Reporter Forum Logo
30.04.17

Miriam Keilbach „Ausstieg im letzten Moment

Nominiert für den Deutschen Reporterpreis 2011 in der Kategorie "Lokal-Reportage"



Am Anfang konnte Frederic die Gefühle und Gedanken schnell wieder verdrängen, „Scheiß-Ausländer“. Am Ende ballte er die Faust so fest, dass ihm die Hand weh tat. Und er stand, wie er später sagen wird, kurz davor, tatsächlich zuzuschlagen. Obwohl ihm keiner etwas getan hatte. Nicht das Mädchen mit dem Kopftuch, das auf der anderen Straßenseite ging und ihn nicht einmal gesehen hatte. Nicht die anderen Muslime, gegen die sich Frederics Wut richtete.

Während Frederic die Faust ballte und diese Gedanken hatte, dröhnte die Musik in seinen Ohren. „Heil, Heil, Heil. Die BRD ist uns egal und völlig gleich, denn unsere Heimat ist das Deutsche Reich. Germania“, schrie die Band „Sturmwehr“ durch die Ohrstöpsel. Später wird Frederic sagen, dass es die rechtsextreme Musik war, die ihn so aggressiv gemacht hat.

Frederic ist heute 17 und kommt aus Gröpelingen. Jeder dritte Einwohner in Gröpelingen hat Migrationshintergrund, jeder vierte ist arbeitslos. Frederic und seine Brüder Johannes und Martin sind in einer Familie aufgewachsen, in der Ausländerfeindlichkeit zum Alltag gehörte. Ihr Vater hatte einmal gesagt, man müsse Türken auf die Fresse hauen – ehe die Türken dazu kämen, zuzuschlagen. Auf Familienfeiern wurde über die „Scheiß-Ausländer“ gesprochen. Es wurde gehetzt, verleumdet, gehasst. Früher saß Frederic auf dem Schoß seines Großvaters und hörte sich Kriegsgeschichten an. Verfälschte Geschichten. Frederics Großvater sagte immer wieder, dass Deutschland einen neuen Führer brauche. Hitler sei nicht so schlecht gewesen. Er glaubte ihm. Frederic eiferte seinem Vater nach. Und seinen Brüdern.

Zwölf Jahre war er alt, als er von Martin den ersten MP3-Player mit rechtsextremer Musik geschenkt bekam. Erst war es seichte rechte Musik, später war es Musik von harten Rechtsrock-Bands und Bands mit neonazistischen Parolen und gewaltverherrlichenden Texten. Frederic hörte „Nordfront“ und „Sturmwehr“, „Stahlgewitter“ und „Kategorie C“. Vier Stunden am Tag brüllten sie ihm ins Ohr – von Pseudodeutschen, Führern, dem Deutschen Reich und Ausländern, die in ihre Herkunftsländer zurück sollen. „Ein paar von ihnen kamen eines schönen Tags daher, seitdem vermehren sie sich hemmungslos und werden immer mehr... Man lebt ganz unbelastet mit ihnen zusammen, obwohl sie von einer anderen Art abstammen. Schweine, diese Schweine, wir singen Schweine, diese Schweine...“

Frederic fühlte sich in der Szene zunehmend aufgehoben. Er suchte im Internet nach neuer Musik und wurde schnell fündig. Er entdeckte rechtsextremistische Gruppen im sozialen Netzwerk SchuelerVZ. In Diskussionsforen traf er Gleichgesinnte. Sie tauschten Erfahrungen aus. Sie schickten sich Lieder und Songtexte per Mail, und sie redeten. Sie redeten darüber, wie diese Ausländer „ihr“ Deutschland kaputt machten. Sie lobten sich gegenseitig, wenn einer einen Muslimen verprügelt hatte. Oder zumindest einen, den sie für einen Muslimen gehalten hatten.

Etwa zwei Stunden am Tag verbrachte Frederic in diesen Foren. Er nutzte die sozialen Netzwerke, die Millionen Menschen nutzen. Es ist einfach, dort unbemerkt einschlägiges Gedankengut zu verbreiten. Und genau deshalb ist diese neue Art von Rechtsextremismus so gefährlich. Sie ist schleichend, man sieht sie nicht.

Frederic hatte keine Glatze, er trug nie Springerstiefel und sah schon damals eher aus wie ein Bravo-Boy, mit seinen dunkelbraunen halblangen Haaren und dem verschmitzten Lächeln, dem Jimi-Hendrix-T-Shirt. Keiner, der ihn sah, glaubte, dass dieser nette Junge etwas mit Rechtsextremismus zu tun haben könnte. Am wenigsten er selbst.

Aber Frederic hatte noch ein Problem. Mit 14 Jahren stellte er fest, dass er homosexuell ist. In seinem Umfeld war man gegen Schwule. Sein Vater sagt noch heute, Homosexualität sei unnatürlich. Frederic redete sich ein, dass er eigentlich auf Mädchen stehe. Er mochte seine rechte Online-Clique, und er wusste, dass er als Schwuler nicht dazugehören konnte. Und deshalb hielt er die Klappe, wenn die anderen über Schwule herzogen.

Es war auch die Zeit, in der Frederic anfing, muslimische Mitschüler zu mobben. Er ignorierte sie, er pöbelte sie an und ignorierte sie wieder. Er sprach schlecht über sie, nutzte jedes noch so flache Vorurteil. Wenn Mitschüler oder Lehrer einschritten, war das für den Gymnasiasten Ansporn, seine Kritiker zu überzeugen. Er stand auf und sagte vor der Klasse: „Schaut euch doch mal an, was hier, in unserem Land, los ist!“ Er schrieb rechte Parolen auf Papier. Im Stillen, sagt Frederic heute, haben ihm damals viele Mitschüler zugestimmt.

In seiner Familie hatte Frederic Halt. Sein Bruder Johannes nahm ihn mit ins Stadion zu Werder. Johannes ging immer mit seinen Neonazi-Freunden zu den Spielen. Und Johannes und Martin nahmen ihn mit auf Partys. Frederic lernte neue Leute kennen. Allesamt waren sie rechtsextrem, viele gewaltbereit. „Wir lieben die dritte Halbzeit, das ist für uns der geilste Kick, ob vorher, nachher oder währenddessen, Fußball ist das eine, doch das andere nicht vergessen.“

Irgendwann klickte sich Frederic im Internet durch die Seiten der NPD, bald surfte er jeden Tag auf der Seite. Er wollte Mitglied der Jungen Nationaldemokraten werden, der Jugendorganisation der rechtsextremen NPD. Im Internet sah er sich Reden von Udo Pastörs an, dem NPD-Fraktionsvorsitzenden in Mecklenburg-Vorpommern. Und seine Islamfeindlichkeit wuchs. Frederic hatte etwas gegen Muslime, vor allem gegen Türken. Albaner. Libanesen. Afrikaner und Juden, sagt er, hätten ihn dagegen nie gestört.

Je aggressiver und krasser Frederic wurde, desto aggressiver und krasser verhielt sich sein Umfeld. Er wurde öfter angerempelt, sagt er. Mal wurde er bedroht, mal hat er sich geprügelt. Seine ausländischen Mitschüler fühlten sich durch Frederics Verhalten provoziert. Für Frederic gab es immer mehr Gründe, seine Ausländerfeindlichkeit offener auszuleben. Manchmal, sagt Frederic, hat er in Tagträumen einen Türken auf dem Boden gesehen, weil er ihn zusammengeschlagen und ihm die Nase gebrochen hatte. Der Türke sei dann weggelaufen, zurück in seine Heimat.

Irgendwann merkte Frederic, dass er permanent aggressiv war. Dass sein Hass sich gegen Ausländer richtete. Er merkte, dass ihn seine Wut so sehr beschäftigt, dass er sich nicht einmal mehr aufs Lernen konzentrieren konnte. Irgendwann hatte er auf eine Weide geschaut, und er sah immer mehr Türken auf sich zukommen. Sie starrten ihn an. In diesem Moment verstand Frederic, wie weit es gekommen war. Frederic vertraute sich einer Freundin an, dann seiner Klassenlehrerin, die ihn an die Schulsozialarbeiterin verwies. Es gab keinen anderen Weg, sagt er heute. Er musste ihn gehen. Die Schulsozialarbeiterin stellte den Kontakt zu Vaja her, dem Verein zur Förderung akzeptierender Jugendarbeit.

Am 23. April vergangenen Jahres lernte Frederic Dennis kennen, einen Sozialarbeiter von Vaja. Seit Frederic Dennis kennt, hört er keine rechte Musik mehr. Er brach den Kontakt zu seiner Online-Clique ab. Schwer war das, sagt Frederic. Aber wirkungsvoll.

Er musste lernen, mit ausländerfeindlichen Parolen umzugehen. Seine Familie redet noch wie früher. Frederic hält sich dann zurück und spricht anschließend mit seinen neuen Freunden oder mit Dennis darüber. Er war hin- und hergerissen, er wusste, dass die Aussagen falsch waren, aber er fühlte, dass er sich nicht gegen seine Familie stellen konnte. Dennis meint, Frederic musste für seine Entwicklung weg vom Rechtsextremismus ein Stück seiner Identität aufgeben. Frederic sagt, er sei ohnehin in der Pubertät und grenze sich von seiner Familie ab.

Dennis begleitete Frederic einige Male zu einem Psychologen. Frederic lernte Gedanken zu ordnen, Träume zu deuten und Tagebuch zu führen. Am Anfang schrieb er jeden Tag einen Eintrag, immer, wenn die Wut kam. Heute hat er das Buch gut verstaut und holt es höchstens einmal im Monat raus. Dennis arrangierte auch ein Treffen zwischen Frederic und einem Aussteiger, der in der Neonazi-Szene aktiv war. Er las Bücher von Aussteigern, zu seiner eigenen Bestärkung. Und alle zwei Wochen trifft er sich weiter mit Dennis zu Gesprächen oder Unternehmungen.

Erst vor vier Monaten kam der große Sprung. Die Aggression hat nachgelassen, die Gedanken stören ihn nicht mehr, und Frederic träumt nur noch einmal in der Woche von bedrohlichen Ausländern. Nicht wie früher fünf- oder sechsmal.

Und Frederic hat sich geoutet. Sogar vor seinen Eltern. Die finden das nicht gut, haben sich aber damit abgefunden. Manchmal hofft Frederic selbst noch, dass die Homosexualität nur eine Phase ist. Er würde gerne eine Familie gründen, eine Frau heiraten, eigene Kinder großziehen. Eine heile Welt, ein Leben im Spießertum – alles so anders als damals, als er noch seine rechte Clique hatte. Versicherungskaufmann möchte er werden.

Seine neuen Freunde sind in einer Jugendgruppe für Homosexuelle. Sie gehen zusammen feiern, ins Kino und reden über ihre Probleme. Dennis hat den Kontakt zu der Gruppe hergestellt. Sein Plan ging auf: Frederic hat einen Ersatz für sein rechtes Umfeld gefunden.

Heute ist Frederic schockiert darüber, wie er Menschen damals gelenkt hat. Und wie sie reagiert haben. Dennis sagt, Frederics Entwicklung sei durchaus typisch: vom Angestifteten, durch seine Eltern und seine beiden Brüder, zum Anstifter. Kürzlich verspürte Frederic wieder Wut. Er holte sein Tagebuch und schrieb. Darüber, wie wütend er wurde, als er mit seinem Vater eine Reportage im Fernsehen sah, in der Albaner einen Deutschen verprügelten. Sein Vater sagte „Scheiß-Ausländer“ und ballte die Fäuste. Und Frederic? Der war zum ersten Mal nicht wütend auf die Albaner, er war wütend auf seinen Vater.

Erschienen am 27. April als Themenseite im Weser-Kurier, außerdem am 30. April in der Broschüre „Rechtsaussen – im Abseits“ im Weser-Kurier.

*Außer den Namen hat die Redaktion zum Schutz des Jugendlichen Details seiner Biografie verändert, ohne den Sinn zu entstellen.

Zurück

Miriam Keilbach


Geboren 1986, Studium „Medien und Kommunikation“ in Passau, volontierte beim Weser-Kurier und ist seit 2012 Lokalredakteurin bei der Frankfurter Rundschau.
Dokumente
Ausstieg im letzten Moment (PDF)

erschienen in:
Weser Kurier,
am 30.04.2011

 

Kommentare

Rico S., 24.09.2014, 23:01 Uhr:

Das Lied heißt "Auftrag Deutsches Reich" und ist von Stahlgewitter... gute Recherche!

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg