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27.04.17

Uwe H. Martin „"Kategorie der Webreportage beim Reporterpreis ist ein wichtiger Ansporn"

Interview mit dem Reporterpreisgewinner Uwe H. Martin

Lieber Uwe Martin, herzlichen Glückwunsch noch einmal! Sie haben den Reporterpreis gewonnen in der Kategorie „Beste Webreportage“ mit Ihrer... ja, was eigentlich? Audioslideshow?

Ich würde es als Multimedia-Reportage oder Web-Documentary bezeichnen. „Texas Blues“ ist eine Art Fotofilm mit Textelementen, der für die Rezeption im Web geschnitten ist. Im Verhältnis zu einem Dokumentarfilm kommt er sehr schnell auf den Punkt und erzählt in kurzer Zeit eine kleine Geschichte innerhalb eines großen Themas. Vielleicht lässt sich dieser Film am ehesten als eigenständiger Trailer begreifen, der Zuschauer, Leser, User einlädt, etwas über die Sorgen der Baumwollbauern in Texas zu erfahren. Im Gegensatz zu einem klassischen Fernsehbeitrag versucht er aber viel weniger zu erklären, sondern wird bis auf wenige über Texttafeln gelieferte Fakten von den Protagonisten selbst erzählt. Während bei vielen Fernsehformaten Bilder oft nur Illustrationen eines Textes darstellen, sind in guten Multimedia-Reportagen die Bilder gleichberechtigtes Medium, die Informationen transportieren und zugleich Fragen stellen. Gerade der Einsatz von Fotos, die den Strom bewegter Bilder unterbrechen, fordert den Betrachter mehr heraus, den entstehenden Freiraum mit Gedanken zu füllen.

Sie berichten über Baumwollfarmer in den USA. Was hat Sie an dem Thema gereizt?

„Texas Blues“ ist ein Teil einer fünfteiligen Serie über die sozialen und ökologischen Folgen der weltweiten Baumwollproduktion. Andere Teile spielen in Indien, Burkina Faso und am Aral See. Den letzten Teil werde ich im April in Brasilien fotografieren.

Lubbock in West Texas gilt als die Baumwollhauptstadt der Welt. Forschung, Wirtschaft, Lobbygruppen und Bauern arbeiten hier sehr eng zusammen, um auf dem schwierigen Weltmarkt konkurrenzfähig zu bleiben. Die Folgen des massiven Einsatzes von Gentechnik und der hohen Agrarsubventionenen sind für Bauern im Rest der Welt spürbar.

Wie sind Sie auf diese Familie gestoßen?

Nachdem ich zwei sehr große Farmer eine Weile begleitet hatte, die mehr Manager als Bauern sind, stellte mir der Besitzer einer Baumwollfabrik, in der ich gedreht habe, zu der kleinen Familienfarm von Cindy und Doyle den Kontakt her. Von der ganzen Familie wurde ich sehr herzlich aufgenommen.

Wie lange haben Sie vor Ort recherchiert und fotografiert?

Ich war zwei Mal in der Gegend um Lubbock, Texas unterwegs. Das erste Mal zwei Wochen während der Aussaat und den Frühjahrsstürmen und das zweite Mal vier Wochen während der Erntezeit.

Sind Sie mit einem Storyboard hingefahren?

Nein, ich hatte kein Storyboard. Ich hatte eine Idee welche Geschichte ich erzählen wollte. Vor allem aber hatte ich viele Fragen. Ich hatte mich mit dem Thema Baumwolle mehr als ein Jahr lang beschäftigt, bevor ich nach Texas gefahren bin und zwei jeweils siebenwöchige Reportagen in Indien und am Aralsee zu dem Thema fotografiert. Gerade in Indien, wo sich in den vergangenen zehn Jahren etwa 200.000 Bauern das Leben genommen haben spielte das Thema Gentechnik eine wesentliche Rolle. Ich wollte sehen, wie sich dieses Thema in Texas darstellt, wo Gentechnik dazu dient, die Arbeitskosten in einem Hochlohnland zu reduzieren. Die eigentliche Geschichte entwickelte sich durch die Erfahrungen und Recherchen vor Ort.

Wie wichtig ist es bei einer Webreportage, dass Bild und O-Ton Hand in Hand gehen?

Das ist sehr wichtig. Ton-Bild-Scheren können eine Multimediageschichte schnell zerstören. Der Zuschauer verliert den Bezug zur Geschichte und fragt sich nur noch, warum ihm Äpfel gezeigt werden, wenn von Birnen die Rede ist. Im Prinzip braucht man für alles, was im Interview gesagt wird, auch die entsprechenden Bilder. Allerdings sollte man aufpassen, dass das ganze nicht zu einer Art „Sendung mit der Maus“ verkommt, wo ich den Betrachter wie ein kleines Kind an die Hand nehme. Ich denke, dass die Menschen, die sich solche Filme anschauen, auch abstrahieren können. Und so sehr Bilder und O-Ton zusammen passen sollten, so wichtig ist es auch, dass die Bilder nicht nur benutzt werden, um den Text zu illustrieren oder umgekehrt.

Wie lange dauert es, so ein Multimediastück am Rechner zusammen zu bauen?

„Texas Blues“ hat etwa zwei Wochen reine Schnittzeit gebraucht. Im Vorfeld habe ich allerdings das Material (35 Stunden Film und über 7000 Fotos) gesichtet, strukturiert, transkribiert und vor allem abhängen lassen. Ich kann nicht von einer großen Reportage kommen und sofort mit dem Schnitt oder der Bildauswahl beginnen. Ich bin noch viel zu nah dran bin.

Im Alltagsgeschäft bei Magazinaufträgen ist das natürlich notwendig, aber bei meinen eigenen langjährigen Projekten brauche ich oft Monate Abstand, bevor ich mich an das Material setzen kann. Die Alternative dazu ist die Zusammenarbeit mit einem guten Bildredakteur. Diese Partnerschaft findet nur leider kaum noch im Redaktionsalltag statt. Dies ist ein Grund, warum ich fast ausschließlich an meinen eigenen Themen arbeite.

  Bei kleineren Themen, die gut recherchiert und von der Geschichte her anhand eines klaren Storyboards gezielt fotografiert und gefilmt werden, kann man eine Multimedia-Geschichte auch in zwei bis drei Tagen schneiden. Das machen wir z.B. mit den Teilnehmern unserer Multimedia-Workshops, die wir über FREELENS anbieten. Innerhalb von sechs Tagen lernen die Teilnehmer die grundlegenden Techniken kennen, recherchieren und filmen eine kleine Geschichte und schneiden dann in drei Tagen einen kurzen Beitrag. Immerhin zwei dieser Produktionen waren dieses Jahr mit unter den zehn nominierten Geschichten. 

Die Reportage ist Teil eines größeren Projektes über den weltweiten Baumwollanbau und –handel. Warum haben Sie sich ausgerechnet für diese Branche entschieden? Was ist der Erkenntnisgewinn?

Die Baumwolle ist einer der wichtigsten Rohstoffe der Industrialisierung und die Textilindustrie wahrscheinlich der erste globalisierte Industriezweig der Geschichte. Baumwolle durchzieht unser ganzes Leben. Wir tragen seine Fasern auf unserer Haut und bezahlen unseren baumwollgefilterten Kaffee mit aus Baumwolle hergestellten Geldscheinen. Wir nehmen das gepresste Baumwollöl in Kartoffelchips und Salatsoße zu uns, während verarbeitete Baumwollkapseln Geschichte auf Film bannen, uns helfen, unsere Nägel zu lackieren, und Eis cremig zu machen. Gleichzeitig hat der Anbau von Baumwolle in Monokulturen massive soziale und ökologische Folgen. Er verbraucht mehr Agrochemikalien als jede andere Pflanze, viel Wasser – deshalb trocknet der Aralsee aus – und da Baumwolle nicht gleich mit Lebensmitteln in Verbindung gebracht wird, ist sie häufig der Türöffner für den Einsatz von „grüner“ Gentechnik.

Erzählen Sie uns etwas über Ihren Werdegang – und darüber, wie Sie das Thema Multimedia für sich entdeckt haben.

Nach dem Abitur bin ich einige Jahre gereist, bevor ich Fotojournalismus in Hannover studiert habe. Um gute Fotos zu machen, brauche ich viel Zeit; Zeit mich einzulassen, zu lernen, Menschen zu begegnen, sie kennen zu lernen, unsichtbar zu werden und das Erlebte schließlich in Bilder zu übersetzen. Schade ist, dass ich bisher keine schreibenden Kollegen kennengelernt habe, die bereit sind, auf eigenes Risiko längere Zeit an freien Geschichten zu arbeiten. So hatte ich zwar gute Bilder, aber immer fehlten Teile der erlebten Geschichten und der Erzählungen meiner Protagonisten.

Ein Fulbrightstipendium ermöglichte es mir, ein Jahr an der Missouri School of Journalism in den USA zu studieren. Dort lernte ich Brian Storm kennen, einen der Pioniere des Multimedia Storytelling. Er brachte mich auf die Idee, Fotografie mit Toninterviews zu kombinieren. Dadurch hatte ich plötzlich die Möglichkeit, die Menschen ihre Geschichten selbst erzählen zu lassen, was mir mehr Unabhängigkeit schenkte. Hinzu kommt, dass ich dadurch zwangsläufig mehr Zeit vor Ort verbringe, was meinem eigenen Rhythmus des Geschichtenerzählens entgegen kommt.

Üblicherweise fotografiert ein Fotograf, und der Artdirector übernimmt es, die Geschichte zu erzählen. Ist es Ihnen schwergefallen, das Storytelling selbst zu übernehmen?

Ja und nein.

Nein deshalb, weil ich auch mit meiner Fotografie den Anspruch habe, eigenständige Geschichten zu erzählen. Ich recherchiere ebenso wie der schreibende Kollege mein Thema, bevor ich zu fotografieren beginne. Der einzige Unterschied ist, dass er seine Erkenntnisse in Sätze formt und ich in Bilder.

Andererseits war es schwer, aus meinem Material einen Film zu schneiden. Ich habe manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. In dieser Situation war der Austausch mit erfahrenen Kollegen sehr wichtig. Henrick Kastenskov und Poul Madsen vom Bombay Flying Club aus Dänemark haben mir geholfen, die Story immer weiter zuzuspitzen und den Filmanfang zu schneiden. Nachdem ich so die Blockade, mein eigenes Material zu schneiden, aufgelöst hatte ging der Rest dann wie von selbst.

Es fällt auf, dass es beim Reporterpreis ein großes Gefälle gab bei den eingesandten und auch bei den zehn nominierten Multimedia-Arbeiten – das Spektrum reichte von Übungsreportagen bis zu perfekt produzierten Großerzählungen. Warum ist das Bild noch immer so uneinheitlich?
 
Das Multimedia Storytelling ist in Deutschland ein noch relativ junges Medium. Anders als in den USA, wo seit etwa 2005 viele Tageszeitungen mit Multimedia experimentieren, gibt es hier bisher keinen funktionierenden Markt im klassischen Verlagsjournalismus. Entsprechend hängt auch die Ausbildung in diesem Bereich noch hinterher.

Seit etwa zwei Jahren kommt auch in Deutschland Bewegung in die Szene. Kollegen wie Andreas Herzau, Simon Sticker, Frey+Schächtele, Matthias Eberl und die Produktionsfirma 2470-Media treiben gute Projekte voran. An der FH Hannover arbeiten viele Studenten jetzt multimedial, ich unterrichte Kurse an der Henri-Nannen-Schule und der FH Bielefeld und bei dem Fotojournalistenverband FREELENS findet im Januar bereits der elfte sechstägige Multimedia-Workshop statt. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die Qualität der nominierten Arbeiten angleicht. Ich bin mir sicher, dass wir in zwei bis drei Jahren viel bessere und auch mutigere Filme sehen werden. Dass es die Kategorie der Webreportage beim Reporterpreis gibt, ist ein wichtiger Ansporn dafür, neue Formate auszuprobieren.

Diese neuen Formate bieten wundervolle Möglichkeiten, Geschichten zu erzählen und sich einen Namen zu machen, weil die Konkurrenz bisher nicht sehr groß ist. Auffällig ist, dass fast alle guten Multimedia-Geschichten unabhängig von Verlagen entstehen. Viele von ihnen scheinen völlig paralysiert dieses „neue“ Medium Internet anzustarren und sich zu fragen, wie sie darauf reagieren sollen. Dabei haben sie Angst zu investieren. Statt auf Qualität setzen sie auf Wackelvideos oder billigen Fernsehabklatsch. Das meiste, was dort zu sehen ist, ist technisch und inhaltlich schlechter als vieles auf You Tube. Und dann wundern sie sich, warum niemand dafür bezahlen oder eine vorgeschaltete Werbung über sich ergehen lassen will. Gerade diese völlige Erstarrung bietet freien Geschichtenerzählern, Journalisten und Fotografen die Möglichkeit, dieses Feld für sich zu besetzen und damit Kunden jenseits der Verlage zu gewinnen. Um unabhängiger und mit mehr Zeit echte und wichtige Geschichten multimedial zu erzählen.

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Uwe H. Martin


Uwe H. Martin arbeitet an selbstrecherchierten Langzeitdokumentationen über ökonomische, ökologische und medizinische Themen. Seit 2007 realisiert er die multimediale Reportage White Gold über die sozialen und ökologischen Auswirkungen der globalen Baumwollproduktion, die Fotografie und Dokumentarfilm miteinander kombiniert. In seinem neuen Projekt LandRush untersucht er im Rahmen des von ihm mitinitiierten internationalen Kunst- und Forschungsprojekts Supply Lines - Visions of Global Resource Circulations die Folgen von großen Landinvestitionen und der Industrialisierung der Landwirtschaft in Äthiopien, Brasilien und Indonesien. In Mombasa, Kenia hat er das Hilfs- und Dokumentarprojekt Aggreys Traum ins Leben gerufen. Neben seiner fotografischen Praxis schreibt Uwe H. Martin für das Freelens Magazin über internationale Medienthemen und Multimediajournalismus. Er unterrichtet Fotografie und Multimedia Storytelling an der Henri-Nannen-Schule, der Akademie für Publizistik in Hamburg, der FH Bielefeld und den Freelens Workshop „Multimedia Produktion für Fotojournalisten“.
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Texas Blues

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 03.01.2012

 

Kommentare

Mavrick, 25.04.2016, 03:04 Uhr:

Tht'as going to make things a lot easier from here on out.

Manfred, 06.01.2012, 18:34 Uhr:

In dem Interview kommen sehr gut die interessanten Möglichkeiten mit multimedialen Mitteln Geschichten zu erzählen rüber – aber auch die verpassten Chancen. Wenn man das Potential eindrucksvoller Reportagen von Fotografen – darunter MAGNUM Größen – mit den Inhalten komerzieller Onlineportale vergleicht, klafft schon eine gehörige Lücke.

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