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Wolfgang Uchatius „"Ich kann ein Thema leichter durchdringen, wenn ich mich ihm mit einer konkreten Frage nähere"


Lieber Wolfgang Uchatius, herzlichen Glückwunsch! “Die Riester-Bombe” heißt Ihr Text, der 2011 den Reporterpreis in der Kategorie “Beste Reportage” gewonnen hat. Um was geht es in dem Stück?


Es geht darum, dass viele Bundesbürger mit den Beiträgen für ihre Riester-Renten nicht nur ihre Einkommen im Alter finanzieren, sondern auch die Herstellung und den Verkauf von Streubomben, einer völkerrechtlich geächteten Waffenart. Diesen Zusammenhang zwischen Rente und Bomben beschreibe ich am Beispiel meiner eigenen Riester-Versicherung.

Wie ist die Idee dazu entstanden?

Durch das in dem Artikel erwähnte Buch „Die Einkaufsrevolution“. Darin beschreibt die Autorin Tanja Busse den oft unbekannten Entstehungsweg von Alltagsprodukten, vom T-Shirt über das Handy bis zum Investmentfonds. So kam ich auf den Gedanken, mir genauer anzusehen, wie die so genannten Produkte der privaten Altersvorsorge ihre Renditen erwirtschaften. Später habe ich dann festgestellt, dass auch andere Journalisten auf die fragwürdigen Investitionen in Streubomben gestoßen waren. Im WDR zum Beispiel lief ein Beitrag, der sich insbesondere mit der Rolle der Deutschen Bank beschäftigte.

Wie lange haben Sie recherchiert? Sind Sie bei Ihrer Recherche in viele Sackgassen geraten?

Das Ziel war, den Weg des Geldes möglichst detailliert nachzuvollziehen. Das hat etwa drei Monate gedauert, aber natürlich habe ich in dieser Zeit auch an anderen Themen gearbeitet. In eine Sackgasse geriet ich nur, als die Firma Textron mir mitteilte, dass es nicht möglich sei, das Unternehmen zu besichtigen und bei der Produktion der Waffen dabei zu sein. Alles andere wäre auch eine Überraschung gewesen. Glücklicherweise bot die Waffenmesse in Abu Dhabi die Möglichkeit, Textron etwas näher zu kommen.

Wie ging es auf dieser Messe zu?

Waffenmessen folgen denselben Regeln der Präsentation wie andere Messen. Scheinwerfer beleuchten die Produkte, Fachleute erklären, wie sie funktionieren, und die Gäste dürfen gerne mal anfassen. Nur dass die Produkte eben nicht Autos oder Computer sind, sondern Granatwerfer, Maschinengewehre oder Spähpanzer. Und dass viele Besucher nicht Anzug und Krawatte tragen, sondern Uniform und Orden.

Sie treffen einen Libanesen, der durch eine Streubombe ein Bein verloren hat. Wie haben Sie ihn gefunden?

Im Süden des Libanon hat die israelische Armee während des Krieges im Sommer 2006 mehrere Millionen Streubomben abgeworfen, von denen Schätzungen zufolge etwa eine Million nicht explodiert ist. Viele liegen noch heute auf Äckern oder in Gärten herum. Die britische Mines Advisory Group (MAG) ist eine der Organisationen, die die Bomben entschärft. Mitarbeiter von MAG haben mich mit mehreren Opfern von Streubomben in Kontakt gebracht. Der im Text beschriebene Mann ist einer von ihnen.

Ist Ihr Text appellativ, wollen Sie Ihre Leser zum Handeln auffordern?

Ich will sie zum Nachdenken bringen, so wie wahrscheinlich die meisten journalistischen Texte, die über den bloßen Bericht hinausgehen.

Die Jury hat sich mit großer und seltener Einmütigkeit für Ihren Text ausgesprochen. Aber es gab auch zwei beharrliche Kritiker, die dem Text eine gewisse “Wollsockigkeit” unterstellten – ein Gutmenschentum, das zwar edel, aber auch weltfremd ist. Ihr Kommentar?

Mit dem Begriff des Gutmenschentums wird in der Regel der Vorwurf der Scheinheiligkeit oder der Naivität verbunden. Ich halte diese Kritik oftmals für berechtigt. Im Fall der "Riester-Bombe" aber geht es darum, dass die deutsche Bundesregierung einen Vertrag unterschrieben hat, der den Einsatz und die Herstellung von Streubomben international ächtet. Der damalige Außenminister Steinmeier hat auf Pressekonferenzen und in Zeitungsartikeln die weltverbessernde Wirkung dieses Vertrages gepriesen. Gleichzeitig findet die Bundesregierung aber nichts dabei, Steuergeldern in Riester-Produkte zu investieren, bei denen die Beiträge der Sparer unter anderem den Herstellern dieser Waffen zugute kommen. Scheinheilig ist in meinen Augen daher die Bundesregierung und nicht die Kritik an diesem Widerspruch.

Sie zitieren den Einkaufsführer von Tanja Busse. Solche Bücher suggerieren, wir Konsumenten könnten ethisch, ökologisch und sozial korrekt einkaufen. Sind wir damit nicht hoffnungslos überfordert?

Ja, sind wir. Es geht aber nicht darum, einer unerreichbaren Allwissenheit nachzustreben, sondern sich zu informieren, so gut es geht, und sich ein Stück weit danach zu richten.

Gibt es ein richtiges Leben im falschen?

Adornos Satz „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ wird manchmal so interpretiert, dass es egal ist, wie man lebt, da das große Ganze sowieso verkehrt ist. Das ist so ziemlich das Gegenteil dessen, was Adorno gemeint hat, dem es ja darauf ankam, den Sinn dafür zu schärfen, was gut und was schlecht ist. Dass man dabei zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen kann, versteht sich von selbst.

Ihre Reportage ist ein „typischer Uchatius“. Eine einfache Frage, eine gründliche Recherche führen zu einem Text, der wirtschaftliche Zusammenhänge für jeden verstehbar macht. Wie haben Sie diese Form der Wirtschafts-Erklär-Reportage “entdeckt”?

Ich habe schon im Studium oft „Wirtschafts-Erklär-Reportagen“ gelesen, die einem ähnlichen Muster folgten. Generell habe ich irgendwann gemerkt, dass es mir manchmal leichter fällt, ein Thema zu durchdringen, wenn ich mich ihm mit einer konkreten Frage nähere. Wenn es dann noch eine Frage ist, die viele Leute interessiert, habe ich die Hoffnung, dass auch die Leser davon profitieren können.

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Wolfgang Uchatius


Wolfgang Uchatius, geboren 1970 in Regensburg. Studium der Volkswirtschaftslehre und der Politikwissenschaft in München und Leicester. Ausbildung an der Deutschen Journalistenschule in München. 1998 bis 1999 freier Journalist in Berlin. Seit Anfang 2000 bei der ZEIT in Hamburg, erst als Wirtschaftsredakteur, seit 2007 als ressortunabhängiger Reporter. Zahlreiche Auszeichnungen, u.a. Herbert-Riehl-Heyse-Preis und Deutscher Reporterpreis.
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Die Riester-Bombe

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 11.01.2012

 

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