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Dirk Kurbjuweit „Das Seminyak-Stipendium

Nachtrag 15.9.2011

Hier ein Interview mit Dirk Kurbjuweit zum Stipendium.



Nachtrag 8.9.2011


Claus Kleber vom ZDF hat sich spontan entschlossen, ebenfalls 5000 Euro für das Seminyak-Stipendium zu spenden. Wir können nun also zwei oder vier Stipendien vergeben. Ich finde das großartig und danke Claus Kleber sehr. Darüber hinaus werden wir das Stipendium erst einmal nicht erweitern, da wir erst Erfahrungen sammeln müssen. Im kommenden Jahr werden wir dann womöglich noch einmal erweitern, falls sich weitere Spender finden. DK




Originaltext 5.9.2011

Seminyak ist ein kleiner Ort auf der indonesischen Insel Bali. Es gibt einen schönen Strand, aber der Ort selbst ist keine Schönheit, überquellender Tourismus hat ihn geprägt. Gleichwohl kann man dort entspannte Tage verbringen. Im April war ich in Seminyak, weil ein Freund, Korrespondent in Indonesien, dort seine Hochzeit gefeiert hat. Es waren einige Journalisten dort, und natürlich haben wir viel über Journalismus geredet. In letzter Zeit sind solche Gespräche oft deprimierend. Die Print-Journalisten rechnen aus, ob es Print bis zur ihrer Rente noch geben wird. Die Online-Journalisten fragen sich, ob sie jemals den Lebensstandard und die Arbeitsbedingungen von Print-Journalisten erreichen werden. Der Strukturwandel macht uns unsicher und pessimistisch.

Solche Gespräche gab es auch in Seminyak, aber sie stehen immer im Kontrast zu meinen persönlichen Erfahrungen mit dem Journalismus. Ich habe Glück gehabt, ich wurde 1962 geboren, früh genug, um einen finanziell gut ausgestatteten Journalismus erleben zu können. Und ich war immer bei Medien, ZEIT und SPIEGEL, die sich aufwendige Recherchen leisten konnten und können. In Seminjak fiel mir ein, dass ich davon etwas weitergeben könnte, ein bisschen spät vielleicht, aber immerhin folgte den ersten Überlegungen ein rascher Entschluss: Ich möchte in Zusammenarbeit mit dem Reporterforum ein Recherchestipendium einrichten, und es soll Seminyak-Stipendium heißen. Dort wurde die Idee geboren, und Seminyak kann sowohl Sehnsuchtsort sein als auch der Schauplatz einer harten journalistischen Recherche über die Folgen von Tourismus. Für mich ist Journalismus ein Arbeits- und ein Sehnsuchtsberuf. Der Sehnsucht nach Erkenntnissen über das Ferne, Fremde, Verborgene folgt die Arbeit.

Ich rede häufig mit Journalistenschülern, und im SPIEGEL-Büro sind immer wieder Praktikanten, die zum Teil schon bei Regionalzeitungen gearbeitet haben. Sie berichten mir, dass es fast unmöglich sei, aufwendige Recherchen zu machen, weil sie niemand bezahlen will oder kann. Ähnliches erzählen Kollegen selbst von großen Zeitungen. Am Rechercheetat wird offenkundig gerne gespart. Jeder weiß, dass sich die Welt mehr und mehr vernetzt und rasend schnell zusammenwächst. Internet, Klimawandel, Terrorismus, Finanzmärkte - das sind schon vier starke Kräfte, die uns abhängig machen von dem, was in weiter Ferne geschieht. Wir haben zum Beispiel 2008 lernen müssen, dass unser Wohlstand bedroht ist, wenn Hausbesitzer in Oklahoma oder Michigan unsolide wirtschaften. Und neuerdings hören wir genau zu, wenn Nachrichten aus dem kleinen Griechenland verlesen werden.

Früher hat man gerne den Witz gemacht, dass einen dies oder jenes genauso interessiere, als wäre in Peking ein Fahrrad umgefallen. Gemeint war ein Interesse von Null. Ich habe diesen Witz lange nicht mehr gehört. Vielleicht ist man sich nicht mehr so sicher. Vielleicht sollte mal jemand hingehen und nachschauen. Wer weiß, was in einer globalisierten Welt alles passieren kann, wenn ich Peking ein Fahrrad umfällt.

Für mich ist es ein schwer erträglicher Gedanke, dass die Welt rasch zusammenwächst, der Journalismus aber nicht Schritt halten kann, weil kaum ein Verlag aufwendige Recherchen finanzieren will. Wir könnten dann den Anspruch, die kontrollierende Gewalt zu sein, nicht mehr aufrecht erhalten.

2001 habe ich mit meinem Kollegen Dietmar Hawranek eine Geschichte über DaimlerChrysler recherchiert. Die beiden Unternehmen hatten fusioniert und dann noch Mitsubishi mit ins Boot geholt. Der Konzern-Chef Jürgen Schrempp behauptete, dieses Gebilde habe eine wunderbare Zukunft vor sich. Dietmar Hawranek und ich waren in Auburn Hills bei Chrysler, in Tokio bei Mitsubishi und in Stuttgart bei Daimler-Benz. Wir waren in Rom, in Sindelfingen, in Los Angeles, in Graz. Am Ende hatten wir den Eindruck, dass dieses Gebilde nicht gut funktionieren wird, weil die Autokulturen der drei Länder zu verschieden sind. Es ist so gekommen, der Konzern fiel auseinander. Diese Geschichte hat dem Reiseetat des SPIEGEL eine Menge zu verdanken. Wir konnten zu unseren Erkenntnissen nur kommen, weil wir mit Amerikanern, Japanern und Deutschen geredet und ihre jeweiligen Auto-Welten erlebt haben. Wir brauchten das Gespräch und die Anschauung, um zu einem kompetenten Urteil kommen zu können. Reporter können anders nicht arbeiten.

Ich will nicht einem bombastischen Journalismus das Wort reden. Ich weiß, dass man mit einem Straßenbahn-Ticket enorm wichtige und wunderbare Geschichten recherchieren kann. Ich finde sie immer wieder in den Zeitungen und Zeitschriften. Dieser Journalismus ist nicht bedroht. Selbst eine verarmte Zeitung wird lesenswert sein, wenn sie gute Reporter hat, die in ihrer Umgebung Augen und Ohren offenhalten.

Ich habe aber den Eindruck, dass sich die aufwendige Recherche auf ganz wenige Medien konzentriert, und das finde ich bedauerlich und auch ein bisschen bedrohlich. Eine kleine Antwort darauf soll das Seminyak-Stipendium sein. Da mein Einkommen auch das Einkommen meiner Familie ist, kommt das Stipendium von mir, von meiner Frau Bettina und unseren Kindern Marja und Jonas. Sie haben in Seminyak als erste von dieser Idee erfahren und tragen sie gerne mit.

Ich habe keine Erfahrung mit einer solchen Sache. Ich habe, ehrlich gesagt, ein bisschen Angst vor bürokratischen Hemmnissen, vor Missbrauch und allen möglichen Pannen. Aber ich bin auch zuversichtlich und fest entschlossen, das Seminyak-Stipendium in den nächsten Jahren zu einem Erfolg zu machen.

Ich freue mich auf Ihre Bewerbungen und danke dem Reporterforum für die Unterstützung.

Herzlich,

Dirk Kurbjuweit

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Dirk Kurbjuweit


Dirk Kurbjuweit, geboren am 3. November 1962 in Wiesbaden. Abitur 1982 in Essen, Zivildienst in einem Pflegeheim der Arbeiterwohlfahrt Essen, Kölner Journalistenschule, Studium der Volkswirtschaft in Köln, Diplom im Herbst 1989. Redakteur der ZEIT von 1990 bis 1999, Reporter beim SPIEGEL von Herbst 1999 bis Sommer 2007, Büroleiter beim SPIEGEL in Berlin seit Sommer 2007. Kurbjuweit ist verheiratet und hat zwei Kinder. Egon-Erwin-Kisch-Preis für die beste Reportage 1998 und 2002
erschienen in:
Reporter-Forum,
am 05.09.2011

Die Bedingungen

Das Stipendium soll in jedem Jahr eine Recherche in Deutschland oder im Ausland bis zu einer Summe von 5000 Euro finanzieren. Es kann geteilt werden in zwei Stipendien zu je 2500 Euro.

In der Jury sitzen Nils Minkmar von der Frankfurter Allgemeinem Zeitung, Ariel Hauptmeier von Geo und ich. Der oder die Träger des Stipendiums werden, soweit sie das wünschen, von mir betreut, bis es einen druckbaren Text gibt.

Das Höchstalter liegt bei 35 Jahren.

Es soll um Geschichten gehen, die für ein Print-Medium vorgesehen sind.

Reise-Reportagen werden nicht gefördert, es soll um harte Recherchen gehen.

Es können sich freie und angestellte Journalisten bewerben, ausgeschlossen sind Redakteure von überregionalen Zeitungen und großen Magazinen.

Einen Abdruck der Geschichte(n) im SPIEGEL wird es nicht geben.

Die erste Hälfte des Stipendiums wird sofort ausgezahlt, die zweite Hälfte nach einem ersten Recherchebericht, der mit Belegen unterfüttert sein sollte. Geld, das nicht abgerufen oder zurückgezahlt wird, fließt in den Topf des folgenden Jahres.

Einsendeschluss für Bewerbungen ist der 15. Oktober 2011, die Entscheidung der Jury wird im November fallen.

Die Jury braucht: einen Lebenslauf, ein Expose der Geschichte mit Angaben zu einem Medium, das für diesen Text infrage kommt, einen Rechercheplan, eine Kostenschätzung. Das alles soll maximal je eine Seite umfassen. Dazu hätten wir gerne drei Textproben.

Adresse: Dirk_Kurbjuweit@spiegel.de oder: Der Spiegel, Hauptstadtbüro, Pariser Platz 4a, 10117 Berlin

 

Kommentare

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