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Cordt Schnibben „Die Sache mit Marc


Das Vorwort aus “Die Sache mit dem Ich. Reportagen” von Marc Fischer, erschienen am 12. März 2012 bei Kiepenheuer & Witsch, Preis: 14,99 Euro.



Als ich 13 Jahre war, starb meine Mutter. Mein Vater erzählte uns Kindern, sie sei an Herzversagen gestorben, das war gelogen, sie starb an einem Asthma-Anfall. Ich weiß nicht mehr, ob sie Asthma hatte, weil sie so viel rauchte, oder ob sie so viel rauchte, weil sie Asthma hatte.

Ihre Beerdigung war für mich das Schlimmste an ihrem Tod. Wir fuhren in unserem Mercedes die lange Friedhofsallee hinunter, rechts und links strebten Trauergäste der Kapelle entgegen, wir durften fahren, sie drehten sich um, wenn wir an ihnen vorbeifuhren, und schauten ins Wageninnere. Ich weinte nicht, ich fühlte mich beobachtet, diese Leute schauten auf mich, als wollten sie prüfen, ob ich auch genügend trauere.

Meine Schwester schaute mich genauso an, schon seitdem ich am Todestag Fußball spielen gegangen war. Der Trauerredner, es war kein Pastor, raunte mir am Grab ins Ohr, bald seid ihr wieder zusammen. Ich verstand ihn nicht, ich weinte nicht.

Beerdigungen habe ich seither vermieden, ich weine auf jeder.

Auch bei Marcs Trauerfeier wusste ich nicht, ob ich um ihn weine oder um meine Mutter. Aber mir ist ein Satz des Pastors in Erinnerung geblieben: Männer, die Mitte vierzig sind, begehen Selbstmord indem sie entweder ihr bisheriges Leben umbringen oder gleich sich selbst.

Mitte vierzig brachte ich mein Leben um, dieses Leben, das sich von einer Story zur nächsten rettete. Jede Story war eine Krücke, die half, den nächsten Tag, die nächste Woche zu erreichen. Wenn die Story nicht funktionierte, wenn sie sich widersetzte, stand ich im 3. Stock auf meinem Balkon und sprang hinunter, setzte mich danach neugeboren, mit leerem Kopf wieder an den Schreibtisch. In manchen Nächten sprang ich zehn, elf Mal. Mit jeder Geschichte versuchte ich mir näher zu kommen, ich glaube, jeder besessene Reporter versucht das: Im Leben der Menschen, über die man schreibt, Weisheit zu finden, Menschlichkeit, Erkenntnis, Glück, Abenteuer, Trost. Marc suchte manisch, mehr in sich, als außer sich. Vielleicht war das sein Problem. Er fand in sich gute Storys, aber er fand sich nicht.

Marc hat eine Sammlung von Reportagen hinterlassen, in denen er auf der Suche nach sich selbst ist, alles Ich-Reportagen, die davon leben, dass sie um ihn kreisen. „Die Sache mit dem Ich“ ist eine schwierige Sache. „Ich-Reportage“ ist schon mal Blödsinn. Jede Reportage – wenn sie eine ist – ist ein Ich-Reportage, sie ist ein bisschen Wirklichkeit, gespiegelt durch ein Temperament.

Genau genommen, gibt es die Ich-ich-Reportage, da geht es um den Reporter, der über sich schreibt, beim Stierkampf, im Pool, beim Saufen.

Dann gibt es die Ich-du-Reportage, in der schreibt der Reporter über den Stierkämpfer, das Bikini-Mädchen, den Barkeeper. Und dann noch die Ich-man-Reportage, da geht es um den Stierkampf, das Baden, den Alkoholismus.

Wenn man einen Text über Marc Fischer beginnt mit dem Tod der eigenen Mutter, dann kann man daran zeigen, wie gut das „Ich“ funktioniert. Der Reporter erzählt von sich und nicht nur über andere, der Leser ist gerührt, beeindruckt, verwirrt, angeekelt.

Sich selbst zu ergründen und sich dabei zum Helden seiner Storys zu machen, war Marcs Art zu leben und zu schreiben, viele Texte in diesem Buch sind sogar Ich-ich-ich-Reportagen. Bestimmt hätte er gern darüber geschrieben, wie es ist zu sterben.

Sich selbst zu entdecken und dabei die Geschichten anderer Helden zu erzählen, auch das konnte er: der Kubaner, der einen Straßenkreuzer wasserdicht schweißt und damit nach Florida fährt; der Deutsche, der mit Haien spielt, bis sie ihn beißen; der Mann, der nie schwitzte; der Mann, der Ernest Hemingway war; der Arsch, der Jennifer Lopez gehört.

Die Sache mit dem Ich hat spätestens seit Tom Wolfe und Hunter S. Thompson den Streit unter Reportern darüber begründet, ob die Ich-ich-Reportage die einzig wahre oder nur die besonders narzisstische Reportage ist. Mir als Leser ist das ziemlich egal, ich will eine gute Story, und Marc als Reporter hat mich nie gelangweilt. Er konnte sich inszenieren, ausschmücken und ausziehen, er konnte sich aber auch – wenn es wichtig war – in einer Reportage unsichtbar machen, ohne sich herauszuhalten.

Ich war ein Dutzend Mal sein Commandante, so nannte er mich, weil uns Kuba verband; wenn man ihn anrief, um mit ihm eine Reportage zu besprechen, war nach fünf Sätzen klar, dass er sie mochte. Er hat nie einen Auftrag abgelehnt, selbst nicht, als ich ihn Weihnachten 2004 nach Somalia und Kenia schickte, um die letzten Zuckungen des Tsunami zu beschreiben, die sich über dem indonesischen Sundagraben gebildet und zehn Stunden später an Kenias Ostküste den letzten Toten holte, einen 18-jährigen Jungen, der zum ersten Mal am Meer war.

Mietreporter nennt sich Marc im Buch, das war er, und in dem Wort steckt der Vorwurf, der auf seiner Beerdigung immer wieder durch meinen Kopf zog. Haben wir, seine Auftraggeber im SPIEGEL, Stern, Tempo, BamS, Playboy, Vanity Fair und sonstwo, versäumt, ihm mehr zu geben als einen Auftrag, ein paar Druckseiten und immer zu wenig Geld? Ist wohl so.

Was einen guten Reporter ausmacht? Er ist, erstens, da, wo noch keiner war. Er erzählt, zweitens, eine Geschichte, die wirklich eine ist. Er erzählt sie, drittens, so, wie nur er sie erzählen kann. Und er schafft es, viertens, das, was er gesehen und gedacht hat, so zu erzählen, dass Beobachtungen zu Gedanken gefrieren, die mich verfolgen. Jede Marc Fischer-Reportage ist so, und sie ist so, dass ich sie erkennen würde, wenn sie mir ohne Autorenzeile in die Hände fiele.

Im letzten Text dieses Buches lässt Marc tief blicken in die Fischerwelt, es ist eine Safari durch seine Seele, ein letzter Blick in einen – wie ich entdecke – unbekannten Menschen, der mich – und viele andere – erst nach seinem Tod an sich heran lässt.

Es ist eine schöne Idee, sich seine eigene Seele als Kontinent vorzustellen, in dem Ernest Hemingway Stammgast ist in einer Hütte an der Küste, in dem Leonard Cohen lebt, auch Jean Seberg, Christy Turlington und Rita Hayworth herumliegen. Zwischen diesen Toten – auf seinem Kontinent, in seinem Kopf – spazierte Marc herum, redete und war glücklicher mit ihnen, als mit den Lebenden um ihn herum. Es riecht nach Zimt in diesem Egoland, und es sei ihm, so schreibt Marc, immer schwergefallen, von seiner Innenwelt in die Außenwelt zurückzukehren, mit traurigem Gesicht und so leerem Blick, dass seine Freunde ihn anstarrten, als sei er in seinem Kopf nicht mehr zu Hause.

Wenn man Marcs Buch liest, wird man neidisch auf sein Leben. Es fliegt glitzernd und glamourös vorbei, allein der so leicht beschriebene Nachmittag mit Kate Moss in einem Pariser Hotel hat gereicht, um mir die Frage zu stellen, ob ich vielleicht im falschen Leben zu Hause bin.

Am ersten freien Wochenende seit Monaten lese ich sein Buch, vorher wochenlang damit beschäftigt, tief in die Finanzwelt einzudringen, nun mit der Frage konfrontiert, ob Kate Moss nicht vielleicht besser zu mir passen würde als der Chef der Bundesfinanzdienstleistungsaufsicht.

Ich fange an, mein Kontinent zu entwerfen, nachzudenken darüber, wen ich einreisen lassen würde, ob meine Mutter dort was zu suchen hätte. Ich weine ein wenig, diesmal mehr um Marc als um meine Mutter, ein so feiner Reporter, ein so talentierter Mensch. Er ist tot, ich lebe, mal sehen, was ich daraus mache.

Cordt Schnibben

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Cordt Schnibben


Cordt Schnibben, geboren 1952 in Bremen, ist Reporter beim Spiegel und Mitbegründer des Reporter-Forums.
Dokumente
Leseprobe: Die Sache mit Michael Stipe

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 22.03.2011

 

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