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27.05.17

Ismene Poulakos „Drohnen, Optimismus


"More with less". Dieses Motto kommt mir bekannt vor und meist ist es unter Journalisten Auslöser einer Klage, die so lang ist wie ein durchschnittlicher Feuilleton-Artikel in der FAZ. Mit immer weniger Mitteln wird immer mehr Qualität verlangt. Geht doch nicht, heißt es.

Mehr mit weniger: "Warum eigentlich nicht?" fragt der Amerikaner Matt Waite auf dem Scoopcamp, jenem Online-Journalisten-Event in Hamburg, das sich dem digitalen Journalismus, dem "New Storytelling" verschrieben hat. Und versetzt mit dieser Einleitung schon den ganzen Saal in Spannung.

Ich mag es, wenn bei Kongressen Amerikaner Reden halten. Sie sind schlecht angezogen,  verstehen dafür aber etwas von Entertainment und haben keine Probleme damit, für einen Lacher die eigene Seriosität aufs Spiel zu setzen. Außerdem haben sie nicht nur ein Thema, sondern immer auch eine Vision. "More with less". Prozesse optimieren, kluge Technologien einsetzen. Das hätte das Militär auch geschafft und die Journalisten sollten sich mal nicht so anstellen. Warum sollen Maschinen nicht die Arbeit von Menschen übernehmen, wie das in nahezu jedem Industriezweig üblich sei? Matt Waite, Professor für Journalismus und Massenkommunikation, hat so eine Technologie im Handgepäck. Ein kleines Fluggerät, Wert rund 300 Dollar, ausgestattet mit einer Kamera und ferngesteuert mit dem iPhone. Es kann fliegen und filmen und es erschließt sich sofort der Sinn, wenn er von den Hurrikans in seiner Heimat erzählt. Warum einen Helikopter mieten, wenn so eine smarte Flugdrohne den Job schneller, günstiger und effizienter erledigen kann?

More with less. Das Motto und überhaupt Waite gefällt den Teilnehmern – der Männer-Anteil ist übrigens hoch, aber nicht so hoch wie auf Presseveranstaltungen zum Beispiel rund um die Cebit oder die IFA. Das Scoopcamp wird veranstaltet von Hamburg@work, einer Initiative für Medien, IT und Telekommunikation und dpa. Mit 149 Euro bewegt es sich am ganz unteren Ende der üblichen Kongress-Preise, was den angenehmen Nebeneffekt hat, dass sich auch Jüngere eingeladen fühlen. Es sind Journalisten, die Lust haben auf Optimismus, die Zukunft haben wollen und nicht mehr nur Repräsentanten einer untergehenden Medienform sein wollen. Die vielleicht auch die ständigen Klagen ihrer Zunft gründlich satt haben, die keine Angst vor Technik haben und Teil einer coolen Bewegung sein wollen.

Für diese Generation, die sich nicht unbedingt über das Alter, sondern über die Haltung definiert, ist das Scoopcamp in Hamburg mittlerweile ein Anziehungspunkt. Auffallend ist auch, dass sich auf dem Scoopcamp Verlagsmitarbeiter, Wissenschaftler, PR-Leute, Online-Redakteure und freie Journalisten munter mischen. Die neue Medien-Welt kennt weniger Grenzen.

Und natürlich der Entertainment-Faktor: Waite lässt die Flugdrohne über unseren Köpfen aufsteigen. Sie macht verschwommene Bilder vom Publikum, ich grinse in die Kamera und kann mich auf der Leinwand sehen. Ich versuche mit meinem iPhone ein Foto davon zu machen, aber da ist wirklich nichts mehr drauf zu erkennen. Trotzdem, irgendwie cool.

Klar, da gibt es rechtliche Probleme. Datenschutz, in Deutschland vielleicht noch heißer debattiert als in den USA. Es wird gemutmaßt, dass die Oben-ohne-Bilder von Kate von so einer 300-Dollar-Drohne geschossen worden seien. All das sei lösbar, meint Waite. Kein Grund, sich nicht diesen unglaublichen Möglichkeiten zu öffnen, die einem Smartphones bieten, die so leistungsstark sind wie früher Computer, mit denen Menschen ins All geflogen sind. Da ist er wieder, der Amerikaner. Yeah!

Daten, Daten, Daten. Kein Thema beschäftigt digitale Journalistenrunden zurzeit mehr als die Fragen, wie man aus Datenmassen smarte Anwendungen erstellen kann. Kriminalitätsstatistiken in interaktive Karten umgewandelt, Verkehrsunfallschwerpunkte als visuelle Kunstwerke, Statistiken von Ärzten, die Geld von Pharmafirmen nehmen. Das Heben der Datenschätze löst gerade einen digitalen Rausch aus, da ist tatsächlich etwas Neues, Aufregendes, eine Vision. Journalistische Inhalte in nie gesehener Aufbereitung.

Waites Prophezeiung geht noch einen Schritt weiter. Alles was automatisiert werden kann, sollte automatisiert werden. Drohnen schießen Bilder und filmen Videos und zwar zu jeder Tages- und Nachtzeit. Wo "dumme" Maschinen in Form von Software-Bots die Datenströme der Polizeiberichte durchstöbern können, da sollten sich kluge Reporter lieber wichtigeren Aufgaben zuwenden. "Wenn was Aufregendes passiert, schickt der Bot eine E-Mail", sagt Waite. Der Reporter könne derweil ums Geschichtenerzählen und den Kontakt mit echten Menschen kümmern. "Wir sind nicht dazu geboren, am Schreibtisch Datenströme zu verfolgen". Aber dennoch können die Daten faszinierende Geschichten generieren, besonders wenn immer mehr Dinge und Orte ans Netz angebunden sind und Daten liefern können. Daraus könnten Anwendungen wie ein Stadtplan des Lärms in einer Großstadt entstehen.

"Ob das nicht gefährlich sei?", fragt ein Zuhörer. Das Ende der Privatsphäre. Es ist eine Frage, die Waite durchaus ernst nimmt, schließlich spricht er vor deutschem Publikum. "Ethische Richtlinien gelten für alles", sagt er. Ob jeder ungefragt mit seinem Handy Fotos macht oder eine Flugdrohne, was ist da schon der Unterschied: "It's a new technology, but old problems".

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Ismene Poulakos


Ismene Poulakos (42) ist Leiterin des Innovationsmanagements der Mediengruppe M. DuMont Schauberg (Frankfurter Rundschau, Kölner Stadt-Anzeiger, Berliner Zeitung u.a.). Zuvor war in der Redaktion des Kölner Stadt-Anzeigers, zuletzt als Ressortleiterin des täglichen Magazins, des Magazins am Wochenende und Panorama. Sie hat Soziologie, Psychologie und Medienwissenschaften studiert und eine Ausbildung zum systemischen Coach absolviert.
erschienen in:
Reporter-Forum,
am 11.10.2012

 

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