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Roland Schulz „Die komische Karriere der Mumien von Koke


Eine kuriose Geschichte ist das: Über einen Stamm auf Papua-Neuguinea, der gegen Geld seine Mumien zur Schau stellt. Über eine Fotografin, die dennoch Ursprünglichkeit wittert und dem Stamm helfen möchte, seine Kultur zu bewahren. Über ein Filmteam, das diesen Versuch zur Farce werden lässt. Über einen Reporter, der dieses Knäuel für den Leser entwirrt und sich am Ende selbst ein bisschen darin verstrickt.

Vor allem aber ist es eine Geschichte über ein journalistisches Tabu: Darf man für eine Geschichte zahlen? Sollte man es manchmal vielleicht? Und falls ja: Wo liegt die Grenze – bei 100 oder bei 140 000 Euro?

Der Text gibt darauf keine eindeutige Antwort, und das ist seine Stärke. „Die komische Karriere der Mumien von Koke“, erschienen in Geo, dokumentiert ganz einfach die Entscheidungen der verschiedenen Protagonisten - und ihre Folgen. Wegen der lakonischen Sprache ist das manchmal tatsächlich komisch, manchmal verstörend. Und es lässt es einen sehr nachdenklich zurück.

Kristina Maroldt


Aufregend, im 21. Jahrhundert von einem Volk zu erfahren, das seine Verblichenen geräuchert und gedörrt über den Hütten hocken hat. Da ist ja diese alte Sehnsucht der Moderne, etwas noch möge von »der Zivilisation« ganz unberührt sein, geheimnisvoll exotisch. Und wenn es dann berührt wird, zum Beispiel von Journalisten? Das Volk der Anga ist ein bisschen durcheinander, was den Wert seines Mumienschatzes betrifft. Tradition? Geschäft? Beides?


Am Feuer sitzen Vater und Sohn, die Familie ist Schutz in diesen Zeiten der Feindschaft.

Sie kamen mit Knüppeln, sagt der Sohn.

Der Vater schweigt.

Sie verwüsteten das Kaffeefeld, sagt der Sohn, der Awateng heißt.

Dann zerschlugen sie das Wellblech für mein neues Haus.

Der Vater kauert am Feuer, seine Hände zittern. Sein Name ist Gemtasu.

Sie drohten, meine Kinder zu töten, sagt Awateng. Sein Gesicht zeigt keine Regung. Er ist ein Mann, der Kontrolle schätzt, auch über sich selbst. Ich musste sie von der Schule nehmen, sie waren dort nicht mehr sicher.

Der Vater setzt sich auf, ein gebeugter, von Malariaschüben geschüttelter Mann. Seine Stimme ist kaum zu hören. Das ganze Dorf streitet, sagt Gemtasu, der Vater. Es zerreißt uns. Er verstummt.

Sein Sohn antwortet mit Schweigen. Im Licht der Flammen leuchten ihre Augen. Es ist Abend im Tal von Aseki. Dämmerung liegt über dem Dorf Koke.

Das Hochland der Provinz Morobe in Papua-Neuguinea ist raues Gelände. Die Berge geben nur wenigen engen Tälern Raum. Regenwald bemäntelt das Schroffe der Berge. Hier liegt im südöstlichen Winkel des Tals von Aseki, wo es sich in Wildnis verliert, eine letzte Siedlung. Das Dorf Koke. Ein paar Dutzend Palmhütten, die sich an den Fuß eines Felsabhangs ducken. Ein schmaler Flusslauf.

Dschungel. Und Mumien: Hoch über Koke am Fels hockt eine Reihe geduckter Gestalten, in Gestelle aus Ästen gekrümmt, die mit Ocker bestrichenen Schädel verwittert. Sie sind der Auslöser für eine schicksalhafte Verwicklung, an deren Beginn alle Beteiligten nur das Beste wollten - und an deren Ende Zwietracht bleibt.

Willst du sie sehen?, fragt der Vater.

Kostet 20 Kina, sagt der Sohn. Für 1 Kina lassen sich im Hochland zwei Zigaretten kaufen oder vier SMS ins neuerdings bis in die Berge reichende Mobilfunknetz senden.

Ein Kilo Reis kostet 5 Kina.

Wir bieten dir einen guten Preis, sagt Gemtasu, der Vater.

Für Geschichten und Fotos musst

du aber extra zahlen, sagt Awateng, der Sohn.

Drei Möglichkeiten gibt es, ins Tal von Aseki zu gelangen.

Wer Geld und Kontakte genug hat, fliegt ein; Flugfeld Aseki, da genügt ein Buschflugzeug. Wer sich solchen Luxus nicht leisten kann, benötigt einen Jeep, eine Spitzhacke und ein bis zwei Tage, wenn die Lehmpisten zu Beginn der Regenzeit von Schlamm verschluckt werden. Wer Wagemut besitzt und genügend Zeit, wartet an einem der Schotterwege ins Hochland; es wird schon jemand kommen, er wird schon noch ein Plätzchen frei haben.

Auf diese Art erreichte im Jahr 2003 die deutsche Fotografin Ulla Lohmann, von der auch die Bilder zu dieser Reportage stammen, das erste Mal das Dorf Koke. Sie war auf der Suche nach geräucherten Leichen.

Ulla Lohmann, die damals in Australien Foto-Journalismus studierte, war in einem Reiseführer über Papua-Neuguinea auf eine Passage über Mumien gestoßen:

Das Volk der Anga konservierte die Leichname seiner Toten durch Räuchern, las sie. Sie hat das Gefühl:

Quelle: GEO

© Gruner + Jahr AG & Co. KG

Da steckt mehr dahinter.

Bei flüchtigem Blick eine zierliche Frau, besitzt Ulla Lohmann die zähe Statur ehrgeiziger Taucher oder Kletterer. Lohmann betreibt beides. Bislang hatte sie vor allem Vulkane fotografiert. Sie stößt dazu in die Krater vor, waghalsige Unternehmungen, von denen sie mit finsteren Bildern blutroter Magma zurückkehrt. Lohmann erzählt gern, man könne sie ruhig Fotografin nennen, ihre Freunde aber riefen sie Crazy Girl, verrücktes Mädchen.

Als Ulla Lohmann 15 Jahre alt war, beging ihr Vater Selbstmord, indem er von einer Brücke sprang.

Es ist diese Erfahrung, die sie den alten Reiseführer wieder und wieder lesen lässt: Das Volk der Anga konservierte seine Toten durch Räuchern. Noch heute könnten die Mumien gefunden werden. Bester Ort zum Suchen: das Tal von Aseki.

Am Feuer sitzen Vater und Sohn.

Es gibt Regeln, sagt der Vater: Zu den Mumien darfst du mit niemandem gehen außer mit uns.

Hör nicht auf die anderen, sagt der Sohn. Sie sind Lügner, Betrüger und Diebe.

Ich allein, der Vater, Gemtasu, Sohn des Moimango, bin der Besitzer der Mumien von Koke.

Nur ich, Awateng, Sohn des Gemtasu, bin von Vater berechtigt, dein Geld einzunehmen.

Als Ulla Lohmann in Koke ankommt, erlebt sie eine Enttäuschung.

Wo sie, im letzten Dorf vor der Wildnis, noch vom Fortschritt verschonte Urwüchsigkeit erwartet

hatte, geht das Volk der Anga in Altkleidern.

Auch die geräucherten Leichen sind kein Geheimnis, das es zu entdecken gilt, sondern ein Geschäft:

Als die Fotografin nach den Mumien fragt, fordern die Anga Geld. Lohmann will keines zahlen.

Sie zieht sich nach Aseki zu- rück, die drei Wegstunden entfernte Hauptsiedlung des Tals. Am nächsten Tag ist sie wieder da. Sie hat Gastgeschenke dabei, Dosenfisch, Zigaretten, Reis.

Sie lernt schnell, wer in Sachen Mumien das Sagen hat: Vater und Sohn einer Sippe, die direkt am Felsabhang von Koke lebt. Gemtasu und Awateng.

Awateng zeigt sich als zuvorkommender Anführer, ein stattlicher Mann mit schwarzem Bart, der als Erster seines Dorfes ein Highschool-Diplom ablegte.

Und seitdem, wie als Zeichen seiner Weltgewandtheit, einen Ehering trägt. Er spricht Englisch und scheint zu verstehen, was Lohmann zu tun wünscht: die Mumien als Beispiel der alten Kultur der Anga fotografisch zu dokumentieren, nur mit Einwilligung natürlich. Awateng fordert abermals Geld. Lohmann lehnt abermals ab. Am nächsten Tag ist sie wieder da. So schnell gibt sie nicht auf. An diesem dritten Tag führt man Lohmann in den Regenwald.

Der Anstieg ist steil und glitschig, überall wuchert Unterholz, doch dann schwindet das Dickicht, der erste Blick brennt sich in Lohmanns Erinnerung:

Totenschädel, Totenschädel,

Totenschädel. In fieberhafter Anspannung macht sie erste Fotos.

Ulla Lohmann forscht Awateng über die Mumien aus. Sie erfährt, dass seit Jahrzehnten niemand mehr mumifiziert worden ist. Warum? Awateng behauptet, schuld seien die Missionare. Vor über 50 Jahren hätten die ersten, die ins Tal von Aseki kamen, den Anga verboten, ihre Toten als Mumien zu bestatten. Aber der letzte Anga, der noch nach Art der Ahnen geräuchert worden sei, hocke hier, hoch über dem Dorf:

Moimango, die Mumie in der Mitte. Voll Stolz verrät Awateng, Moimango sei sein Großvater, und sein Vater Gemtasu habe ihn persönlich mumifiziert. Aus den Gesprächen, die Ulla Lohmann in den folgenden Tagen mit Gemtasu führt, hört sie den Wunsch heraus, auch der alte Mann träume davon, dereinst nach Art der Ahnen bestattet zu werden.

Nach einer Woche reist die Fotografin ab. Sie ist glücklich. Sie fühlt sich im Dorf akzeptiert, hat gute Fotos, versteht sich mit Awateng.

Ulla Lohmann beschließt, die Geschichte weiter zu verfolgen.

Ein Häuptling, der Mumie werden will! Da steckt doch mehr dahinter. Und sollte man nicht irgendetwas tun, damit die vorhandenen Mumien nicht verfallen?

Gemtasu hustet, sein Körper schüttelt sich, die Malaria, der Rauch, die Kälte. Seine Arme sind sehnig, sein Bart ist ergraut. Fragend blickt er zu seinem Sohn.

Die Mumien, Vater.

Der alte Mann richtet sich auf, fährt mit den Händen über seine Arme, Schenkel, die Brust. So sollen sie mir, wenn ich tot bin, den Leichensaft abstreifen. Sie sollen mir die Haut abschaben, bis sie weiß ist wie euer Papier, und in den Rauch des Feuers sollen sie mich hängen. Der Ort, an dem dies geschehen soll, heißt Amapiya Anga, Totenmanns Haus. Baut es auf, wenn ich sterbe. Zerbrecht zum Zeichen eurer Trauer Pfeile, dann bringt den Leichnam. Streif meinen Saft ab, Sohn, und dir auf die eigene Haut. Nimm Ocker dazu.

Niemand darf sich waschen.

Wenn mein Leichnam schwarz ist und trocken, bin ich bereit.

Dies erzähle ich nur gegen Geld.

Wird er zahlen?, fragt Gemtasu, der Vater.

Er wird zahlen, sagt der Sohn.

Der Missionar, der einst der erste war im Tal von Aseki, wohnt heute in Ansbach im Norden Bayerns. Sein Name ist Walter Eidam. Er öffnet die Tür mit Gottesgruß, ein alter Pastor mit kahlem Kopf, der das Wetter in den Gliedern spürt. Er ist ein in sich ruhender Mann, der noch heute, nach 16 Jahren des Ruhestands, seine Worte mit der schlichten Kraft des guten Predigers wählt. Er bittet in seine Stube.

Ich denke oft an Aseki, sagt er.

Walter Eidam hat einen Ordner herausgelegt, seine Aufzeichnungen, Kirchenbezirk Aseki. In Gedanken blättert er durch die handgezeichneten Karten, Bibelworte, Tagebuchauszüge. Ist lange her. Erinnere mich aber genau.

Es ist der 24. März 1958. Walter Eidam sammelt 100 Mann, allesamt

getaufte Christen, nahe der Goldgräbersiedlung Bulolo, um im Namen Gottes hinauf in das Land der Anga zu ziehen. Es ist Eidams 26. Geburtstag. Er trägt einen Revolver, Auflage der australischen Regierung, die Papua- Neuguinea damals im Auftrag der Vereinten Nationen verwaltet und das Tal von Aseki als noch nicht befriedet betrachtet.

Die Anga sind gefürchtet in der Abgeschiedenheit des Hochlands, das damals noch der Steinzeit näher ist als der modernen Welt.

Sie sind Krieger, deren Beutezüge selbst verwandte Sippen nicht verschonen. Sie gelten als so kriegslüstern, dass die anderen Volksstämme die Anga nur Kukukuku nennen, die Mannmänner, eine zwischen Abscheu und Ehrfurcht anzusiedelnde Beleidigung.

Inmitten ihres Landes, im Tal von Aseki, soll Walter Eidam eine Missionsstation errichten.

Eidam stammt aus Mittelfranken.

Diese evangelische Bastion im katholischen Bayern ist Sitz der Neuendettelsauer Mission, schon seit 1886 in Neuguinea tätig. Eidam ist sich sicher, gegen alle Widerstände gewappnet zu sein.

Als er in Aseki eintrifft, findet Eidam eine Gesellschaft vor, die ihm vom Aberglauben besessen erscheint. Allerorten Zauberei, jeder Tod erklärt mit Magie. Eines Tages erlebt er, wie auf einer Lichtung Männer Schwirrhölzer über ihren Köpfen schwingen; er erfährt: Dies ist das Geräusch böser Geister, die Frauen fressen. Er notiert: Heidenangst.

Man macht sich an die

Missionsarbeit. 100 Mann, alles Christen, besorgen den Ausbau Asekis. Ein Flugfeld wird gerodet. Eine Kirche errichtet. 100 Mann rücken ab, Walter Eidam bleibt zurück.

Schnell stößt der Missionar auf Totenhaine. Im Dschungel entdeckt er, von Männern der Anga geführt, in etlichen Wipfeln grobe, aus Ästen gefügte Gestelle, in denen Leichname sitzen.

Noch im Jahr seiner Ankunft laden ihn Anga aus dem nahen Weiler Oiwa ein, einer Räucherung beizuwohnen.

Als der Missionar in Oiwa eintrifft, hängt der Tote bereits im Rauch des Herdfeuers.

Das Taschentuch, das Eidam mit Kölnisch Wasser tränkt, lindert den Geruch kaum. Eidam macht kein Hehl daraus, dass er verabscheut, was er sieht. Aber verbieten? Der Missionar schafft es nicht einmal, den Anga ihre Kämpfe zu verbieten.

Regelmäßig treffen sich Krieger vor seiner Mis sionsstation zum Kampf; erst wenn Eidam mit seinem Gewehr gen Himmel feuert, lassen sie von einander ab, um abseits der Aufmerksamkeit des Missionars weiterzukämpfen. Eidam erklärt dieses Verhalten mit dem Aberglauben der Anga: Geister, Todeszauber und feindliche Magie lassen die Menschen in ständiger Furcht leben. Sippschaft und Familie sind alles in dieser Welt der Angst. Schon aus kleinem Grund brechen Kriege aus, Dorf gegen Dorf, Sippe gegen Sippe.

Aber das zweite Weihnachten in der Wildnis, 1959, feiert der Missionar bereits mit 51 getauften Seelen. Ein Jahr später zählt seine Gemeinde 190 Christen. Im November 1961 dann steht in Aseki unter freiem Himmel ein Altar.

Lebensbeichte, Glaubensbekenntnis, Taufspruch, 272 Heiden werden Christen.

Beamte Australiens bestimmen Aseki 1962 zum Standort einer Regierungsstation. Zaghaft zieht der Staat mit seinen Gewalten ein, ein einzelner Konstabler, ein ganzes Tal. Im Tal von Aseki zwingen nun Gesetze die Sippen zum Frieden. Eine neue Zeit. Das Räuchern von Leichen wird amtlicherseits untersagt.

Der Missionar Walter Eidam sieht die Anga nun Särge an ihre Totenstätten setzen. Es gibt nun Kirche, Kaufladen, Schulgebäude, eine Klinik, eine Werkstatt. Es ging alles so schnell. Als der Missionar 1963 Aseki verlässt, schätzt er die Zahl der Getauften auf 1000.

Das Tal gilt als befriedet.

Walter Eidam sitzt in seiner Stube, seinen Ordner vor sich. Ich bin nie wieder nach Aseki zurückgekehrt, sagt er. Die neuesten Nachrichten aus dem Tal erschrecken den alten Missionar. Kämpfe mit Knüppeln.

Todesdrohungen wegen der Mumien. Was um Gottes willen ist geschehen?

Vater und Sohn holen Tabak hervor. Sie rauchen.

Die Mumien sind mein, sagt Gemtasu, der Vater.

Mein Vater war der Erste, der Fremden wie dir die Mumien zeigte, sagt Awateng, der Sohn.

Wann war das? Vater und Sohn reden Anga. Es ist

eine melodische Sprache, in die der Fortschritt englische Worte gesät hat, smoked body, die Mumie, story, die Erzählung.

Awateng antwortet: In den Jahren nach Ankunft der Missionare.

Gemtasu erzählt: Männer in Jeeps kamen. Sie suchten unsere Ahnen, ich führte sie hinauf, wo Moimango und die übrigen Mumien sitzen. Sie gaben mir Seife und Streichhölzer. Später kamen andere Fremde. Gemtasu führt die Fäuste vors Gesicht, formt eine Röhre, mimt Fotografen. Vater und Sohn lachen. Gemtasu erbat und bekam damals, zum ersten Mal, Geld.

Einmal, der Erinnerung Awatengs nach war es das Jahr 1984, erreichte eine Gruppe Weißer das Dorf und wollte Mumien sehen.

Awateng, just von der Highschool abgegangen, verlangt im Namen des Vaters 20 Kina pro Kopf. Der Erlös ist so groß, dass der Neid benachbarter Sippen kaum im Zaum gehalten werden kann. Vater und Sohn kaufen vier Kühe, um eine Viehzucht zu beginnen.

Kein Anga im Tal hatte bislang so etwas gewagt. Als eine der Kühe stirbt, schlachtet man alle. Das Festessen ist groß genug, den Frieden im Dorf wiederherzustellen. Danach dauert es Jahre, bis wieder Weiße nach Mumien verlangen.

Sie machen Fotos und verschwinden. Ein oder zwei Trockenzeiten später die nächsten. Fotos, weg. Koke lernt mit den Touristen umzugehen, die wie Platzregen über das Dorf hereinbrechen, plötzlich, heftig, und schon ist alles vorbei. Ab und an kommen Weiße.

Ab und an gibt es Geld.

Dann kam Ulla, sagt der Vater. Ulla war anders, sagt der Sohn.

Beseelt von Begeisterung, macht die Fotografin Ulla Lohmann die Mumien von Koke zu ihrer Mission. Im September 2004 reist sie nach Turin.

Dort, auf dem V. Weltkongress für Mumienforschung, hofft sie, Hilfe für die Konservierung der Leichname von Koke zu finden.

Sie lernt Ronald G. Beckett kennen, Professor einer Privatuniversität aus Connecticut, USA. Beckett, eigentlich Atemtherapeut, ist ein Mumienfan, der seine Leidenschaft zu adeln versucht, indem er sie mit allen Mitteln der Wissenschaft auslebt: Kaum eine Mumie in Amerika, der Beckett nicht schon mit Röntgengeräten und Endoskopen auf den Leib gerückt wäre. Sein größter Erfolg ist die Fernsehserie "The Mummy Roadshow", in der Beckett im alten Lieferwagen eines Kartoffelchips- Herstellers von Mumie zu Mumie tingelt. Spott über seine Arbeit ist Beckett egal. Das Buch zur Fernsehserie nennt er "Mummy Dearest", Geliebte Mumie.

Ulla Lohmann erzählt Beckett, die Menschen eines Dorfes in Neuguinea wünschten ihre dem Verfall preisgegebenen Mumien zu retten. Außerdem gäbe es einen Häuptling, der mumifiziert werden wolle. Beckett ist begeistert.

Eine Expedition müsste her.

Doch die Suche gestaltet sich schwierig. Vier Jahre lang versuchen der Professor und die Fotografin, Geld aufzutreiben.

Mehrmals kehrt Lohmann nach Koke zurück. Immer hat sie Gastgeschenke dabei. Nie mehr wird sie aufgefordert, für Fotos zu zahlen. Sie fühlt sich wie in eine Familie aufgenommen. Bei einem Besuch fotografiert sie belustigt ein handgemaltes Holzschild, das wirbt: Besuchen Sie die spektakulären Mumien von Aseki! Eintritt:

10 Kina (inklusive Fotos). Sie stellt fest, dass Awateng ein Handy besitzt.

Er sagt: ein Sonderangebot.

Schließlich verkauft Ulla Lohmann ihre Fotos an die französische Ausgabe der Zeitschrift "National Geographic". Sie erscheinen im Februar 2008. Sofort meldet sich eine Filmfirma. Es geht alles sehr schnell.

Anfang Mai 2008 trifft in Aseki das Vorauskommando eines Film- teams ein. Der Auftrag: alle Hindernisse zu beseitigen, die Dreharbeiten bei den Mumien von Koke entgegenstehen könnten.

Erste Maßnahmen: Instandsetzung des Flugfeldes von Aseki, Ausbau des Waldwegs nach Koke, Anheuern von Köchen, Wächtern, Trägern. Auch ein Treffen mit Awateng ist angesetzt.

Am Feuer Vater und Sohn.

Seit das Filmteam hier war, sagt der Sohn, habe ich Ärger.

Der Vater schweigt. Im Dunkel tanzen die Schatten.

Am 31. Mai 2008 erreichen ein Regisseur, eine Koregisseurin und Ulla Lohmann Aseki, ein Auftrag für den Discovery Channel.

Lohmann spielt in dieser Expedition eine doppelte Rolle. Sie soll die

Dreharbeiten als Produktionsleiterin vor Ort unterstützen, gleichzeitig agiert sie vor der Kamera als die Entdeckerin der Mumien, vertraut mit Land und Leuten. Als Auftakt besucht die Gruppe Koke, um dem Dorf und vor allem Awateng die Aufwartung zu machen. Er, Sohn des Häuptlings, Englisch sprechend, soll im Namen des Dorfes die Erlaubnis erteilen, filmen zu dürfen, eine letzte Formalität.

Das hier, sagt Awateng und zieht eine Kladde hervor, war meine Forderung: Auf weißem Papier ein von Hand gezeichnetes Logo, Aseki Coffee Producers, Gemeinschaftsprojekt des Dorfes. Benötigt würden: 2 Jeeps, 1 Truck sowie Barmittel, insgesamt 513 777,00 Kina, rund 140 000 Euro. Gezeichnet: Awateng, Sohn des Gemtasu. Die goldene Chance eines Lebens. Überrumpelt vom Schriftstück Awatengs, zieht sich das Filmteam nach Aseki zurück. Awateng hatte gedroht, keine Aufnahmen zu gestatten. Regisseur, Koregisseurin und Ulla Lohmann wissen:

Ein Flugzeug ist gechartert, ein Drehplan bewilligt, ein Team unter Vertrag. Ulla Lohmann fürchtet, die Filmfirma könnte sie für alle Kosten haftbar machen. Scheitern ist nicht vorgesehen.

Ich sagte ihnen: Für die Mumien müsst ihr zahlen, was ich verlange, sagt Awateng, der Sohn.

Geld zu zahlen für eine Geschichte gilt eigentlich als Tabu unter Journalisten. Aber haben die Menschen von Koke nicht Anrecht auf eine Gegenleistung, wenn sie ihre Mumien filmen lassen, weltweit exklusiv, unter Abtretung aller Rechte? Wie die Vorhut des Filmteams die Moral auch wendet, einig ist man sich:

140 000 Euro sind zu viel.

Sie waren geizige Menschen, sagt Awateng. In der Luft liegt der pfeffrige Geruch frisch geknackter Betelnüsse, Vater und Sohn kauen von der Frucht, die Hunger wie Kälte vergehen lässt. Manchmal spucken sie roten Speichel ins Feuer. Die Hütte füllt sich.

Töchter, Söhne, Enkel, eine Familie in Zeiten der Feindschaft. Frauen setzen einen Topf aufs Feuer.

Alle essen. Dann holen die Kinder Küken aus ihren Tragebeuteln und setzen sie in die Reste.

Da tritt ein Mann in die Hütte. Er trägt die Hauer eines Wildschweins um den Hals, um die Lenden einen Schurz aus Bast, im Gesicht Ocker. Er spricht.

Gemtasu, schlagartig zornig, antwortet. Ein jäher Streit, keiner mag mehr übersetzen.

Was ist geschehen? Gemtasu antwortet nicht.

Sein Sohn Awateng sagt: Morgen werden wir dich zu den Mumien bringen. Jetzt komm mit. Draußen, im Dunkel, fügt er hinzu: Sprich nicht mit den anderen.

Sie sind Lügner.

Ein Buschflugzeug bringt am 4. Juni 2008 zwei Kameramänner, einen Tontechniker und den Moderator nach Aseki. Von Streit kein Wort. Der Drehplan sieht sechs Akte vor. Unterstrichen sind die Worte "First Time"; zum ersten Mal eine Mumifizierung vor den Augen von Außenstehenden. Arbeitstitel:

"Make Me a Mummy", Mach mir `ne Mumie Serie "Ins Unbekannte", diesmal: Leben mit Mumien, Dank an: die Menschen von Koke. Im Film ist zu sehen, wie Männer die restaurierte Mumie Moimangos wieder an ihren Platz stellen. Zwei Männer fallen auf, in Röcken aus Bast: Issac Yawing und Yangteng Gemtasu. Sie sind heute die Feinde von Vater und Sohn.

Ein Gespräch mit Yangteng, ausgemacht ohne Awatengs Wissen. Er sagt: Auch ich bin ein Sohn Gemtasus. Awateng hat das Geld, das auf sein Bank- konto gezahlt wurde, für seine eigenen Zwecke benutzt. Nicht einmal Vater gab er etwas ab. Mein eigener Bruder.

Am Bezirksgericht Bulolo spricht der Friedensrichter Nasiling Bingtau Recht. Jedes Jahr reist er in die Dörfer um Aseki, um zu Gericht zu sitzen. Der Fall Awateng ist ihm vertraut. Die Gerüchte erreichten den Richter zuerst.

Woher hat Awateng das Handy?

Wieso gehen Awatengs Kinder alle auf die teure Schule?

Awateng, Sohn des Gemtasu: Gerichtsprozesse gab es einige.

Aber alle haben Vater und ich für uns entschieden.

Dann hörte der Richter von Handgreiflichkeiten in Koke: von Kämpfen mit Knüppeln; um Geld, das angeblich gestohlen wurde.

Geschädigter: Awateng Gemtasu, ehemals Mitarbeiter des Ministeriums für Finanzen, es gab Vorwürfe der Untreue.

Ein Urteil fällte der Richter bis heute nicht. Der Streitwert der Klagen

übersteige die Grenze, bis zu der ein Friedensrichter Recht zu sprechen vermöge.

Awateng sagt: Ich bin der einzige Gebildete in diesem Dorf von Analphabeten. Ich will nur das Beste für die Menschen von Koke.

Nur das Beste.

Am Feuer sitzt der Sohn ohne seinen Vater. Abschied.

Nun musst du zahlen, sagt Awateng. Vater und ich sind uns einig: 2000 Kina. Wenn du das nicht hast, nehmen wir, was in deinem Geldbeutel ist.

Dann zückt er einen Stift und quittiert 600 Kina, Cultural Information & Tourist Fee.

Sag: Werden noch mehr Menschen kommen, um die Geschichte unserer Mumien zu erfahren?

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Roland Schulz


Roland Schulz, geboren 1976. Im Rahmen seiner Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München studierte er Kommunikationswissenschaft, Geschichte und Politische Wissenschaft. Er lebt in München. Er arbeitet für „Geo“.
Dokumente
Die komische Karriere der Mumien von Koke (PDF)
Die komische Karriere der Mumien von Koke (Podcast)

erschienen in:
GEO,
am 01.05.2010

 

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