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27.05.17

Nadine Ahr „"Ich musste Enkelin und Journalistin sein"

Liebe Nadine Ahr, herzlichen Glückwunsch! Sie haben den Reporterpreis 2011 gewonnen in der Kategorie „Bester freier Reporter”. Um was geht es in Ihrem Text „Das Versprechen“?

Es geht um die Beziehung zweier Menschen an ihrem Lebensabend, die sich einst versprochen haben für immer zusammen zu bleiben. Trotzdem müssen die beiden voneinander Abschied nehmen, weil eine Demenzerkrankung sie dazu zwingt. Diese beiden Menschen sind meine Großeltern.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, über Ihre Großeltern zu schreiben?

Die Idee entstand eher zufällig. An dem Abend, an dem mein Großvater mich anrief und mir sagte, dass er die Situation mit meiner Großmutter so nicht mehr erträgt, habe ich mich mit einer guten Freundin und Kollegin getroffen. Ich habe ihr die Geschichte meiner Großeltern erzählt. Wir sprachen über Liebe, Demenz und das Alter. Am selben Abend schrieb ich das Exposé.

Wie lange haben Sie recherchiert, und wie lief die Recherche ab?

Ich habe ungefähr vier Monate recherchiert. Ich habe natürlich mehrere Interviews mit meinem Großvater geführt, sowie mit Nachbarn, Pflegepersonal und noch lebenden Verwandten gesprochen. Da wo es möglich war, habe ich die Erzählungen überprüft. Ansonsten war ich einfach dabei.

Das Besondere an der Recherche war, dass ich immer auch unmittelbar in das Geschehen mit eingebunden war. Ich musste Enkelin und Journalistin sein. Auf der einen Seite habe ich als Enkelin meinem Großvater geholfen, die Koffer für den Umzug ins Pflegeheim zu packen, auf der anderen Seite war das eine Szene, die ich für meinen Text brauchte.



Es gab große Fans in der Jury für Ihren Text – aber auch Stimmen, die sagten: Man schreibt nicht über die eigene Familie oder persönliches Unbill. Ihre Meinung?

Ich bin nicht der Meinung, dass es sich grundsätzlich verbietet, über die eigene Familie zu schreiben. Sonst hätte ich den Text ja nicht geschrieben. Wenn das Thema wirklich gut, gesellschaftlich relevant ist, sollte man es aufschreiben. Das haben auch schon Autoren vor mir gemacht und ich finde, es sind großartige Stücke dabei entstanden, wie beispielsweise die Reportage von Bartholomäus Grill, in der er seinen todkranken Bruder zur Sterbehilfe in die Schweiz begleitet.

Ist es besonders schwer oder besonders leicht über einem nahe stehende Menschen zu schreiben?


Auch wenn die Recherche leichter sein mag, weil man die Protagonisten gut kennt und bereits ein Vertrauensverhältnis besteht -das Schreiben über einen Angehörigen ist es nicht. Ich musste beim Schreiben öfter mal ausblenden, dass mein Großvater das Stück lesen wird. Sonst hätte ich automatisch eine Schere im Kopf gehabt.

Was haben Sie durch diesen Text gelernt?

Natürlich habe ich zwangsweise viel über meine eigene Familiengeschichte gelernt. Über gesellschaftliche Zwänge meiner Großelterngeneration. Darüber, was es bedeutet jemanden zu lieben, der dement ist. Und: Das ist viel schwieriger ist über vertraute Personen zu schreiben, als ich es mir anfangs vorgestellt habe.


Was unterscheidet uns Heutige von der Welt der Großeltern?

Im Gegensatz zu meinen Großeltern sind wir heute nicht mehr so stark an Konventionen gebunden, wie sie es waren. Wir heiraten nicht, weil wir es vor Jahren versprochen haben und wir uns nun dazu verpflichtet fühlen, weil unsere Eltern das von uns erwarten oder eine Schwangerschaft uns dazu zwingt. Da sind wir Heutige freier als meine Großeltern es waren. Allerdings die Frage, ob wir einen geliebten Menschen in ein Pflegeheim geben dürfen, wird sich auch uns irgendwann stellen. Und vermutlich wird auch der innere Konflikt derselbe sein.

Ihr Text ist allerhöchst anrührend. Haben Sie viele Reaktionen darauf bekommen?

Nach der Veröffentlichung habe ich viele Briefe bekommen, in denen mir die Leser unglaublich offen ihre Erfahrung mit der Krankheit Demenz geschildert haben. Einige haben sogar einen Brief an meinen Großvater beigelegt. Die Ansprache in den gesamten Zuschriften war sehr persönlich. Aber das ist mein Text ja auch.



Sie arbeiten als freie Reporterin. Wie schaffen Sie den Spagat zwischen schönen, langen, schlecht bezahlten Reportagen und Jobs, die Ihre Miete finanzieren?

Ich habe direkt nach der Evangelischen Journalistenschule Redaktionsschichten gemacht, sodass meine Finanzierung gesichert war. Ich war entweder in der Redaktion oder habe an langen Texten und Radiofeatures gearbeitet. Mein Problem war bisher eher, genügend Zeit für die langen Geschichten zu haben, die ich schreiben möchte. Aber das ist ein Luxusproblem.



Ihr Ziel als Reporterin?

Gute Geschichten zu schreiben.

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Nadine Ahr


Nadine Ahr, geboren 1982, hat in Hannover Geschichte, Politik und Medienwissenschaften studiert. Nach ihrem Studium ging sie für ein halbes Jahr nach Namibia, arbeitete für den Namibian Broadcasting Corporation in Windhoek. Zurück in Deutschland entdeckte sie auf der Evangelischen Journalistenschule (ermöglicht durch ein Stipendium der Süddeutschen Zeitung), dass sie nicht nur gerne Radio macht, sondern fast noch lieber schreibt. Nadine Ahr lebt in Berlin und arbeitet u.a. für DIE ZEIT, sonntaz, die Welt und das rbb-Kulturadio.
Dokumente
Das Versprechen

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 30.01.2012

 

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