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20.09.17

Ulrike Demmer „Sechs Monate zähes Ringen mit dem Apparat



Liebe Ulrike Demmer, herzlichen Glückwunsch! Sie schreiben in Ihrer preisgekrönten Reportage über die Absurditäten der Bürokratie im deutschen Verteidigungsministerium. Wie sind Sie auf das Thema gestoßen?

Ich bin im Spiegel-Hauptstadtbüro zuständig für Verteidigungspolitik. Ich verfolge seit zweieinhalb Jahren, was im Ministerium passiert und dort entschieden wird. Die Soldaten selbst lästern unablässig über die „Schlangengrube“, in der sie arbeiten. Dass sich die Mitarbeiter dort gegenseitig behindern, ist seit Jahrzehnten bekannt. Beschrieben hatte das aber noch niemand.

Wie ist die Recherche abgelaufen?

Das war ein monatelanges Bitten und Betteln. Die zivile Spitze des Hauses, die Staatssekretäre und den Chef des Planungsstabes zu sprechen, das war noch relativ unkompliziert. Aber die Generäle wollten in vielen Fällen gar nicht mit mir reden. Einige konnte ich auf offiziellen Empfängen dann doch dazu überreden. Ich habe alle meine Gesprächspartner darum gebeten, mir anhand von Beispielen zu beschreiben, was so schief läuft im Ministerium. Doch diese Beschreibungen waren in der Regel völlig unbrauchbar, weil die Sachverhalte so komplex sind und die Erinnerung an die Abläufe zu vage. Glücklicherweise habe ich dann irgendwann eine Akte in die Hände bekommen, in der ein Vorgang von Anfang bis Ende abgeheftet war. Nach ein paar Monaten erfuhr ich dann von der Ad-Hoc-Arbeitsgruppe, die eingerichtet worden war, um die verkorksten Strukturen des Hauses zu umgehen. Die habe ich dann über Monate hinweg immer wieder besucht. Irgendwann war das Vertrauen so groß, dass sie mich tatsächlich auch mal an einer ihrer Schaltkonferenzen haben teilnehmen lassen.

Was ist die besondere Herausforderung, wenn man eine Institution porträtiert?

Es ist nicht so leicht, Bürokratie konkret und spannend zu beschreiben.

Was ist Ihnen beim Schreiben schwer gefallen?  

An der Geschichte war eher die Recherche schwer. Als ich das Material zusammen hatte, lies sie sich relativ leicht aufschreiben.

Welche Reaktionen gab es damals auf die Reportage?

Viele Soldaten fanden es gut, dass das endlich mal einer aufgeschrieben hat. Ich vermute, dass diese Begeisterung nicht von allen im Ministerium geteilt worden ist. Ich bin aber nie offen dafür kritisiert worden.  

Bei der Jurysitzung tauchte die Frage auf, ob Sie bei der Telefonkonferenz zwischen Berlin und Bonn dabei gewesen sind, im “Bendlerblock, Haus 7, Raum 6108” - oder ob die Szene rekonstruiert ist?

Selbstverständlich war ich persönlich in der Sitzung. Hätte mich die Jury gefragt, hätte ich diesen Zweifel sofort ausräumen können. Ich glaube nicht, dass man eine solche Schaltkonferenz hätte rekonstruieren können. Wer hätte mir das beschreiben sollen. Den Soldaten und Beamten fällt ja gar nicht mehr auf, wie absurd das ist, was sie da tun. Es ist ja deren Alltag. Deshalb dachte ich von Anfang an, dass es wichtig ist, irgendeine Sitzung mal selbst zu erleben. Sechs Monate zähes Ringen mit dem Apparat, unendlich viele Telefonate, vertrauensbildende Gespräche, unablässiges Quengeln - dann war ich drin in diesem Sitzungsraum und konnte es selbst kaum fassen. Wahrscheinlich hat es überhaupt nur geklappt, weil der damalige Verteidigungsminister Karl Theodor zu Guttenberg und sein Pressesprecher gerade sehr mit den Fußnoten einer Doktorarbeit beschäftigt waren. Die Sitzung fand ein paar Tage vor Guttenbergs Rücktritt statt.

Die Jury war allerhöchst angetan von der Recherchetiefe deines Textes – aber es gab leise Kritik am Einstieg. Sie beginnen mit einem anderthalb Spalten langen Gespräch mit Verteidigungsminister Thomas de Maizière. Warum so?

De Maizière ist der Herr des Hauses, der Mann, der diesen Schlamassel jetzt reformieren soll. Das fand ich einen guten Spannungsbogen.

Sie beschreiben eindrucksvoll, wie sehr die lähmende Bürokratie. Glauben Sie, das Verteidiungsministerium ist reformierbar hin zu einer effizienten Organisation?    

Nein.

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Ulrike Demmer


Ulrike Demmer, geboren 1973 in Solingen, arbeitet seit 2009 im Haupstadtbüro des "Spiegel" als Korrespondentin für Verteidigungs- und Sicherheitspolitik. Nach dem Studium der Rechtswissenschaften in Bonn und Berlin war sie zunächst Redakteurin bei Radio EINS, besuchte die Berliner Journalistenschule und absolvierte anschließend ein Redaktionsvolontariat beim ZDF in Mainz. Nach zwei Jahren als Redakteurin und Reporterin beim Morgenmagazin wechselte sie 2006 als Redakteurin im Ressort Deutschland II zum Spiegel.
Links
Die Ritter der Drachenburg

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 09.12.2011

 

Kommentare

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