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Karin Steinberger „Ein Augenblick im August


Robby Zingle wird beim Fußball-Training von einem Blitz getroffen. Er ist 21 Jahre alt, als er im Sommer 2008 die Wucht eines Stromschlags von 20 000 Ampère am eigenen Körper erfährt.

Karin Steinberger verdichtet in ihrer Reportage die Erinnerungen von Robby Zingle und dem Torwart Kai Arras zu eindrucksvollen Bildern. Ihr Text kommt einem Ereignis, das wohl niemand nachfühlen kann, so nah, dass es schmerzt. Etwa in dem Bild vom zuckenden, tonlos schreienden Robby, der mit weit aufgerissen Augen auf dem Spielfeld liegt. Es geht Arras, der beim Gewitter mit auf dem Platz war, nicht mehr aus dem Kopf. Zingle selbst erlebt den Einschlag seit einem Jahr in Endlosschleife – immer wieder. Dabei ist sein Kurzzeitgedächtnis durch den Blitz ausgelöscht, genau wie seine Stimme. Robby kann nur noch flüstern. Kein Arzt weiß genau, warum.

Steinberger zitiert die einschlägigen Fakten, Meinungen und Beobachtungen zum Thema: Sie befragt Blitzexperten, Blitzstatistiken (Blitztote in Deutschland im Vergleich zu Florida), Ärzte und Vereinsmitglieder, die Zingle vom Fußball kennen. Daraus bastelt sie aber nicht einfach einen exzellent geschriebenen Text aus Zitaten und Fakten. Sondern ihre Reportage stellt den Leser vor ganz große Fragen: Gibt es das Schicksal? - Robby war schon immer ein Riesen-Pechvogel. Oder ist alles im Leben großer Zufall? - Vom Blitz getroffen zu werden ist so unwahrscheinlich wie ein Sechser im Lotto. Beherrschen wir die Natur? – Der Deutsche Wetterdienst kann Blitze genau orten, aber der Einschlag auf dem Fußballfeld kam ohne Vorwarnung. Wie geht man mit großem Verlust um? Und mit großer Schuld?- Der Trainer hätte die Jungs während des Gewitters vom Spielfeld holen sollen.

Steinbergers schnörkellos und spannend geschriebener Text weist über sich selbst hinaus. Eine große Reportage.

Silke Kehl


Und er dachte sich noch, verdammt, was ist das da oben, sieht aus wie ein schwarzer Punkt, eine schwarze Wolke, es hatte für ihn etwas Bedrohliches. So im Augenwinkel. Er wollte noch den Ball spielen. Aber dann ging das Feuerzeug schon an.

Klick. Bumm. Es war wie Silvester.

Robby Zingle lacht, Feuerzeug, er nennt ihn gerne so, seinen Blitz. Obwohl er gleich wusste, lustig wird das nicht. Allerdings wusste er noch nicht, dass dieser Klick eine Stromstärke von 20 000 Ampère entladen würde und an die drei Millionen Volt pro Meter. Er wusste nicht, dass sich Luft schlagartig auf 30 000 Grad erhitzen kann und dass der entsetzlich laute Knall gleich danach durch die explosionsartige Ausdehnung dieser heißen Luft entsteht. Er wusste nichts mehr in diesem Augenblick. Er sah den Blitz ins Flutlicht einschlagen, hörte den Donner. Dann flog er ein paar Meter, weg vom Tor, hinter die 16-Meter-Linie. Eine normale Sicherung fliegt bei 17 Ampère raus. Blackout.

Es war der 8. August 2008, kurz nach 19 Uhr. Es war der Tag, an dem Robby Zingle seine Stimme verlor. Und es war der Tag, der den SV-Eintracht Wald-Michelbach möglicherweise den Aufstieg gekostet hat. Möglicherweise.

Da lag der Junge. Und oben aus dem Vereinsheim starrte Peter Bihn hinunter durch den Regen aufs Spielfeld. Ihm waren bei diesem elendigen Knall alle Karten aus der Hand gefallen, und er sah unten die Mannschaft samt Trainer ins Vereinsheim rennen, die Treppe rauf, in blanker Panik. Und er sah drei Jungs liegen, den Torwart Kai Arras und einen Jugendspieler, wobei sich die zwei schon wieder aufrappelten. Nur einer blieb am Boden, der rechte Verteidiger, Robby Zingle, der, wie seine Mutter sagt, schon immer ein Pechvogel war. Wenn eine Straße ein Loch hat, dann fällt der Robby rein.

Und Peter Bihn, Hauptsponsor und Vereinsvorsitzender des SV-Eintracht Wald-Michelbach, dachte sich, ach du Scheiße, wir haben einen Toten.

Von wegen. „Ich habe jetzt ein ganz neues Leben“, sagt Robby Zingle. Ist nicht ganz klar, ob er das positiv meint oder negativ. Ein neues Leben. Und hier hat es angefangen. Er steht auf dem Fußballplatz in Wald-Michelbach und schaut rüber zum Flutlichtmast. Keine Ahnung, wie oft er das jetzt schon erzählt hat. Er weiß nur noch, dass sein Gesicht gebrizzelt hat, als er wieder aufgewacht ist, die Zähne waren wie taub, der ganze Junge war unter Strom. Und der Torwart Kai Arras, den der Schlag von hinten traf und der nicht weit von ihm entfernt auf dem Fußballfeld lag, hat immer noch den schreienden, zuckenden Robby im Kopf, Augen auf, in Schutzhaltung, wie ein Baby. Und wie er schrie – ohne Ton.

Kai Arras ist dann gleich hin zu Robby Zingle und hat ihn mit ein paar anderen Mitspielern durch den Regen vom Feld getragen in die Umkleidekabine. Selbstverständlich war das nicht. Viele glauben, dass durch einen, der vom Blitz getroffen wurde, immer noch Strom fließt, und fassen ihn nicht an. So ein Unsinn kann einen das Leben kosten. In der Hinsicht hat Robby Zingle Glück gehabt. Er lag dann in der Kabine und schrie ohne Ton und zuckte. Selbst die Ärzte seien in reiner Panik gewesen, sagen die Jungs. Hat ja keiner wirklich Erfahrungen mit Menschen, in die gerade der Blitz eingeschlagen hat. So etwas sieht man nicht oft. In Deutschland trifft es vielleicht 50 bis 150 Menschen im Jahr, davon sterben fünf bis zehn. Ist nicht mehr so wie im vorigen Jahrhundert, als es hier an die 300 Blitztote im Jahr gab, weil ja alle am freien Feld gearbeitet haben. Fünf Tote. Viel ist das nicht im Vergleich mit Florida, wo es zehnmal so viele Blitze gibt. Und Blitzopfer. Aber es beschäftigt die Leute, jetzt, wo ein Gewitter nach dem anderen daherkommt. Es blitzt und donnert ja nur noch. Letzte Woche war in Wald-Michelbach wieder ein Unwetter, wieder beim Training. Sie haben gar nicht lange geredet, sind einfach alle reingegangen und haben in der Halle weitertrainiert.

„Ich wusste sofort, oh, jetzt ist was passiert“, sagt Robby Zingle. 22 Jahre alt, blond und jung und durchtrainiert sieht er aus. Aber man hört ihn kaum. Seine Stimme ist wie Samt. Sie ist da und nicht da, sie ist ein Flüstern. Wenn er mit seinem besten Freund Steven Hansch in die Disco geht, fragen ihn die Mädels, ob er gefeiert hat gestern. Klar, sagt er dann. Er hat keinen Bock darauf zu sagen, mich hat der Blitz getroffen, 20 000 Ampère, Baby. Glaubt ja ohnehin keine, abends, in der Disco, beim dritten Bier. Vom Blitz getroffen, ja geht’s noch. Was ist denn das für eine Anmache.

Der Steven Hansch, manchmal weiß Robby Zingle gar nicht, was er ohne ihn machen würde. Steven ist sein Notizbuch, sein Gehirn, sein Erinnerungszettel, Steven sagt Robbys Mutter, wann er morgen beim Training sein muss. Er sagt ihm, dass sie gestern das Spiel gewonnen haben, nicht verloren, er erinnert ihn daran, dass sie heute in Affolterbach trainieren, nicht in Wald-Michelbach. Er erzählt ihm, was gestern Nacht passiert ist. Robby Zingle sieht ja nur den leeren Geldbeutel und denkt sich, aha, wir waren wohl weg. Der Blitz hat ihm die Stimme genommen und das Kurzzeitgedächtnis. Aber seinen Freund nicht, im Gegenteil. „Wir sind wie Kopf und Arsch“, sagt Steven Hansch. „Und was Sie auch noch schreiben müssen, für die Versicherung. Die sollen dem Robby so ein Mini-Notebook bezahlen. Diese Zettelpolitik ist Mist.“

Vom Blitz getroffen. Man hört von so etwas und denkt sich, das überlebt doch sowieso keiner. Aber wie es den Überlebenden damit geht, ist eine andere Sache. Die sollen froh sein, dass sie noch da sind, so sehen das die meisten, sagt Ingo Kleiter. Er ist Arzt in der Neurologischen Universitätsklinik in Regensburg. Er ist, was den Blitzschlag betrifft, einer der Experten in Deutschland. Er weiß, dass Blitze erratisch und kaum einzuschätzen sind. Und er weiß, dass so einer wie Robby Zingle genau in die Risikogruppe passt: jung, männlich, Outdoor-Sportler. Bergsteiger, Radler, Angler, Fußballspieler. Ein bisschen größenwahnsinnig, ein bisschen machistisch. Denken alle, sie haben die Natur im Griff. Bis die Natur mal zuschlägt.

Robby Zingle jedenfalls flüstert nur noch. Für einen Fußballspieler ist das nicht lustig. Wo sie doch alle rumschreien am Platz. Hierher! Spiel rüber! Hintermann! Er pfeift jetzt beim Spiel, wenn er den Ball haben will. Steven Hansch auch, aus Freundschaft. Alles ist anders, seit der Blitz in Robby Zingle gefahren ist, oder an ihm vorbei. Genau weiß es ja keiner. Nur eines ist klar, eingeschlagen hat der Blitz in den Flutlichtmast. Von dort ist er dann über den Drahtzaun zum Tor und durch den nassen Kunstrasen zu Robby Zingle. Am Flutlicht mussten zwei Birnen ausgetauscht werden, 2000 Euro Schaden, das war’s. Bei Robby Zingle ist mehr kaputt. „Ich habe die Scheiße angezogen. Es ist, als hätten sie bei mir alle Lichtschalter auf einmal ausgemacht. Ich hoffe, dass ich sie wieder einschalten kann“, sagt er, flüstert er.

Damals war Großalarm in Wald-Michelbach. „Außer Krieg gibt es nichts Größeres“, sagt der Vereinsvorsitzende Bihn. Ein paar Jungs haben noch Bilder im Handy, die Hubschrauber und die unzähligen Krankenwagen. 34 Leute waren auf dem Fußballfeld, acht kamen ins Krankenhaus, drei wurden mit dem Hubschrauber weggebracht, fünf mussten über Nacht im Krankenhaus bleiben. Zur Sicherheit. Nie davor und nie danach hat es in Wald-Michelbach, Kreis Bergstraße, einen solchen Knall getan. Gleich nach dem Knall kam die Kripo Darmstadt. Das ging sofort an die Staatsanwaltschaft. Es wurde gegen die Trainer ermittelt, weil es in ihrem Ermessen liegt, wann ein Training abzubrechen ist. Wieso waren die Spieler noch am Platz? Gab es vorher schon Blitze? Wenn es nach Ingo Kleiter geht, sollte der letzte Blitz eine halbe Stunde vorbei sein, bevor die Mannschaft wieder auf den Platz geht. Davor gilt die 30-30-Regel, wenn zwischen Blitz und Donner weniger als 30 Sekunden liegen. Kleiter weiß, das hält kein Trainer und kein Schiedsrichter dieser Welt ein.

Entlastet wurden die Wald-Michelbacher vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach, wo sie jeden Blitz orten, auf hundert Meter genau. Hier wird das Wetter weltweit eingespeist und ausgewertet und in Zahlenreihen aufgedröselt. Gewitter werden hier zu bunten Farbklecksen auf flimmernden Bildschirmen. Und der Gewitterexperte erzählt von Wolke-Wolke-Blitzen und Wolke-Erde-Blitzen, von Elektronenlawinen, Trockengewittern, Starkregenereignissen und Negativblitzen. In Offenbach ist Ronny Zingles Schicksal ein kleines Kreuz mitten im Nichts. Ein Kreuz um 19.04 Uhr. Sie können das auf ihrem NinJo-Präsentationssystem genau sehen, starker Regen und ein einziger Blitz, der ganz unglücklich an diesem Ort zu dieser Minute runtergegangen ist. Ohne Vorwarnung.

Die einen gewinnen im Lotto, in die anderen schlägt der Blitz ein. So ist das im Leben. Die Chancen auf einen Lottogewinn sind jedenfalls größer. Die Mutter wusste gleich, als sie die Bilder im Fernseher sah, den gelben ADAC-Hubschrauber, das Chaos, ein Junge schwer verletzt. Sie wusste, das ist meiner, der Pechvogel. „Ich dachte, der ist jetzt ein Stück verkohltes Fleisch. 20 000 Ampère durch meinen Jungen“, sagt sie.



Und Ingo Kleiter sagt, dass sie gerade eine Studie beendet haben, die sich mit den neurologischen Folgen von Blitzschlagverletzungen beschäftigt. Den Langzeitfolgen. Er hat schon viele Blitzopfer untersucht, er kennt die Eintrittswunden an ihren Köpfen und Schultern, die Verbrennungen, die Metallketten, die sich in ihre Brust eingebrannt haben. Er weiß, dass die größte Gefahr meist nicht die Hitze ist oder die Stromstärke, die das zentrale und periphere Nervensystem schädigt, sondern das Herz. Oft bekommen die Patienten Rhythmusstörungen. So ein Blitzschlag kann das Herz einfach lahmlegen. Und die Druckwelle, die kann Trommelfelle und Augen kaputtmachen. In seinem Computer hat Kleiter Fotos. Die Haut hat einen hohen Widerstandswert, in den Körper geht meist nicht viel Energie, oft schlängelt sie sich am Bauch und an den Füßen entlang zum Boden, hinterlässt Brandwunden und wundersame Blitzfiguren. Anders als bei Wechselstromverletzungen, da fließt die Energie oft minutenlang durch den Körper. Tödlich lang.

Aber die äußeren Wunden sind nicht das Problem. Es sind die chronischen, unspezifischen Beschwerden. Kleiters Patienten sind nach dem Blitzschlag oft total euphorisch, dann traurig und depressiv, sie haben Halluzinationen, Albträume, Schlafstörungen, Konzentrations- und Gedächtnisschwierigkeiten. Oft überkommt sie Monate später eine lähmende Angst. Sie entwickeln Gewitterphobien. Viele fallen aus dem Leben heraus. Und die Leute sagen, was hat er denn, er lebt doch.

Oh ja, Robby Zingle lebt. Und er kann wieder Fußball spielen. Das ist für ihn das Allerwichtigste. Er hat in einer Fernsehsendung einen Spieler gesehen, in den der Blitz gefahren ist und der sich jetzt nicht mehr bewegen kann. Rollstuhl. Robby Zingle glaubt, dem hat es die Muskeln weggebrannt. Er ist einfach nur froh, dass er selber noch laufen kann. Wäre es anders ausgegangen, hätte er gar nicht lange rumgemacht. Sagt er, und man muss sich weit zu ihm vorlehnen, um ihn zu hören. Dafür ist er ein bisschen aus der Zeit gefallen. Ein schwarzer Präsident in Amerika? Er schaut, lacht, schüttelt den Kopf. Weiß von nix. Weltwirtschaftskrise? Noch nie gehört. Ist sie schlimm? „Aber ich bin positiv. Ich fange meine Tage immer frisch an“, sagt er, dann muss er raus. Fußball spielen.

Und dann rennt er über diesen Platz, auf dem damals die Hubschrauber standen und die Notarztwagen und irgendwann auch die Neugierigen, aus Abtsteinach und Ober-Schönmattenwag, aus Unter-Mengelbach und wer weiß woher. Und dann kamen die Medien. Um 19.15 Uhr sei schon die erste Falschmeldung im Umlauf gewesen. Ein Toter am Fußballplatz. So viel Unsinn, wie in den Wochen nach dem Blitzeinschlag geschrieben und gesendet wurde. Peter Bihn schüttelt den Kopf. Manche Fernsehteams haben damals den Rasen gefilmt und die Bälle, schwarz gefärbt vom Einstreugranulat. So wie jetzt auch noch. Die dachten, das ist verbranntes Plastik. Er lacht, dann lacht er nicht mehr.

Er jedenfalls weiß jetzt, was zu tun ist, wenn kein Auto oder Haus in der Nähe ist, aber ein Gewitter. „In die Knie gehen, Füße zusammen. Und ned in die freie Fläche setzen.“ Das sollten sie mal den Kindern sagen. Was Schrittspannung ist, und warum man die Füße zusammenhalten soll. Sind ja immer noch so Sprüche im Umlauf. Vor den Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen. Kompletter Unsinn. Tödlicher Unsinn. Unter einem Baum ist es am gefährlichsten, egal welcher. Bihn weiß das jetzt. Seine Mannschaft auch. Und noch etwas weiß er. Hätten sie am Platz Echtrasen, dann wäre der Blitz noch besser geleitet worden, dann hätte es Tote gegeben. Das haben die vom TÜV gesagt.

Dann hat er keine Zeit mehr. Es ist Ortsmeisterschaft. Es spielt der SV-Eintracht Wald-Michelbach gegen den SG Wald-Michelbach. Sieg ist Ehrensache. Die Fanblocks stehen getrennt, ehemalige Spieler humpeln über die Tribüne und schütten Bier in ihre nicht mehr ganz so trainierten Körper. Peter Bihn sagt, sobald es donnert, nimmt er seine Mannschaft vom Platz. Nie wird er ihn vergessen, diesen Riesenknall. „Ich bin ja kein ängstlicher Mensch, aber die Akustik war schon gewaltig. Eigentlich liegt es im Ermessen des Schiedsrichters, wann das Spiel abzubrechen ist. Aber ein Blitz kann zehn Kilometer vor dem Gewitter einschlagen. Ich habe allen gesagt: Wenn’s gewittert, gehen wir runter, da lassen wir es auf die Gerichte ankommen.“ Und dann fällt ihm noch etwas ein. „In den sechs Monate nach dem Blitzeinschlag war hier kein Gewitter mehr, definitiv nix“, sagt Peter Bihn.

Robby Zingle sitzt auf der Ersatzbank. Der Junge spielt jetzt besser als davor, das sagen sie alle. Und davor war er schon sehr gut, er hätte sogar richtig groß werden können, hat ein paar Jahre bei Dynamo Dresden gespielt, aber ihm hat die Familie gefehlt. Deswegen ist er zurückgekommen. Aus Heimweh. Es regnet jetzt leicht. Peter Bihn schaut in den Himmel. Und unten auf der Ersatzbank sieht man Robby Zingles blondes Haar. Er schaut in den Himmel.

Menschen gewinnen im Lotto, wenn sie vom Blitz getroffen wurden. Das hat der Robby Zingle gehört. Er hat gespielt und nicht gewonnen. Menschen verändern sich, wenn sie vom Blitz getroffen werden. Das hat Torwart Kai Arras gehört. Das war seine große Angst, dass bei ihm nach dem Blitz Wesensveränderungen auftreten. Der Martin Luther soll am 2. Juli 1505 bei einem Blitzeinschlag in nächster Nähe in Todesangst geschworen haben, Mönch zu werden. War ja auch irgendwie folgenschwer.

Aber Kai Arras ist kein anderer geworden. Er ist nur schreckhafter jetzt. Und dann ist da diese Angst, der nächste Blitz trifft genau dich. Ein Gewitter genießen, das kann er auf jeden Fall nicht mehr. Der Torwart sitzt auf der Tribüne und schaut runter aufs Spielfeld. Er ist verletzt. Es steht 2:0 für die Eintracht. Es sieht gut aus. Dann schaut er zu Robby Zingle. Er hat diese Kraft auch gespürt, er hat diesen Knall gehört, wie ein Urknall, und dann diese Schmerzen im Hinterkopf und im Nacken, das Pfeifen in den Ohren, die Panik, das Herzrasen. Er kann verstehen, dass die Folgen von so einem Erlebnis lange dauern, dass man sie vielleicht sogar nie überwindet. Er schon.

Andere nicht. Die sagen, dass der Robby Zingle nur dann Kopfweh kriegt, wenn er nicht arbeiten will. Dass er vergisst, was er vergessen will. Na ja, er sei davor schon ein wilder Vogel gewesen. Robby Zingle lacht, wenn er so etwas hört. Vielleicht auch, weil er weiß, dass es gleich wieder weg ist. Es ist, als würden die Dinge aus seinem Kopf herausfallen. „Wenn ich was sehe, ist es länger drin. Wenn ich was nur höre, ist es direkt weg“, sagt er. Am Nachmittag saß er im Büro des Bürgermeisters von Wald-Michelbach. Joachim Kunkel hatte ihn aufgemuntert, er sagte, dass es irgendwann schon wieder kommen werde, das Kurzzeitgedächtnis. Robby Zingle saß da und lächelte und fragte. „Und was ist, wenn es so bleibt?“ Dass er beim Bürgermeister war, hat er gleich Steven Hansch erzählt. Aber was sie geredet haben? Dann haben die zwei Freunde gelacht, weil es halt so ist. Und es hat ja auch gute Seiten. Robby vergisst die schlechten Tage. Auch jeden Streit. Vor kurzem hat er sich mit einem Freund so richtig gestritten. Er wusste nichts mehr davon, als er ihn wieder traf. Gut so.

Dann wechselt ihn der Trainer ein. Robby Zingle ist vorne und hinten, er ist alles und nichts. Verteidiger, Stürmer. Weiß der Himmel, was passiert wäre, wenn das mit dem Fußball nicht mehr geklappt hätte nach dem Blitz. Die Mutter sagt, er war schon immer besessen von dem Spiel, wie der Opa. Familienkrankheit. Als er aus dem Krankenhaus kam, ist er zuallererst zum Platz gefahren. Der Stiefvater hat ihn dorthin gebracht. Damit er die Angst vor dem Ort abbaut. Aber es sah nicht gut aus am Anfang. Steven Hansch sagt: „Der Robby hat gespielt wie von einem anderen Stern.“ Wusste nicht mehr, wo hinten und vorne ist, wer Gegner ist, wer Mitspieler. Sie haben ihn dann erst einmal in die zweite Mannschaft gesteckt. Und gewartet.

Jetzt spielt er wieder in der 1. Mannschaft. Keiner sieht ihm an, dass er vor jedem Spiel die Mutter fragt, wie das Wetter werden wird. Dass er das Haus nicht verlässt, sobald es dunkel wird. Dass er einen Menschen bei sich braucht, sobald es donnert. Dass er nicht mehr schlafen kann in den Nächten, dass er nur daliegt und die Augen zumacht. Dass er T und D nicht mehr auseinanderhalten kann, und B und P, dass er schreibt wie einer, dem die Tasten im Kopf durcheinandergeraten sind. Dass er eine Zeitung liest, und wenn die Mutter fragt, was er gelesen hat, nichts mehr weiß. Dass er nur noch mit Navigationsgerät Auto fahren kann. Dass er erst wieder lernen musste, in eine Disco zu gehen, mit all dem Krach und den blitzenden Lichtern. Dass er ausrastet, wenn im Auto scharf gebremst wird. Dass er Herzrasen kriegt, wenn sie ihn in der Dusche mit kaltem Wasser erschrecken. Dann möchte er nur schreien, laut schreien. Und kann nicht.

Unten am Platz rennt Robby Zingle, als würde er um sein Leben rennen. Pfeift und rennt. Es regnet jetzt ein bisschen stärker. Er schaut in den Himmel. Immer wieder. Er ist seit dem Blitz ein anderer Mensch. So sieht er das jedenfalls. Er rede anders, denke anders. Nicht besser, nicht schlechter, aber anders. Früher habe er sich oft schnell aufgeregt, er war aggressiv. Heute sei er irgendwie freier. Die Industriekaufmannslehre, die er in der Firma von Peter Bihn begonnen hat, würde er zwar gerne beenden. Aber in dem Zustand? Die Mutter sagt, er kann jeden Tag Schreiben und Lesen üben, aber am Abend weiß er es schon nicht mehr. Er kann es nicht mehr abrufen. Wo soll man da also anfangen?

Auf seinen linken Oberarm hat er sich eine Tätowierung machen lassen. Eine große Rose und ein paar kleine Rosen mit Stämmen wie Blitze. Sein Blitztattoo. Dreimal in der Woche ist er beim Arzt. Sprachtherapie, neurologische Untersuchungen, gestern haben sie ihm einen Schlauch in die Nase gesteckt. Genau kann er sich nicht erinnern, als er es gleich danach der Mutter erzählt. Eine Diagnose hat er trotzdem noch nicht. Ein Jahr nach dem Blitzschlag. Wissen würde er es langsam schon gern, was denn jetzt los ist mit ihm, wo seine Stimme geblieben ist, wo sein Gedächtnis. Die Stimmbänder seien o.k., haben die Ärzte gesagt, er hat nicht einmal Halsschmerzen. Und immerhin, ganz am Anfang konnte er überhaupt nicht mehr reden, keinen Ton. Dem Zingle hat der Blitz die Stimmbänder verbrannt, so sehen das die meisten hier. Er ist schon froh, dass überhaupt wieder Töne rauskommen. Alles Kleinigkeiten, nicht lebensnotwendig, sagt er mit seiner Stimme aus Samt.

Der Stiefvater meint, in Robbys Hirn sei jetzt eine Einbahnstraße mit einem Schild, auf dem Umleitung steht. Man müsse nur das Schild da wegbekommen. „Klingt alles so einfach“, sagt die Mutter und schaut ihren Sohn an. Und der schaut sich seinen Film an. Diesen Film, den er seit dem 8. August 2008 immer und immer wieder sieht.

Er holt den Ball aus dem Tor. Damit fängt es an. Das ist der Film, der bei ihm im Hirn abläuft, jeden Tag, jede Stunde, jede Minute. Seit 365 Tagen. Immer dasselbe. Robby Zingle holt den Ball aus dem Tor und denkt sich noch, verdammt, da oben ist was.

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Karin Steinberger


Karin Steinberger wurde am 31. Dezember 1967 in Gräfelfing geboren. Sinologie- und Komparatistikstudium an der LMU, dann Wechsel auf die Deutsche Journalistenschule in München. Ab 1991 bei der Süddeutschen Zeitung, seit 2000 Redakteurin der Seite 3. Lebt in München.
Dokumente
Ein Augenblick im August (PDF)

erschienen in:
Süddeutsche Zeitung (SZ),
am 08.08.2009

 

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