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19.02.18

Holger Gertz „Kalte Sonne


Alle reden über Heino. Weil der jetzt plötzlich cool ist. Echt? Ist er das? Wer steckt hinter der renovierten Fassade? Holger Gertz, Seite Drei-Reporter der Süddeutschen Zeitung, hat ein bemerkenswertes Porträt über den Wiederauferstandenen geschrieben.


Karamba, Karacho: Eine neue deutsche Übereinkunft lautet, Heino ist jetzt ein cooler Hund. Das sieht an erster Stelle auch er so. Man kommt aus dem Staunen nicht mehr raus


Die dunkle Brille braucht Heino eigentlich nicht mehr. Er musste sie mal tragen, ein Arzt hatte ihm dazu geraten, weil eine Schilddrüsenkrankheit seine Augäpfel aus den Höhlen getrieben hatte, das sah nicht besonders gut aus. Aber dann wurde Fett abgesaugt, ein neues Verfahren, die Augäpfel haben sich in ihre Höhlen längst zurückgezogen, zum Zeitunglesen braucht Heino eine Brille, sonst ginge es auch ohne.

  Er trägt sie trotzdem. Sie ist sein Markenzeichen, und sie ist mehr als sein Markenzeichen. Auch wenn man nah bei ihm sitzt und ihm direkt ins Gesicht schauen kann, erkennt man die Augen hinter den dunklen Gläsern nicht. Seine Augen sprechen also nicht sichtbar mit, wenn Heino spricht, sie kommentieren nicht, was er sagt. Kein Blick, der das Gesagte abschwächen könnte. Kein Blinzeln, das einem Satz seine Wucht nehmen würde oder einer Behauptung ihre Albernheit.

  Heino kann nicht Heino sein ohne diese Brille, denn die Brille ist geduldig. Sie lässt alles so stehen, was Heino über sich erzählt. Und Heino erzählt über sich: Heldengeschichten. Frische und schon etwas ranzige Kapitel aus dem dicken Buch mit dem Titel: Die Welt als Wille und Vorstellung.

  Wo ein Held ist, ist auch ein Dichter, heißt es ja, und Heino ist Held und Dichter in einer Person. Diese CD zum Beispiel, über die jetzt alle reden: Die Idee dazu hatte er vor anderthalb Jahren, sagt er, bei einem Schlagerprogramm in der Arena auf Schalke. Zehn, elf Interpreten, darunter er, Heino. 35 000 im Stadion, 17 000 im Innenraum. „Alles junge Menschen. Wie ich auf der Bühne stand, sangen natürlich alle: Außer Heino können alle nach Hause gehen.“

  Heino hat grundsätzlich sehr exakte Zahlen parat: Zuschauermenge, verkaufte Platten. Die Zahlen sind für ihn Beweise seines Erfolgs, Belege seiner Beliebtheit. Schwer zu sagen, ob die Geschichten so stimmen. Aber sie klingen gut. Wegen der Brille bleibt auch im Dunkeln, was die Geschichten mit Heino machen, wenn er sie erzählt. Mal so gesagt: Man wüsste halt manchmal ganz gern, ob da bei ihm wenigstens ein Auge trocken bleibt.

  Erfurt, ein Hotel in der Nähe vom Hauptbahnhof. Im Foyer sitzt Heino, 74, in einem weichen Ledersessel, Heino bestellt Mineralwasser. Jan Mewes sitzt ihm gegenüber, Mewes ist sein Manager, ungefähr halb so alt und vom Sozialverhalten her eher der bullige Typ. Er fragt nicht, ob er beim Gespräch dabeibleiben darf. Er bleibt einfach, tippt aber ausdauernd auf seinem Smartphone herum. Es soll sich so anfühlen, als wäre er gar nicht da, was nicht richtig funktioniert, weil er auch körperlich eher unübersehbar ist. Es ist bestimmt angezeigt, auf Heino aufzupassen, nachdem er gerade in einem Interview das alte Hitler-Zitat von den flinken Windhunden gebracht haben soll. Es stand in der FAS , die nicht dafür bekannt ist, Zitate zu frisieren. Heino sagt, dass er das nie gesagt hat, er werde ja sowieso dauernd falsch zitiert. Wenn er es also nicht gesagt hat, hätten sie ja zum Anwalt gehen können. Bringt ja nichts, sagt jetzt Jan Mewes, sie haben das vor Jahren einmal gemacht, in einer anderen Angelegenheit, „das ist nachher ausgegangen wie das Hornberger Schießen“.

  Franz Beckenbauer redet auf die beiden ein, aus dem Flachbildfernseher an der Wand tropft sein beruhigender bayerischer Stimmklang. Heino dreht sich um und lächelt und brummt: „Ah, der Franz.“ Mewes schaut aus dem Fenster. Es schneit.

  Heino hat eine CD herausgebracht, zwölf Songs deutscher Interpreten. Rammsteins „Sonne“, „Junge“ von den Ärzten, „Ein Kompliment“ von den Sportfreunden Stiller, und so weiter. Er hat die Lieder nicht interpretiert, er hat sie nachgesungen, es sind Titel dabei, in denen relativ viel gezählt wird, „Augen auf“ von Oomph zum Beispiel. „Eins. Zwei. Drrei. Vierrr“, zählt Heino. Ein Déjà-vu: Er hört sich auf der Aufnahme an wie früher Graf Zahl in der Sesamstraße. Die CD ist sonst professionell produziert, Blechbläser, Heinos satter Bariton. Sie ist auf sämtlichen Kanälen beworben worden, auch unter lebhafter Beteiligung der Bild . Jan Mewes spricht wie das Klischee eines Managers, das Leben ist oft das reinste Klischee. Er sagt: „Was ich gleich gesagt habe: Dieses Ding, da muss eine richtige PR dahinterkommen, um das Ding natürlich bekannt zu machen.“ Heino ist gerade viel im Fernsehen, im Radio, mit einer Art Heinomobil wird er von da nach dort transportiert.

  Das Ding, Heinos CD, ist ein Erfolg. Platz eins in den Album-Charts, das hatte er so noch mit keiner seiner gefühlt tausend Platten hingekriegt. Und eine Mehrheit der verwirrten Autoren, die gerade über ihn schreiben, haben sich ausgerechnet ihn ausgesucht als Code für Humor und Lässigkeit. Vereinzelt nennt man ihn den deutschen Johnny Cash. Die spannende Frage ist: Was macht der Erfolg mit dem Erfolgreichen? Er müsste ja, nach allem was er so erzählt, gewöhnt sein an Erfolg, aber dieser Erfolg hier hat ihn umgehauen, einen Mann von 74. Der Erfolg hat ihn irgendwie auch verrückt gemacht.

  Heino hat sich verändert, trägt also Lederjacke und einen Totenkopfring, die Insignien eines Rockers, zu dem ihn sein Management seit Neuestem erklärt hat. Er war, erzählt Heino, mit seiner Frau Hannelore in Florida, da hat sie den Ring gesehen und gesagt: „Den kriegst du für dein neues Outfit.“ Jetzt trägt er ihn, am Mittelfinger rechts. Heinos Hand wirkt weiß und wächsern, vom Mikrofonhalten bekommt man keine Schwielen, auch wenn man das Mikrofon seit über fünfzig Jahren hält.

  Heino – da hieß er noch Heinz Georg Kramm – hat Bäcker und Konditor gelernt und nebenbei Musik gemacht. Ein schmaler blonder Junge aus Düsseldorf-Oberbilk. Irgendwann war einem Musiktrio der Akkordeonist abhandengekommen, das Trio war aber schon gebucht für zahlreiche Auftritte bei einer Modenschau, „ich bin da nur als Aushilfe hingekommen, ich konnte Akkordeon spielen“. Zeit für die nächste Heldengeschichte: „Beim ersten Auftritt hat der Veranstalter gesagt: Den Blonden da mit dem Akkordeon, den will ich immer haben. Bringt mir den anderen nicht mehr mit.“

  So fing es an. Mit den Ok-Singers nahm er Stimmungslieder auf, in den Titeln schwingt die schweißfüßige Frivolität der alten deutschen Zeiten mit. „Die Susi mit dem Minirock“ und „Lieschen, dein Blüschen“. Das letzte Lied singt er jetzt leise an.

  Jan Mewes blickt auf sein Smartphone, dann aus dem Fenster. Es schneit. Nacht senkt sich über Erfurt.

  Heino sagt „dat“ und „nä“; er sagt hartnäckig „wie“, wenn „als“ gesagt werden müsste, in seinem weichen, volkstümlichen und fehlerhaften Rheinisch spricht er die volle Härte gelassen aus. Denn was Heino sagt, klingt nach Kampf und Duell und Auslese und auch nach der Freude daran, es den anderen zu zeigen.

  Nächste Heldengeschichte. 1965, Modenschau in Quakenbrück, an jenem Abend war auch Ralf Bendix da, ein Sänger, der den „Kriminal-Tango“ im Repertoire hatte und noch ein paar Soundtracks der Wirtschaftswunderzeit. Bendix war mehr Schlagergott als Schlagerstar, aber an diesem Abend trat eben auch Heino dort auf, und die Nacht von Quakenbrück sollte allen noch lange im Gedächtnis bleiben. Zuerst, sagt Heino, war es die Frau von Bendix, die ihren Mann schon mal vorwarnte: „Du musst mal hochgehen, da oben singt einer, der reißt die Bude ein.“ Schließlich kam der Veranstalter – in Heinos Stimme schleicht sich verschwörerischer Klang: „Und der sagt zu mir: Sie ham viel mehr Erfolg gehabt wie Ralf Bendix.“

  Bendix, der auch Produzent war, hat den heraufdämmernden Konkurrenzkampf gleich in eine lukrative Richtung gelenkt und Heino unter Vertrag genommen. Von Bendix stammt der Ratschlag für die Karriere: Du musst einsam aussehen. „Er hat immer gesagt: Lachen bedeutet Wohlstand. Damit hat er nicht ganz unrecht“, sagt Heino. Er bekam einen Rollkragenpullover übergezogen, die Gitarre umgehängt. Er sah jetzt verabredungsgemäß einsam aus. Die Single, die sie dann zusammen machten, hieß „Jenseits des Tales“.

  „Lieschen, dein Blüschen“. „Jenseits des Tales“. Jetzt also „Sonne“ von Rammstein. Eine Band kann sich nicht dagegen wehren, wenn ein anderer die eigenen Songs nachsingt. Solange er nichts an ihnen verändert, muss man das hinnehmen, so ist das geregelt. Wenn man „Sonne“ hört auf Heinos CD, klingt das erst mal: nicht so peinlich, wie man hätte befürchten können. Man hört dann das Lied zweimal, fünfmal, irgendwann hat man genug. Heinos Sonne ist nicht Rammsteins Sonne. Kein Schmerz. Keine Liebe. Kein Gefühl. Sich von Heinos Sonne berühren lassen zu wollen, ist so, als wollte man sich mit alkoholfreiem Bier betrinken. Es geht nicht.

  Heinos Sonne ist kalt, damit passt sie ganz gut zu ihm.

  Heino nutzt den Mut und das Talent und das Genie von Rammstein, einer der besten Bands der Welt. Und, nebenbei, die einzige deutsche Band, die in wenigen Minuten den Madison Square Garden in New York ausverkauft kriegt.

  Aber Heino, ein als Rocker verkleideter Rentner mit blassgelbem Haarteil, spricht im Hotelfoyer in Erfurt über sich und Rammstein, er und Rammstein sind Rivalen in dieser Geschichte, eine Heldengeschichte natürlich, Heino gewinnt. Er ist ja gerade wieder viel unterwegs, auf Flughäfen und sonst wo. „Da kommen junge Leute zu mir, so 30, 35 Jahre alt.“

  Was sagen die?

  „Heino, wissen Sie, ich bin ja eigentlich Rammstein-Fan, aber ich muss Ihnen sagen: Ihre Aufnahme gefällt mir besser.“

  Unsichtbarer Blick hinter schwarzen Gläsern. Vermutlich: triumphierend.

  „Nä, wat soll ich denn da sagen? Die könnten ja auch sagen: Heino, die Aufnahme find’ ich scheiße, warum ham Sie dat gemacht? Aber: Is’ noch nich’ einer gekommen. Nä, vielleicht wird mal einer kommen, den sie vielleicht lanciert haben. Is’ kein Problem, werd’ ich auch mit fertig.“

  Heino hat 50 Millionen Platten verkauft, Tonträger sagt man heute. Ein sehr deutscher Sänger für ein deutsches Publikum, das diese Musik mochte und mag. Oder das sie hasste und hasst, dazwischen ist nichts. Grad schreibt einer bei Twitter: „Die deutschen Albumcharts dieser Woche kommen direkt aus der Hölle: 1. Heino, 2. Matthias Reim, 3. Andrea Berg, #unfassbar.“

  Viele große deutsche Männer wurden von der Masse geliebt. Aber dass sie von vielen auch verachtet wurden, und dass sich diese Verachtung regelmäßig in Zeitungstexten wiederfand, hat sie getroffen. Der Autor und Kritiker Rainer Moritz, nur ein Beispiel, hat Heino „das Brechmittel mehrerer Generationen“ genannt.

  „Moritz? Wer ist Moritz?“, fragt Heino. Unsichtbarer Blick hinter der Brille. Sein schmaler Mund darunter lässt Botschaften aus sehr alten Tagen rauslaufen, Trotz in Schwarz-Weiß: „Was stört es eine alte Eiche, wenn sich die Sau dran kratzt.“

  Er ist ein Geistesverwandter von anderen Aufsteigern, Helmut Kohl und Otto Rehhagel, gemeinsam mit ihnen könnte er in der Polonaise der Verkannten mitmarschieren, die ihrerseits ein deutsches Phänomen ist. Wo sonst gibt es so viele, die einen Zorn mit sich herumschleppen. Und wo sonst wären die Wütenden und Hängegesichter trotzdem jederzeit bereit, sich schlechte und alberne Musik anzuhören, um wieder besser draufzukommen.

  Vor ein paar Jahren war das Lied von Schnappi, dem kleinen Krokodil, zehn Wochen auf der Eins. Heino hat es nicht gesungen, aber sonst: praktisch alles. Kleine Tracklist seiner Karriere, sozusagen im Schnelldurchlauf , wie Dieter Thomas Heck in der Hitparade immer gebrüllt hat: „Schlesierlied“, „Ich schieß den Hirsch“, „Greensleeves“, „Schwarzbraun ist die Haselnuss“, „König Fußball“, „El Zecho und Don Promillo“, „Karamba, Karacho – ein Whisky“, „Kleine Kellnerin aus Heidelberg“. Er sang Schlager, Hymnen, Volkslieder, Fahrtenlieder, Jägerlieder, Seemannslieder, Weihnachtslieder, Muttertagslieder. Er sang, was das Management wollte, und auch die jeweilige Plattenfirma, die er „Firma“ nennt. Nächste Heldengeschichte, kurz reingeschnitten, in der Nebenrolle die Opernsängerin Anneliese Rothenberger, eine feine, kluge Frau. Ungefähr zu der Zeit, als Heino mit Lieschens Blüschen beschäftigt war, trat sie an der Metropolitan Opera auf, die New York Times hatte ihr Bild auf dem Titel, dazu die Schlagzeile: „She was great.“

  Heino hätte sich ihr auf Knien nähern sollen. Aber er sagt: „Wie ich zur Firma kam, hat die Anneliese Rothenberger zu mir gesagt: ,Heino, wir sind froh, dass Sie hier sind in der Firma.‘ Ich sage: ,Wieso, Frau Rothenberger, warum?‘ Da sagt sie: ,Sonst könnten wir gar keine Produktion mehr machen, Sie spielen dat Geld ein.‘“

  Der Sänger Heino sah einsam aus, als er einsam aussehen sollte. Er sang das Deutschlandlied für den Schulunterricht, alle drei Strophen, als der Ministerpräsident Filbinger ihn darum bat. Er war auf einem Kreuzfahrtschiff engagiert, als er erfuhr, dass seine uneheliche Tochter sich umgebracht hatte. Das Kreuzfahrtschiff war gut gebucht, die Leute waren wegen ihm da, es gab Verträge, und er hat Verträge nie gebrochen, dabei wäre es gut gewesen, mal einen zu brechen. Er sang.

  Heino war schon mal Rapper, jetzt ist er halt Rocker. Man kann ihn ein Symbol nennen, eine Figur, einen Befehlsempfänger, eine lebende Musikbox, beliebig befüllbar. Geld rein, Musik raus. Gibt es eine Haltung hinter diesen Rollen, schlummert eine Persönlichkeit hinter den Brillengläsern? Und ist diese Persönlichkeit am Ende, wie viele im Moment meinen, cool?

  Eine Haltung hätte ihm verboten, in Südafrika aufzutreten, als das ApartheidRegime dort herrschte und das Land von den meisten Künstlern boykottiert wurde. Ob das ein Fehler war, Südafrika? Heino sagt nicht, dass es ein Fehler war. Im Moment sieht es ja sowieso aus, als hätte er alles richtig gemacht. Die Charts lügen nicht.

  Er erzählt von Afrika, eine Heldengeschichte, in der Nebenrolle tritt Julio Iglesias auf. Also, sagt Heino: „Wir sitzen noch im Flugzeug nach der Landung, ich sage: Kuck mal, die ganzen Filmkameras da unten, auf dem Rollfeld. So einen Aufschlag möcht’ ich auch mal haben, wenn ich komme. Ich hab’ ja gedacht, die wären für Julio Iglesias da. Aber die waren für mich da.“

  Ein paar Tage danach wird Heino in der NDR-Talkshow auftreten. Zu besichtigen ist so etwas wie die Quintessenz des deutschen Fernsehens. Es geht nicht um Erkenntnisgewinn, es geht darum, einen Konsens festzuschreiben, auf kleinstem gemeinsamen Nenner. Der Konsens also ist: Heino ist gerade cool. Der Moderator Hubertus Meyer-Burckhardt startet eine Schleimattacke, „das wird kein Interview, das vom investigativen Journalismus geprägt ist, es wird eine Lobhudelei“, sagt er.

  Sie werfen sich alle vor Heino in den Staub, die Intellektuellen und Halbintellektuellen im deutschen Kulturbetrieb, aber die Sendung ist trotzdem der Moment, in dem etwas kippt. Simone Thomalla ist auch da, deren Tochter mit Till Lindemann zusammen ist. Lindemann ist ein deutscher Lyriker, und er ist Sänger und Texter bei Rammstein. Simone Thomalla hat als Geschenk Lindemanns alten Gedichtband „Messer“ dabei, Lindemann hat ein echtes Messer zwischen die Seiten gelegt. Nie würde einer wie Lindemann formal oder sogar juristisch protestieren, wenn einer wie Heino seine Sonne zum Vortrag bringt. Und vielleicht ist das die würdevollste Reaktion auf Heinos PR-Nummer: eine Kunstaktion.

  Da liegt also jetzt dieses Messer. Es gefährdet den Konsens. Es stört den Ablaufplan der Sendung. Es überprüft Heinos Coolness, aber der besteht den Test nicht. Er ist nicht cool. Heino sagt: „Ich wusste, dass das auf mich zukommt, ich hab’ ja überall meine Spione, meine Freunde.“ Er rattert Zahlen runter, er will Buchhalter und Held zugleich zu sein. Nach 1980, als John Lennon „tragisch verunglückt“ ist, wie Heino das nennt, wurden 250 000 Lennon-LPs verkauft, von Heino dagegen 1,2 Millionen. Er erzählt eine Geschichte von Mick Jagger, Siegfried und Roy kommen auch kurz vor, außerdem 75 000 Menschen im Müngersdorfer Stadion zu Köln, die „Heino, Heino“ gerufen hätten, als sie ihn sahen. „Und Mick sagt hinter der Bühne: Warum rufen die nicht Mick?“

  Die Gesichter der Gäste in der Show sehen aus wie schockgefrostet. Es ist wie auf einer dieser Familienfeiern, wenn einer sich total betrunken hat. Am Schnaps. Oder an sich selbst. Simone Thomalla, Moritz Bleibtreu. Ihre Augen sagen: Is’ gut, Heino. Halt einfach den Schnabel.

  Aber Heino erzählt und erzählt und landet schließlich bei David Cassidy, einem Teeniestar aus Amerika. Es war in Dortmund, späte Sechziger, 15 000 Menschen warteten auf Cassidy, aber zuerst war halt Heino aufgetreten, sagt Heino. Da hätte sich Cassidy seinen Auftritt glatt sparen können, denn als er auf die Bühne sollte, riefen alle immer noch Heino, Heino.

  Sagt Heino, bei der NDR-Talkshow, ein paar Tage nach dieser Begegnung in Erfurt, wo er schließlich neues Mineralwasser bestellte und für einen Moment still war und an all jene dachte, denen er es gezeigt hatte. Julio Iglesias und Anneliese Rothenberger und Mick Jagger und John Lennon und diesem Akkordeonspieler, damals bei der Modenschau.

  „Manche wären ja durchgedreht“, fasst er schließlich alles zusammen. „Ich kenne viele Künstler, die nach einem Sieg in der Hitparade durchgedreht sind.“

  Seine Augen? Man sah sie ja nicht. Aber was sollten sie dazu noch sagen?

Du musst einsam aussehen, sagte 
sein Manager. Also zog er sich 
einen Rolli an und sah einsam aus

„Lieschen, dein Blüschen“: 
Für viele war er das „Brechmittel 
mehrerer Generationen“

Heino erzählt, wie alle „Heino“ 
riefen, und Mick Jagger fragte: 
„Warum rufen die nicht Mick?“

Damals konnte man ihm noch in die Augen sehen: 
Heino im Jahr 1969 in seiner Düsseldorfer Wohnung. 



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Holger Gertz


Holger Gertz, Jahrgang 1968, arbeitet nach dem Studium der Psychologie und einer Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule bei der Süddeutschen Zeitung, vor allem als Reporter auf der Seite Drei und als Streiflichtautor.
Dokumente
Holger Gertz: Heino - Kalte Sonne (pdf)

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung / jetzt.de,
am 18.02.2013

 

Kommentare

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