uns doch mal mit ihm versuchen."

Balle, Malle und Hupe nehmen den Angeber Artur also nicht in ihre Clique auf, weil sie ihn mögen, sondern weil sie ihn brauchen. Einer ist keiner, das heißt, ein Nichts. Nicht der individuelle Wert eines Menschen zählt, sondern seine politische Verwertbarkeit für die totale Mobilmachung gegen die Erwachsenen. Artur wird dann erfolgreich umgemodelt. Als er den neuen Genossen vorspielt, wie seine Mutter ihn strammstehen lässt, kontern sie mit progressivem Rülpsen und revolutionärem Furzen. Später im Polizeirevier kann Artur sein Wissen anwenden und das Kinderkollektiv verteidigen. Was für den Hörer oder Theaterbesucher wie geistreiches Spiel erscheint, basiert auf einer systematischen Didaktik. Deren Ziel besteht in der Schaffung eines standardisierten Bewusstseins.

Damit dieses Bewusstsein eingepflanzt werden kann, müssen die Kinder entsprechend präpariert werden. Das geschieht in fünf Stufen. Die erste Stufe ist die Isolierung der Kinder. Bei der Solidarisierung der Kinder gegen die Erwachsenen wird die Bindung zu den erwachsenen Bezugspersonen gekappt. Das erscheint auch als "sinnvoll", weil die Erwachsenen - Eltern, Polizisten und Nachbarn - nur als brüllende, schlagende, verständnislose Ungeheuer erscheinen. Das Kinderkollektiv schlägt dann eben nur zurück. "Mugnog-Kinder" (1970): Kinder gegen Onkel, Polizist, Bürgermeister, Minister und General. "Mannomann" (1972): Kinder gegen Stiefvater, Boss und Hauswart. "Doof bleibt doof" (1973): Kinder gegen Eltern und Lehrer. "Banana" (1976): Kinder gegen Kapitalisten und Geheimpolizisten. Erwachsene sind böse, blöde, lächerlich und vor allem besiegbar. Erwachsene, so viel wird klar, haben nichts mehr zu melden. Das propagierte Kinderkollektiv entspricht dem, was heute peergroup heißt, und ist zum wesentlichen Faktor für die Konsumabhängigkeit von Kindern geworden.

Die zweite Stufe ist der Terror. Im Stück "Mensch Mädchen" (1975) demütigen Ulrike, Gabi und Sabine den Jungen Bruno so lange, bis er sich ihnen unterwirft. Oberflächlich geht es hier um Gleichberechtigung. Die Mädchen aber drehen den Spieß bloß um. Es ist nicht das Gespräch, nicht die Neugier, nicht die Freundschaft, nicht die Loyalität, die die Geschlechter zusammenbringt, sondern die Unterwerfung - so schwungvoll in Szene gesetzt, dass ich als kleines Mädchen gleich danach auf die Straße rennen wollte, um im Namen des Fortschritts Jungs zu quälen.

Eine ähnliche Stimmung verbreitet das Stück "Doof bleibt doof" (1973). In immer neuen Szenen wird gezeigt, wie der schwächste Mitschüler misshandelt wird. Die Kinder knöpfen ihm Geld ab, klauen seine Tasche. Sie zerreißen seine Jacke, zerbrechen seine Brille. Sie drücken ihn nieder, setzen sich auf ihn und tun so, als sei er ein Pferd, dem man die Sporen gibt. Beim Hören der Schallplatte erschreckte mich jedesmal sein gequältes Stöhnen. Übrigens werden diese Kinder in dem Stück nicht zur Rechenschaft gezogen. Und sie entschuldigen sich auch nicht bei ihrem Opfer. Sie sind nämlich die Guten. Der Böse ist der Schulminister, weil er die Klassen nicht kleiner macht. Konsequenz: Die Kinder müssen sich gegen ihn zusammenrotten, sein Haus einreißen und dort eine neue Schule bauen. Kaum haben sie das beschlossen, singen alle - die Folterknechte und deren Opfer - gemeinsam ein fröhliches Kampflied. Rehabilitiert haben sich die Folterknechte, indem sie den nunmehr gemeinsamen Klassenfeind, den Schulminister, bekämpften. Interessanterweise, und damit kommen wir zur dritten Stufe, geht es in diesem Stück, das immerhin die Schule zum Thema hat, nicht um das Lernen, sondern um Krieg und Klassenkampf. Natürlich treffen wir auch in diesem Stück wieder auf brüllende Väter und schlagende Mütter. Am Schluss beschließen die Kinder zu streiken. "Nein, das geht doch gar nicht! Dann lernt doch keiner mehr was!", bemerkt die inzwischen erfolgreich agitierte, aber noch etwas zu skeptische Mutter. "Doch, Mutti", formuliert ihr Sohn das Schlusswort. "Der Minister, der lernt, dass wir uns nichts gefallen lassen."

Also kämpfen statt lernen, siegen statt wissen. Für das, was die Erfahrung und das Glück des Lernens eigentlich ausmacht, fehlt dem Grips Theater das Verständnis: Wissbegierde, Neugier, Freude, Autonomie, Stolz. Wozu auch, das alles stört ja bloß, wenn dem Klassenfeind der Krieg erklärt wird. So ist das Stück mit dem luziden Titel "Doof bleibt doof" ein Plädoyer für die Verblödung im Namen der guten Sache.

Die vierte Stufe ist die Entstrukturierung der Welt. Wie ich annehme, soll in den meisten Gripstheaterstücken Zivilcourage gelehrt werden, der Ungehorsam gegen Autoritäten. Fakt ist aber, dass hier alle Bezugssysteme zerstört werden, die den "Menschen ab sechs" zur Verfügung stehen. Bei "Balle Malle Hupe" wird die Rolle der Ordnungsmacht unterwandert, bei "Doof bleibt doof" die der Schule. Bei "Mannomann" geht es gegen Familienväter. Wer das jeweilige Werte- und Orientierungssystem repräsentiert, wird als lächerliche oder böse Figur dargestellt.

Besonders deutlich kommt die Zerstörungswut des Grips Theaters in dem Stück "Mugnog-Kinder" (1970) zur Geltung. Der Mugnog ist eine Erfindung der Kinder Pam und Tom und eigentlich nur eine leere Kiste. Nun könnte sich aus dieser schönen Idee eine Geschichte über die Lust am Geheimnis und das Abenteuer der Fantasie entspinnen. Stattdessen entpuppt sich die Fantasie in diesem Stück als zerstörerische Macht. Der Mugnog ist nämlich kein freundliches Wesen, sondern ein wütender Anarchist, ein Kropotkin für Kinder:

"Wenn einer tritt, dann beißt er / Wenn einer schnauzt, dann schmeißt er / Wenn alles pennt, dann wacht er / Wenn alles schreit, dann lacht er / Er grinst von spät bis früh /Nur gehorchen, gehorchen, gehorchen tut er nie."

Um den Mugnog herum entfaltet sich nach und nach ein Katastrophenszenario. Der Hausmeister dreht durch, der Bürgermeister flieht, die Bundeswehr versagt. Am traurigsten ist die Geschichte des Onkels. Er, der den Kindern nie Böses wollte, wird "Mugnog-krank": schon das Wort bereitet ihm Schmerzen. Ich habe nie verstanden, warum die Kinder ihren verwirrten Onkel nicht trösten. Aber als ordentlich abgerichtete Gripstheaterkinder nutzen sie seine Schwäche aus und flüstern ihm so oft das Wort "Mugnog!" ein, bis er wimmert und schreit. Der Mugnog macht deutlich, was das Grips Theater will: keine bessere Welt, sondern eine zerstörte. Die Utopie des Grips Theaters ist nicht nur gesellschaftsfeindlich, sondern lebensfeindlich. Im Stück vom Mugnog werden nicht nur Institutionen demontiert, sondern auch die Sprache und damit das Vermögen, die Welt zu gestalten. Am Ende beschließen die Kinder, einfach alles Mugnog zu nennen. Es beginnt die Herrschaft der totalen Beliebigkeit, und wieder mit einem fetzigen Lied: "Wenn ihr Lust habt, dann könnt ihr euch selber einen Mugnog erfinden und selber weiter spielen!", rufen die Schauspieler den Kindern zu. Damit hat die Verwüstung der kindlichen Seele noch nicht ihren Höhepunkt erreicht. Die fünfte Stufe ist der Kinderhass. Eines der erfolgreichsten Stücke des Grips Theaters zu meiner Zeit war "Mensch Mädchen". Bis ich das Stück zum ersten Mal sah, ging ich davon aus, dass Mädchen so ähnlich seien wie in den Büchern von Astrid Lindgren, dass sie auf Bäume klettern, mit Jungs spielen und sich die Knie aufschlagen. Dann hörte ich folgendes Lied:

"Wer sagt, dass Mädchen dümmer sind, / wer sagt, dass Mädchen immer albern sind, / wer sagt, dass Mädchen schüchtern sind, / der spinnt, der spinnt, der spinnt!/ Wer sagt die Mädchen trau'n sich nich, / wer sagt, sie seien immer weinerlich und meckerig und zappelig, / der hat n Stich, n Stich, n Stich."

Das ging immer so weiter. Bis ich das Lied zum ersten Mal hörte, war ich nie auf die Idee gekommen, dass es irgendwo auf der Welt einen Menschen geben könnte, der Mädchen so zu beschreiben bereit wäre. Erst Volker Ludwig hat mir beigebracht, was Frauenverachtung bedeutet. Dagegen steht das Macho-Bild eines Musterjungen:

"Mädchen sind genau so schlau wie Jungen / Mädchen sind genau so frech und schnell / Mädchen haben so viel Mut wie Jungen / Mädchen haben auch ein dickes Fell."

Die ganze Kindheit über war ich gewappnet: Wenn mir ein Frauenfeind begegnet, dachte ich damals, stelle ich mich vor ihn hin und singe. Es kam dann aber keiner. Nie wieder habe ich solche Schimpftiraden gegen Kinder gehört wie im Grips Theater. Denn bis sie sich wehren, werden sie erst mal eine ganze Weile als wertlose Geschöpfe verhöhnt: als Rotzgören und Mistkerle ("Balle, Malle, Hupe"), als Früchtchen, Raudis, Blagen, Gören ("Mannomann"), als Krachmacher und Lümmel, denen man den Hintern vollhauen und die Leviten lesen, die man sich vorknöpfen will ("Mugnog").

Ein Kind wird spätestens dann zum Widerling, wenn es die Ratschläge des Grips Theaters befolgt: Wenn es also den Onkel mit dem Hammer schlägt, den Sportlehrer ins Wasser schmeißt, dem Nachbarjungen die Nase blutig haut, dem müden Vater die Hilfe verweigert, die besorgte Mutter ankreischt. Spätestens dann wird es zu einem Kind, dem man jegliche Solidarität verweigert. Und dem gar nichts bleibt. Mit einem heroischen Lied wird es in eine sinnentleerte Welt entlassen. Es herrscht Krieg aller gegen alle. Eine Weile bleibt das berauschende Gefühl, diesen Krieg gewinnen zu können. Im Alltag verschwindet auch das.

Am Ende von "Banana" (1976) bricht die kleine Cornelia mit ihrem Vater, dem Kapitalisten. Sie soll ihn fortjagen, sagen ihre neuen Freunde, sagt das Grips Theater. Also verabschiedet sie sich mit einer bitteren Anklage von dem einzigen Menschen, der sie wirklich liebt. Sie wird seine Machenschaften überall und allen erzählen, droht sie. Dann steigt sie in ein Flugzeug und fliegt davon. Ich habe mich immer gefragt, was Cornelia jetzt macht, so ganz ohne Vater. Sie ist ja erst zwölf - eine Politwaise, ein Denunziantenkind, weich geknetet, einsam und verfügbar. Ein Kind ohne Bindungen, ohne Bezugssystem, ohne Liebe und ohne Grips. Ein typisches Gripstheaterkind. Jetzt hat sie nur noch Pater Emiliano, der ihr zur Erinnerung ein Lied singt. Mit diesem Lied will auch ich mich nun von Volker Ludwig verabschieden.

"Es gibt eine Waffe, die kann man nicht zerbrechen / Es gibt eine Waffe, die nimmt dir keiner weg /Die Waffe heißt lesen, erkennen und verstehen / Zeichen, Worte, Sätze und was dahinter steckt Gebrauche diese Waffe! Mit ihr gewinnst du /Was die Herren fürchten wie die Pest: Die Wahrheit über sie."

Zurück

Sophie Dannenberg


Sophie Dannenberg, geboren 1971, heißt eigentlich Annegret Kunkel. Studium der Publizistik und Theaterwissenschaft in Berlin. Bis Dezember 2004 war sie politische Redakteurin beim Inforadio des RBB. Mit ihrem Debütroman "Das bleiche Herz der Revolution" über die 68er mischte sie 2004 das deutsche Feuilleton auf.
Dokumente
Sophie Dannenberg: Manomann (pdf)

erschienen in:
Der Tagesspiegel,
am 11.12.2004

 

Kommentare

 

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg