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27.04.17

Prämierte Texte

Anja Reich „Der goldene Stein

Dieser Text wurde als "Beste Lokalreportage" beim Deutschen Reporterpreis 2012 ausgezeichnet.


Neunundsechzig Jahre und einundsiebzig Tage, nachdem die Jüdin Else Hecht aus ihrer Wohnung in der Motzstraße abgeholt wurde, bekommt der Lehrling Andreas Wünsch den Auftrag, für sie einen Gedenkstein in den Berliner Bordstein zu schlagen. Es ist kurz vor Schichtende, Wünsch hat den ganzen Tag auf dem Lehrbauhof in Marienfelde Pflastersteine verlegt, in der Reihe, im Kreis, im Mosaik, als ihm Herr Saager, sein Ausbilder, mitteilt, morgen werde er mal nicht in der Halle arbeiten, sie würden in die Stadt fahren, Stolpersteine verlegen, 13 Stück.

Dirk Saager zeigt ihm eine Pappkiste, in der ungefähr ein Dutzend kleine quadratische Betonsockel liegen, auf denen Metallplatten befestigt sind. In die Platten sind Namen, Daten und Orte eingraviert. Andreas Wünsch hat noch nie von diesen Steinen gehört. Er kennt nur alte Kriegsdenkmäler aus den Dörfern in Brandenburg, wo er aufgewachsen ist, sagt er später. Er ist 19, ein schmaler Junge mit rasiertem Kopf, weichem Lächeln und unruhigen Augen. Er kommt aus Wildau in der Nähe von Königs Wusterhausen. Andi nennt er sich, seine Freunde sagen Neger oder Kanake zu ihm, weil sein Vater aus Saudi-Arabien kommt und er gerne HipHop-Hosen trägt. Stört ihn aber nicht, sagt er. „Ich bin ein aufgeschlossener Mensch, der mit allen klarkommt, auch mit Türken.“ Wenn er überhaupt Probleme habe, dann „mit irgendwelchen Möchtegerntürken oder anderen Ausländern, sonst respektiere ich jeden Menschen.“ Juden respektiere er auch, sagt Andreas Wünsch. „Ich kenn zwar keinen, aber wenn, hätt ich kein Problem mit.“

Ruth Rotstein schläft nicht viel in dieser Nacht, sie ist spät ins Bett gegangen und wird immer wieder wach in ihrem Hotelzimmer in der Kochstraße. So lange hat sie auf diesen Moment gewartet, sie ist dafür extra aus Israel gekommen, und jetzt muss sie sich doch immer wieder sagen, dass es gut ist, dass sie das Richtige tut.

Anfang dieses Jahres hat Ruth Rotstein eine Telefonnummer in Berlin angerufen und dem Mann am anderen Ende der Leitung gesagt, sie würde gerne für ihre Großeltern Else und Karl Hecht zwei Steine verlegen lassen, „Stolpersteine“, hat Ruth Rotstein gesagt, sie spricht gut deutsch.

Sie erzählte dem Mann von der Stolperstein-Initiative, was sie über ihre Großeltern weiß: Else und Karl Hecht kamen aus Plauen, wo sie zwei Geschäfte führten, Else eins für Frauen-, Karl eins für Herrenbekleidung. Sie hatten zwei Töchter, denen rechtzeitig die Flucht gelang, nach England und Palästina. Else und Karl Hecht blieben. Wahrscheinlich fühlten sie sich zu alt für einen Umzug in ein fremdes Land. Oder sie ahnten nicht, wozu die Nationalsozialisten in der Lage waren. Ruth Rotstein weiß nicht viel über ihre Großeltern. Sie wurde erst in Palästina geboren und hat sie nie kennengelernt. Ihre ältere Schwester Inge kann sich noch daran erinnern, wie sich ihre Großmutter vor der Flucht aus Deutschland von ihr verabschiedet hat, wie sie sie auf den Arm nahm, fest an sich drückte und wie nass ihre Oma war, nass vor Tränen, aber das hat Inge erst viel später verstanden.

Es gibt Unterlagen, die belegen, dass Karl Hecht im Januar 1942 im Jüdischen Krankenhaus in Moabit an einer Lungenentzündung starb und auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee beigesetzt wurde. Von Else Hecht existieren zwei Briefe an ihre Tochter Eva in London, kurze abgehackte Schreiben, ohne ein negatives Wort – Juden war es verboten, zu klagen und pro Brief mehr als 30 Worte zu schreiben. Eine Nachricht stammt vom 9. August 1942. „Geliebtes Kind“, heißt es darin. „Dies Antwort auf beglückenden Junibrief. Nichts von Kindern? Bin gesund, arbeite, verdiene. Sehnsucht unendlich. Bleibt gesund und stark. Innigste Küsse. Dir, Kindern. Mutter“. Mit Adresse und Datum sind es genau 30 Wörter.

Sechs Tage später, am 15. August 1942, wurde Else Hecht aus ihrer Wohnung in der Motzstraße 82 abgeholt und in ein Konzentrationslager nach Riga deportiert. Am 18. August wurde sie ermordet.

Elses Tochter, die Mutter von Ruth Rotstein und Inge Goldstein, hat nie darüber gesprochen, kein Wort. Sie hat immer nur die wunderschönen deutschen Wälder, in denen man Beeren und Pilze sammeln konnte, erwähnt, und jetzt, da sie und ihre Schwester tot sind, ist es zu spät, Fragen zu stellen. Was bleibt, ist das Bedürfnis, etwas zu tun, eine Verbindung herzustellen zu den vergessenen Großeltern. Dieser kleine Stein aus Messing könnte so eine Verbindung sein.

Fast die ganze Familie ist mit nach Berlin gekommen, Ruth Rotsteins Kinder aus New Jersey, ihre Schwester und ihr Schwager aus New York, ihre Enkelin aus London. Nachdem sie aufgestanden ist, holt Ruth Rotstein ein paar alte Fotos und die Briefe ihrer Großmutter aus ihrem Koffer, die sie aus Israel mitgebracht hat und lehnt sie nebeneinander ans Fenster. Draußen wird es langsam hell.

Andreas Wünsch lädt die Kiste mit den Steinen in den blauen Kleinlaster der Baugewerkschaftsinnung. Es ist feuchtkalt und grau. Nachts hat es Bodenfrost gegeben. Bodenfrost ist schlecht für Straßenarbeiten. Dirk Saager überlegt kurz, ob er die Aktion abbläst, er macht einen Anruf, dann entscheidet er, dass sie doch fahren, in die Motzstraße sind extra Angehörige gekommen, aus Israel und den USA. Die kann man nicht wieder wegschicken.

Zu viert machen sie sich auf den Weg. Der Hausmeister lenkt den Transporter, Andreas Wünsch und Akin Gündogdu, ein Lehrling aus dem zweiten Lehrjahr, sitzen auf den Rückbänken, Dirk Saager folgt mit seinem Wagen, die Routenplanung in der Tasche: sieben Stellen, 13 Steine. In der Kreuznacher Straße geht es um 9 Uhr mit Ignaz Sebastian Jezower und seiner Frau Erna, deportiert am 13. Januar 1942, los. Wenn alles gut läuft, sind sie um 12.30 Uhr in der Aschaffenburger Straße 24 mit Margarete Schenk, am 16.12.1943 in Theresienstadt ermordet, fertig.

Stolpersteine beruhen auf einer Idee des Künstlers Gunter Demnig. Anfang der 90er-Jahre verlegte er – damals noch illegal – einen Stein in Kreuzberg, um daran zu erinnern, dass hier, mitten in der Stadt ein Mensch lebte, der aus seiner Wohnung abgeholt und von den Nazis ermordet wurde. Seitdem wurden in Europa 30.000 Stolpersteine verlegt, in Deutschland an 655 Orten. Die Anträge werden in der Regel von Angehörigen oder Hausbewohnern gestellt. Manchmal weigern sich Bewohner, sich an den 110 Euro, die ein Stolperstein kostet, zu beteiligen, manchmal klagen Hausbesitzer, weil sie um den Wertverlust ihrer Immobilie fürchten, manchmal haben Angehörige eigenwillige Wünsche: Neulich hat einer darauf bestanden, dass auf dem Stein für seinen Großonkel vermerkt wird, die Amerikaner hätten damals das Visum verweigert. Die Initiatoren fanden das unangemessen, aber dann haben sie es gemacht, in abgemilderter Form. Für Stolpersteine gibt es keine staatlichen Gelder und keine politische Linie. Zu den Verlegungen kommen keine Bürgermeister oder Staatssekretäre, sondern Angehörige, Anwohner und Leute, die gerade zufällig die Straße entlanglaufen.

Für zehn Tage sind Ruth Rotstein und ihre Verwandten nach Berlin gekommen. Sie waren im Scheunenviertel, auf dem türkischen Markt in Kreuzberg, in der C/O-Galerie in der Oranienburger Straße, und am Sonnabend, als auch das letzte Familienmitglied endlich angekommen war, sind sie zusammen mit dem 200er Bus nach Weißensee gefahren, um das Grab von Karl auf dem Jüdischen Friedhof zu suchen. Der Friedhof war zu, wie immer am Sabbat. Sie standen vor dem großen Tor, acht Familienmitglieder aus drei verschiedenen Generationen, und fragten sich, wie ihnen das passieren konnte. Vielleicht waren sie zu aufgeregt oder zu müde, vielleicht konnten sie sich einfach nicht vorstellen, dass auch in Berlin jüdische Regeln gelten.

Die Stadt ist ihnen vertraut und fremd zugleich. Ruth Rotstein hofft, dass sich ein Kreis schließt bei diesem Familientreffen in Berlin, sagt sie. Inge Goldstein, die Ältere, 1930 in Plauen geboren, will davon nichts hören. Jahrzehntelang weigerte sie sich, zurückzukommen, dann kam sie doch, in den Achtzigern, als amerikanische Wissenschaftlerin, die den Einfluss der Umweltverschmutzung auf Asthma-Erkrankungen in Ostdeutschland untersuchte. Die berufliche Distanz half ihr. Aber als sie vor fünf Jahren mit ihren Kindern Berlin besuchte, mochte sie zwar die Lebendigkeit und Offenheit der Stadt, gleichzeitig war es genau das, was sie störte. Sie wusste, dass ihre Mutter Berlin in den 30er-Jahren aus genau diesen Gründen geliebt und es nie verwunden hat, von hier vertrieben worden zu sein.

Lange wusste Inge Goldstein nicht, ob sie zur Stolpersteinverlegung kommen würde, sie sagte zu, sagte wieder ab. Aber nun ist sie hier, mit ihrem Mann und ihrer Tochter. Kurz nach zehn macht sich die Familie auf den Weg in die Motzstraße.

Dirk Saager ist ein bisschen aufgeregt, wie immer, wenn er mit seinen Lehrlingen diese Touren macht, die erste war im Frühling dieses Jahres. Früher hat Gunter Demnig jeden Stein selbst in den Bürgersteig geklopft, mittlerweile kommt er kaum noch hinterher, so viele Anträge gibt es. Im November wurden in der Sybelstraße in Berlin-Charlottenburg an einem Tag 66 Stolpersteine verlegt, 21 vor einem einzigen Haus. Bei diesen Mengen rückt Saager gleich mit einer ganzen Brigade an. „Es ist gut für die Lehrlinge, mal rauszukommen“, sagt er „und wenn sie erstmal draußen sind, merken sie schnell, dass es um mehr geht.“

Seine Lehrlinge kommen aus Marzahn, Neukölln, Hohenschönhausen, Brandenburg. Jungs mit Piercings, Tätowierungen und kahl geschorenen Schädeln, die oft nur einen Hauptschulabschluss haben und vom Arbeitsamt vermittelt werden. Über den Holocaust wissen sie wenig. Wenn man Andreas Wünsch danach fragt, erzählt er, dass sein Urgroßvater im Zweiten Weltkrieg gefallen ist, seine Ururgroßmutter von den Russen vergewaltigt wurde. Er sagt, er wundere sich darüber, „warum Adolf, der doch selbst kein Deutscher war, es so mit Rassentheorien hatte“. Und auf die Frage, ob er wisse, wie viele Juden von den Nazis ermordet wurden, blinzelt er ins milchige Herbstlicht und fragt: „50 000?“

Andreas Wünsch ist der Einzige aus dem ersten Lehrjahr, der heute mitfährt. Er weiß, dass es „was Besonderes ist, diese goldenen Steine reinzusetzen“, eine Anerkennung, „weil ich gute Arbeit leiste.“

Als Junge war er ein vielversprechendes Radrenntalent. Mit neun ging er auf die Sportschule Berlin-Hohenschönhausen, bei der Jugend-Weltmeisterschaft in Moskau 2008 wurde er Siebter im Sprint. Ein Jahr später schmiss er hin. Er hatte keine Lust mehr, an den Wochenenden immer nur Rennen zu fahren. Er wollte feiern, Mädchen kennenlernen. „Ich hab’s verkackt“, sagt er. „Jetzt bereu ich es.“

Um seinen Hals hängt eine Kette mit einem Silbermedaillon. Auf der einen Seite steht sein Name, auf der anderen der seines Vaters: Abdul Manhan Fahet. Er kennt ihn kaum. Seine Mutter lernte ihn nach der Wende in einer Disco in Königs Wusterhausen kennen. Er soll jetzt irgendwo in Thüringen leben. Die Kette hat er sich vor einem Monat anfertigen lassen. „So ne Hundemarke, wie die Soldaten haben“, sagt Andreas Wünsch.

Den erweiterten Hauptschulabschluss schaffte er im zweiten Anlauf. Er bewarb sich bei der Bundeswehr, wurde aber nicht angenommen. „Weil ich ADHS habe“, sagt er, die Aufmerksamkeitsstörung. Eine Lehre zum Altenpfleger hat er abgebrochen und dann auf Baustellen und als Kellner gejobbt, wollte aber wieder „was Richtiges machen“, wie sein Opa. „Der hat ne Fahrschule, und der hat zwei Häuser gebaut.“ Opa ist sein Vorbild. Im September hat Andreas Wünsch die Ausbildung zum Straßenbauer begonnen. Stundenlang hockt er seitdem auf den Knien im Sand, lernt, wie man im Verbund verlegt, was eine 45-Grad-Passe ist, dass Bernburger Pflaster weicher als Granit ist. „Macht tierisch Spaß“, sagt er.

Ruth Rotstein und ihre Verwandten sind viel zu früh in der Motzstraße. Man könnte sie für eine Touristengruppe halten, wie sie hier stehen mit ihren warmen Jacken, dem praktischen Schuhwerk und den Fotoapparaten in der Hand, nur dass es weit und breit nichts zu besichtigen gibt. Die Motzstraße ist eine lange Straße, die in ihrem Verlauf mehrfach ihren Charakter ändert. Am Nollendorfplatz, wo sie anfängt, ist sie lebendig, bunt und schwul, in ihrer Mitte, am Viktoria-Luise-Platz, prächtig und bürgerlich, und am Ende, kurz vor dem Prager Platz, schmucklos und billig. Die Bäume hier sind noch jung, die Häuser Nachkriegsbauten mit winzigen Balkonen. An einer Ecke gibt es einen Schlecker-Markt, an der anderen ein Sonnenstudio namens Sunshine. Das Haus mit der Nummer 82 liegt etwa in der Mitte. Es hat sechs Etagen und eine graue Fassade. Der Rasen ist gestutzt, es gibt einen rund geschnittenen Zierbusch. Auf den Gehwegen liegt kein Blatt, auf einem Balkon hängt ein Vogelhäuschen, ein Schild warnt vor dem bissigen Hund. Es ist ein ordentliches deutsches Nachkriegshaus, nichts erinnert hier an Else Hecht.

Dirk Saager und seine Lehrlinge kommen langsam voran. Am Wetter liegt es nicht. Der Boden ist nicht mehr gefroren, die Erde lässt sich leicht aufbrechen, die Pflastersteine sind mühelos zu entfernen und die aus Messing reinzusetzen. Die Hindernisse sind andere: Bei der ersten Station, in der Kreuznacher Straße, muss Andreas Wünsch eingewiesen werden. In der Georg-Wilhelm-Straße wurde ein alter Stolperstein falsch verlegt, das lässt Saager gleich korrigieren. Dafür machen sie die Frühstückspause durch, jetzt liegen sie wieder ganz gut in der Zeit, aber dann fällt Akin Gündogdu ein, dass er seine Arbeitsschuhe gestern auf der Baustelle vergessen hat, sie machen einen Umweg. Sie beeilen sich, aber auf dem Weg in die Motzstraße verfahren sie sich und merken es zu spät.

Ruth Rotstein sieht auf die Uhr. Es ist zehn Minuten vor 12, vor zwanzig Minuten sollte es losgehen, aber vom Stein keine Spur. Die Luft ist immer noch eisig und der Himmel grau. Sie reiben die Handflächen aneinander, treten von einem Fuß auf den anderen, reden über das Wetter – hätten sie nicht gedacht, dass es schon so kalt ist in Berlin – über das Essen in den Restaurants, in denen sie waren – hatten sie sich besser vorgestellt – aber wenigstens die Berliner Friseure werden ihrem Ruf gerecht. Zwei Frauen haben sich in Kreuzberg die Haare kurz schneiden lassen, nun bewundern alle ihre Frisuren. Es sind scheinbar belanglose Gespräche, aber darunter ist eine Anspannung zu spüren, die sich in kleinen Gesten äußert. Einer hektischen Bewegung, wenn ein Radfahrer „Vorsicht“ ruft, ein nervöser Blick auf die Uhr. Hin und wieder laufen Leute vorbei, Frauen mit Rollatoren, Männer mit Einkaufsbeuteln, Mütter mit Kinderwagen.

Kurz nach 12 Uhr rollt der blaue Laster in die Motzstraße und parkt in der zweiten Reihe. Stein Nummer sieben ist dran, Else Hecht, mit Angehörigen. Zehn Minuten sind vorgesehen.

Die Gruppe vor der Nummer 38 ist inzwischen noch größer geworden. Auf dem Rasen steht ein dunkelhäutiger Mann in Trainingshosen und Kutte, ein Anwohner aus der Nummer 82. Er steht schon eine Weile da, mit viel Abstand, als habe er Angst zu stören.

Die Lehrlinge springen auf die Straße, laden das Werkzeug aus: Eimer, Meißel, Kelle, Spitzhacke, Hammer. Ruth Rotstein und ihre Familie sind, etwas überrumpelt von den vielen Menschen und den plötzlichen Aktivitäten, still geworden. Andreas Wünsch läuft zurück zum Auto und kommt mit dem Stein zurück. Er ist wunderschön, ganz schlicht, und er glänzt wie Gold. Die Angehörigen fotografieren ihn von allen Seiten, mit Fotoapparaten und Handys.

Der Bürgersteig in der Motzstraße und der Zugang zur Nummer 82 sind mit Platten ausgelegt, dazwischen gibt es einen Streifen mit kleinen rauen Steinen, Bernburger Pflaster. Da setzt Andreas Wünsch den Stolperstein ab, genau in der Mitte. Er sieht zu seinem Ausbilder. Dirk Saager nickt. Es kann losgehen. Andreas Wünsch zieht mit Kreide Linien um den Stein, Akin lockert mit der Spitzhacke den Boden, hebt Steine heraus, buddelt ein Loch. Ruth Rotsteins Familie steht im Kreis und sieht von oben hinunter auf die beiden Männer. Niemand spricht. Es geht alles ganz schnell. Erde entfernen, Stein einsetzen, Erde auffüllen, Pflastersteine zurücksetzen, Stolperstein festklopfen, Erde wegwischen, Stein abwaschen, Hände abklopfen. Fertig.

Dirk Saager nickt den Angehörigen zu. Die Lehrlinge tragen das Werkzeug zurück in den Wagen. Bevor Andreas Wünsch einsteigt, dreht er sich noch mal um und sagt: „Schönen Tach noch.“

Die Männer sind weg, sie haben ihre Arbeit getan, wie man ein Rohr flickt oder eine Telefonleitung verlegt. Und doch hat dieser Moment auch etwas Besonderes, beinahe Feierliches. Vielleicht liegt es an der Sonne, die gerade jetzt das erste Mal durch die Wolkendecke bricht. Vielleicht an dem Hausbewohner, der nun doch näher gekommen ist und in gebrochenem Deutsch erzählt, dass er aus Sri Lanka kommt und Flüchtling sei. Ein Mann hetzt die Straße herunter und ruft: „Religionsfreiheit für alle“. Eine junge türkische Frau mit Kinderwagen kommt vom Einkaufen zurück, auf dem Weg ins Haus sieht sie den Stein und bleibt stehen. Ruth Rotstein fragt, ob sie hier wohne. Die Türkin nickt. Ihre Großmutter habe auch hier gewohnt, sagt Ruth Rotstein.

Es ist immer noch die gleiche Stadt.

Ruth Rotstein stellt sich hinter den Stolperstein und holt einen Zettel aus ihrer Tasche, zu Hause in Israel hat sie eine Rede vorbereitet. „Ich möchte allen danken, die heute hier mit mir an dieser bedeutsamen Zeremonie teilgenommen haben“, liest sie vor. Besonders wolle sie sich bei ihrer Schwester Inge bedanken. „Ich weiß, dass es keine einfache Entscheidung für sie war.“ Ruth Rotstein erzählt von ihrer Mutter, die nie von Else geredet und auch nie erklärt habe, warum sie und ihre Schwester geflüchtet seien, aber Else und Karl nicht. „Meine Mutter hat das alles in ihrem Herzen behalten und es hat ihr sicher viel Schmerz bereitet.“ Ruth Rotstein sagt, diese Zeremonie sei ihre Art, um Vergebung zu bitten, nie Fragen gestellt zu haben. Sie kann das kaum sagen, ihre Stimme bricht. Ihre Schwester kommt zu Hilfe, erzählt von dem schönen Haus in Plauen und von dem Abschied von ihrer Oma. Danach stimmt Ruth Rotsteins Enkelin ein hebräisches Lied an. Man versteht nicht, wovon es handelt, aber es klingt so, als rufe sie all die Klagen hinaus, die Else Hecht ihrer Familie nicht schreiben durfte. Es zerreißt einem das Herz.

Der Lehrling Andreas Wünsch ist jetzt in der Schaperstraße, es ist die vorletzte Station vor seinem Feierabend. Er verlegt drei Steine für Max und Käthe Herrmann sowie ihre zwölfjährige Tochter Ilse-Ruth.

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Anja Reich


Anja Reich ist Reporterin bei der Berliner Zeitung. Sie wurde 1967 in Ostberlin geboren, hat in Leipzig Journalistik studiert, von 1992 bis 1996 bei der Welt und danach bei der Berliner Zeitung gearbeitet, zunächst in der Lokalredaktion, später beim Magazin, das sie vier Jahre lang leitete. Von 1999 bis 2006 lebte sie mit ihrer Familie in New York, schrieb von dort aus Kolumnen, Porträts und Reportagen u.a. für die Berliner Zeitung und die Zeit. Die Erlebnisse des 11. September 2001 schildert sie gemeinsam mit Alexander Osang in dem Buch „Wo warst du? Ein Septembertag in New York“, das 2011 erschien. Sie lebt heute mit ihrer Familie in Berlin.
Dokumente
Der goldene Stein (PDF)

erschienen in:
Berliner Zeitung,
am 10.12.2011
Beste Lokalreportage

Laudatio: Sabine Rückert

Das Lokale ist immer sehr klein, sehr begrenzt und sehr privat. Aber manchmal kann das Lokale auch sehr global sein, sehr international und historisch. Es ist scheinbar auf einen überschaubaren Ort beschränkt, aber wenn es einem Lokalreporter gelingt, eine gute Lokalreportage zu schreiben, dann weist sie weit über den Ort hinaus, an dem sie spielt, und entwickelt große Dimensionen.

Große Reportagen – das lehrt uns die Lokalreportage – brauchen keine weltumspannende Recherche, um sich zu entfalten; manchmal reichen auch ein paar Quadratzentimeter. Die ausgezeichnete Reportage handelt von der Vergangenheit, die ihren Platz in der Gegenwart sucht. Und sie handelt von Steinen, von Stolpersteinen, in die die Namen ermordeter Juden eingraviert sind und die mitten in Berlin verlegt werden, damit die Toten nicht vergessen sind.

Der Autorin ist es gelungen, die Verlegung eines Stolpersteins zu einer ganz großen Geschichte aufzubauen. Sie begleitet die jüdischen Hinterbliebenen, die für ihre ermordeten Verwandten einen Stolperstein in Berlin legen lassen; und sie begleitet die Bauarbeiter, die mit der Einfalt der Nachgeborenen den Stein verlegen. Die Reportage handelt auch vom Schweigen, von der Sprachlosigkeit der jüdischen Familie, die über die Tragödie niemals reden konnte. Und von der Sprachlosigkeit der Straßenbauarbeiterlehrlinge, die auch Einwandererkinder sind, die wissen, dass sie ganz außerordentliche Steine verlegen, die aber dafür keine Worte finden.

Ich gratuliere Frau Anja Reich von der Berliner Zeitung zur Besten Lokalreportage in diesem Jahr.

 

Kommentare

Franz Behne, 23.10.2014, 22:52 Uhr:

Sehr geehrte Frau Reich,
ich habe ein interessantes Thema. Wie denken Sie über Sippenhaftung in Deutschland nach 1960.

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