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Jan Christoph Wiechmann „Wollen wir doch mal sehen, wer stärker ist

Arbeiten bis zum Umfallen und stets im Rampenlicht. So war er immer. Der CDU-Politiker Wolfgang Bosbach kann nicht anders. Und er sieht keinen Grund, daran etwas zu ändern, bloß weil er Krebs hat

Von Jan Christoph Wiechmann

Es ist wieder mal so ein verrückter Tag, wie Wolfgang Bosbach ihn am liebsten mag. Noch vor dem Frühstück gibt er die ersten Radiointerviews, es folgen "Wall Street Journal", "Rheinische Post", ZDF. Zwischendurch stürzt er sein Rührei herunter und seine sieben Medikamente gegen Krebs und Herzleiden und ruft den stern-Reporter an: "Wo bleiben Sie? Ich muss zu RTL und N24."

Angela Merkel mag Deutschlands Kanzlerin sein. Wolfgang Bosbach ist die Stimme, die Deutschland morgens weckt.

Auf dem Weg ins Fernsehstudio erzählt Bosbach gleich eine Anekdote. Er hat nur zwei Stunden geschlafen, aber für eine Anekdote reicht es immer. Vor ein paar Tagen war er bei der Aufzeichnung der Rosenmontagssendung in Köln. Er kam als Cowboy. Er machte eine Polonaise mit DFB-Präsident Wolfgang Niersbach und WDR-Intendant Tom Buhrow. Da riefen die "Tagesthemen" an und wollten ein Interview zum Fall Edathy. Geht nicht, sagte Bosbach, ich bin im Cowboykostüm. Kannst was von mir haben, sagte Tom Buhrow.

Aber du bist doch als Pirat hier.

Ich hab ein Sakko in der Dienstwohnung.

Da bin ich mitten im Karneval zu den "Tagesthemen" und hab danach weitergefeiert.

Bosbach lacht befreit. Er hat irre Spaß an diesem Haudegen Bosbach. Wenn man seinen Abend zusammenfasst, lief er so: Karneval. Kinderpornoskandal. Karneval. Es gibt nicht viele, die das hinbekommen. Es gibt auch nicht viele, die das wollen.

Er trifft bei N24 ein, er rauscht an der Empfangsdame vorbei. "Sie kennen sich hier ja aus", sagt sie. Besser kann man es nicht sagen. Bosbach ist nicht so sehr Stammgast. Er gehört zum Inventar.

"Ich hab die RTL-Schminke noch drauf!", ruft er den Leuten in der Maske zu. Bei RTL ruft er: "Ich hab die ZDF-Schminke noch drauf!"

Im Studio produziert er perfekt sitzende Sätze zum Fall Edathy und der Koalitionskrise. Seine Sätze haben klare Botschaften. Sie sind so druckreif wie bei keinem anderen deutschen Politiker. Er brauchte nicht mal den Interviewer. Er weiß ohnehin, was sie wollen. "Braucht ihr von mir noch ein Antextbild?", fragt er.

Danach schwärmt der N24-Journalist von Bosbach: Er springt ein, wenn man ihn braucht. Er äußert sich zu brisanten Themen. Und er ist medienfreundlich. "Sie sind einfach großartig, Herr Bosbach", sagt der Journalist und klatscht dem Politiker auf die Schultern. Bosbach klopft zurück.

Die Beziehung zwischen Bosbach und den Medien ist eine der wenigen symbiotischen in Berlin. Er ist eine Art Pizza-Service. Er liefert auf Bestellung, prompt und immer in gleicher Qualität. Er füllt ihnen die Sendungen. Und sie geben ihm Sendezeit für seine Weltsicht. Aber sie tun auch etwas anderes: Sie geben ihm die Bestätigung, dass er noch im Leben steht. Solange man ihn im Fernsehen sieht, braun gebrannt und heiter, ist er nicht der Kranke.

Wolfgang Bosbach kommt in dieser Woche auf mehr als 30 Auftritte und Interviews, wahrscheinlich so viel wie der Rest seiner Partei zusammen. Er ist der Handlungsreisende der CDU. Er sitzt in drei Talkshows bei Günther Jauch, Anne Will und Phoenix. Die Deutschen stehen mit Wolfgang Bosbach auf und gehen mit ihm zu Bett. Er erreicht etwa 30 Millionen Menschen.

"Maybrit Illner wollte mich auch", sagt Bosbach auf dem Weg zum WDR. "Jetzt ist sie sauer. Aber ich kann nicht alles machen, Herr Wiechmann."

Müssen Sie doch auch nicht.

"Ich will mich nicht verbrennen, wissen Sie, sonst heißt es wieder: Der Bosbach ist überall."

Aber Sie sind doch schon überall.

Bosbach hört den Satz nicht mehr. In Gedanken ist er bei Illner. Sie tut ihm leid. Sie hat ihm mal einen Learjet nach Osnabrück geschickt, damit er es zu ihrer Sendung schafft. Jetzt lässt er sie im Stich.

Auf dem Flur bei N24 kommt ihm Wolfgang Kubicki entgegen. Kubicki ist der andere Handlungsreisende im Fernsehen, aber gegen Bosbach hat er keine Chance. "Das ist ein Guter", ruft Kubicki. "Schreiben Sie das. Den hätten wir gern bei uns."

Am Abend zuvor waren sie zusammen bei Jauch. Nach der Sendung sagte Kubickis Frau: Du warst gut, aber Bosbach war besser.

In dieser Nacht lag Bosbach lange wach, bis vier Uhr. Er ging die Sendung noch mal durch: Was habe ich vergessen? Hätte ich mehr über missbrauchte Kinder sagen müssen? Er hat immer noch Lampenfieber bei solchen Auftritten. Er kämpft dagegen an, indem er sich akribisch vorbereitet, den ganzen Sonntag. Es gibt diese anderen Seiten des Wolfgang Bosbach. Man sieht sie nicht im Fernsehen. Man sieht sie unterwegs.

Eine sternklare Nacht, eine leere Autobahn, die A 1, es ist fast Mitternacht. Wolfgang Bosbach fährt im blauen BMW durchs Ruhrgebiet, hinter ihm liegen drei Auftritte bei CDU-Ortsverbänden in Westfalen.

Die Säle sind immer voll. Die Menschen sind begeistert. Er tritt da nicht unbedingt als Politiker auf. Er ist eine Mischung aus Entertainer und Herzerwärmer. Er liefert Humor von der Sorte: "Angela Merkel hat sich zu ihrem 50. Geburtstag den Vortrag eines Hirnforschers gewünscht. Bei mir spielten De Höhner."

Er erzählt von den Errungenschaften Deutschlands und Zeiten, in denen der "goldene Schuss" eine Spielshow war. Er ist ein Vertreter. Er verkauft nicht Staubsauger, sondern die heile Welt. Er erinnert ein wenig an alternde Schlagerstars. Er fährt übers Land, um andere und sich glücklich zu machen.

Vor ihm liegen zwei Stunden Fahrt nach Hause, die Hände zittern. "Ich bin hundemüde. Sie können sich gar nicht vorstellen, wie mich das schlaucht."

Setzen Sie mich raus, Herr Bosbach, ich finde schon ein Hotel.

Kommt gar nicht infrage.

Die Fahrt geht weiter. Schwerte. Hagen. "Oft kann ich abends nicht mehr. Das liegt an der Hormonentzugstherapie. Sie soll das Tumorwachstum verzögern."

Wie weit sind die Metastasen?

Will ich im Moment gar nicht so genau wissen. Sie wurden an verschiedenen Stellen des Körpers entdeckt. Ich weiß nicht, was mich mehr belastet, die Krankheit oder die Nebenwirkungen der Medikamente. Früher hab ich jeden Tag drei Wahlkampfauftritte geschafft und immer bis weit nach Mitternacht gearbeitet. Das geht nicht mehr.

Müssen Sie doch nicht.

Das sagen Sie so. Ich habe im Schnitt 25 Anfragen am Tag, 8000 im Jahr. Ich sag schon zu viele ab. Neulich riefen Schornsteinfeger an, die waren auf Radtour. Der Brief war so nett, da kann man nicht Nein sagen.

Können Sie überhaupt Nein sagen?

Das ist bei mir ein wunder Punkt.

Vor mehr als drei Jahren wurde bei Wolfgang Bosbach Prostatakrebs diagnostiziert. Er war vor lauter Arbeit nicht zur Vorsorge gegangen. Es war der zweite große Schlag nach der Herzmuskelschwäche, die er sich einfing, weil er eine Grippe nicht auskuriert hatte. Er ist 61. Er hat nun einen Herzschrittmacher und einen Defibrillator. Als der einmal einen Defekt hatte, brach er zusammen. Wenig später saß er bei Jauch in der Sendung. Sein bester Freund Horst Becker sagte: Wobo, du betreibst Raubbau an deinem Körper. Du musst dich endlich um dich kümmern. Seine Frau und drei Töchter flehten: Du musst es endlich langsamer angehen. Bosbach sagte: Ihr habt ja recht. Dann machte er weiter. "Mein Arzt riet mir: Machen Sie das, was Sie am liebsten machen. Das war für mich ein wunderschöner Satz, Herr Wiechmann."

"Wir haben es wirklich versucht", erzählt seine älteste Tochter Caroline. "Er hat es versprochen." Caroline Bosbach sitzt in einem Café in Berlin Mitte. Sie hat die Fröhlichkeit des Vaters. Sie studiert Wirtschaftskommunikation in Berlin. Sie hatte die Hoffnung, dass sie ihren Vater häufiger sehen würde, aber das trat nicht ein. "Er kann nicht anders. Er braucht das. Wenn er arbeiten kann, ist er glücklich."

Sie hat ihren Vater nie anders erlebt. Wie viele Politikerkinder hat sie ihn nur an Wochenenden gesehen, oft nicht mal dann. Dafür verbrachten sie vier Urlaube im Jahr zusammen. Sie sagt: "Er hat sein Leben der Politik geopfert."

Sein Naturheilverfahren: Lachen und Arbeit

Caroline beschreibt einen liebevollen, fröhlichen Mann, der es braucht, gebraucht zu werden. "Als er uns vom Krebs erzählte, waren wir am Boden zerstört. Aber er hat nie geklagt, sondern gesagt: Alles wird gut, seid nicht traurig, noch steh ich munter vor euch. Er war derjenige, der Trost spendete, obwohl es ihn betraf. "

Wenn man mit Politikern über Wolfgang Bosbach spricht, gibt es zwei Antworten. Die einen sagen: Er kann nicht anders. Er ist süchtig. Die anderen sagen: Lass ihn. Arbeit ist die beste Therapie.

Wenn man Bosbach beobachtet, wirkt es tatsächlich so. Er versucht, den Krebs mit seinen eigenen Naturheilverfahren zu besiegen: Lachen und Arbeit. "Wollen wir doch mal sehen, wer stärker ist."

Seine Eltern sagen: "Wenn er mal nicht mehr arbeitet, klappt er uns zusammen." Bosbach selbst sagt: "Ich gebe es zu. Ich brauche das. Ich arbeite für mein Leben gern. Ich frage mich: Wie wäre das, wenn sich keiner mehr für dich interessiert?"

Lieben Sie Politik?

"Ja", sagt Bosbach. "Das ist so. Aber sie ergreift auch Besitz von dir. Sie frisst dich mit Haut und Haaren."

Der Mittwoch vergangener Woche ist genau so ein Tag zwischen Liebe und Auffressen. Er fährt zu seinem Büro, der Innenausschuss tagt. "Das Spektakel auf unserem Flur müssen Sie sehen. Das ist großes Kino", kündigt er an.

"Ach Sie", sagt der Taxifahrer. "Wo wollen Sie hin?"

"Paul-Löbe-Haus. Deutschland retten."

"Das ist aber schön", sagt der Fahrer.

Auf Bosbachs Flur gibt es tatsächlich großes Kino. Etwa hundert Medienvertreter warten auf seine Pressekonferenz. Bosbach ist der Mann der Stunde. Er leitet den Innenausschuss zum Fall Edathy.

In jedem Interview vorher hat er auf diese Sitzung hingewiesen. Er machte sie zum Showdown. Er sagte, man werde sehen, ob aus der Koalitionskrise eine Regierungskrise wird. Er klang wie ein Oppositioneller. Er hingegen sagt: "Ich will nur die Wahrheit."

Bosbach zieht sich zurück für einen Schlachtplan. Es sind die Momente, in denen man in der Politik dabei sein will, beim Strippenziehen, Fallenstellen, den Deals in Hinterzimmern. Er lässt es zu.

Mit einem Mitarbeiter berät er, ob man eine Gegenüberstellung von BKA-Chef Ziercke und SPD-Fraktionschef Oppermann machen sollte. Bosbach hat Bedenken: "Der Zweite hört die Antwort des Ersten und wird nicht davon abweichen."

"Was machen wir dann mit dem Zweiten?"

"Am einfachsten wäre es, wenn Herr Ziercke den Raum verlässt."

"Aber dann simst ihm jemand aus der Sitzung."

"Dann pass ich auf, dass er keine E-Mails bekommt.

Den decke ich im Zimmer mit Kaffee und Kuchen ein."

Sie lachen. Man hört sein Lachen durch sämtliche Räume hindurch.

Die Sitzung ist dann ein Schauspiel überparteilicher Demokratie. Abgeordnete von links wie rechts nehmen Ziercke und Oppermann in die Mangel. Es ist, so sagen Teilnehmer, auch die Wolfgang-Bosbach-Show. Er leitet unaufgeregt durch eine mögliche Staatskrise. Das Thema ist ernst, aber er sorgt immer wieder für Heiterkeit.

Einmal gibt es Mikrofonprobleme. Bosbach fummelt unbeholfen herum. Er erinnert an Loriot. "Ich bring hier die ganze Energiewende in Gefahr", ruft er.

Später sagt ein Abgeordneter zu Ziercke: "Sie sind ja der einzige Zeuge." "Oh, einziger Zeuge", ruft Bosbach dazwischen. "Harrison Ford. Guter Film. Jede Menge Tote. Das gilt es hier zu vermeiden." Riesengelächter im Saal. Auch Ziercke lacht sich schlapp. Bei Bosbach ist immer ein bisschen Karneval.

Die Mitglieder im Ausschuss schätzen Bosbach, vor allem die politischen Kontrahenten. Volker Beck von den Grünen lobt seine Fairness. Frank Tempel von den Linken sagt: "Er hat diese Mischung aus Mutterwitz und Respekt. Er ist gerecht und ehrlich. So stelle ich mir Demokratie vor, wenn ein konservativer CDUMann und ein Linker sich so gut verstehen."

Duzen Sie sich?

"Ich hoffe bald. Wir fliegen ja mit dem Ausschuss nach Brasilien. Vielleicht klappt's da." Es klingt wie eine große Hoffnung. Das "Du" vom Wobo.

Es gibt diese im Bundestag weit verbreitete Lesart: Wolfgang Bosbach ist ein kompetenter Kollege. Ein herzensguter Mensch. Eine Spaßkanone. Es gibt eine andere Lesart, eher anzutreffen bei einigen in der CDU: Bosbach ist ein Aufmerksamkeitsjunkie. Der werde seine Operation noch live aus dem Krankenhaus übertragen. Diese Lesart kulminierte einst in Roland Pofallas Satz: "Ich kann deine Fresse nicht mehr sehen."

Heute ist die Frage eher: Wer will Pofalla je wieder sehen? Vielleicht ist es so: Je mehr Pofallas es in der Politik gibt, desto populärer sind die Bosbachs. So gesehen ist seine Geschichte auch ein Lehrstück über deutsche Politik: In Zeiten des Mauerns und Mauschelns geht er bewusst den anderen Weg. Totale Nähe. Offenheit bis zur Schmerzgrenze. Bei einer Rede sagte er über sich selbst mal: "Jetzt kommt die Blaskapelle aus Bergisch Gladbach."

Kein Politiker würde sich Blaskapelle nennen. Bosbach trägt den Titel mit Stolz. Blaskapelle steht für Provinz, Spaß, Rumtata. "Mir hat man mal gesagt, ich würde den Durchschnitt vertreten. Danke habe ich geantwortet, das ist ein Kompliment."

Warum er nie mehr geworden ist? Bosbach redet über Proporz und schlechtes Timing, aber dann sagt er den entscheidenden Satz: "Ich glaube, Angela Merkel ist sich wohl nie ganz sicher, ob ich auf Parteilinie bin oder nicht."

Wer mit ihm durch seinen Wahlkreis geht, kommt nicht weit. Er scheint jeden Bürger zu kennen, und jeder kennt ihn. Hier ist er nur der Wobo. Wobo steht auf seiner Homepage. Wobo heißt er in der Zeitung. Es könnte ein Sofa von Ikea sein. Oder eine Disneyfigur. Etwas zum Reinsitzen. Zum Knuddeln.

Neulich rief ein Rentner an und beschwerte sich, dass er den NDR nicht mehr empfangen kann. Da kam Bosbach mit einem Fernsehtechniker vorbei. Er interpretiert seine Wahlkreisarbeit als einen 24-Stunden- Rundum-Service, als Mädchen für alles.

Die Waffenlobby kommt zu Besuch

Sein Konzept der Nähe gilt auch für Medien. Man darf ihn selbst am Strand auf Mallorca anrufen. Die Absprache für diesen Artikel ist, dass der Reporter überall dabei sein darf, bei Interviews, Mitarbeitersitzungen, im Alltag. "Kriegen wir hin", sagte Bosbach.

Vergangenen Montag besucht ihn ein Waffenlobbyist.

Er will Taser-Waffen an die deutsche Polizei verkaufen, ein Millionengeschäft. Auf seinem Hemdkragen steht TASER. Er ist so, wie man sich einen Lobbyisten vorstellt, jovial und anbiedernd. "Sie sind ein logischer Denker", sagt er zu Bosbach.

"Aha", sagt Bosbach.

Der Lobbyist stellt seine Waffe vor, mit ihr könne man Angreifer in 16 Sekunden überwältigen.

"Gab es Tötungsfälle?", fragt Bosbach.

"Nein", sagt der Mann. "Äh, na ja."

"Ihre Antwort dauert mir zu lange."

Der Taser-Mann kommt ins Schwitzen. Er faselt davon, dass dies die letzte große Mission seiner Karriere ist - der Schutz deutscher Polizisten.

"Und wo kommt Bosbach ins Spiel?", fragt Bosbach.

"Ja gut, die Frage hätte ich an Sie", sagt der Lobbyist.

"Ist ihr Gremium irgendwie zuständig?"

Bosbach sagt: "Der Innenausschuss wird sich nicht damit beschäftigen."

"Darf ich Ihnen denn Unterlagen hierlassen?"

"Nein, keine Unterlagen."

Der Mann sieht enttäuscht aus.

"Ich geh der Sache mal nach", bricht Bosbach das Gespräch ab. Danach sagt er: "Ich bin so müde. Aber wenn ich mich jetzt hinlege, stehe ich nicht mehr auf."

Bosbachs System der Nähe stößt an Grenzen. Vor zwei Jahren sprach er offen über seine unheilbare Krankheit, in der "Zeit", im stern. Wir saßen damals auf seiner Terrasse. Ich fragte, was er seinen Töchtern sagt.

"Nichts", sagte er. "Ich will sie nicht belasten."

Er redete nach dem Motto: Mit der Familie nur über Schönes. Mit Deutschland auch über das Sterben.

Einmal ließ er sich in der "Bild"-Zeitung mit seinem todkranken Freund Fritz Roth fotografieren unter dem Titel: "Wir haben beide Krebs! Wir lachen trotzdem" Da kamen seine Eltern auf ihn zu: "Das kannst du nicht machen, Wolfgang. Das geht uns an die Nieren."

Dann kam auch Horst Becker: "Wobo, so geht's nicht. Du darfst dich nicht als Todgeweihten darstellen."

Horst Becker kennt Bosbach seit 35 Jahren. Er empfängt einen in seinem Unternehmen, einer Firma für Gebäudesanierung im Bergischen Land. Als Bosbach gefragt wurde, wen er auf eine einsame Insel mitnehmen würde, sagte er: Horst Becker. Mein bester Freund.

Becker hat Bosbach in dunklen Stunden erlebt - als Merkel sich gegen ihn als Innenminister entschied. "Das hat den Wobo schwer enttäuscht. Und die Geschichte mit Pofalla und der Fresse hat ihm dermaßen zugesetzt, das habe ich noch nie erlebt. Zum ersten Mal ist er auf die Flucht gegangen. Ich sag: Du musst nachtreten. Nein, sagt er, ich will nur Ruhe."

Ansonsten haben sie vor allem Spaß und nehmen sich gegenseitig hoch. Bei Becker klingt das wie eine Karnevalsrede: "Dem Wobo ein iPad zu schenken ist verlorene Liebesmüh. Der denkt, das ist ein Frühstücksbrett. Und wegschmeißen kann der gar nichts. Der fährt immer noch mit seinem Skianzug ‚Mosambik' aus den Siebzigern. Der hat so hohe Polyesteranteile, das geht als Sondermüll durch. Und dann seine Frisur. Sein Vogelnest. Die kämmt er sich so zurecht. Das ist Eitelkeit. Da lässt er nur eine Frau ran, die ist schon keine Friseurin mehr, er ist ihr letzter Kunde."

Wenn Becker etwas ernster rangeht, erklärt er Bosbach so: "Er ist ein Menschenfreund. Da kommt ein Vorstandsvorsitzender - und er ist gelangweilt. Und dann kommt einer aus der Werkstatt - und er ist herzlich. Er kommt mit humorvollen linken Schwulen besser klar als mit humorlosen Konservativen."

Vergangenes Jahr brachte die jüngste Tochter ihren Freund mit nach Hause, Yusuf. "Das ist nicht ganz ohne in einem konservativen Haus", erzählt Becker. "Der Wobo wird nie für die Türkei in der EU sein."

Becker erzählt: "Ich sag zu Yusuf: Yusuf ist doch wie Josef? - Ja ja, sagt der. - Kann ich da nicht Jupp sagen? - Ja ja. - Gut, dann sag ich das Wobos Vater. Mit Jupp kommt er besser klar."

Fragt man Bosbach nach Yusuf, sagt er: "Kein Thema, Nullkommanull. Ich hätte höchstens mit einem strammen Islamisten Probleme. Meine Töchter sollen einfach glücklich sein. Meine Älteste hat einen Österreicher. Noch einer mit Migrationshintergrund in der Familie."

Sein Haus im Grünen ist ein Stück Deutschland, wie es selten geworden ist. Die Ehefrau serviert Kuchen. Die Tochter bringt Milchkaffee. Unter dem Dach wohnt die Schwiegermutter. Bosbachs Mutter Else, 85, kommt vorbei, Alfred, 91, der Papa, sie sammeln Zeitungsausschnitte über den Sohn. 19 Ordner haben sie zusammen. "Mein Vater findet mich bestimmt zu liberal", sagt Bosbach. "Er will immer diskutieren, bis Mama dazwischengeht: Lass den armen Jung in Ruhe."

Keine Hoffnung mehr

Wenn Bosbach alles zu viel wird, fährt er in eine kleine Kirche im Nachbarort Herrenstrunden. Hier hat er geheiratet. Er setzt sich in eine Kirchenbank und spricht mit Gott. Er blickt auf sein Leben. "Wo habe ich jemanden enttäuscht? Welche Freunde habe ich vernachlässigt?"

Es ist Samstagmittag, die Kirche dunkel, nur etwas Licht fällt herein. Hier erlebt man Bosbach nachdenklich. "Ich will keinen Streit mehr", sagt er. "Ich will nur Frieden. Ich frage mich, ob ich noch Großvater werde."

Er ist milder geworden in den vergangenen zwei Jahren, freier. Er macht Akupunktur, er hat alternative Heilmethoden angenommen, sogar taiwanesische Wundermittel geschluckt. Viel gebracht hat es nicht. "Am Anfang hieß es, die Operation kann helfen. Hat sich zerschlagen. Dann Bestrahlung. Zerschlagen. Jetzt soll ich noch mehr Tabletten nehmen. Das mache ich nicht. Ich mache mir keine Hoffnungen mehr, die unrealistisch sind. Bei mir geht es nicht mehr um Heilung, nur noch um etwas Lebensverlängerung."

Wie lange?

"Der Arzt sagte, die Wahlperiode kann ich problemlos schaffen."

Sehen Sie das als Kampf: Ich gegen den Krebs? - "Und ob. Ich zeig's dir, Krebs. Ich will's wissen. Ich führe den Kampf für meine Kinder. Dafür leben wir doch."

Wer gewinnt?

Die ersten zwei Jahre ich. Jetzt steht's eher unentschieden."

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Jan Christoph Wiechmann


Jan Christoph Wiechmann, ist Autor beim "stern". Von 2003-2010 war er als US-Korrespondent in New York. Gewinner Egon Erwin Kisch Preis 2002. Henri Nannen Preis 2010 (gemeinsam mit Giuseppe di Grazia und Katja Gloger). 2013 Hansel-Mieth-Preis.
Dokumente
Jan Christoph Wiechmann: "Wollen wir doch mal sehen, wer stärker ist" (pdf)

erschienen in:
Stern,
am 27.02.2014

 

Kommentare

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