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27.03.17

Konstantin Richter „"Ich habe nach einem Einstieg gesucht, der in medias res geht"

Lieber Konstantin Richter, herzlichen Glückwunsch! Sie haben den Reporterpreis 2011 gewonnen in der Kategorie „Beste Kulturreportage“. Erzählen Sie doch noch einmal kurz – um was geht es in Ihrem Text „Der Kulturkampf“?

Ich habe mehrere Monate lang eine Opernproduktion des Landestheaters Schleswig-Holstein in Flensburg begleitet, von den ersten Konzeptionsgesprächen bis zur Premiere. Das Landestheater steckte währenddessen in finanziellen Schwierigkeiten.

Was war die größte Herausforderung bei der Recherche?

"Der Kulturkampf" ist die längste journalistische Geschichte, die ich je geschrieben habe. Ich habe mich bei der Recherche ständig gefragt, ob das Material ausreichen würde. Am Ende hatte ich mehr als genug.

Warum Flensburg?

Der Intendant des Landestheaters hatte gesagt, dass man den Opernbetrieb dort einstellen müsse, wenn die Subventionen nicht erhöht würden.

Warum eine Langzeitrecherche?

Für die 33000 Zeichen brauchte ich eine klare Struktur mit Anfang und Ende. Es bot sich an, eine ganze Produktion zu begleiten.

Die Jury lobte den umfassenden Röntgenblick, mit dem Sie das Thema Subventionstheater durchleuchten. Sie sprechen mit der Konkurrenz, mit Politikern, mit Zuschauern. Warum dieser breite Ansatz, und kein enger, auf eine Hauptperson ausgerichteter Fokus?

Ich wollte keine klassische Feuilletongeschichte machen, sondern eine Gesellschaftsreportage, da gehören alle Stakeholder dazu, nicht nur die Mitwirkenden.

Protestierende Stadttheater-Mitarbeiter, die in der Flensburger Fußgängerzone den Gefangenenchor aus Nabucco singen. Lächerlich?

Nein, die Demonstrationen waren eine gute Werbung für das Theater und für die Nabucco-Produktion. Ich habe mich aber gefragt, ob die Notlage wirklich so dramatisch war wie die Proteste suggerierten.

Ihre Meinung: Brauchen mittelgroße Städte eine Oper, in der dann die immer gleichen Evergreens aus dem 19. Jahrhundert gesungen werden?

Das kommt drauf an. Wenn die Häuser ausgelastet sind oder besonders gute oder interessante Arbeit leisten, haben sie es auch verdient, finanziert zu werden. In Deutschland hat man sich aber an das Subventionssystem gewöhnt, so dass vielerorts einfach Routine betrieben wird -- ein bisschen Mozart, ein bisschen Puccini, ein bisschen Verdi, dazu pro Saison noch eine zeitgenössische Oper und eine Wiederentdeckung. Ich finde, dass die Finanzierung nicht selbstverständlich sein sollte.

Wenn Sie über den Kulturetat Schleswig-Holsteins verfügen könnten, was würden Sie tun?

Diese Frage muss ich mir zum Glück nicht stellen. Ich wollte mit dem Artikel aber zeigen, dass Kulturausgaben nicht im luftleeren Raum getätigt werden, sondern in einer Beziehung zu anderen Ausgaben stehen. Wer bei Bildung und Sozialausgaben kürzt, sollte sich auch die Kulturetats anschauen.

Sie beginnen Ihren Text mit dem schönen Satz: „Also Nabucco.“ Was zeichnet einen guten ersten Reportage-Satz aus?

Ich habe nach einem Einstieg gesucht, der in medias res geht. Außerdem hat das Wort "Nabucco" einen guten Klang.

Dann folgt eine Art innerer Monolog. Das sieht man selten in Reportagen. Von wem haben Sie sich das abgeschaut?

Ich hatte ursprünglich einen szenischen Einstieg geplant, der mir beim Schreiben immer wieder misslang. Also musste ich mir was anderes einfallen lassen, ein besonderes Vorbild hatte ich nicht. An sich finde ich innere Monologe auch schwierig, ich wollte da keine Tiefenpsychologie betreiben. Hier hatte ich das Gefühl, dass der innere Monolog durch die Zitate, die ich im Notizblock hatte, gedeckt war.

Noch ein schöner Satz: „Wenn Schwandt sich freut, hat er das schiefe Lächeln eines Jungen, der nicht so beliebt ist bei den anderen Jungs, aber schlauer als sie.“ Erfordern solche apodiktischen Urteile Mut?

Ja, weil man mit den Leuten, über die man so schreibt, auch wieder zu tun kriegt. Mit Herrn Schwandt vom Theater Lübeck habe ich nach Erscheinen des Artikels telefoniert. Er fand die Beschreibung wohl nicht so treffend, sagte aber netterweise, seine Frau habe ihn wiedererkannt.

Ihr Ziel als Reporter?

Immer wieder lange Geschichten zu machen.

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Konstantin Richter


Konstantin Richter ist 1971 in Berlin geboren, hat in Edinburgh Englische Literatur und Philosohpie studiert und Journalismus an der Columbia in New York. Als Assistant Editor für die Columbia Journalism Review hat er in New York gearbeitet und als Reporter für das Wall Street Journal in Brüssel. Sein deutschsprachiger Roman "Bettermann" ist 2007 erschienen, das Sachbuch "Kafka war jung und brauchte das Geld -- Eine rasante Kulturgeschichte für Vielbeschäftigte" im Mai 2011.
Links
Der Kulturkampf

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 06.01.2012

 

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