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26.05.18

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Sonja Hartwig „Wenn ich euch verspreche, wenn ihr den deutschen Bundestag in die Luft sprengt, kommt ihr ins Paradies und kriegt 72 Jungfrauen, würdet ihr dann sagen: Okay, Frau Kaddor, gib mir den Sprengstoff?


Dinslaken, Nordrhein-Westfalen. Eine Lehrerin, zehn muslimische Hauptschüler. Das Fach: Islamunterricht. Die Fragen der Jugendlichen: sehr groß, sehr verunsichert – und sehr wichtig für ihr Leben. Darf man töten im Namen Allahs? Soll man nach Syrien reisen? Ist Zwangsheirat richtig? Sind Schwule Menschen? Der stern nahm einige Wochen am Unterricht teil

Von Sonja Hartwig, stern, 18.09.2014


Eine Lehrerin, zehn Schüler. Sie sitzen in einem Klassenzimmer in der Volksparkschule, Elisabethstraße 54, Dinslaken in Nordrhein-Westfalen. Die Lehrerin heißt Frau Kaddor, „beste Lehrerin“, sagen viele über sie, sie erzählen ihr von ihren Geheimnissen: von Freunden, die sie nicht haben dürfen, von Zigaretten, von Alkohol, den sie probierten. Die Schüler heißen Luana, Aline, Serdal, TARIK, Mesut, Hamit, Saliha, Emre, Kaya, Philipp (alle Schülernamen geändert). „Ich nehme sie ernst und sehe sie als Menschen, nicht als Abschaum der Gesellschaft wie viele andere“, sagt Frau Kaddor. Sie flachst mit ihnen, sagt: „Ihr seid solche Schleimsäcke.“ Wenn keiner mehr hört, wird sie streng, verteilt Strafarbeiten. Der Raum: so schmucklos wie jedes Klassenzimmer, gelb gestrichen, an den Wänden kleben selbst gemalte Plakate über den FC Bayern und Antalya. Auf dem Pult der Lehrerin liegen die Handys der Schüler, die sie zu Beginn eingesammelt hat. Es ist kurz vor zwölf, Doppelstunde: islamischer Religionsunterricht.

„Was haben wir letzte Woche gemacht?“, fragt die Lehrerin. „Vergessen“, sagt ein Schüler. „Vergessen, ist das dein Ernst?“ – „Wir haben über Salafismus geredet“, sagt Luana, „das ist ja jetzt ein großes Thema in den Medien. Salafisten übertreiben alles im Islam. Einige haben auch einen Stand in der Stadt und verteilen den Koran an Deutsche.“ – „Wie findest du das, TARIK?“, fragt Frau Kaddor. „Gut, die Menschen interessieren sich dann für den Islam. Sonst haben sie ja keine Möglichkeit, sich dafür zu interessieren.“

Die nächsten Stunden, so hat es Frau Kaddor angekündigt, sprechen sie über Übertreibungen in der Religion. Es ist ein sehr politisches Thema für Zehntklässler, und für ein politisches Thema ist es sehr nah dran an ihnen.

Sie leben in Dinslaken, nördlich von Duisburg, 71 000 Einwohner. Der Salafismus ist im ganzen Land zu einem Synonym für den heiligen Kampf geworden, und Salafisten sorgen mit jeder Aktion für größere Aufregung – wie Anfang September wieder, als junge Männer, eine selbst ernannte Scharia-Polizei, durch Wuppertal patrouillierten und fromme Ratschläge erteilten. Dinslaken jedoch wurde bekannt durch junge Leute, die nach Syrien und in den Irak reisten, um zu kämpfen. Einer von ihnen, Philip B., gilt als einer der ersten deutschen Selbstmordattentäter im Irak, er sprengte sich in die Luft und tötete 20 Menschen.

Wie kann es dazu kommen?, fragt sich die Lehrerin. Warum gelten wir Muslime eigentlich immer als Terroristen?, fragen sich die Schüler. Diese Geschichte ist eine Dokumentation ihrer Gespräche im Klassenzimmer. Es sprechen diejenigen, über die viel geredet wird, die selbst aber kaum gehört werden.

Es ist ein Kammerspiel in sechs Akten. Als Hauptpersonen treten auf:

LUANA, 16, ist in der Klasse laut und selbstbewusst. Hat sie Fragen über den Islam, stellt sie die Frau

KADDOR, oft auch auf Facebook: „Darf ich mir die Augenbrauen zupfen?“, „Ist es haram, sich ein Tattoo stechen zu lassen?“ Ihre Eltern kommen aus dem Kosovo.

ALINE, 16, quatscht im Unterricht viel mit Luana, rastet schnell aus und ruft dazwischen: „Oh Mann, ich hab Hunger auf Pizza!“ Wenn sie an Gott denkt, hat sie Angst. Ihre Mutter bete fünfmal am Tag und sei sehr streng, ihr Vater nicht. Sie stammen aus dem Libanon.

SERDAL, 16, verletzte es, als eine Frau neulich auf der Straße schrie: Ihr Kanaken, verpisst euch aus Deutschland! Er betet nicht, liest nicht im Koran. Einmal aß er Geflügelsalami und sah später auf der Verpackung, dass sie Reste von Schweinefleisch enthalten kann. Er brach alles aus. Seine Familie kommt aus der Türkei.

TARIK, 16, betet, fastet, isst kein Schweinefleisch, trinkt keinen Alkohol und geht in die Moschee. Er hört im Unterricht aufmerksam zu, weiß am meisten über den Islam und wird dafür von der Lehrerin gelobt, oft aber auch provoziert. Sie sorgt sich um ihn, weil er sich nie eindeutig vom Salafismus distanziert. Einer seiner Cousins, ein ehemaliger Schüler von Frau Kaddor, ging vor einem Jahr für kurze Zeit nach Syrien. Seine Familie kommt aus der Türkei.

LAMYA KADDOR, 36, Tochter syrischer Einwanderer, wird oft als liberale Muslimin in Talkshows eingeladen. Sie bildete an der Universität Religionslehrer aus, schrieb die ersten deutschsprachigen Schulbücher für den Islamunterricht und übersetzte den Koran für Kinder. Als sie vor elf Jahren an der Hauptschule begann, stellte eine Lehrerin sie der Klasse vor: „Und jetzt achtet mal darauf, wie gut die Frau Kaddor Deutsch spricht.“

*

1. Akt: Wie leben wir Muslime heute?

KADDOR: TARIK, du findest es gut, dass der Koran in der Innenstadt verteilt wird, aber stört es dich nicht, dass die Leute, die sich diese Salafisten an gucken, denken: Boah, jeder Muslim trägt so einen Bart und hat so eine komische Hose an?

TARIK: Die Salafisten haben einiges falsch gemacht, das akzeptiere ich, aber unser Prophet war doch auch so angezogen, mit Bart und so.

KADDOR: Weißt du, wie lang das her ist, dass unser Prophet gelebt hat?

SALIHA: Der ist doch 571 geboren.

KADDOR: Knapp 1400 Jahre ist er also tot. Und wir sollen uns kleiden wie ein Mann, der vor so vielen Jahren gelebt hat?

TARIK: Ich habe nicht gesagt, wir sollen uns so kleiden wie er. Ich habe gesagt, wir dürfen nicht sagen, dass das falsch ist.

ALINE: Guck mal, TARIK, wie wollen wir das wissen? Keiner weiß, wie unser Prophet aussah. TARIK schweigt.)

ALINE: na, habe ich dich plattgemacht?
Alle lachen.

TARIK: Wie sollte man denn leben?

KADDOR: Das kann man nicht so pauschal sagen: Wir sollten im Sinne Gottes leben – meinst du, er will, dass man Mohammed eins zu eins kopiert, ohne drüber nachzudenken, ob das in unsere heutige Welt passt? Mohammed ist auf einem kamel geritten. reiten jetzt alle auf dem kamel? Nö. auch Salafisten nicht. Da sagen sie: Wir benutzen ein Auto, aber bei der Kleidung gehen sie nicht mit der Zeit.

ALINE: Sollten Mädchen eigentlich Röcke tragen?

KADDOR: Wenn du dem Ansatz folgen willst, dass man keinen Körperumriss sehen soll – ein Rock ist weniger reizvoll als eine Hose.

ALINE: Geht auch ein Minirock?

KADDOR (lacht): Du musst entscheiden, welcher Logik du folgen willst. Wenn du mal vor Gott stehst, kannst du ihm ja nicht sagen: Der Salafist in der Stadt hat mir gesagt, ich soll einen Rock tragen, daher habe ich einen Rock getragen. Gott wird sagen: und was ist mit deinem eigenen Kopf?

*

2. Akt: Wie verstehen wir den Koran?


Frau Kaddor teilt Arbeitsblätter aus. Luana und Serdal lesen zwei Predigten vor, die einen Koranvers unterschiedlich deuten: Die erste stellt den islam als einzig richtigen Weg dar, Juden und Christen seien auf dem falschen; die zweite wirbt für Verständigung zwischen den Religionen.

KADDOR: Was spricht euch mehr an?

LUANA: Die erste, die ist etwas übertrieben, aber dennoch.

KADDOR: Du glaubst, dass wir was Besseres sind?

LUANA: Wir handeln halt anders.

KADDOR: anders oder besser?

ALINE: Wir beten öfter als Christen, das ist besser.

LUANA: Die erste Predigt, die ist ein bisschen zu viel, aber die zweite ist ein bisschen zu ...

KADDOR: Wieso, was sagt die zweite Predigt?

LUANA: Die sagt, dass wir Gläubige uns ähneln, dass wir aus einer Quelle kommen.

KADDOR: Was ist denn die Quelle?

TARIK: Gott.

KADDOR: Und die Quelle der Juden und Christen?

TARIK: Auch. Nur die atheisten glauben, sie stammen von affen ab.

SERDAL: Wieso meinen einige eigentlich, dass wir nicht von Gott kommen, sondern von der
Evolution? Welchen Beweis haben die?

KADDOR: Einen biologischen.

SERDAL: Ja, wie jetzt?

KADDOR: Die können anhand der Gene sehen, dass sich unsere Spezies weiterentwickelt hat.

SERDAL: Aber vielleicht sind die so erschaffen – und wir anders.

KADDOR: Wieso kann die Wahrheit nicht beides sein? Wissenschaftlich stammen wir davon ab, aber wir glauben auch, dass wir von Gott kommen.

LUANA: Meinen Sie, dass wir vom Affen abstammen?

KADDOR: Vom Affen abstammen heißt ja nicht, dass wir Affen sind.

ALINE: Iiiiieh.

KADDOR: Was ist denn daran so schlimm?

LUANA: Nichts, aber ich glaub daran überhaupt nicht.

ALINE: Eklig. Behaarte Frauen! Es gongt. Fünf-Minuten-Pause. Alle greifen nach ihren Handys, die auf dem Lehrerpult liegen, zeigen sich Fotos: einer posiert mit nacktem Oberkörper und seiner Freundin im Arm. Nach der Pause sprechen sie darüber, wie man den Koran in die heutige Zeit übertragen kann.

SERDAL: Gibt es eigentlich Dokumente darüber, wie die das früher verstanden haben, mit den Juden?

KADDOR: Mohammed hatte eigentlich guten Kontakt zu ihnen. Aber zwei Stämme, die ihn seinerzeit wohl hintergangen haben, ließ er bekämpfen. Wie geht ihr mit Juden um?

LUANA: Mir ist egal, welche Religion andere haben. ich habe auch Christen als Freunde.

KADDOR: Was meinst du, TARIK? Hast du christliche Freunde?

TARIK: Ja.

KADDOR: Triffst du die auch manchmal?

TARIK: ich bin eigentlich in der Freizeit nur in der Moschee. unter der Moschee haben wir so'n Jugendlokal.

KADDOR: Wer hängt da ab?

TARIK: Jugendliche. Jeder kann kommen. Dann lernen wir im Koran.

KADDOR: Wer bringt euch das bei?

TARIK: Der Hodscha. Wir gucken zusammen Fußball, in der Halbzeit lesen wir ein bisschen im Koran.

KADDOR: alles Jungs?

TARIK: Ja. Dienstags von fünf bis sieben müssen wir raus, die Mädchen kochen dann und so.

KADDOR: Was hältst du von Christen?

TARIK: Ich finde das sogar gut, wenn ich einen Christen kennenlerne, dann will ich ihm so gut wie möglich unsere Religion vorstellen, damit er vielleicht zum Islam konvertiert.

KADDOR: Und von Juden?

TARIK: Ist doch egal, ob Christ oder Jude. Außer wenn die jetzt so vor mir den Koran auf den Boden schmeißen, aber wenn die korrekt sind, ist ja alles in Ordnung.

LUANA: Du hast zu mir was ganz anderes gesagt.

TARIK: Was denn? Na sag!

LUANA: Nee.

TARIK: Na sag, trau dich!

LUANA: Du hast zu mir mal gesagt, dass du mit einem Juden niemals befreundet sein würdest.

TARIK: Ich erinnere mich nicht. ich meine, wenn die meine Religion respektieren, respektiere ich ihre Religion auch.

*

3. Akt: Wen wollen wir heiraten?

Das Thema der Stunde: Tradition. Nicht alles, was Muslime leben, verlangt die Religion, vieles ist Gewohnheit. Auch bei der Ehe: Die Zwangsheirat, erklärt Frau Kaddor, stehe nicht im Koran, einige Muslime machten das, weil sie es traditionell so kennen.

KADDOR: Was wäre für euch denn wichtig, welches Gefühl muss man haben, um zu heiraten?

TARIK: Dass sie die Mutter meiner Kinder sein soll.

MESUT: Sie muss auch religiös sein.

SERDAL: Sie muss Muslimin sein.

LUANA: Aber du bist mit einer Christin zusammen.

SERDAL: Als ob ich die heiraten würde.

KADDOR: Du würdest keine Frau heiraten, die nicht Muslimin ist?

SERDAL: Nein. Außer wenn sie konvertiert. und sie darf nicht fett werden.

KADDOR: Aline, was ist mit dir? Was für ein Gefühl muss da sein?

ALINE: So dat Übliche, gell?

KADDOR: Was denn?

ALINE: ich möchte keinen, der sagt: Mach das.

KADDOR: Was ist, wenn er sagt: Trag ein Kopftuch?

ALINE: Dann kriegt er ein paar Schläge von mir und fertig.

KADDOR: Was ist, wenn er sagt, ich heirate dich nur, wenn du ein Kopftuch trägst?

ALINE: Dann würd ich sagen: Geh.

KADDOR: Auch wenn du ihn liebst?

ALINE: Ich trage erst ein Kopftuch, wenn ich mich bereit fühle.

KADDOR: Wie ist es bei dir, Luana?

LUANA: ich möchte die Person kennen, richtig, ich möchte volles Vertrauen haben.

KADDOR: Kaya?

KAYA: Sie muss eine Türkin sein.

LUANA: Ach, bei mir auch. Meine Eltern sagen, nur Kosovo-Albaner. Kosovo-Albaner: muss! Sonst darf ich nicht heiraten.

KADDOR: Und was ist, wenn du einen netten Araber kennenlernst?

LUANA: Netter Araber? Bei mir in der Familie gibt's das nicht.

KADDOR: Stört dich das?

LUANA: Ja schon, klar. Aber das ist so.

KADDOR: Darfst du einen Freund haben?

LUANA: Nein, jetzt nicht, wenn ich meine Ausbildung fertig habe, mit 19.

*

4. Akt: Mit aller Gewalt glauben?

„Können wir nicht ein bisschen quatschen, über die Klassenfahrt in die Türkei?“ – „Oder nach draußen gehen?“ Alle nörgeln, auf Unterricht hat keiner Lust. Frau Kaddor droht damit, Sechsen zu vergeben.

KADDOR (verteilt Kopien): Bitte beschreibt mal das Bild.

MESUT: Da sind zwei Flugzeuge und ein paar Hochhäuser.

KAYA: Die Flugzeuge stürzen ab, ins Gebäude rein.

KADDOR: Was ist das in der Mitte?

ALINE: World Trade Center.

KADDOR: Was haben die zwei Flugzeuge damit zu tun?

ALINE: Die sind da reingeflogen.

KADDOR: Warum?

ALINE: Wir sind Terroristen! (lacht)

SERDAL: Also der Unfall am 11. September in New York, das ist immer noch nicht bewiesen: Die
Amerikaner meinen, das waren die Terroristen, al-Qaida, Osama bin Laden.

KADDOR: War das ein Unfall?

LUANA: Das war ein Attentat.

SERDAL: Aber ist das bewiesen, dass das al-Qaida gewesen ist?

KADDOR: Ja, islamische Terroristen haben die Flugzeuge geflogen. Warum haben sie das gemacht?

SERDAL: Die wollten ins Paradies. Und ihnen wurde gesagt: Wenn ihr das macht, bekommt ihr 72 Jungfrauen.

KADDOR: Aber wenn ich euch jetzt verspreche, wenn ihr den deutschen Bundestag in die Luft sprengt, kommt ihr ins Paradies und kriegt 72 Jungfrauen, würdet ihr dann sagen: okay, Frau Kaddor, gib mir den Sprengstoff?

HAMIT: Ich würde nein sagen.

KADDOR: Warum haben die das also gemacht?

MESUT: Die Welt sollte Angst vor Muslimen haben.

KADDOR: Und hat die Welt jetzt Angst?

ALINE: Manche schon.

LUANA: nicht Angst, aber die denken, dass wir töten und so.

KADDOR: Und das haben wir doch diesen Terroristen zu verdanken. Wie gerät man in solche Islamistenkreise?

SERDAL: Die Salafisten kommen und meinen: Ich will dir was sagen. Dann bringen sie einem falsche Wahrheiten bei.

KADDOR: Auf der Straße, oder wie machen die das?

SERDAL: Ja, und dann sagen sie: Lass uns mal irgendwo treffen, ich erzähl dir noch mehr.

KADDOR: Hier in Dinslaken gibt es ja auch viele Salafisten. Könnt ihr euch erklären, warum?

SERDAL: Jetzt kommen Sie nicht damit, weil Dinslaken dumm ist oder so.

KADDOR: Nö. Warum Dinslaken?

LUANA: Hier wohnen viele Ausländer, Muslime.

KADDOR: In Duisburg, Mülheim und essen gibt es mehr.

LUANA: Keine Ahnung, warum.

KADDOR: ein radikaler Salafistenprediger hat sie angequatscht, der ist jetzt nicht mehr hier, aber er
hat noch Anhänger. Eine Zeit lang hat sich die Gruppe hier getroffen und leute für den Krieg gewonnen.

*

Fünf der selbst ernannten Krieger waren ehemalige Schüler von Frau Kaddor, sie kannte sie als Jungs, die Alkohol tranken, Partys feierten, Freundinnen hatten. Vor einem Jahr brachen sie nach Syrien auf, nach einigen Tagen kamen sie zurück.

KADDOR (zu TARIK): Ich mach mir Sorgen um dich, dass du in falsche Kreise gerätst.

TARIK: Müssen Sie nicht. Falls ich gewollt hätte, wäre ich längst gegangen.

KADDOR: Ich fürchte, dass du mittendrin steckst. Du gehörst zu einer Familie, von der einige da waren. Du hängst die ganze Zeit mit deinem Cousin zusammen, der da war.

TARIK: Was habe ich damit zu tun? Sie beschuldigen mich, weil mein Cousin in Syrien war.

KADDOR: Nein, ich beschuldige dich nicht! Ich mache mir Sorgen.

TARIK: Doch, Sie beschuldigen mich!

KADDOR: Nein, ich mach mir nur Gedanken. Und weißt du, warum? Deinen Cousin habe ich auch in der zehnten Klasse unterrichtet, da war nicht die Spur davon, dass er jemals so eine Scheiße machen würde.

TARIK: Ich bin noch hier. Sie brauchen sich keine Gedanken zu machen.

KADDOR: Du bist das perfekte Ziel für die, und ihr anderen hier gehört auch alle zur Zielgruppe, ihr habt das beste Alter.

TARIK: Ich habe nichts falsch gemacht. Ich werde nichts machen.

KADDOR: Jetzt tu nicht so, als ob sie dich nicht längst angesprochen hätten.

TARIK: Ganz ehrlich, ich habe mit denen trainiert, ich habe mit denen rumgehangen, ich habe aber kein einziges Mal Wörter wie Dschihad oder Syrien gehört.

ALINE: Würdest du Angst haben, nach Syrien zu gehen?

TARIK: Keine Ahnung. Bestimmt.

*

Luana und Aline haben angefangen zu beten. Zweimal täglich, am Morgen und am Abend. Luana fand im Internet ein Video über die Hölle. Zwölf Minuten lang verbrennen Menschen im Feuer, ihre Gesichter verzerrt vor Schmerz. Sie schickte Aline den Link. Die sah die Bilder und konnte nicht schlafen, sie holte ein Gebetsheft raus und fing sofort an: Sie zitterte, als sie die ersten Worte las, und als sie fertig war, fühlte sie sich frei. Luana begann am nächsten Tag zu beten. „Aber man soll es nicht nur aus Angst machen“, sagt Luana. „Und nicht nur aus Gier, weil man ins Paradies will“, sagt Aline. Das erste Mal, sagen beide, war es aber so.

*

5. Akt: Gehst du nach Syrien?

KADDOR: TARIK, wenn du nach Syrien gehst, komm ich und zieh dir die Ohren lang.

TARIK: Ich sagte doch: Wenn ich wollte, wäre ich gegangen.

PHILIPP: Würden Sie dahingehen?

KADDOR: nein, würde ich nicht! Und ich sage euch, warum: Ich wüsste nicht mal, wen oder was ich da verteidigen soll.

LUANA: Das sind ja Muslime gegen Muslime, ne? Ist das trotzdem Dings dann, Dschihad?

KADDOR: Nein. Aber die einen Muslime erklären die anderen zu Ungläubigen, und deshalb sagen sie, die anderen seien keine Muslime.

LUANA: aber Frau Kaddor, wenn ein Muslim zu einem anderen sagt, er sei kein Muslim, dann ist er doch selber keiner.

KADDOR: Richtig.

LUANA: Also sind das alle keine, hä?

KADDOR: Sie handeln jedenfalls alle unislamisch.

LUANA: Dann ist das also eigentlich kein Dschihad?

KADDOR: Jede Seite sagt, es sei einer, weil sie glauben, den wahren Islam zu verteidigen. aber das ist definitiv kein Dschihad.

*

Frau Kaddor erklärt den Unterschied zwischen den Glaubensrichtungen im Islam.

KADDOR: aber eigentlich ist es völlig egal, was wir alle sind, Hauptsache, wir glauben an Gott.

ALINE: Moslem ist Moslem.

MESUT: Mensch ist Mensch.

LUANA: Frau Kaddor, nicht Mensch ist Mensch, es gibt Menschen, die keine Menschen sind. Vergewaltiger, Mörder, Pädophile, Lesben, Schwule. Für mich sind das alles keine Menschen.

KADDOR: Moment, was hat der Schwule verbrochen?

LUANA: Das ist einfach nicht normal! ein Mann gehört zu einer Frau. Kennen Sie nicht den Spruch – wie ging der?

ALINE: Allah hat adam und eva erschaffen, nicht adam und Peter.

KADDOR: es gibt Muslime, die schwul oder lesbisch sind.

LUANA: Das ist eklig. Das sind für mich keine Menschen. Verstehen Sie das?

KADDOR: Nee.

LUANA: Pädophile und Vergewaltiger sowieso, das ist Dreck. Und Lesben und Schwule sind natürlich was anderes, aber wenn ich die auf der Straße sehe: Boah!

KADDOR: Ich habe mehrere schwule und lesbische Freunde.

LUANA: Iiiieh.

PHILIPP: oh, können wir aufhören, über Lesben und Schwule zu reden, alter, ich kotz gleich.

KADDOR: Wieso könnt ihr nicht akzeptieren, dass es Menschen gibt, die anders leben als ihr? Wieso glaubt ihr, dass ihr normal seid? Bringt mir ein vernünftiges Argument.

LUANA (schreit): Im Islam gibt es Frau und Mann, das reicht.

KADDOR: okay, sagen wir, Frau und Mann, das ist die norm, aber was ist schlimm, mal außerhalb zu stehen: Das ist nicht schlecht.

LUANA: Doch!

KADDOR (sehr bestimmt): Es ist normal in Deutschland, Weißwurst zu essen und Bier zu trinken. Wir machen das nicht, wir ge hören also nicht zur Normalität. Ist das jetzt was Schlechtes?

TARIK: Die sind nicht normal, wir sind nicht normal, alle sind nicht normal. Wir sind alle Menschen, Ende.

*

6. Akt: Was heißt Islam?

In der letzten Stunde, eine Woche bevor die Schüler mit ihren abschlusszeugnissen entlassen werden, fragt Frau Kaddor, was Islam auf Deutsch bedeutet. „Die wahre religion“, sagt Aline. nein, TARIK? auch er weiß es nicht. „Hingabe an Gott“, sagt Frau Kaddor. „Und warum seid ihr Muslime?“, fragt sie. Wegen der Vorfahren, aus Familientradition, sagen fast alle. TARIK erzählt, dass Salafisten, mit denen er Zeit verbrachte, ihm bislang am besten erklären konnten, was der Islam ist.

*

Epilog

Nach dem Unterricht sitzt Frau Kaddor in einem türkischen Imbiss. Es sei immer ein dumpfes Gefühl, die Schüler ziehen zu lassen: Was wird aus ihnen? Wem stellen sie jetzt ihre Fragen? Bis auf ihre Haltung zur Homosexualität sei es eine tolerante Klasse gewesen, sagt sie, viele Schüler folgten nicht einfach einer anderen Meinung, ohne nachzudenken.

KADDOR: Im Unterricht bringe ich die Schüler immer wieder dazu, sich zu fragen: Wieso ist das so? Ich möchte, dass sie mündige Gläubige werden, und wünsche mir, dass sie nichts machen, was ihrer Ratio widerspricht. Sie sind viel politisierter als die Schüler vor ein paar Jahren. Über Salafismus muss ich mit ihnen sprechen, wie sollen sie sich denn sonst vernünftig informieren? Gegen jede Radikalisierung kann ich sie nicht immunisieren. Meine ehemaligen Schüler konnte ich auch nicht aufhalten, wie auch? Der Jüngste von ihnen war 18, ein Jahr aus der Schule raus. Ich bin nicht der verlängerte arm des Verfassungsschutzes. Was ich als Pädagogin machen kann: Entwicklungen sehen und abfangen. Sie sollen meine kritische Stimme im Kopf behalten, die sagt: Lass den Schwachsinn!“

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Sonja Hartwig fragte zum Schluss der Recherche einige Schüler beim Spaghettieis-Essen, ob sie es gut finden, dass über sie geschrieben wird. Aline antwortete:

„Business.“ Business?

„Ja, man fühlt sich cool und reich“

6 500 Schüler bekommen in Nordrhein-Westfalen islamischen Religionsunterricht nach den Vorgaben des Grundgesetzes: unter Aufsicht des Staates und „in Übereinstimmung mit den Grundsätzen der Religionsgemeinschaften“
44 % der Bürger sagen: Ja, der Islam gehört zu Deutschland. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die Forsa kürzlich für den stern durchgeführt hat
36 % der Muslime in Deutschland betrachten sich als „sehr stark gläubig“, weitere 50 Prozent als „eher gläubig“. Das sagt eine Studie aus dem Jahr 2008
70 % der Musliminnen in Deutschland tragen niemals Kopftuch. Auch von den stark Gläubigen verzichtet jede zweite darauf
19 % der Bürger glauben, dass der Islam insgesamt eine Bedrohung sei. 74 Prozent meinen, dass nur von radikalen Gruppen Gefahr ausgehe. Das ergab eine Allensbach-Umfrage im Jahr 2012
35 % der Befragten mit Migrationshintergrund sagten bei einer Untersuchung: Muslimische Lehrerinnen sollten in der Schule kein Kopftuch tragen dürfen. Weitere 20 Prozent meinten, dass man ihnen das „eher nicht“ erlauben solle. Die Befragten: Tausende Männer und Frauen aus deutschen Ballungsräumen

GUT ZU WISSEN Koran und Dschihad
Liberale wie Radikale berufen sich auf die heiligen Schriften des Islam: den Koran und die Hadithe, die Überlieferungen zum Leben Mohammeds. Was sagen sie wirklich über den Dschihad? Was über das Verhältnis von Männern und Frauen?

Dschihad
Anstrengung, Bemühung – das ist die Bedeutung des arabischen Wortes. Im Koran ist damit „das Bemühen auf dem Weg Gottes“ gemeint. Und das bedeutete zu Zeiten Mohammeds: Kampf gegen feindliche und abtrünnige Stämme. Als aus der jungen Religion ein gefestigtes Großreich geworden war, interpretierte man den Dschihad zunehmend auch als Bemühen um ein gottesfürchtiges, frommes Leben. Das ist bis heute die Lesart, die bei der überwiegenden Mehrheit aller Islamgelehrten im Vordergrund steht.

Mann und Frau
Die heiligen Schriften verlangen an vielen Stellen die Unterordnung der Frau unter ihren Ehemann. Verglichen mit den Stammesgesellschaften seiner Zeit war Mohammed trotzdem nahezu fortschrittlich. So stärkte er etwa die Eigentumsrechte von Frauen. Von einer Vollverschleierung wie der Burka ist im Koran nicht die Rede. Gläubige Frauen sollten eine Art Schal über einem weiten Unterkleid tragen.

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Sonja Hartwig


Sonja Hartwig, geboren 1985, ist freie Reporterin. Sie schreibt für Magazine und Wochenzeitungen, vor allem für den Stern, die Zeit und den Spiegel. Besuchte die Henri-Nannen-Schule, studierte zuvor in Leipzig.
Dokumente
Hartwig: Wenn ich euch verspreche... (pdf)

erschienen in:
Stern,
am 18.09.2014

 

Kommentare

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