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19.11.17

Gern gelesen

Thomas Feix „Bei Waldschrats

Eigentlich wollte der freie Reporter Thomas Feix einen Brandenburger Rechtsradikalen porträtieren. Doch der war nicht zu Hause. Auf dem Heimweg hatte Feix' Fahrrad einen Platten. Genau vor dem Haus von Gerhard, Heinz und Burkhard. Sie halfen ihm, den Reifen zu flicken. So lernte er die drei kennen, zufällig. Er beschloss, eine Geschichte über sie zu schreiben.

Der Text fällt auf. Durch seine Rauhheit, seine Direktheit, seine exzentrische Holprigkeit. Durch die vielen ekligen Details. Durch das Fehlen eines Themas - um was geht es hier eigentlich? Durch den mahlenden, mitleidlosen, sezierenden Ton. Zitat: "Es ist nicht die Hühnerkacke auf dem Fußboden der Küche, es sind nicht die randvollen Aschenbecher, es ist nicht der Geruch, der sich in der Nase festsetzt. Es stört nicht einmal die Tristesse in den Worten und Gesten. Das, was einem seltsam vorkommt, ist, dass den dreien gegenüber keine Gefühle entstehen. Kein Mitleid, kein Abscheu, nichts."

Manche sagen, es gebe kaum je neue, ganze andere Stimmen unter „jungen“ Reportern. Dieser Text beweist das Gegenteil. Ganz gleich, ob man das Thema der Reportage mag oder nicht: Die Stimme von Thomas Feix fällt auf.

Ariel Hauptmeier

Ganz weit draußen: Gerhard, Heinz und Burkhard wohnen im Norden Brandenburgs, in der Uckermark, gemeinsam auf einem Bauernhof - Gerhard im Haus, Burkhard im Stall und Heinz in einer Laube. Ein frohes Landleben ist es nicht. Als Strafgefangener kam Burkhard bis nach Bötzow und Prenzlau. So weit ist er als freier Mann noch nie gekommen. Er saß wegen Körperverletzung, wegen Diebstahl, wegen allem. Insgesamt fünfzehn Jahre lang. Er soll was mit den Hunden gehabt haben, die er klaute. Auch deswegen soll er gesessen haben. Es stimmt nicht. Aber es passt gut. Finden die, die es erzählen, in Jakobshagen, in Klaushagen, es heißt, sogar in Templin wissen sie es. Burkhard der Hundeficker, sagen alle. Er kann nachts nicht schlafen, hat den Fernseher an und das Neonlicht über der Matratze. Er weiß nicht, wo die Ratte ist. Früher war sie hinter der Futterkrippe. Jetzt ist sie wahrscheinlich unter dem Strohballen. Neben der Matratze hat er ein Kofferradio, mit Draht umwickelt und einer langen Antenne dran, er versucht, den Polizeifunk abzuhören, vielleicht wollen sie ihn doch noch holen kommen, weiß man's denn. Im Stall ist es eisig, bald wird es Winter sein. Burkhard schwärmt vom Gefängnis. Pro Mann einen Fernseher, drei Mahlzeiten am Tag, Dusche, Heizung, bei Bedarf Einzelzelle, herrlich, sag ich dir, sagt er. Aber keine Frauen. Er will überhaupt nicht rein, nie wieder, und dennoch schwärmt er vom Gefängnis. Er will nur reden, irgendwas. Bei der Begrüßung sagen Gerhard, Heinz und Burkhard: keine Notizen. Alles, nur keine Notizen. Weshalb, sagen sie nicht. Keine Antwort, sagen sie. Sie sagen Guten Tag und geben die Hand, setzen sich hin und gucken. Aber sie wollen nicht, dass Notizen gemacht werden. Und bitte auch kein Band einschalten. Auch nicht heimlich. Sie wollen nicht, dass man ihnen Fragen stellt. Heinz sitzt im Sessel, Gerhard auf dem einzigen Stuhl, den es in der Küche gibt. Gerhard raucht. Seine Augen zucken. Sie beobachten die Zigarettenglut. Alle drei rauchen: Gerhard, Heinz und Burkhard. Die gesamte Geschichte lesen (PDF)
 

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Thomas Feix


Thomas Feix, Jahrgang 1959, ist gelernter Rinderzüchter und Historiker. Er schreibt seit 2005 Reportagen und Porträts, unter anderem für „taz? und „Freitag? und „Welt am Sonntag?.
Dokumente
Bei Waldschrats (pdf)

erschienen in:
die tageszeitung (taz),
am 04.02.2006

 

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