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27.05.17

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Hannes Opel „Workutas Krieger – Leben nach der Verbannung


Von Hannes Opel, Lettre International, LI 105, Sommer 2014


In einer verlassenen Siedlung am nördlichen Rand von Europa trifft mich plötzlich eine Kugel. Kopfschuss. Jetzt bin ich tot. Jewgenij lacht „Lauf nie vor einem Heckenschützen davon! Du wirst müde sterben.“ Der Krieg ist schnell ausgebrochen. Gerade noch stürzten die Schachtiori, die Bergarbeiter, an ihrem freien Tag um ein wärmendes Feuer stehend, Wodka hinab und tunkten Brot in öliges Konservenfleisch. Auf ein Kommando hin schultern sie mit glänzenden Augen ihre Waffen und gehen als Feinde auseinander. Es ist die Entscheidungsschlacht des letzten Jahrhunderts. Wie jeden Sonntag kommen sie hier zusammen Rotarmisten mit Pilotka und Stern, SS-Soldaten in erbsenartig gepunkteter Tarnuniform, Afghanistankrieger und Kämpfer aus Tschetschenien. Ihre Waffen und Uniformen haben sie aus dem Internet, aber es wirkt, als hätte es tatsächlich die letzten Einheiten russischer Soldaten mitsamt ihrer Gegner an den Rand Europas verschlagen, wo sie weiter verbissen kämpfen. Flink verteilen sie sich auf die Ruinen. Stille liegt über dem Gelände. Dann prasseln die ersten Schüsse los.  Schreie. Treffer. Doch die Männer sterben nicht. Sie stehen immer wieder auf.

40 Stunden dauert die Fahrt mit dem Zug von Moskau Richtung Norden, dann taucht aus dem Nichts der kargen Tundralandschaft plötzlich eine Betoninsel auf. Seit 70 Jahren ist Workuta abgeschnitten vom russischen Festland. Das Straßennetz beginnt erst 600 Kilometer weiter südlich. Der grausame Wille, der hier eine Stadt errichtet hat, hat sich in die Biographien von bis zu einer Millionen Gulag-Häftlingen eingeschrieben. 250.000 von ihnen sind an den Qualen der Zwangsarbeit zu Grunde gegangen. Workuta bildete das Zentrum eines Strafgebietes von der Größe Deutschlands, auf dem sich 41 Kohleschächte verteilten. Die Winter dauern in dieser Region neun Monate, in denen die Temperatur bis auf minus 50 Grad fällt. 61.000 Menschen sind bis heute geblieben, viele in mittlerweile dritter Generation ehemaliger Häftlinge oder des Personals der damaligen Lagerverwaltung. Die meisten von ihnen fahren noch immer Tag für Tag unter die Erde, um Kohle herauf zu bringen. Auch wenn es heute nicht mehr der Hunger der Weltrevolution ist, den sie damit stillen müssen, sondern jener von internationalen Konzernen. Wie lebt man auf einer von Stalins größten Inseln kurz vor dem Eismeer Während der letzten weißen Nächte Anfang August erreichen wir Workuta und beziehen für zwei Wochen Quartier.

„Wir dürfen nicht vergessen, dass diese Stadt auf den Knochen von Hunderttausenden errichtet wurde.“ Jewgenij Schumeyko ist Bürgermeister von Workuta, er sitzt in seinem Büro etwas verloren hinter einem massiven Tisch. Über seiner rechten Schulter lächeln Wladimir Putin und Dimitri Medwedew von der Wand. Bei Kuchen und grünem Tee gibt er sein Bestes, angesichts der düsteren Historie die Zukunft seiner Stadt in helleren Farben zu zeichnen. Die enorme Kohlekapazität der Region spricht für sich. „Und sollte die tatsächlich irgendwann erschöpft sein, dann liegt 40 Kilometer entfernt das nächste Kohlebecken mit einem Ertrag von über 3 Milliarden Tonnen. Das würde Kohle für fast 600 Jahre bei einer Fördermenge von 15.000 Tonnen täglich bedeuten.“ Darüber hinaus würde der Ural für Extremtouristen immer interessanter werden, so dass in diesem Segment viel Potenzial stecke. Es gibt Pläne für eine Renovierung des Stadtkerns und ein Erlebnismuseum auch an seinem größten Traum, einer Straße nach Workuta, hält Schumeyko weiterhin fest. Nur das Geld zur Umsetzung der Maßnahmen fehlt dem ehemaligen Bergarbeiter. Gemessen an seinen Bodenschätzen ist die gesamte Region sicher eine der reichsten der Erde und trotzdem bleiben seine Bewohner vergleichsweise mittellos. „Sie sehen wir kämen ganz gut allein zurecht, nur leider bleibt kaum etwas von dem Geld, das wir verdienen, auch bei uns. Alles fließt nach Moskau.“

„Perle des Nordens“ steht auf einem Werbeschild an einer Hauswand. Die Leninstraße ist so breit, dass zwei Panzer gut aneinander vorbeikämen. Heute ist sie die Promenade Workutas. Junge Mütter in kurzen Röcken schieben Kinderwagen vor sich her. Aus Schaschlik-Zelten steigt der Duft von Gebratenem, Kinder kreischen auf einem winzigen Rummelplatz. Es fällt schwer, in dieser Szenerie, den einstigen Ort der Verbannung zu erkennen. Lager, Stacheldraht und Wachtürme sind nahezu restlos verschwunden. Und trotzdem scheint das Misstrauen gegenüber dem Kreml noch immer groß. Wenn die Hauptstadt die Bahnverbindung kappen würde, dann hielte man nicht mal einen Winter durch, sagen die Leute mit bitterem Lächeln. Von oben betrachtet wirkt es, als hätte ein Moskauer Geschütz mehrfach auf das Petschora-Kohlebecken gefeuert, so dass sich die Stadt in einzelnen Trabanten um die Krater der Minen gebildet hat. Einige der Einschlagslöcher rauchen noch immer. Allerdings werden von den insgesamt 41 Schächten, in denen von 1929 bis 1960 über eine Millionen inhaftierte Männer und Frauen Zwangsarbeit leisten mussten, heute in Workuta nur noch fünf betrieben. Sie haben die große Epidemie der 90er Jahre überstanden. Die Stadt verlor von 1989 bis heute fast die Hälfte seiner Einwohner. Überall dort, wo eine Mine geschlossen wurde, stand bald auch eine Geistersiedlung. Hoch über den Köpfen der Bürger, wo früher die Parteipropaganda in kolossalen Schriftzügen den neuen Sowjetmenschen beschwor, versuchen jetzt Severstal und Gazprom junge Arbeiter zu rekrutieren. Auf einem fassadenfüllenden Plakat hält ein breitschultriger Kumpel mit Blaumann und Kopflampe seine junge, hübsche Frau der Sonne entgegen. Auf einem anderen Wohnblock wirbt Putins Partei Einiges Russland mit der Parole „Gemeinsam bereiten wir die Zukunft.“ Doch Moskau ist 2.000 Kilometer entfernt. In Workuta glaubt kaum noch jemand an eine gemeinsame Zukunft.

„Für 20 Millionen hat man uns an eine Bande verkauft, die jetzt komplett in London wohnt!“ Beim Spaziergang durch die Stadt treffen wir einen pensionierten Schachtior, der verbissen in einem Hinterhof an seinem Auto schraubt. Hinter ihm toben Kinder kreischend über einen rostigen Spielplatz. Seine Goldzähne blitzen, als er die Moskauer Regierung mit Flüchen belegt. Alle fünf verbliebenen Minen gehören heute zu Severstal, dem zweitgrößten Stahlunternehmen Russlands und Konglomerat des Oligarchen Alexei Mordaschow. Nach dem freien Fall des Rubels in der Umbruchphase der 1990er-Jahre, konnte die, aufgrund der Förderungsbedingungen kostenintensive Kohle Workutas, auf dem Weltmarkt nicht mehr bestehen. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Kumpel haben sich seit dem nicht mehr erholt. „Ich gehöre ja noch zu den Privilegierten, die eine Rente erhalten“, sagt er. Mütterchen Staat zahlt ihm 30.000 Rubel Pension, knapp 600 Euro. „Aber wie soll man davon leben, wenn man bei einem Gang zum Markt schon 2.000 Rubel los wird“ Die Stadt hängt am Tropf. Sie ist das abgestorbene Ende des russischen Staatskörpers, in welches das Moskauer Herz nur noch zu Fest- und Feiertagen frisches Blut pumpt. Hier hatte man am schnellsten den Kapitalismus lernen müssen. Was bis zum Niedergang der Sowjetunion der Staat geregelt hatte, wechselte plötzlich in private Hand Supermärkte, Nahverkehr, die Minen sowieso. Da im unfruchtbaren Permafrostboden jenseits des Polarkreises kaum etwas angebaut werden kann und es weiterhin nur den Schienen- oder Luftweg nach Workuta gibt, bedeutet das für die Bevölkerung Lebenskosten auf Moskauer Niveau. Die Löhne allerdings liegen weit unter dem Durchschnitt der Hauptstadt. In den goldenen 1970ern, als das Kohlegeschäft boomte, flogen die gut bezahlten Kumpel schon mal auf einen Kaffee nach Sotschi ans Meer. Heute versucht ein Großteil der jungen Leute, die Stadt zu verlassen, sobald sich die Chance ergibt. Angesichts dieser katastrophalen Bilanz, die man in Russland mit der Demokratie bzw. dem unter Gorbatschow einsetzenden und von Jelzin durchgepeitschten Privatisierungsfeldzug verbindet, ist es nicht verwunderlich, dass sich, selbst an diesem Ort, viele Blicke sehnsüchtig in die Vergangenheit richten.

Ich treffe Workutas Krieger in einer Bar. Ein Käsezopf und eine geräucherte Forelle flankieren die Legion von Biergläsern auf dem Tisch. Bozmann ist die einzige Rockkneipe der Stadt. Es geht ein paar Stufen hinab, in ein Gewölbe ohne Fenster, und obwohl mehr als die Hälfte der Anwesenden gerade erst aus den Schächten gekommen sein muss, sitzen sie nun wieder in der Tiefe. Jewgenij greift nach einem Glas und es scheint, als schließe sich die Schaufel eines Baggers. Er überragt mich um mehr als einen Kopf und sein geschorener Schädel wirkt etwas zu klein für den massigen Hals. Sein halbes Leben arbeitet er bereits unter Tage, zuerst in Workuta und jetzt 600 Kilometer südlich in Uchta. „Früher Kohle, heute Öl. Die Arbeit ist fast die gleiche. Genauso schwer, gefährlich und schlecht bezahlt.“ Seine gesamte Statur wirkt wie aus einem Fels gehauen, als verwandele er sich allmählich in den Stein, den er seit Jahrzehnten aus der Erde sprengt. „Ich bedaure es sehr, dass es die Sowjetunion nicht mehr gibt! Weißt du, jeder große Staat wäre besser als das, was wir jetzt hier haben.“ Jewgenij spricht leise. Er braucht eine Weile, bis er die passenden englischen Worte gefunden hat. Die Pausen füllt die Hausband mit „Wish you were here“ von Pink Floyd. Während der Rest der Bar den Refrain so gut es geht mitsingt, könnte man glauben, sie hätten ihn für ihre Stadt geschrieben. Workutas Blütezeit liegt bereits hinter ihnen. Ihr Aufstieg begann mit dem Ende des Gulag-Systems in den frühen 1960er Jahren. Chrutschow hatte zuvor 1956 auf dem 20. Parteitag einen Schritt in Richtung Entstalinisierung getan. Moskau erkannte schnell, dass das schier grenzenlose Lagersystem, in dem zeitweise bis zu 2,5 Millionen Menschen gleichzeitig inhaftiert waren, durch den hochbürokratischen Verwaltungsapparat wirtschaftlich nicht mehr tragfähig war. Trotz allem war man weiterhin auf Rohstoffe aus dem Norden des Landes angewiesen. Aus diesem Grunde begann man die Lager zu schließen und bot den Arbeitern höhere Löhne, damit sie es mit den schwierigen Verhältnissen vor Ort aufnehmen würden. „Noch vor 30 Jahren konnte man vergleichsweise gutes Geld verdienen. Ein Freund von mir hat in den 80er Jahren beim Militär in Moskau 200 Rubel monatlich verdient, ich hatte mit viel Glück 1.000. Heute ist es quasi wieder andersrum.“ Kaum vorstellbar, dass es hier einst Produkte zu kaufen gab, die nirgendwo sonst innerhalb der Sowjetunion erhältlich waren. Die Bevölkerung wuchs stetig an. Vom früheren Feind wurde der Bergarbeiter zum Volkshelden, beliebter war nur noch der Kosmonaut. Doch schon in den späten 80er Jahren war der Rubel nichts mehr wert und der Kohlepreis wurde von der sowjetischen Regierung rüstungsbedingt niedrig gehalten. Kein Arbeitsschutz, kein Recht auf gewerkschaftliche Organisation, geringe Löhne und immer wieder Unfälle in den Gruben. „Man konnte kaum noch was kaufen von dem Geld. Später waren dann auch die Wohnungen plötzlich wertlos.“ Die Immobilienpreise gingen in den Keller und die Menschen waren wieder in Workuta gefangen. Wir stehen vor der Kneipe. Jewgenij raucht und schnippt die Zigarette seufzend in die kühle Sommernacht. Es ist offensichtlich, dass ihm der Anblick seiner Stadt zu schaffen macht. Als spiele sich der ganze Wahnsinn des 20. Jahrhunderts tagtäglich in einer endlosen Schleife vor ihm ab Die hunderttausenden Toten, der Aufstieg der Stadt und der endgültige Zusammenbruch, dem die gesamte Sowjetunion folgen sollte. „Du wirst es sehen. Da wo wir kämpfen, ist nichts mehr übrig.“  
Am nächsten Tag beschließen wir die Kommunisten zu besuchen. Unangemeldet betreten wir das Büro von Dimitrij Konkalovich. Er ist Stadtratsmitglied und Vertreter der Kommunistischen Partei der Russischen Föderation KPRF in Workuta. Konkalovich sieht aus wie Lenin. Sein Büro liegt im zweiten Stock eines renovierungsbedürftigen Hauses, direkt an der Leninstraße. Urkunden und Wimpel der alten Parteiführung, sowie Büsten schmücken jeden freien Platz auf Tisch und Kommode. Er wirkt etwas angespannt in seinem schwarzen Anzug und dem eng gebundenen weißen Schlips. Auf meine Fragen antwortet er routiniert mit Impulsvorträgen, als gelte es bei etwas die Oberhand zu behalten. „Schwer, blutrünstig, schrecklich, blutig, grausam war der Krieg. Siebzig Prozent der UdSSR, ganz besonders die Ballungsräume, waren nur Ruinen. Das Land stand auf, vom Bauch auf die Knie. Und sofort tauchte ein neuer Feind, die Amerikaner, der Westen und England auf.“

Er nimmt sich Zeit. Faltet die Hände, nickt. Die Antworten sind umfassend, aber kühl und distanziert. Immer wieder beruft er sich angesichts der Geschichte seiner Stadt auf die Parteilinie. Die Maßnahmen, die die Regierung damals ergriffen hat, waren notwendig, um das Land im Inneren vor Agenten und Spionen zu schützen. Für die Sowjetunion begann direkt nach dem zweiten Weltkrieg, der Krieg gegen den Kapitalismus. Die Machtdemonstration der USA in Hiroshima und Nagasaki galten der Sowjetunion. Das System hatte zu keiner Zeit eine Chance sich wirklich zu stabilisieren. Das Opfer musste gebracht werden. Punkt.

„Und deshalb war diesbezüglich die Regierung sehr sehr vorsichtig, weil das mehrere zehn Tausend Kriegsgefangene waren, die schon die nationale Kultur, Interessen, Traditionen, sogar viele die russische Sprache usw. kannten. Das waren Belgier und Deutsche, Tschechen, Polen, bei denen es – wenn es eine Rehabilitation gegeben hätte – zu einer Entlassung gekommen wäre. Und es ist kein Geheimnis, dass in dieser Periode die schwersten Sabotageakte geschehen sind im Inneren der UdSSR, Explosionen in Kohleschächten, das heißt, der letzten funktionierenden Wirtschaft und alles.“
Für die Schicksale der Verfolgten, für die Opfer, die das Lagersystem der Sowjetregierung in Workuta forderte, gibt es auch mehr als ein halbes Jahrhundert später in diesem Büro keine Achtung, kein Gedenken, keine Reue. Angesichts der gegenwärtigen Situation seiner Stadt geht Konkalovich seinerseits sogar zum Angriff über „Wenn wir uns diese chronologische Situation auch nur beiläufig anschauen, ja, und den Lebensstandard, der sich sehr änderte im Land in einer so kurzen Periode, dann ist es nicht schwer zu fantasieren und sich zu sagen, dass in ca. 50 Jahren, wenn uns natürlich niemand gestört hätte, nicht diese Demokraten, nicht die Perestroika, dann wären wir heute auf dem richtigen Weg.“

Der einzige Weg über den Fluss Workuta, der die Stadt teilt, führt über eine rostige Brücke. Etliche Planken der Holzdecke fehlen. Sie wurden vermutlich verfeuert. Am anderen Ufer stehen zerfallene Häuserblocks der ersten Siedlung „Rudnik“. Ich balanciere vorsichtig – um nicht gute sieben Meter in die Tiefe zu stürzen – von der einen auf die andere Seite. Junge Workuteraner marschieren, beladen mit Flaschen und Instrumenten an mir vorbei, ohne dem Abgrund Beachtung zu schenken. Auch ein altes Mütterchen, das Kopftuch im Genick zusammengebunden, trägt Körbe mit Pilzen zielsicher auf die andere Seite. Während ich mich langsam vorantaste, frage ich mich, ob diese Brücke, die das Workuta der Gegenwart mit seiner Geschichte verbindet und dabei keinen soliden Eindruck macht, nicht ein Symbol für das Schicksal der Stadt sein könnte. Als drohe hier bald auch die letzte Verbindung zur Vergangenheit verloren zu gehen. Doch als zwei Jungs auf Mountainbikes hinter mir über die Brücke rasen wird mir klar, dass ich mit meiner Sorge um diesen Zugang offensichtlich allein stehe. Die Vergangenheit wirkt hier wie ein Gespenst. Sie ist gegenwärtig, obwohl sie nicht wirklich anwesend ist. Sie lässt sich nicht greifen und museal verwalten, weil sie noch nicht abgeschlossen, noch nicht verarbeitet wurde. Sie spukt flüchtig unter den eisernen Blicken der Lenin- und Kirowdenkmäler herum. Und so wird sie durch diejenigen am Leben gehalten, die nach dem Feierabend zu ihren Ruinen zurückkehren, als folgten sie einem Ritual. Sie machen Feuer am Fluss und trinken, steigen über rostige Leitern auf die Dächer der Betonblöcke und blicken schweigend auf die Tundra. Sie warten. Auf die Vergangenheit oder die Zukunft. Es scheint keinen Unterschied zu machen.

Auf Einladung des Bürgermeisters fahren wir in einen Außenbezirk. 70 Jahre Stadtgeschichte werden hier gefeiert. Während eine Frauengruppe schunkelnd ein trauriges Lied über die Tundra singt, tanzen Kinder mit zwei Clowns über den etwas überdimensionierten Platz. An den Seiten wird Schaschlik gebraten und Bier ausgeschenkt. Der Bürgermeister gibt dem lokalen Fernsehsender ein Interview und über das ganze Geschehen wacht Lenin aus gut 10 Meter Höhe. Die Baracken der Lager von einst sind nahezu komplett der Tundra gewichen. Nur außerhalb, der Stadt entlang der Schnellstraßen, die die Minen verbinden, ragen zu Kreuzen geschweißte Stahlrohre aus dem Boden. Ehemalige Häftlinge haben sie dort für ihre verstorbenen Kameraden errichtet. 2.000 Kilometer südlich, in einer anderen Welt, hält der Moskauer Machtapparat weiterhin an die 30 Millionen Häftlingsakten und damit ein wesentliches Kapitel russischer Geschichte unter Verschluss. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit wird in Russland an zwei Fronten geführt In den Moskauer Archiven des Geheimdienstes und in der Tundra, die sich jenseits des 67. Breitengrades schleichend die letzten Zeugnisse der Verfolgung und Ausbeutung einverleibt. Je mehr davon verschwindet, desto ausdauernder muss scheinbar der Sieg im Großen Vaterländischen Krieg beschworen werden, um diese Leerstelle zu füllen.

Am nächsten Morgen steht Jewgenij in Uniform auf einem Betonspielplatz und nimmt einen tiefen Schluck aus einer Wasserflasche. Er kneift die roten Augen im Licht zusammen und schiebt sie hinter eine Sonnenbrille. „Es geht los. Jetzt zeig ich euch mal, was ich mache, um mich zu entspannen.“ Im Shuttlebus sitzen sieben andere Soldaten, ihre Waffen zwischen den Knien. Bevor wir die Stadt verlassen, halten wir an einem Supermarkt. Die Krieger stürmen in voller Montur hinein, um Bier und Wodka zu kaufen. Die ersten Büchsen sind aufgerissen und die Stimmung ist gut, ganz so als ginge es zu einem Fußballspiel. „Mach dir keine Sorgen, wenn wir trinken, dann legen wir die Waffen weg“, meint Jewgenij ernst. Die anderen grinsen wie kleine Jungs. Wie zur Beruhigung streicht er mit der flachen Hand über sein Maschinengewehr, das in eine Decke eingewickelt ist. „Es geht ja gleich los. Bleib ganz ruhig.“ Nach 20 Minuten Fahrt erreichen wir Promyshlennyi. Von der ehemaligen Arbeitersiedlung ist jedoch nicht mehr viel zu sehen. Als hätte ein wütender Regisseur seine gesamte Kulisse gesprengt, liegt überall Schutt zwischen den zerborstenen Gebäuden. Wir beziehen ein einzelnes Haus am Rand. Die Krieger beginnen ihre Waffen mit weißen Kunststoffkugeln zu laden und feuern Testschüsse auf das letzte Glas der Fenster. „Klar tut es weh, wenn du getroffen wirst. Vor allem da wo die Haut dünn ist. Am Hals und im Gesicht musst du aufpassen.“ Als Gast bekomme ich eine Schutzbrille und eine orangenfarbene Warnweste. In meinem ersten Gefecht halte ich keine zehn Minuten durch. Die Kugeln schlagen durch die offene Fassade und greifen nach allem, was sich bewegt. Wenig später stehe ich mit anderen gefallenen Soldaten in der Todeszone und warte. Sie alle sterben nicht. Obwohl sie sich nach so etwas ähnlichem zu sehnen scheinen. Einem Heldentod. Nach drei Treffern des Gegners sind sie draußen und müssen dann in der Todeszone warten, bis das Spiel entschieden ist. Danach beginnt es von neuem. „ Hier wurde ich geboren. Schrecklich oder“ Jewgenij ist ebenfalls schon tot. Er hat das Maschinengewehr zur Seite gelegt und zeigt mir seine alte Grundschule. Im Flur liefern sich seine Kameraden gerade einen Stellungskampf. „Hier war der Waffenübungsraum und hier die Sporthalle. Ah, und hier haben wir versucht, den Mädchen beim Umziehen zuzugucken.“ Er stellt sich auf Zehenspitzen vor ein Loch, in dem sich mal ein kleines Fenster befunden haben muss. Wir gehen die Treppe hinauf und kommen in einen wüsten Raum. Einzelne Tische liegen umgestürzt, eine Tafel klammert sich an die morsche Aufhängung. An der hinteren Wand sind noch die bunten Konturen einer Zeichnung erkennbar. Ein Hase vielleicht. Jewgenijs Stimme zittert „Das ist alles, was von meiner Kindheit geblieben ist. Verstehst du das“ Während dumpf der Krieg von unten herauftönt, steigen wir auf das weiche Schuldach und blicken auf das trostlose Bild. Wie ein faules Gebiss ragt die Siedlung aus der Erde. Jewgenij schüttelt langsam den Kopf. „Es ist nur noch Leere in mir. Ich frage mich, wer hat eigentlich den Krieg gewonnen Ihr oder wir Ich glaube, niemand hat diesen Krieg gewonnen.“

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Hannes Opel


Geb. 1984 in Rostock. Studierte Philosophie, Künste und Medien in Hildesheim und Rom. Arbeitete für einen studentischen Verlag für junge Literatur und Buchkunst sowie für Online-Kulturmagazine. Gemeinsam mit Studierenden und Flüchtlingen aus dem Sudan hat er 2011 eine NGO gegründet, die sich für die Rechte von Asylsuchenden einsetzt. Im Rahmen seiner Abschlussarbeit setzte er sich theoretisch wie praktisch mit der Idee eines Gesetzes der Gastfreundschaft von Kant über Lévinas bis Derrida auseinander. Momentan arbeitet er als freier Journalist vorrangig für Zeitungen, Anthologien und den Hörfunk. Ab Oktober wird er seine journalistische Ausbildung an der Zeitenspiegel-Reportageschule fortsetzen.
Dokumente
Hannes Opel: Workutas Krieger (pdf)

erschienen in:
Lettre International,
am 01.07.2014

 

Kommentare

Xexilia, 25.04.2016, 02:14 Uhr:

IJWTS wow! Why can't I think of thnigs like that?

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