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19.11.17

Prämierte Texte

Nadine Ahr „Das Versprechen

Für diesen Text wurde Nadine Ahr beim Deutschen Reporterpreis 2011 in der Kategorie "Bester Freier Reporter" ausgezeichnet.


Als ihm klar wird, dass es keinen Ausweg mehr gibt, trinkt er sich Mut an. Zwei Gläser Wein. Oder waren es drei? Edwin wankt, als er aus seinem Fernsehsessel aufsteht und durch die Wohnstube in den Flur geht. Ein paar Minuten verharrt er unschlüssig vor der kleinen Kommode, auf der das Telefon steht. Tue ich das Richtige, fragt er sich und blickt zum Schlafzimmer am Ende des Flures. Hinter der Tür schläft sie. Die Frau, mit der er die schönsten Jahre seines Lebens verbracht hat. Seine Ria. Sein Mädchen. Seit 39 Jahren lebt er mit ihr zusammen in dieser Wohnung in Hannover. Edwin weiß: Wenn er jetzt das Telefon in die Hand nimmt, wird sich ihrer beider Leben für immer verändern. Er greift zum Hörer.

Es ist halb neun am Abend, als mein Handy klingelt. Ich sitze gerade in der S-Bahn in Berlin, auf dem Weg nach Hause.

»Nadine, hier ist Opa«, sagt er.

Er ruft nie so spät an. Es muss etwas passiert sein.

»Ich schaff das nicht mehr«, sagt er. »Also: mit Ria, mit deiner Oma.«

Im Waggon spielt ein Straßenmusikant Gitarre, daneben lärmt eine Gruppe Touristen. Dazwischen, ganz leise, die Stimme des Großvaters. Sie zittert.

»Wir finden ein Heim«, sage ich. »Es ist besser so.«

Doch er hat schon aufgelegt. Ich, seine Enkelin, soll nicht hören, wie seine Stimme bricht. Soll ihn mit seinen 89 Jahren nicht weinend erleben. Einen Moment lang habe er noch in der Dunkelheit gestanden, wird er mir später erzählen. Dann geht er ins Schlafzimmer, schließt die Ziehharmonikatür, zieht Hemd und Hose aus und seinen hellblauen Schlafanzug an. Er legt sich neben Ria, atmet den Duft ein aus ihrer Seife und seinem Aftershave. Ein Gemisch aus ihr und ihm.

Er wird sie verlieren. Zum zweiten Mal in seinem Leben. Diesmal endgültig.

Mit über 80 Jahren werden meine Großeltern sich trennen. Zwei Menschen, die ich nur als Einheit kenne. Sie gaben mir all das, wonach ich mich als Scheidungskind sehnte. Eine heile Welt, die es, da war ich mir sicher, immer geben würde. Jetzt zerbricht sie. An der Demenz meiner Oma.

Ich weiß, meine Großeltern sind nicht die Einzigen, die Abschied voneinander nehmen müssen, weil eine Krankheit sie dazu zwingt. Ich weiß, dass die Zahl der Demenzerkrankungen steigt. Doch zum ersten Mal ist es nicht das Schicksal entfernter Bekannter, von dem ich höre. Es ist nicht nur eine Zahl. Es sind meine Großeltern. Ich bin gezwungen, mich mit ihrem Schicksal auseinanderzusetzen. Mit einem Schicksal, das uns Generation für Generation entgegenkommt, das irgendwann jeden von uns treffen kann: Liebe, die von Krankheit überrollt wird. Abschied. Und die Frage, was es bedeutet, jemanden zu lieben, der dement ist.

Der 22. April 1946 war ein sonniger Tag. So erzählt es mein Großvater, und er ist der Einzige, der noch davon erzählen kann. Die Luft ist mild. Der erste Frühling nach dem Krieg. Es ist der Tag, an dem Edwin heiratet. Vor einer Kirche in Hannover hat sich am frühen Nachmittag eine Festgemeinde eingefunden: die Eltern des Brautpaares, Freunde, Verwandte. Etwa 20 Gäste, die der Pastor vor den Ruinen der alten Kirche begrüßt. Eine Bombe der Alliierten war neben St. Petri eingeschlagen, fast bis auf die Grundmauern ist die Kirche niedergebrannt. Nur der alte Turm steht noch. Für die Hochzeit hat man ein paar Stühle in den Gemeindesaal gestellt.

Der Pastor weiß nicht viel über das Paar, das er gleich trauen soll. Zwei Menschen, die sich seit der Jugendzeit kennen und nach dem Krieg wieder zueinandergefunden haben. Das ist alles, was Edwin dem Pastor erzählt hat.

Was der Pastor nicht weiß: Für den Bräutigam ist es kein Freudentag. Er wird nicht die Frau heiraten, die er liebt, sondern die, der er vor sechs Jahren die Ehe versprochen hat. »Wenn ich aus dem Krieg zurückkomme, heiraten wir«, hatte er ihr vor seiner Einberufung gesagt. Es war im Winter 1940, Edwin war 19 Jahre alt, seine Freundin Irmgard 18. Sie hatten sich in der Tanzschule kennengelernt. Als Edwin ihr den Antrag machte, brauchte er etwas, worauf er sich freuen konnte. Eine Aussicht auf die Zeit nach dem Krieg. Hoffnung.

Langsam, dem Takt der Musik folgend, gehen Edwin und Irmgard zum Altar. Edwin trägt einen alten schwarzen Anzug, an den Ärmeln zu kurz und an der Hüfte zu eng. Seine Braut hat sich aus einem Luftwaffenmantel ein blaues Kostüm genäht. In ihren Händen hält sie ein paar Blumen aus dem Garten.

Als die Musik verklungen ist, lässt Edwin seinen Blick noch einmal durch die Reihen wandern. Da ist seine Mutter. Sie lächelt ihm zu, nickt. Vor allem seine Eltern haben ihn zu dieser Heirat gedrängt. »Anstandshalber, Edwin«, hat seine Mutter immer wieder gesagt. »Anstandshalber.«

Edwins Vater ist ein einfacher Eisenformer, seine Braut die Tochter eines angesehenen Geschäftsmannes. Edwin würde nicht nur sein Wort brechen, wenn er jetzt Nein sagt. Er würde seine Eltern beschämen. Konventionen verletzen.

Edwin will sich gerade wieder umdrehen, da sieht er sie. Die Frau, die diese Hochzeit so unerträglich für ihn macht. Marie, von allen nur Ria genannt. Die Frau, die er liebt.

In ihrem besten Kleid sitzt Ria in der Kirche und schaut zu, wie der Mann, den sie liebt und der sie liebt, eine andere heiratet. In den Händen ein Taschentuch, sie hält sich daran fest. Benutzen will sie es nicht, das hat sie sich vorgenommen. Wenn doch, da ist sie sicher, werden alle glauben, es sei vor Rührung. Alle, nur ihre Mutter nicht. Die weiß es, so wie Mütter immer alles wissen. Gleich am ersten Abend hatte sie gesehen, dass Ria dieser junge Mann gefiel, der kurz nach Kriegsende mit dem Vater bei selbst gebranntem Schnaps in der kleinen Küche saß. In seiner abgewetzten Soldatenuniform hatte Edwin im Herbst 1945 vor ihrer Tür gestanden; er war gerade aus kanadischer Gefangenschaft entlassen worden. Er traute sich nicht nach Hause, nach Thüringen, weil man munkelte, die Russen dort würden immer noch Soldaten verschleppen. Also ging Edwin zu seinem Stiefonkel nach Hannover.

»Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen. Wir wissen aus Gottes Wort, dass der Ehestand ein heiliger ist...«

Die Worte des Pastors hallen durch die Kirche. Edwin sieht Ria an. Nicht einmal eine Woche hatte er bei seinem Stiefonkel auf dem Sofa in der Küche geschlafen, als er sie zum ersten Mal küsste und Irmgard vergaß. Es war ein Sonntag, sie waren zum Maschsee gegangen. Sie sprachen über das Dorf in Thüringen, aus dem Edwin stammt und in dem auch Ria die ersten Jahre ihres Lebens verbracht hat. Er erzählte ihr Anekdoten von gemeinsamen Bekannten. Ria, eine junge Frau mit graugrünen Augen, lachte über seine Witze. Am Südufer, wo die Bäume dichter stehen, küssten sie sich. Von seiner Freundin Irmgard sprach Edwin nicht.

»So ermahne ich euch beide, die ihr nun in den Ehestand tretet, dass ihr in Gottesfurcht denselben anfangt.«

Edwin denkt daran, wie er mit Ria ins Kino ging. Als Eisenformer hatte er schnell Arbeit gefunden, von seinem Lohn führte er sie aus. Ganz hinten im Kino saßen sie und schauten amerikanische Filme. Nicht alle waren synchronisiert, bei den englischsprachigen verstanden sie kein Wort. Doch die Filme waren Nebensache. Rias Hand zu halten, darum ging es.

»Ist solches eures Herzens Wille und Meinung, so bekennt es allhier vor Gott und seiner christlichen Kirche und sprechet: Ja.«

Ria schaut zum Altar, hält den Atem an. Kurz vor der Trauung hat die Braut sie beiseitegenommen und gefragt: »Warum ist er nach all den Jahren nur zurückgekommen? Ich wollte eigentlich einen anderen.« Vielleicht hätte Ria die Hochzeit verhindern können. Sie hätte nur zu Edwin gehen und ihm sagen müssen, dass auch die Braut ihn nicht mehr liebt. Doch sie hat geschwiegen.

»Ja, ich will.«

Als Edwin die drei Wörter spricht, weint Ria. Sie schluchzt nicht. Es ist ein stilles Weinen. Am 22. April 1946 verliert sie ihre große Liebe. Im Dezember 1947 heiratet sie Friedel, einen Mann, bei dem sie Trost gesucht hat. Bei der Hochzeit mit Friedel ist Ria im fünften Monat schwanger, mit dem Kind, das einmal mein Vater werden wird. Kurz nach der Heirat schlägt Friedel sie zum ersten Mal.

»Hilfe, Hilfe, der bringt mich um! Der schlägt mich tot!« Ihre Schreie hallen durch die Wohnung, hinaus in den Hausflur, bis in die Küchen der Nachbarn. Es ist August 2010, Ria ist 86 Jahre alt. »Warum hilft mir keiner?« Meine Großmutter windet sich in ihrem Sessel, ihr Körper bebt vor Angst. Sie schreit in der Hoffnung, dass einer der Nachbarn sie hört und sie beschützt vor den Schlägen und Tritten, die nur sie kommen sieht.

Neben Ria steht Edwin, einen Schuhanzieher in der Hand. Er ist aus seinen Slippern gerutscht. »Ria, Mädchen, ich bin es.« Edwins Worte sind sanft. »Ich, dein Edwin, nicht Friedel.«

63 Jahre sind vergangen, seit Ria Friedel heiratete. Einen Mann, der sie schlug, wann immer er getrunken hatte. Doch das ist längst vorbei. Friedel starb vor 39 Jahren. Und Ria lebt mit Edwin in dieser Wohnung in Hannover.

Noch einmal versucht Edwin, Ria zu beruhigen, streicht ihr über das dünne, weiße Haar, das auf ihrem Kopf liegt wie Flusen. Dann gibt er auf und geht aus dem Zimmer. Es ist hoffnungslos. Sie ist irgendwo in der Vergangenheit, da, wo er sie nicht erreichen kann. In ein paar Stunden wird sie es vergessen haben. Wie immer.

Vor zwei Jahren fing es an. Zuerst sah Ria Tiere in der Wohnung, dann standen nachts fremde Männer an ihrem Bett. Wie ein Schatten legte sich die Furcht erst über Rias Leben, dann über Edwins. »Das träumst du nur«, sagte Edwin ihr morgens beim Frühstück, wenn sie ihm von den Ängsten der Nacht erzählte, »und wenn hier einer reinkommt, haue ich ihn um!« Ria hat dann manchmal gelächelt. Edwin, ihr starker Mann, ihr Beschützer mit Händen, groß wie Schaufeln. Und Edwin hat weiter seinen Kaffee geschlürft und seine Zeitung gelesen. Sie ist nur zerstreut, sagte er sich, das kommt von ihren Medikamenten gegen Arthrose und Parkinson. Wird schon wieder.

Edwin wollte nicht sehen, was nicht zu übersehen war. Ria veränderte sich. Sie schaffte es nicht mehr, ihre Ängste aus der Ehe mit Friedel zu verdrängen, die sie all die Jahre tief in sich verschlossen gehalten hatte. Ria wurde dement.

Ein Besuch bei meinen Großeltern, an einem Tag, an dem es schon schlecht um beide stand. Ich sitze mit Oma Ria am Tisch und schenke Kaffee ein. Opa Edwin ist beim Bäcker, Kuchen holen. Als er ging, war ihm die stille Freude anzusehen, mal vor die Tür zu kommen. In den vergangenen Monaten ist Ria immer gebrechlicher geworden, die Halluzinationen haben zugenommen. Für Edwin ist die Wohnung zu einem Gefängnis geworden. Fünf Kilo hat er abgenommen in sechs Monaten. Nur morgens und abends, wenn der Pflegedienst kommt, um Ria zu waschen, geht er für ein paar Minuten nach draußen.

Ich plaudere mit meiner Großmutter über das Wetter. Belanglose Dinge, die sie nicht überfordern. Auf einmal verändert sich ihr Gesicht. Ihr Blick wird starr, ihre Mundwinkel ziehen sich nach unten.

»Ich hab Angst vor ihm«, flüstert sie.

»Vor wem? Vor Opa?«

»Das ist ein ganz schlimmer Mann.«

Ich will widersprechen, sagen, dass Opa doch ihre große Liebe ist, immer war, dass er nie die Hand gegen sie erheben würde. Dann fällt mein Blick zur Tür, dort steht Edwin, den Kuchen in der Hand. Er presst die Lippen zusammen, zieht die Schultern hoch. Hilflos, verkrampft. Was soll man tun, was soll man fühlen, wenn die Frau, die man liebt, sich vor einem fürchtet?

Anfangs war er irritiert. Dann verletzt. Jetzt ist da Angst. Und ein Berg von Fragen. Fragen, auf die Edwin keine Antworten hat: Was ist, wenn es noch schlimmer wird? Wenn sie mich nicht mehr erkennt? Wenn sie nicht mehr die ist, die sie war? Und sie in mir nicht mehr den sieht, der ich bin?

Ria kann Edwin nur noch selten sagen, wie viel er ihr bedeutet. Zu gewaltig ist die verdrängte Vergangenheit zurückgekehrt, zu real sind ihre Halluzinationen. Immer wenn Ria schreit und flucht, wenn die Verletzungen für ihn zu groß werden, wenn er die Gegenwart nicht mehr erträgt, flüchtet er sich in die Vergangenheit. Erinnert sich an Silvesterabende, an denen Ria das grüne samtene Dirndl trug, das er ihr geschenkt hatte. Daran, wie sie beide um Mitternacht, wenn alle anderen auf der Straße ihre Raketen in die Luft schossen, im Wohnzimmer Schneewalzer tanzten. Es sind die schönen Erinnerungen, die ihn die schlechten Momente, ihr Fremdsein, aushalten lassen.

Ein paar Stunden später. Meine Großmutter schläft, mein Großvater sitzt mit hängenden Schultern in der Küche. Als ich klein war, haben wir oft hier gesessen: Oma am Herd, Opa auf seinem Platz neben der Tür zur Speisekammer. Es war immer wohlig warm hier, denke ich, ein Ort voller Zuneigung. Die Wärme zweier Menschen, die sich lieben.

Ich hole Gläser aus dem Schrank, schenke Wein ein. Wir schweigen ein paar Minuten, fast habe ich Angst, in der Stille seien meine Gedanken zu hören: Darf ich es denken? Darf ich es sagen? Darf ich mich einmischen? Muss ich sogar? Ich atme tief ein, bevor ich diese Worte spreche: »Das geht so nicht mehr. Sie muss in ein Heim.«

Edwin nippt an seinem Weißwein. Müller-Thurgau, seit 30 Jahren dieselbe Sorte. »Ich kann sie nicht verlassen«, sagt er und schüttelt den Kopf.

»Aber Opa...«

»Nein.« Seine Stimme klingt barsch, sein Blick ist entschlossen. Er will keine Lücke lassen für Widerspruch. »Ich habe es ihr versprochen«, sagt er, trinkt, lacht. Es klingt unecht. »Bis zum bittersüßen Ende.«

Es ist eine Geschichte wie keine. Und eine Geschichte wie so viele. Es war der 1. Juli 1971, an dem Edwin Ria versprach, den Rest seines Lebens mit ihr zu verbringen. Von Irmgard war er seit ein paar Monaten geschieden. Die Ehe war so lieblos geblieben, wie sie begonnen hatte – 24 Jahre lang. Auch die Geburt eines Sohnes hatte das Paar nicht näher zueinanderbringen können. Ihre Urlaube verbrachten sie getrennt. Jahr für Jahr fuhr Edwin mit dem Sohn für drei Wochen nach Thüringen. Wenn sein Urlaub endete, begann Irmgard den ihrigen dort. Irmgard wartete, bis der Sohn volljährig war, dann verließ sie Edwin. Am Morgen hatte sie ihm noch die Stullen für die Arbeit geschmiert. Am Abend, als er nach Hause kam, war sie fort. Ihre Kleider fehlten, die Vorhänge waren abgehängt. Irmgard hatte von allem die Hälfte mitgenommen. Vom zusammengestellten Ehebett stand nur noch Edwins Seite.

Am 1. Juli 1971 veranstalteten die Döhrener Schützen ein Fest, im Schützenhaus in der Döhrener Masch. Eigentlich hatte Ria keine Lust auf eine Feier, auch nicht auf betrunkene Männer, als sie am Abend mit ihrem Auto vor dem Vereinsheim vorfuhr. Ihre Freundin hatte sie überredet. »Du musst mal wieder unter Menschen«, hatte sie gesagt. Ria war seit zwei Monaten Witwe. Ihr Mann war am Alkohol verreckt.

Sie spielten einen Schlager. Jemand sang von roten Rosen, roten Lippen und rotem Wein, als sie ihn an der Bar erblickte. Edwin war 50 Jahre alt, Ria 47.

»Edwin, wie geht es dir?«

»Gut.«

»Wie geht’s Irmgard?«

»Ich bin geschieden. Wie geht’s Friedel?«

»Er ist gestorben.«

Eine halbe Stunde machten sie höflich Konversation. Stolz erzählte Ria, dass sie vor einigen Jahren den Führerschein gemacht habe. »Ich hab ein Auto«, sagte sie, und Edwin verstand. Sie verließen das Fest, fuhren über die Dörfer. In einem Wald stiegen sie aus: ein Paar, nicht mehr jung. »Mensch, Ria, du bist ja noch genauso schön wie früher«, sagte Edwin. Und er sagte noch etwas: »Mädchen, versprochen, jetzt lass ich dich nie wieder los.« Noch am selben Abend zog er zu ihr und blieb.

Als meine Großeltern sich versprachen, immer beisammenzubleiben, lag das Alter nicht mehr in ferner Zukunft. Sie wussten, dass Krankheiten auf sie zukommen würden. Dennoch glaubten Edwin und Ria, dass sie ihr Versprechen halten können. Aber kann ein Versprechen, das aus Liebe gegeben wird, für immer bindend sein, wenn ein Mensch sich so verändert?

Am 7. September 2010 schrieb die Pflegerin des häuslichen Dienstes in ihr Protokoll, meine Großmutter habe zunehmend optische Halluzinationen, mein Großvater sei mit der Situation überfordert. Einen Tag später rief er mich an, traf die Entscheidung, Ria in ein Heim zu geben.

Mein Vater und seine Frau holten Ria an einem Samstagmorgen. In drei Stunden hatten sie zwei Koffer gepackt. Der Abschied war kurz. »Ria...«, sagte Edwin. Er wollte ihr eigentlich sagen, dass er sie liebt und dass er das nicht gewollt hat. Aber Edwin fand keine Worte.

Eine Woche später. Ria ist im Pflegeheim. Edwin hat seit dem Abschied die Wohnung nicht verlassen, als wolle er sich bestrafen. Die Milch im Kühlschrank ist sauer, das Brot auf der Anrichte hart. In der Spüle stapelt sich Geschirr. Die Zahnpastatube im Badezimmer ist offen, weil Edwin wie immer vergessen hat, sie zuzudrehen. Es war ja Ria, die ihm jeden Morgen und jeden Abend, 39 Jahre lang, die Zahnpasta auf die Zahnbürste drückte. Als sie das nicht mehr konnte, hat sie – in einem klaren Moment und mit großer Dringlichkeit – die Pflegerin gebeten, Edwin die Zahnbürste fertig zu machen.

»Ach Mensch, scheiße, ich mach’s nicht mehr lange mit!« Edwin schreit. Edwin weint. Edwin tobt. Aus seiner Nase läuft der Rotz. Er trägt einen fleckigen Trainingsanzug, sein Haar ist zerzaust, sein Gesicht rot vor Aufregung. Auf seiner Stirn pulsiert eine Ader.

Nach Tagen der Erschöpfung entlädt sich alle Angst, aller Schmerz, alle Trauer, alle Wut. Wut auf Rias Krankheit, weil er sie nicht greifen, nicht verstehen kann. Wut auf seine Schwäche, die ihn davon abhielt, bei ihr zu bleiben.

Noch einmal wirft er seine Arme in die Luft, wie ein Dirigent, der zum letzten Crescendo ausholt. Dann sackt er in sich zusammen.

Erschöpft liegt mein Großvater in seinem Sessel. Die Augen halb geschlossen, dämmert er vor sich hin. Manchmal seufzt er. Wie mag das sein: plötzlich allein nach 39 Jahren? Ich bin 29, mein Opa ist 89. Für mich bedeutet eine Trennung nicht das Ende, nach einiger Zeit wird daraus der Anfang von etwas Neuem. Mein Großvater will nichts Neues mehr. Er vermisst das Alte, das Vertraute.

»Gestern Nacht bin ich aufgewacht und hab zu ihr rübergegriffen. Da ist mir erst wieder eingefallen, dass sie nicht mehr da ist«, sagt er.

Tage zuvor wollte er Ria besuchen gehen. Er hatte sich zurechtgemacht, das karierte Hemd angezogen, das sie so gerne an ihm mochte, sich besonders gründlich rasiert und Irish Moos aufgelegt. In Mantel und Hut hatte er aufs Taxi gewartet. Edwin hatte Angst vor dem Wiedersehen. Angst, dass Ria unglücklich sein könnte. Niedergeschlagen, schwach. Sie war doch immer die Starke in der Beziehung. Selbst dann noch, als die Arthrose unerträglich war. Was, wenn sie jetzt gar keine Kraft mehr hat? Und was, wenn sie ihm Vorwürfe macht, weil er sie alleingelassen hat? Als der Taxifahrer an der Tür klingelte, sagte mein Großvater, er werde nicht fahren.

Erst zehn Tage nach Rias Auszug macht er einen zweiten Versuch. Als ich komme, um ihn abzuholen, sitzt er abfahrbereit im Flur. Die Jacke hat er angezogen, in der einen Hand den Gehstock, in der anderen Fotos, die er ihr mitbringen möchte. Eine Handvoll Erinnerungen: Ria an einer Raststätte, vor dem neuen Auto. Ria und Edwin auf einer Bank im Schrebergarten. Ria im See, in einem Schwimmring, den er ihr gekauft hatte, weil sie nicht schwimmen konnte. Er hielt den Ring immer an einer Leine, damit sie nicht zu weit auf den See hinaustrieb.

Im Auto schweigt er. Die Musik aus dem Radio stört ihn, er stellt es aus. Immer wieder greift er in seine Herrenhandtasche, prüft, ob er die Fotos wirklich eingesteckt hat. Der Sicherheitsgurt ist ihm zu eng. Die Sonne blendet.

Im Heim empfängt uns eine Pflegerin. Ria sei im Aufenthaltsraum, sagt sie. Wir gehen einen dunklen Flur entlang, an den Wänden hängen gepuzzelte Landschaften, Tierposter. Im Aufenthaltsraum steht ein großer Tisch, drum herum parken Rollstühle. Das Radio dudelt, niemand spricht ein Wort. Ich erblicke meine Großmutter zuerst: Zusammengesunken in einem Rollstuhl, den Blick ins Leere gerichtet, sitzt sie wie abgestellt am Kopfende des Tisches. Sie trägt einen fliederfarbenen Pullover, unter dem sich ihre Schulterknochen wie zwei Höcker abzeichnen. War sie vor zwei Wochen auch schon so dürr? Oder verzerren die Skrupel, das schlechte Gewissen den Blick? Früher war ihr Gesicht füllig, jetzt ist es kantig. Schlupflider verdecken ihre Wimpern.

Als sie uns erblickt, leuchten ihre Augen auf. »Oh, wie schön«, sagt sie, lächelt. Edwin geht langsam auf sie zu, schaut verlegen zu ihr herunter. Wie ein Teenager beim ersten Rendezvous. Zaghaft, ein wenig unbeholfen, gibt er ihr die Hand. »Hallo, Ria«, sagt er steif. Dann lächelt auch er.

Sie zeigt uns kurz ihr Zimmer. Später sitzen wir auf einer durchgesessenen Ledergarnitur in einem kleinen Besucherraum. Edwin hat seine Jacke anbehalten, kerzengerade sitzt er Ria gegenüber. Sie reden über das Wetter, über die Wohnung.

»Ist die Putzkolonne schon da gewesen?«, fragt Ria. »Dann kann ich ja wieder nach Hause kommen, oder?«

Edwin schluckt. Er bringt nicht den Mut auf, ihr zu sagen, dass sie im Heim bleiben wird.

»Ich kümmere mich um alles«, sagt er.

Die Pflegerin klopft an, gleich gebe es Abendbrot, sie wolle Ria mit in den Speisesaal nehmen. Edwin steht auf. Zögert. Ihm ist es unangenehm, sich vor der Pflegerin zu verabschieden. Dann ringt er sich doch noch durch und gibt Ria einen schnellen Kuss. »Der war gut«, sagt sie.

Auf dem Weg nach Hause ist Edwin bester Laune. Er dreht das Autoradio lauter und summt die Melodie eines alten Schlagers mit. Ria hat ihn nicht beschimpft. Und ihr Geist, da ist er sich sicher, wirke doch klarer als sonst, oder etwa nicht? Dann wäre seine Entscheidung richtig.

»Ich glaube, es geht ihr besser«, sagt er.

Was darf eine Enkelin dann sagen? Dass er nur zwei von 24 Stunden erlebt hat? Dass es nie wieder besser, sondern immer schlimmer werden wird? »Bestimmt, Opa«, sage ich.

Ein paar Tage später ruft er mich an und sagt: »Ich möchte zu Ria ins Heim ziehen.«

Im Schlafzimmer meiner Großeltern liegt ein aufgeklappter Lederkoffer, randvoll mit Hemden, Hosen, Pullovern. Edwin sitzt auf dem Doppelbett, bewertet, delegiert. Die grüne oder die braune Krawatte? »Die grüne«, sagt er. Ein Weihnachtsgeschenk von Ria. Wir brauchen drei Stunden, bis alles gepackt ist. Es bleibt ihm nicht viel: sein Fernsehsessel, ein paar Bilder aus Thüringen, eine handsignierte Biografie von Gerhard Schröder, die Uhr, die er von der IG Metall für 50 Jahre in der Gewerkschaft bekommen hat. Er trauert um seine Plattensammlung und den Wohnzimmertisch mit der braunen Marmorplatte, der einmal 800 Mark gekostet hat und für den er damals Monate sparen musste.

Mit 89 Jahren lässt Edwin alles zurück für einen Neuanfang. Mit ihr. Für sie. Für sein Gewissen. Weil er versprochen hat, sie nicht zu verlassen. Und weil es ohne sie so still in der Wohnung ist. Weil die Einsamkeit ihn auffrisst. Aber das sagt er nicht.

Ein letztes Mal schweift sein Blick durch die Wohnung, in der er jahrezehntelang mit Ria gewohnt hat. 75 Quadratmeter. Hier haben sie gelebt, geliebt, gestritten.

Der Sessel, in dem sie immer saß, mit der selbst gehäkelten Decke über der Lehne. Schräg gegenüber die Küche, daneben das Schlafzimmer. Im Heim werden sie in getrennten Zimmern schlafen, ein Doppelzimmer war nicht mehr frei. »Wir haben uns das einmal ganz anders vorgestellt«, sagt Edwin.

»Wie denn?«

»Anders halt. Ich weiß auch nicht.«

Im Auto sagt er: »Vielleicht hätte ich Ria gleich heiraten sollen, dann hätte sie Friedel nicht geheiratet.« Vielleicht, denkt er, wäre Ria dann nicht krank geworden. Er gibt sich die Schuld. Darum wiegt sein Versprechen so schwer.

Er hofft, im Heim wieder mit Ria lachen zu können. Die Besuche bei ihr waren schön, also muss doch auch das Leben mit ihr wieder schön sein. Er freut sich darauf, mit ihr zu essen. Mit ihr spazieren zu gehen.

»Du hast mein Geld gestohlen!« Ihr zittriger Finger zeigt auf Edwin. »Ria, ich hab in meinem ganzen Leben noch nie einen Penny von dir genommen.« Laut hallen seine Worte durch die Gänge des Heimes. Es ist morgens, kurz nach zehn.

Schweigen im Aufenthaltsraum. Ria sitzt Edwin gegenüber. Sie beugt sich zu ihrer Tischnachbarin und sagt: »Mein Mann hat immer Frauen bei sich. Jede Nacht sitzen sie auf seinem Schoß. Er denkt, ich sehe das nicht. Aber ich sehe das.« Wortlos steht Edwin auf und geht.

Mit jedem Tag, an dem er ihre Vorwürfe über sich ergehen lassen muss, den Blicken der anderen Bewohner standhält, wenn sie ihn beschuldigt, ist seine Hoffnung, mit Ria wieder glücklich zu sein, kleiner geworden. Zuerst antwortete er noch auf ihre Vorwürfe. Dann schrie er. Jetzt bleibt er immer öfter stumm. Edwin fehlt die Kraft. Er hat keine Worte mehr für diese Frau, die einmal seine war. Er sitzt in seinem Zimmer, liest Zeitung, schaut fern.

Tage vergehen, Wochen. Im Kopf meines Großvaters reift eine Entscheidung. Er wird ausziehen in ein neues Zuhause. Ein Zuhause ohne Ria. Ein Pflegeheim am anderen Ende der Stadt. Dort will er zur Ruhe kommen. Sein Leben sortieren. Sich mit sich selbst versöhnen. Er sagt, er wolle wieder spazieren gehen.

Zwei alte Menschen, gemeinsam in einem Heim – nicht immer ist das, was nach außen so rührend wirkt, noch eine Liebesgeschichte. Wie leicht erfinde sogar ich Ausreden, um meine Großmutter nicht im Heim besuchen zu müssen. Wenn ich bei ihr bin, ist sie mir fremd. Wenn wir getrennt sind, ist sie mir näher. Darf man einen Menschen, der dement ist, auch aus der Ferne lieben? In der Erinnerung?

Der letzte gemeinsame Tag. Edwin möchte sich von Ria verabschieden. Doch sie versteht nicht, fragt nur nach ihrem Pelzmantel, den sie verzweifelt sucht. Im Aufenthaltsraum sitzt sie zwischen all denen, die auf das Essen warten, den nächsten Tag, den nächsten Besuch. Wann er wiederkommen wird, weiß Edwin nicht. Und auch nicht, ob.

Er beugt sich zu ihr hinunter und küsst sie. »Auf Wiedersehen, Mädchen«, sagt Edwin. Dann dreht er sich um und geht.

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Nadine Ahr


Nadine Ahr, geboren 1982, hat in Hannover Geschichte, Politik und Medienwissenschaften studiert. Nach ihrem Studium ging sie für ein halbes Jahr nach Namibia, arbeitete für den Namibian Broadcasting Corporation in Windhoek. Zurück in Deutschland entdeckte sie auf der Evangelischen Journalistenschule (ermöglicht durch ein Stipendium der Süddeutschen Zeitung), dass sie nicht nur gerne Radio macht, sondern fast noch lieber schreibt. Nadine Ahr lebt in Berlin und arbeitet u.a. für DIE ZEIT, sonntaz, die Welt und das rbb-Kulturadio.
Dokumente
Das Versprechen (PDF)

erschienen in:
Die ZEIT,
am 11.08.2011

 

Kommentare

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