Reporter Forum Logo
27.03.17

Peter Haffner „Polski Blues

Mit diesem Text gewann Peter Haffner den Egon-Erwin-Kisch-Preis 1994.

AM 2. SEPTEMBER 1992 erholte sich das Ehepaar Richner am Strand in der Toskana. Als Frau Richner im «Tages-Anzeiger» blätterte, fiel ihr Blick auf einen Artikel, der sie interessieren musste. Es ging um den Strahlenunfall in der Eidgenössischen Materialprüfungs- und Forschungsanstalt (Empa) in Dübendorf, der sich eine Woche zuvor zugetragen hatte. Im Bericht war von einem Mitarbeiter die Rede, der sich einer beträchtlichen Strahlendosis ausgesetzt habe. Nun hiess es, dass ihm vielleicht der Finger amputiert werden müsse. Frau Richner war beunruhigt. Dieser Mitarbeiter war ihr Mann. Peter Richner ist Chemiker, Leiter der Gruppe für Spurenanalytik in der Empa. Am Nachmittag des 26. August, einem Mittwoch, hatte ein Pole in Begleitung einer schweizerischen Geschäftsfrau beim Portier vorgesprochen. Sie wollten eine Probe Osmium 187 analysieren lassen. Dazu braucht es ein anorganisches Massenspektrometer, ein Gerät, von dem es in der Schweiz nur elf Stück gibt. In der Empa ist Richner der einzige, der auf solche Analysen spezialisiert ist. Der unangemeldete Auftrag kam ihm, am letzten Tag vor seinen Ferien, ungelegen, und er lehnte zunächst ab. Dann liess er sich doch überreden. Osmium 187 ist ein nicht eben häufiges Isotop des Platinmetalls. Richners Neugier war geweckt. Zwar kam es ihm merkwürdig vor, dass die beiden Proben - es sollte sich um 2 Gramm handeln - in je zwei Metallhülsen von 10 mm Länge und 5-7 mm Durchmesser eingeschweisst waren. Üblicherweise wird das blauschwarze Pulver in Glasampullen aufbewahrt, die mit Stickstoff aufgefüllt sind, damit kein Sauerstoff zutritt und es nicht oxidiert. Osmiumtetroxid ist hochgiftig. Richner drehte die Zylinder prüfend in den Fingern. Er schüttelte sie und konnte hören, dass etwas Hartes darin war. Es war Sommer, und er hatte feuchte Hände. Stunden später sollte er sich den Kopf zermartern, wie lange genau er die Proben in der Hand hatte. Fünf Minuten? Drei Minuten? Vier? Noch bevor Richner durch die Tür ins Labor trat, wo eine hinter Bleiglas geschlossene Röntgenanlage steht, begann deren Geigerzähler zu pfeifen. Richner dachte an einen Defekt und rief seinen Chef, Heinz Vonmont, Leiter der Abteilung Anorganische Chemie. Dann ging es sehr schnell. Die Leute, die bei Zwischenfällen mit radioaktivem Material alarmiert werden, wurden auf den Plan gerufen: der Pikettdienst vom Paul-Scherrer-Institut (PSI) in Würenlingen, Strahlenschutzexperten der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt (Suva) aus Luzern, Polizei, Justiz. Die Proben des noch nicht bestimmten, hochradioaktiven Materials lagerten im abgeschirmten Bunker. (...)

Zurück

Peter Haffner


Peter Haffner, 1953 in Zürich geboren, ist USA-Korrespondent für Das Magazin des Zürcher Tages-Anzeigers; er lebt in Kalifornien. Für seine Reportagen wurde er mit dem Kisch-Preis und mit manchen anderen Ehrungen ausgezeichnet. Sein letztes Buch, "Grenzfälle. Zwischen Polen und Deutschen", erschien in der von Hans Magnus Enzensberger herausgegebenen "Anderen Bibliothek".
Dokumente
Polski Blues (pdf)

erschienen in:
###ARTICLE_PUBLISHER###,
am 07.06.1993

 

Kommentare

 

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg