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24.05.16

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Friederike Haupt „Geh nicht kaputt


Die Männer redeten, um zu reden. Einer stand vor der Tür. Ein Abend in der Kneipe nahe dem Krankenhaus.

Von Friederike Haupt

Vor dem "Weißen Roß" stand ein alter Mann und rauchte. Er hätte sich auch reinsetzen können, Rauchen ist da erlaubt, aber er wollte jetzt in erster Linie draußen stehen, die Zigarette war mehr Gewohnheit. Der Mann blickte auf das Brachland gegenüber. Dort wuchert ein hüfthoher Urwald, Beifuß und Goldrute zwischen Disteln und Büschen. Dahinter stehen alte Häuser, und noch weiter hinten ging gerade die Sonne unter. Am Morgen war der Mann nach Leipzig ins Krankenhaus gefahren, um seine Frau zu besuchen, und gerade erst war er wieder herausgekommen. Dann hatte er sich auf den Weg zum "Weißen Roß" gemacht.

Ein Arzt hatte ihm die Gaststätte empfohlen. Sie ist nur fünf Minuten Fußmarsch von der Klinik entfernt. Der Mann wäre auf dem Weg zum Bahnhof sowieso daran vorbeigekommen, aber ohne den Hinweis hätte er sie vielleicht nicht bemerkt. Das "Weiße Roß" liegt in einer schmalen Straße: eine Reihe von farblosen Altbauten, davor parken farblose Autos. Gegenüber wächst langsam die Brache zu. Nichts, was hier ist, will auffallen. Jetzt, zur Abendbrotzeit, lag die Straße ganz still. Durch ein paar Vorhänge sickerte blaues Licht. Dass hier eine Gastwirtschaft war, schien keinen zu interessieren, nicht mal die Gastwirtschaft selbst. Grau-weiße Spitzenvorhänge vergittern die Fenster, aber wer abends dicht davorsteht, kann leise Stimmen hören.

Im Schankraum saßen drei Männer auf Polsterstühlen und redeten. Sie hatten den Tisch gleich am Tresen; beste Lage. Der Wirt zapfte Bier. Sein Name ist Nagel, aber das passt nicht zu ihm, dafür ist er zu freundlich und zu sanft. Nagel ließ sich Zeit mit dem Bier. Er hat kein Talent, sich zu beeilen, und schon länger auch keinen Grund. Viel mehr Gäste würden nicht kommen. Es war Freitag, aber im "Weißen Roß" ist grundsätzlich nichts los. Die Studenten gehen in Studentenkneipen, die Touristen in Touristenkneipen. Die Arbeiter, die früher hier zechten, sind tot. Nur ein paar Alte aus der Nachbarschaft treffen sich manchmal zum Doppelkopf oder Skat. Hin und wieder schauen die Monteure vorbei, die in den Gästezimmern im ersten Stock schlafen. Und dann gibt es noch die Krankenhausgäste.

So nennt Nagel die Menschen, die von außerhalb kommen, um Verwandte im Krankenhaus zu besuchen. Manche bleiben nur eine Nacht und fahren am nächsten Tag heim. Manche buchen länger, je nach Ernst der Lage. Ein paar kommen bloß für ein Essen und ein Bier. Die meisten Krankenhausgäste sind alt und oft selbst krank, und vor allem sind sie allein. Nagel kümmert sich um sie, so gut er kann. Wenn ein Gast Asthma hat und fortwährend hustet, wirbt Nagel abends bei den Zimmernachbarn um Verständnis. "Er kann ja nichts dafür", sagt er dann.

Nagel ist mehr Herbergsvater als Wirt. Seine Gaststätte sieht aus wie ein altes Wohnzimmer, überall Zeug, aber das Zeug muss sein, es steht für ein Wir. An den Wänden hängen Zierteller und dunkle Gemälde. Ein Rahmen mit Fotos hat einen Ehrenplatz. Sie zeigen den Stammgast Kundt in verschiedenen Phasen seines Lebens: jung und urlaubsvergnügt auf einem Felsen, alt und stolz vor dem Landgericht Halle. Kundt war Anwalt, bei Nagel trank er seine Schnäpse. Die Bilder hat er mal selbst mitgebracht. Nun, da er tot ist, erinnern sie an ihn.

Die Krankenhausgäste sind froh, im "Weißen Roß" zu sein, weil da alles ganz anders ist als im Krankenhaus. Nicht zweckmäßig, sondern warm. Auf den karierten Tischdecken liegen kleinere Blumendeckchen, darüber gehäkelte Läufer, obendrauf Töpfe mit Blumen. Alles ist sauber und ordentlich, nichts speckig, nichts staubig. So hat es Nagel von seiner Mutter gelernt, die ihr ganzes Leben lang Wirtin gewesen ist. Aber jetzt ist sie zu alt und zu krank, um mitzuhelfen. Es gibt keine Kellnerin und keinen Koch im "Weißen Roß". Nagel ist allein, so wie seine Gäste.

Er brachte den drei Männern ihr Bier. Auf den Bierdeckeln stand Werbung für Alkoholfreies: "Somit erfüllt Prostel, entsprechend dem Trend unserer Zeit, den berechtigten Anspruch nach: Genuss ohne Reue!" Am "Weißen Roß" ist dieser Trend vorbeigegangen und jeder andere auch. Nagel zapft normales Pils, und er serviert Fleisch mit einem Spiegelei drauf, Hamburger Schnitzel. Das Gleiche haben die Mutter und er schon vor der Wende serviert, als sie noch eine Gartengaststätte am Fluss hatten. Da hat das Schnitzel zwei Mark siebzig gekostet und das kleine Bier vierzig Pfennig, zusammen drei Mark zehn, Nagel weiß diese Zahlen noch heute ganz genau.

Er setzte sich zu den Männern. Sie redeten, um zu reden.

"Die Hitze ist weg, jetzt regnet es, und dann kommt das Hochwasser", sagte einer.

Der Zweite sagte nichts und hustete.

Der Dritte sagte: "Geh nicht kaputt, du wirst noch gebraucht." Dann, als hätten sie ein ernstes Thema nun abschließend behandelt, hoben alle die Gläser und tranken.

Auch Nagel ist kein großer Redner. Und wenn er spricht, tut er es bedächtig und verwendet altertümliche Wörter, so wie jemand, der immer nur mit alten Leuten spricht. "Da konnte man früher schön verweilen", sagte er über einen Platz, auf dem vor einigen Jahren ein großes Museum errichtet worden war. Und über einen verstorbenen Gast: "Doktor Paulus hat Recht gelehrt an der Karl-Marx-Universität." Da ging es um die Neunziger, als die Universität längst nicht mehr so hieß. Nagel, der Mitte fünfzig ist, spricht die Sprache der Achtzigjährigen. Abends im Bett liest er manchmal Goethe, Reclam-Ausgabe, die hat er geerbt von Doktor Paulus.

Ein vierter Alter kam herein, er schälte sich aus seiner dünnen Jacke und sagte vorwurfsvoll: "Ich schwitze wie 'ne Sau." Die anderen klopften ihm auf die Schulter. Einer rief: "Hast wohl Regen mitgebracht!" Daraufhin entbrannte ein Streit darüber, ob es regne oder nicht, denn der Neuankömmling behauptete, es regne keineswegs, während die anderen drei darauf bestanden, den Regen durch die Gardinen genau zu sehen. Schließlich traten alle vier vor die Tür und überprüften die Wetterlage. Es regnete nicht.

Nagel ging in die Küche, um ein Schnitzel zu braten. Es dauerte vierzig Minuten. Zwischendurch kam er nach vorn, um Bier zu zapfen. Das Bier tranken die Männer schnell weg, Nagel zapfte neues, und dann zapfte er noch mehr. Später wurden die Gäste fröhlich und sangen laut: "Freude schöner Götterfunken, Tochter aus Elysium, wir betreten feuertrunken, Himmlische, dein Heiligtum."

Vor dem "Weißen Roß" stand wieder der alte Mann. Er sagte, er sei stundenlang durch die Stadt gelaufen, ohne Ziel. Vorbei an Pubs und Kneipen und Restaurants, deren Fröhlichkeit ganze Straßen füllt. Jetzt war er müde und durstig, und er war zurückgekommen zum "Weißen Roß". Warum, wusste er selbst nicht genau.

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Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 13.10.2013, ZUR ZEIT (Politik), Seite 10, Autorin: Friederike Haupt

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Friederike Haupt


Friederike Haupt ist Politikredakteurin bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Davor studierte sie Germanistik, Journalistik und Theaterwissenschaft an der Universität Leipzig und volontierte von 2009 bis 2011 bei der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. 2013 gab sie zusammen mit Volker Zastrow das Buch "Helmut Schmidt erklärt die Welt" heraus.
Dokumente
Friederike Haupt: Geh nicht kaputt (pdf)

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung,
am 13.10.2013

 

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