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19.11.17

Marc Fischer „Die Sache mit Michael Stipe

Auszug aus dem Buch“Die Sache mit dem Ich. Reportagen” von Marc Fischer © 2012 by Verlag Kiepenheuer & Witsch, 14,99 €


Ich will Sie hier nicht mit Branchengeschwätz nerven, aber unter Mietreportern meines Typs kursiert seit Jahren eine Liste mit Prominenten, die sich kaum ein Mensch freiwillig zum Interview aussuchen würde – zu anstrengend, banal, aussichtslos. Von unten nach oben raufgezählt geht die Rangliste so: Platz 4 Hannelore Elsner (sagt nur Quatsch), 3. Gerhard Schröder (will nichts sagen und wird nichts sagen), 2. Erich Honecker (könnte was sagen, ist aber leider schon tot). Auf Platz 1: Michael Stipe, 43, Sänger der amerikanischen Poprockband R.E.M., Weltstar. Ihn zu befragen, behaupten viele Journalisten, bringt nicht viel. Seltsam, denn Stipe ist keineswegs ein uninteressanter Typ, ganz im Gegenteil: Seit über zwanzig Jahren im Geschäft, hat der dünne Mann mit dem rasierten Schädel einen Haufen Hits für seine Band geschrieben, darunter sehr schöne Lieder wie »Losing My Religion«, »The One I Love«, »Man On The Moon«, »Nightswimming«, »Everybody Hurts« und zuletzt »Imitation of Life«. Stipe ist schlau und gebildet, isst kein Fleisch und setzt sich für die Umwelt ein, hat was gegen Krieg und George W. Bush, er fotografiert und produziert nebenbei kleine Underground-Filme, die es sonst nie ins Kino schaffen würden – mit Leuten wie Spike Jonze, Sofia Coppola, Todd Solondz und ein paar Dutzend anderen Talenten. Ansonsten weder Liebesaffären, Drogengeschichten noch sonst ein Dreck. Kein Zweifel, Michael Stipe ist das, was man einen superfeinen, superkorrekten Kerl nennt.

Die Sache ist nur: All das, was Stipe immer hat sagen wollen, hat er schon gesagt, nicht nur mehrfach, sondern mehrmehrfach; und all das, was er nicht sagen will, wird er nicht mehr sagen, niemals, selbst wenn MTV, VIVA, die Bunte, BILD und Gala zusammenlegen, um von Stipe die einzige Frage beantwortet zu bekommen, über die noch Unsicherheit herrscht und über die seit Jahren diskutiert wird, in Intellektuellenkreisen wie im Boulevard:

Sind Sie schwul, Herr Stipe?

Ich habe also ein Problem an diesem Nachmittag, als ich mich zuerst mit der U-Bahn und dann zu Fuß (Taxi zahlt in diesen Tagen keine Sau mehr) in die Berliner Waldbühne aufmache, um Michael Stipe zu treffen. Ich würde ihm gern eine Frage stellen, die neu ist, eine Frage, die ihn interessiert und die mich interessiert, aber mir fällt keine ein. Eine halbe Stunde vor dem Interview mit einem internationalen Superstar ist das etwas, was einen jungen Mann nervös machen kann.

Während ich also Fuß vor Fuß über den feuchten Waldboden setze, auf dem ich mich zu Stipe vorarbeite, kreist in meinem Kopf daher nur die niemals beantwortete Tabufrage, die auch die einzige Frage zu sein scheint, die all die Menschen interessiert, die ich gebeten habe, mit mir über Stipe nachzudenken – meine Freunde, meine Eltern, meinen Steuerberater, meine Putzfrau. Sie alle lieben Stipe und wollen wissen:

Sind Sie schwul, Herr Stipe?

Es ist, ehrlich gesagt, keineswegs eine schlechte Frage: Man könnte sich anhand von ihr ganz vortrefflich darüber unterhalten, wie sehr die sexuelle Ausrichtung eines Menschen seinen Charakter formt/ändert/bestimmt; und würde Stipe sich outen, wäre das bestimmt ein weiterer Schritt vorwärts für die internationale Schwulenbewegung, ein Meilenstein, vergleichbar mit der weltweiten Einführung des Christopher Street Days oder Wowereits »Und das ist auch gut so«. Man könnte die Kindheit durchnehmen und den Ruhm, und stundenlang darüber debattieren, warum das Schwulsein immer nur dann okay zu sein scheint, wenn es mit Exzentrik und Startum zu tun hat, wenn es sich also über die sogenannte Masse erhebt.

Selbstverständlich wäre die Frage in ihrer Intimität eine Frech­ heit, aber Journalismus ist per Definition eine Frechheit, eine staatlich garantierte, sogar verlangte Frechheit und in diesen Zei­ ten angeblich so wichtig wie nie.

Ist es nicht sogar meine Pflicht, zu fragen:

Sind Sie schwul, Herr Stipe?

Darüber denke ich nach, als ich vor dem Catering-Bereich stehe, wo die Leute von R.E.M., Peter Buck, Bill Berry und eben Michael Stipe, vor ihrem Auftritt noch etwas zu essen bekommen, Schnitzel, Tofuburger und rohe Karotten. Kurz bevor ich zu Stipe in den Wohnwagen gerufen werde, beginnt es zu regnen. Ist das ein Zeichen für irgendwas?

Stipe-Schiebermütze auf dem kleinen Kopf, Fred-Perry-Polohemd und eine Art Postsacksakko am Körper, dazu Cordhose an den dünnen Beinen; überhaupt ist alles an ihm sehr dünn, schmal, feingliedrig – ist agil und schnell, als ich den Wagen betrete, zu agil und schnell für mich, denn bevor ich mich setzen kann, ist er in der Toilette verschwunden und wieder aus ihr zurück, und der Hosenschlitz ist noch gar nicht richtig zu, als Stipe schon ein Zigarillo in der Hand hat und nach Feuer fragt, das ich selbstverständlich dabeihabe. Fängt alles nicht schlecht an, finde ich und beschließe, die Frage zu stellen, und wenn es das Letzte ist, was ich tue.

»Gestatten: Michael«, sagt Michael Stipe sehr höflich, sehr freundlich, sehr angenehm. »Lassen Sie uns reden. Wo kommen Sie her, hier aus Berlin? Schöne Stadt, ich erinnere mich an einen Sommer vor vielen Jahren, als wir hier spielten, zusammen mit der damals noch unbekannten Band Radiohead, und weil es so heiß war, setzten der Sänger Thom Yorke und ich uns ins Gras, zogen unsere Hemden aus und redeten stundenlang in der Sonne ...«

Stipe und Yorke halbnackt, Jesus Christus! Er schlägt das Thema praktisch vor!

»Sie und Thom Yorke sollen sich ja sehr gut verstehen«, sage ich, aber Stipe hört nicht richtig zu, in ihm gehen andere Gedankengänge vor.

»Sind Sie ein R.E.M.-Fan?« Er sieht mich an, eindringlich – erahnt er meine Absicht? »Gibt es eine Platte, die Ihnen wirklich gut gefällt? Ein Lied? Lesen Sie Bücher?«

»Ich, ähm, mag das Lied ›Nightswimming‹ sehr«, versuche ich beim Motiv der Nacktheit zu bleiben, denn in dem Lied kommen Kleider nur ausgezogen vor.

»Das lieben viele Deutsche«, sagt Stipe. »Ich frage mich immer, warum eigentlich.«

»Es ist dunkel und romantisch und spielt im Wasser, das gefällt den Deutschen«, versuche ich.

Stipe nickt, ist schon wieder woanders. So schnell und wendig, wie er in einer Toilette verschwinden und wieder aus ihr herausschießen kann, springen seine Gedanken. Er redet von den Filmen, die er produziert, von Hollywood und dem Ruhm, der ihm die Schüchternheit genommen hat, von t.A.T.u., die er für ihren Plastikpop schätzt; er spricht davon, dass er in Bildern denkt und darum beim Songschreiben eher filmisch vorgeht und nicht erzählerisch, weshalb die meisten Hörer ihn immer fragen, wovon zum Teufel er eigentlich singe. Stipe sagt nette, gute, schlaue Sachen, er gibt sich Mühe, aber ich kann mich nicht konzentrieren, weil in meinem Kopf eine Stimme ist, die fortwährend schreit: JAJA, ALLES GANZ INTERESSANT, ABER SAGEN SIE MIR DOCH LIEBER: SIND SIE SCHWUL, HERR STIPE? Stipe sieht mich an, er merkt, dass ich abdrifte.

Ich hole gerade Luft, als Stipe seinen linken Fuß unter dem Tisch hervorzieht, hochhebt und sagt:

»Schauen Sie mal: Wie gefallen Ihnen die?«

»?«

»Die Schuhe! Wie finden Sie sie? Sie sind ganz neu, ich habe sie gerade in dem Berliner Schuhgeschäft Trippy’s gekauft, dem besten, das ich auf der Welt kenne.«

Die Schuhe sind cremeweiß und halbhoch, mit einer dicken Gummisohle. Sie sehen ein bisschen lustig aus, diese Schuhe, wie Entenfüße, allerdings eleganter.

Die Schuhe verwirren mich, lenken mich ab. Ich gratuliere Stipe zu seinen Schuhen und erwähne aus irgendeinem Grund den Musiker Paul Weller, weil der auch gern von seiner Schuhsammlung erzählt.

Stipe sagt: »Ich rede nicht über Paul Weller.«

Ich frage: »Was haben Sie gegen Paul Weller? Er trägt sehr schöne Schuhe, sicher auch keine schlechteren als die, die Sie mir gerade gezeigt haben.«

Stipe sagt: »Bitte! Quälen Sie mich nicht.«

Es bringt mich durcheinander, wie Stipe auf Paul Weller reagiert. Ist Paul Weller schwul? Ist Paul Weller nicht schwul und gerade das ist das Problem? Bin vielleicht ich schwul und weiß es nur nicht? Ja, sind wir am Ende alle schwul? Dieses Schwulsein, es macht mich irre. Ich schwitze, schwitze, schwitze. FRAG IHN!, schreit die Stimme, FRAG IHN, DAMIT DER FLUCH VORBEI IST!

Gut, Stimme, denke ich. Jetzt: »Herr Stipe, es mag eine Frechheit sein, Ihnen diese Frage zu stellen, aber die Welt will es wissen, und ich bin nichts weiter als ein Vertreter dieser Welt, also sagen Sie mir bitte: Sind Sie...«

Die Tür geht auf, ein Mann kommt herein, er sagt: »Michael, du musst los, die anderen warten schon.«

Stipe sagt: »Sorry, die Zeit ist um.« Der Mann schiebt mich aus dem Wohnwagen in den Regen und schließt die Tür.

Sind Sie schwul?, frage ich die Tür.

Ja, sagt die Tür, aber sie sagt auch: Wen interessiert schon, was eine Tür zu solchen Dingen sagt?

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Marc Fischer


Marc Fischer, geboren 1970, lebte als freier Journalist und Schriftsteller in Hamburg. Er schrieb unter anderem für den Spiegel, Stern, Die Zeit und das jetzt-Magazin. Im April 2011 starb er in Berlin.
Website des Autors
Dokumente
Die Sache mit Michael Stipe (PDF)
Vorwort zum Buch

erschienen in:
Kiepenheuer & Witsch,
am 12.03.2012

 

Kommentare

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