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Ferdinand von Schirach „Du bist, wer Du bist

Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2011 in der Kategorie "Bester Essay".


Als ich ein kleiner Junge war, kam mein Großvater aus dem Gefängnis. Ich war damals zwei Jahre alt. Meine Familie wohnte in München-Schwabing, in einem hübschen Haus aus dem 18. Jahrhundert, bewachsen mit Efeu und wildem Wein. Die Korridore waren ein wenig schief, ein paar Steinplatten zerbrochen, die Eingangstür klemmte. Ein dunkelgrünes Tor führte zur Kopfsteinpflasterstraße draußen, hinter dem Haus waren ein Labyrinth aus Rosenbüschen und ein Brunnen mit einem nackten Amor - er hatte nur noch den Bogen, der Pfeil war verlorengegangen.

Ich erinnere mich nicht an die Entlassung meines Großvaters. Alles, was ich weiß, stammt aus Erzählungen, von Fotos und aus Filmen. Mein Vater und seine Brüder holen ihn in einem schwarzen Wagen vor dem Gefängnistor ab. Davor steht die Pressetribüne, nur für diesen einen Tag gezimmert. Mein Vater trägt einen engen dunklen Anzug, er ist sehr jung und sehr unsicher. Mein Großvater ist dünn. Dann die Bilder aus dem Garten in München: Henri Nannen sitzt neben ihm auf einem alten Gartenstuhl aus Eisen, er führt die ersten großen Interviews. Meine Familie steht weiter hinten unter einer Kastanie. Mein Großvater spricht langsam, ein seltsamer Akzent: weimarisch. Wenn man die Interviews hört, ist man irritiert, dass diese Leute auch einen Dialekt hatten - Speer sprach badisch. Damals sagten alle, mein Großvater rede "druckreif", aber das ist Unsinn: Die Fragen der Journalisten waren abgesprochen, die Antworten hatte er eingeübt. Mein Großvater sagte nichts, womit ich hätte etwas anfangen können.

Als ich vier Jahre alt war, zogen wir in die Nähe von Stuttgart zu der Familie meiner Mutter. Mein Großvater kam kurze Zeit später nach. Wir wohnten in einem Park, den mein Urgroßvater noch vor dem Ersten Weltkrieg angelegt hatte: hohe alte Bäume, ein Haus mit Säulen und Freitreppe, Teiche, eine Gärtnerei. Mein Vater ging mit mir fischen und nahm mich mit auf die Jagd. Es war eine Welt für sich. Meistens war ich alleine. Ich wusste immer noch nicht, wer dieser Großvater war. Er hatte eine Sammlung Gehstöcke, in manchen waren Schnapsflaschen oder Uhren eingebaut, einer enthielt ein Florett, ein anderer sah aus wie der Stock des kleinen Muck.

Wir machten jeden Tag einen Spaziergang zu einem Kiosk außerhalb des Parks. Er musste langsam gehen, im Gefängnis war er auf einem Auge fast blind geworden, Netzhautablösung. Manchmal sprachen ihn Leute auf der Straße an, aber das mochte ich nicht. Und wir spielten jeden Tag Mühle, er gewann immer mit dem gleichen Trick. Irgendwann dachte ich so lange darüber nach, bis ich verstand, wie er das machte. Danach spielte er nicht mehr mit mir. Ich war damals fünf, sechs Jahre alt. Man sprach bei uns nicht viel mit den Kindern. Es hatte auch etwas Gutes: Wir wurden in Ruhe gelassen, wir lebten in unserer eigenen Welt. Aber irgendetwas umgab mich, das ich nicht erklären konnte. Ich wuchs anders auf als die Kinder im Ort, ich hatte kaum Kontakt zu ihnen. Mir blieben die Dinge fremd, und ich fühlte mich nie ganz zu Hause. Ich konnte das niemandem sagen, vielleicht können Kinder so etwas nie.

Zu Hause sagte niemand "Gefängnis", es hieß einfach nur "Spandau". Aber irgendwann hörte ich von einem Besucher, mein Großvater sei lange eingesperrt gewesen. Ich fand das aufregend, weil ich ein Buch über den Piraten Sir Francis Drake gelesen hatte. Ich bewunderte Drake sehr, und der wurde dauernd eingesperrt. Ich fragte meine Mutter, was mein Großvater gemacht habe. Ich weiß nicht mehr, was sie sagte, es war eine sehr lange Erklärung mit lauter Wörtern, die ich nicht kannte. Aber ich erinnere mich noch an ihre Stimme, die jetzt anders als sonst klang. Es muss etwas Schlimmes sein, dachte ich, vielleicht ein Fluch wie in den Märchen.

Plötzlich war er weg. Er hatte sich nicht bei mir verabschiedet. Viel später erfuhr ich, dass er alleine sein wollte. Er zog an die Mosel in eine kleine Pension. Es war wohl alles zu viel nach 20 Jahren in der Zelle. Kurz vor seinem Tod habe ich ihn noch einmal dort gesehen. An diesem Tag interessierte ich mich für den Fluss und die Weinberge und einen Esel, der dort lebte und dauernd die Zähne bleckte. Mein Großvater war ein alter Mann mit einer Augenklappe, den ich nicht kannte. Ich erinnere mich nicht, ob er an diesem Tag überhaupt mit mir gesprochen hatte. Auf seinen Grabstein ließ er schreiben: "Ich war einer von euch". Ein entsetzlicher Satz.

Mit zehn Jahren kam ich auf ein Jesuiteninternat. Natürlich war ich viel zu jung, aber irgendwie ging es schon, weil wir alle zu jung waren. Wir bekamen Postsparbücher mit unserem Taschengeld, vier Mark pro Monat. Am ersten Montag im Monat gaben uns die Patres die Bücher, und wir gingen zur Post, um das Geld abzuheben. Es war jedes Mal eine lange Schlange, der Beamte trug die Zahlen noch von Hand ein. Beim dritten oder vierten Mal winkte er mich nach vorne. Er sagte, er habe meinen Großvater gekannt, seine Augen glänzten. Ich könne nun immer an der Schlange vorbei direkt zu ihm kommen. Ich lief weg. Ein Pater versuchte mir an diesem Nachmittag zu erklären, was der Nationalsozialismus sei, was mein Großvater gemacht habe und warum er ins Gefängnis gekommen sei. Es war noch immer verwirrend und klang nach einer Geschichte aus einem J. R. R.-Tolkien-Buch mit fremden Wesen.

Mit zwölf Jahren begriff ich das erste Mal, wer er war. In unserem Geschichtsbuch war ein Foto von ihm: "Reichsjugendführer Baldur von Schirach". Ich sehe es noch vor mir: Mein Name stand tatsächlich in unserem Schulbuch. Auf der anderen Seite war ein Foto von Claus von Stauffenberg, darunter: "Widerstandskämpfer". Kämpfer klang viel besser. Neben mir saß ein Stauffenberg, ein Enkel wie ich, wir sind heute noch befreundet. Er wusste auch nicht mehr als ich.

Es dauerte noch eine Zeit, bevor der Nationalsozialismus durchgenommen wurde. Damals gab es in meiner Klassenstufe auch einen Speer, einen Ribbentrop und einen Lüninck. Nachfahren der Täter und des Widerstands - alle im selben Klassenzimmer. Meine erste große Liebe war eine Witzleben. Geschichte schien eine Sache zu sein, mein Leben eine ganz andere.

Zu Hause konnte ich später mit allen über diese Zeit reden. Es gab keine Geheimnisse - der einzige Vorteil mit so einem Namen ist vielleicht, dass nichts verborgen bleiben kann. Wir führten endlose Diskussionen, einer meiner Onkel schrieb ein Buch über ihn. Ich habe nie begriffen, warum mein Großvater der wurde, der er war. Sein älterer Bruder Karl beging in seinem Internat, in Roßleben, Selbstmord. Er wurde 18 Jahre alt. Es heißt, er habe es nicht verkraftet, dass der Kaiser abgedankt hatte, aber ein Buch mit Buddhas Reden lag aufgeschlagen auf seinem Tisch, als er starb. Seine Schwester Rosalind wurde Opernsängerin. Sein Vater war Intendant am Weimarer Theater, seine Mutter war Amerikanerin. Ich habe ein Bild von ihr, eine schöne Frau mit einem schmalen Hals. Sie stammte von den "Mayflower"-Einwanderern ab, ein Vorfahre hatte die amerikanische Unabhängigkeitserklärung mit unterzeichnet, ein anderer war Gouverneur von Pennsylvania. Die Schirachs waren Richter, Historiker, Wissenschaftler und Verleger gewesen, die meisten dienten dem Staat, seit 400 Jahren hatten sie Bü-cher geschrieben. Mein Großvater wuchs in dieser großbür-gerlichen Welt auf, ein behütetes, weiches Kind. Auf frühen Bildern sieht er wie ein Mädchen aus, bis zu seinem fünften Lebensjahr sprach er nur Englisch. Er war 17, als er Hitler kennenlernte, mit 18 trat er in die NSDAP ein. Warum begeistert sich jemand, der während des Studiums morgens im Engli-schen Garten ausreitet, für das Dumpfe und das Laute? Warum ziehen ihn Schläger, rasierte Stiernacken und Bierkeller an? Wieso begreift er, der gerne über Goethe schrieb und Richard Strauss zum Patenonkel eines Sohnes machte, nicht schon bei der Bücherverbrennung, dass er jetzt auf der Seite der Barba-ren steht? War er zu ehrgeizig, zu ungefestigt, zu jung? Und für was wäre das überhaupt wichtig? "Was war mit mir?", sol-len seine letzten Worte gewesen sein - eine gute Frage, aber keine Antwort.

Später, während des Studiums, habe ich alles über die Nürnberger Prozesse gelesen. Ich habe versucht, die Mechanismen dieser Zeit zu verstehen. Aber die Erklärungsversuche der Historiker taugen nichts, wenn es der eigene Großvater ist. Er ging in seine Loge in der Wiener Oper, ganz der sogenannte Kulturmensch, und ließ gleichzeitig den Hauptbahnhof zum Abtransport der Juden sperren. Er hörte 1943 in Posen Himmlers Geheimrede über die Ermordung der Juden - er wusste ohne jeden Zweifel, dass sie umgebracht wurden.

Unzählige Male wurde ich auf ihn angesprochen. In jeder nur denkbaren Form: offen, unverschämt, wütend, bewundernd, mitleidig, aufgeregt. Es gab Morddrohungen und Schlimmeres, manchmal ist es zu viel. Aber das alles wird gleichgültig, wenn ich an Wien denke, belanglos. Jetzt werde ich in den Interviews zu meinem neuen Buch wieder nach ihm gefragt. Man will wissen, ob mein Leben ohne diesen Namen anders verlaufen wäre, ob ich einen anderen Beruf gewählt hätte, ob ich mich seinetwegen mit Schuld beschäftige. Solche Fragen müssen wohl sein. Die Journalisten bleiben höflich, aber sie finden es auch ein wenig seltsam, wie ich mich verhalte: Ich sage Termine ab, wenn ich glaube, es gehe zu sehr um ihn. Sie denken, ich wiche aus - und sie haben damit recht. Ich kann keine Antworten geben: Ich kannte ihn nicht, ich konnte ihn nichts fragen, und ich verstehe ihn nicht. Deshalb dieser Text. Es ist das erste Mal, dass ich über ihn schreibe, und es wird das letzte Mal sein.

Vor Gericht werden Verbrechen untersucht. Der Richter prüft, ob der Angeklagte der Täter war, danach wiegt er seine Schuld. Die meisten Verurteilten unterscheiden sich nicht sehr von uns. Sie strauchelten, fielen aus der normalen Gesellschaft, sie glaubten, ihr Leben sei ausweglos. Oft ist es nur Zufall, ob ein Mensch Täter oder Opfer wird. Geliebtentötung und Selbstmord liegen nah beieinander.

Das, was mein Großvater tat, ist etwas völlig anderes. Seine Verbrechen waren organisiert, sie waren systematisch, kalt und präzise. Sie wurden am Schreibtisch geplant, es gab Memoranden dazu, Besprechungen, und immer wieder traf er seine Entscheidung. Der Abtransport der Juden aus Wien sei sein Beitrag zur europäischen Kultur, sagte er damals. Nach solchen Sätzen ist jede weitere Frage, jede Psychologie überflüssig. Manchmal wird die Schuld eines Menschen so groß, dass alles andere keine Rolle mehr spielt. Natürlich, der Staat selbst war verbrecherisch, aber das entschuldigt Männer wie ihn nicht, weil sie diesen Staat erst erschufen. Mein Großvater brach nicht durch eine dünne Decke der Zivilisation, seine Entscheidungen waren kein Missgeschick, kein Zufall, keine Unachtsamkeit. Heute fragen wir in einem Strafverfahren, ob dem Angeklagten bewusst war, was er tat, ob er es noch verstehen, ob er noch Recht von Unrecht unterscheiden konnte. Das alles ist für meinen Großvater schnell beantwortet. Gerade seine Schuld wiegt schwer: Er stammte aus einer Familie, die seit Jahrhunderten Verantwortung trug. Seine Kindheit war glücklich, er war gebildet, die Welt stand ihm offen, und er hätte sich leicht für ein anderes Leben entscheiden können. Er wurde nicht unschuldig schuldig. Es sind immer auch die Voraussetzungen eines Menschen, die am Ende das Maß seiner Schuld bestimmen.

Die Schuld meines Großvaters ist die Schuld meines Großvaters. Der Bundesgerichtshof sagt, Schuld sei das, was einem Menschen persönlich vorgeworfen werden könne. Es gibt keine Sippenhaft, keine Erbschuld, und jeder Mensch hat das Recht auf eine eigene Biografie. In meinem Buch schreibe ich nicht über ihn und nicht über seine Generation. Ich weiß nichts von diesen Männern, was nicht schon tausendfach gesagt und erforscht wurde. Unsere Welt heute interessiert mich mehr. Ich schreibe über die Nachkriegsjustiz, über die Gerichte in der Bundesrepublik, die grausam urteilten, über die Richter, die für jeden Mord eines NS-Täters nur fünf Minuten Freiheitsstrafe verhängten. Es ist ein Buch über die Verbrechen in unserem Staat, über Rache, Schuld und die Dinge, an denen wir heute noch scheitern. Wir glauben, wir seien sicher, aber das Gegenteil ist der Fall: Wir können unsere Freiheit wieder verlieren. Und damit verlören wir alles. Es ist jetzt unser Leben, und es ist unsere Verantwortung.

Ganz am Ende des Buches fragt die Enkelin des Nazis den jungen Strafverteidiger: "Bin ich das alles auch?" Er sagt: "Du bist, wer du bist." Das ist meine einzige Antwort auf die Fragen nach meinem Großvater. Ich habe lange für sie gebraucht.

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Ferdinand von Schirach


1964 in München geboren, 1974-84 Jesuiteninternat, 1985-86 Bundeswehr, 1987-1991 Rechtswissenschaften in Bonn, 1992-94 OLG Köln und KG Berlin, seit 1994 Rechtsanwalt. Schirach ist Strafverteidiger. Er vertrat Schabowski, den Spion Juretzko, den »Unterweltpaten von Berlin« und die Familie Klaus Kinskis. 2009 veröffentlichte er »Verbrechen« - Kurzgeschichten, die 54 Wochen auf der Bestsellerliste des Spiegels waren, in 30 Länder verkauft wurden und verfilmt werden. 2010 erschienen die Kurzgeschichten »Schuld«, sie waren Platz 1 der Spiegelliste, wurden bisher in 20 Länder verkauft und werden auch verfilmt. Er veröffentlichte Kurzgeschichten im Kulturspiegel, der SZ und der FAS und schreibt die monatliche Kolumne »Einspruch« im Spiegel.
Dokumente
Du bist, wer du bist (PDF)

erschienen in:
Der Spiegel,
am 05.09.2011

 

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