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20.09.17

Theorie

Nora Berning „Wie Reporter erzählen

Die in diesem Interview erwähnten Texte sowie alle anderen für den Reporterpreis 2009 nominierten  Reportagen finden sich in dem in der rechten Spalte downloadbaren Reader

Welche narrativen Strategien wenden Reporter an? Das ist die Frage, die die junge Literaturwissenschaftlerin Nora Berning umgetrieben hat. „Narrative Means to Journalistic Ends – A Narratological Analysis of Selected Journalistic Reportages“ heißt ihre Studie. Grundlage: jene 25 Reportagen, die 2009 für den Deutschen Reporterpreis nominiert waren. Ariel Hauptmeier hat sich per E-Mail mit der Autorin unterhalten. Erfuhr, dass Erzählstücke die Bindung eines Lesers an sein Blatt befördern, lernte, was "hybride Erzählformen" sind. Und fand eine Beobachtung von Frau Berning besonders interessant. Sie sagte, dass die „erzählerische Kategorie, mit der ein Journalist seine Leser am ehesten beeindrucken kann“ – der Raum ist.  

Liebe Frau Berning, was genau haben Sie in Ihrer Arbeit untersucht?

In meiner Studie geht es darum, die journalistische Textsorte ‚Reportage‘ im Hinblick auf Erzählstrukturen einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. In einschlägigen Handbüchern des Journalismus wird die Reportage gemeinhin als eine ‚narrative‘ Textsorte beschrieben. Auch das Reporterforum spricht im Zusammenhang mit der Reportage von glänzend geschriebenen, ‚großen Erzählstücken‘. Doch was bedeutet Erzählen im Journalismus überhaupt? Welche narrativen Strategien bzw. Erzählmuster wenden Reporter an, wenn sie Geschichten erzählen? Dies sind Fragen, mit denen ich mich wissenschaftlich auseinandersetze und auf die ich in meiner Untersuchung mit Hilfe der Erzähltheorie Antworten suche. Die Erzähltheorie, auch Narratologie, ist eine interdisziplinär ausgerichtete Methode der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften, die mittels unterschiedlicher Analysekategorien genau jene narrativen Elemente zu fassen versucht, die an der Reportage oft so faszinierend sind.  

Wenn es richtig ist, dass die Reportage in erster Linie eine Textsorte ist, die durch ihre Narrativität besticht und den Leser folglich durch die ihr immanente Erzählkraft in den Bann zu ziehen vermag, dann eröffnen sich für Journalisten, die auf eine kreative Weise mit den Erzählstrukturen umzugehen wissen, eine Reihe von Perspektiven. Studien im Bereich der Kognitionswissenschaft beispielsweise haben gezeigt, dass Leser insbesondere Geschichten im ‚Story-Format‘ besser und schneller verarbeiten können und auch länger im Gedächtnis behalten.

Interessant. Können Sie das erläutern?

Vor allem im anglo-amerikanischen Raum hat in den letzten Jahren ein Wissenschaftszweig, der sich Psycho-Narratologie nennt, einen starken Boom erfahren. Die Psycho-Narratologie ist eng an die Kognitionswissenschaften angegliedert und untersucht die kognitive Verarbeitung narrativer Darstellungsformen.

Bei Studien, die sich damit beschäftigen, wie lange bestimmte Informationen im Gedächtnis des Lesers abgespeichert werden, handelt es sich in der Regel um Langzeitstudien. Und es gibt Text-Experimente, bei denen Testpersonen Zeitungstexte lesen, die sich mit ein und demselben Thema beschäftigen, dieses jedoch textuell unterschiedlich aufbereiten.

Denkbar wäre also zum Beispiel ein Versuchsaufbau, bei dem eine Untersuchungsgruppe sich mit Texten befasst, die dem Prinzip der umgekehrten Pyramide folgen (wie eine Nachricht), während eine andere Gruppe von Lesern Texte zum gleichen Thema liest, die im ‚Story-Format‘ geschrieben sind. Im Verlauf des Experiments wird die Aufnahme und Verarbeitung von Inhalten bzw. die Reaktion des Lesers auf den Text untersucht.

In den USA hat in erster Linie das Readership Institute der Northwestern University eine Reihe breit angelegter, einschlägiger Studien zu diesem Thema veröffentlicht. Die Ergebnisse, die aus diesen Studien hervorgehen, weisen nicht nur darauf hin, dass narrative Textsorten beim Leser besonders gut ankommen, sondern lassen ferner darauf schließen, dass Narrativität durchaus auch zu Umsatzsteigerungen bei Zeitungen führen kann. Dies ist schon allein deshalb nicht unerheblich, weil die Zahl der Zeitungsleser gerade in den USA seit Jahren rückläufig ist.

Zurück zu Ihrer Arbeit. Was sind deren Ergebnisse?

Zu den Ergebnissen meiner eigenen Untersuchung zählt, dass in gewissen Reportage-Typen ein und dieselben Erzählmuster immer wieder auftauchen. Reportagen, die bestimmte Kombinationen ausgewählter narrativer Strategien aufweisen, bezeichne ich in meiner Studie als ‚Prototypen‘. Ich unterscheide in diesem Zusammenhang zwischen Portraits, Event- und Milieureportagen.

Ein Portrait ist eine besondere Form der Reportage, da es hier in erster Linie um die Beschreibung einer Person geht. Für einen Reporter stellt sich z.B. die Frage, ob die Person in erster Linie durch den Erzähler oder durch andere in der Reportage auftauchende Personen beschrieben werden soll.

In einem prototypischen Portrait, wie Dirk Kurbjuweits Reportage ‚Der Schattenmann‘, nimmt der Protagonist, der CDU-Politiker Philipp Mißfelder, den größten Platz ein. Kurbjuweit, der den mühsamen Aufstieg des Politikers nachzeichnet, indem er Mißfelder zu zweitrangigen Polit-Veranstaltungen begleitet und dabei einen Blick hinter die Kulissen wirft, skizziert in ‚Der Schattenmann‘ den Zustand des Menschen in der Politik. Die Beschreibung der räumlichen Anordnung der Geschehnisse tritt dabei weitgehend in den Hintergrund. Die Reportage folgt einer anti-chronologischen Erzählstruktur. Durch eine besondere Form des Erzählens, nämlich durch einen multiperspektivischen Zugriff auf die Person Mißfelder, gelingt Kurbjuweit ein detailliertes Charakterportrait des Politikers. D.h. Mißfelder wird nicht allein aus dem Blickwinkel des Erzählers, sondern von einer ganzen Reihe von Personen, mit denen er sich als Politiker tagtäglich umgibt, beschrieben.

Eine prototypische Event-Reportage, wie Holger Witzel sie uns mit ‚Endstation‘ liefert, ist hingegen durch eine stärker an der Chronologie der Ereignisse orientierten Erzählweise gekennzeichnet. Die Reportage befasst sich mit der Ausstellung ‚Körperwelten‘. Witzel begleitete Gunther von Hagens, der die Leichen eigenhändig plastiniert, bei seiner Arbeit an zwei Menschen, die ihren Körper für die Ausstellung in Heidelberg spendeten und zu Prunkstücken der Schau wurden. Anders als in Kurbjuweits Reportage ist es hier primär der Erzähler (und nicht etwa andere Figuren), durch den die Person Gunther von Hagens Gestalt annimmt.

Eine typische Milieureportage ist Ullrich Fichtners ‚Die letzte Schlacht‘. Die Reportage ist eine Bestandsaufnahme der Lage in Afghanistan, wie sie sich ein halbes Jahr vor den Wahlen im September letzten Jahres dargeboten hat. In dem Text steht die erzählerische Ausgestaltung des Raumes im Vordergrund. Obgleich der Raum, also der Ort der Geschehnisse, auf ganz unterschiedliche Weise in diesen Reportagen erfahrbar gemacht wird, sind die beiden Texte insofern doch miteinander verwandt, als die räumliche Ordnung in einem Spannungsverhältnis mit anderen Erzählmustern steht. Diese sind wiederum auf eine ganz bestimmte Weise kombiniert und in eben jener Kombination auch nur in der Milieu-Reportage auffindbar.

Die Verwendung bestimmter Erzählmuster und insbesondere deren Kombination fallen dem flüchtigen Zeitungsleser zumeist nicht auf. Und auch nur jene Journalisten, die einen Blick für narrative Strategien und Erzählmuster entwickeln, können meiner Ansicht nach auf eine produktive und wirkungsvolle Weise die erzählerische Kraft der Reportage voll und ganz ausschöpfen.

Aber auch wenn prototypische Reportagen ihren Reiz haben, sollten Reporter gleichwohl auf der Hut sein, narrative Strategien unreflektiert zu gebrauchen. Besser scheint es, solche Strategien innovativ miteinander zu kombinieren, da sich sonst bestimmte Erzählmuster auf Dauer abnutzen könnten. In diesem Sinne kann meine Studie auch als Angebot an Journalisten gelesen werden, sich mit den Analysekategorien der Erzähltheorie, die ja quasi ihr täglich Brot sind, einmal genauer zu beschäftigen und im Prozess des Schreibens damit zu experimentieren.

Habe ich das richtig verstanden – Sie unterscheiden also, wie in der fiktionalen Literatur, zwischen Erzähler und Autor?

Ja, das könnte man so sagen. Allerdings handelt es sich bei dem Begriff des Erzählers zunächst einmal nur um ein analytisches Konstrukt. Denn im Unterschied zur Literatur kann der Erzähler in nicht-fiktionalen Texten mit dem Autor quasi gleichgesetzt werden. Eine solche Kongruenz zwischen Autor und Erzähler ist außer in journalistischen Textsorten sonst nur in Autobiografien anzutreffen. Darüber hinaus kann man, anders als in fiktionalen Erzählungen, im Hinblick auf journalistische Texte bestimmte Analysekategorien, die mit der Figur des Erzählers verbunden sind, von vornherein ausschließen. Beispielsweise geht man davon aus, dass ‚unzuverlässiges Erzählen‘, also Texte, in denen der Erzähler den Leser bewusst hinters Licht führt, so im Journalismus nicht vorhanden sind.

Warum haben Sie als Textgrundlage die 25 für den Reporterpreis nominierten Reportagen gewählt?

Es gibt in Deutschland eine Reihe von Journalistenpreisen, die die Reportage als eine Kategorie unter vielen berücksichtigen. Doch keiner dieser Preise schenkt der Reportage, die meines Erachtens ein noch immer unterschätztes Gegengewicht zu einem Journalismus darstellt, der sich am Prinzip der umgekehrten Pyramide orientiert, ein angemessenes Maß an Aufmerksamkeit. Der Reporterpreis besticht durch einen ergiebigen Pool an Texten, die allesamt in jüngster Zeit erschienen sind und von einer aus anerkannten Journalisten zusammengesetzten Jury ausgewählt wurden.

Lassen Sie uns doch noch einmal ins Detail gehen – können Sie noch mal, anhand einzelner Texte, Ihre Beobachtungen erläutern?

Alle Texte habe ich anhand von drei zentralen Analysekategorien untersucht: Raum, Zeit und Charakterisierung. Zusätzlich habe ich mich mit der Rolle des Erzählers intensiv auseinandergesetzt. In der Erzähltheorie gibt eine ganze Reihe von unterschiedlichen Zugriffsweisen auf diese Kategorien. Ich habe mich in meiner Untersuchung auf solche Theorien gestützt, denen binäre Modelle zugrundeliegen. Bei dieser Herangehensweise werden grundsätzlich Fragestellungen in den Mittelpunkt gerückt, bei denen es nur zwei zur Auswahl stehende Alternativen gibt.

Konkret heißt das im Falle der erzählerischen Vermittlung des Raumes, dass man alle Textstellen in den Reportagen, die sich in irgendeiner Form mit der räumlichen Darstellung der Geschehnisse auseinandersetzen, auf die Frage hin untersucht, ob es sich dabei um einen ‚Aktionsraum‘ oder einen ‚gestimmten Raum‘ handelt. Ist der Raum bloß Tableau und fungiert er lediglich als Resonanzfläche für die Gefühle der in ihm handelnden Personen? Oder aber ist der Raum ein aktiver Raum, der mit Leben ausgestattet ist, in dem gehandelt wird?

Was die zeitliche Abfolge der Geschehnisse anbelangt, gestaltet sich der Sachverhalt zumindest auf den ersten Blick verhältnismäßig einfach. Im Zentrum der Untersuchung von Zeit steht zunächst einmal die Frage, ob sich in den Reportagen eine chronologische Abfolge der Geschehnisse beobachten lässt. Da dem zumeist nicht so ist, gilt es, sich genauer mit der sequentiellen Abfolge der Ereignisse auseinanderzusetzen. Häufig wird das dadurch erschwert, dass zeitliche Dimensionen gänzlich unerwähnt bleiben oder aber ein zeitlich gesehen hoch komplexer Handlungsstrang skizziert wird.

Narratologen unterscheiden außerdem zwischen Erzählzeit und erzählter Zeit. Erzählzeit bezieht sich auf die reale Zeitspanne, d.h. die Dauer der Lektüre eines Textes, während mit der erzählten Zeit die Dauer des erzählten Geschehens gemeint ist. Es gilt also, das Verhältnis zwischen diesen beiden Zeiten herauszufinden. Dieses Verhältnis lässt dann beispielsweise Rückschlüsse auf das Erzähltempo zu.

Was die Charakterisierung von Personen in den Reportagen anbelangt, hat mich vor allem die Frage interessiert, ob Charaktere in erster Linie von anderen in der Erzählung auftauchenden Figuren beschrieben werden oder ob sie primär durch den Erzähler bzw. den Autor des Textes charakterisiert werden.

Um ein ganzheitliches Bild der Erzählkategorien in den Reportagen zu entwerfen, habe ich im Anschluss an die Untersuchung einzelner Kategorien die Ergebnisse miteinander in Beziehung gesetzt. Denn ich wollte wissen, ob es bestimmte Kombinationen von Erzählkategorien gibt, die häufiger auftauchen als andere. Dabei kam heraus, dass 12 von 25 Reportagen, also fast die Hälfte der Texte, dieselbe Kombination von Erzählmustern aufweisen. Die von den Reportern am häufigsten verwendete Kombination ist eine Mischung aus figuraler Charakterisierung und anti-chronologischer Erzählstruktur. Die temporale Ordnung der Geschichte ist in der Regel sehr komplex, während die erzählerische Vermittlung des Raumes, also der Ort, an dem sich die Handlung ereignet, in den Hintergrund tritt.

Pardon, das habe ich jetzt nicht ganz verstanden. Könnten Sie einige Beispiele geben?

Anita Blasbergs Reportage ‚Ein Hass, größer als aller Schmerz‘ ist ein besonders eingängiges Beispiel für die Verwendung figuraler Charakterisierung. In der Reportage geht es um eine junge Palästinenserin, die bei ihrem Selbstmordattentat eine junge Israelin tötet. Im Mittelpunkt der Geschichte steht das Treffen der beiden Mütter der Verstorbenen, das sich Jahre nach dem tragischen Unglück ereignet. Der nachfolgende Dialog zwischen den beiden Hauptfiguren Avigail und Um Ayat zeigt, dass es möglich ist, ein fesselndes Charakterbild zu entwerfen, das einzig und allein durch die Figuren selbst hervorgerufen wird. Der Erzähler tritt in diesem Textausschnitt gänzlich hinter die beiden Frauen zurück und überlässt ihnen die Bühne für ihre verbale Konfrontation, in der sich der Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern beispielhaft spiegelt:  

Avigail: ‘Um Ayat, selbst wenn ich meine Tochter hätte zwingen wollen, jemanden zu töten, wäre sie nicht dazu imstande gewesen. Weil sie wusste, dass töten falsch ist.’ Um Ayat: ‘Weil deine Tochter alles hatte und nicht unter Besatzung gelebt hat. Du redest von einer sehr komfortablen Warte aus.’ Avigail: ‘Du machst die Besatzung für alles verantwortlich. Aber um das Problem zu lösen, müsstest du bei dir selbst anfangen!’ Um Ayat: ‘Ich gebe dir recht. Aber unsere Lebensrealitäten sind sehr verschieden. Die Verbrechen sind nicht zu beschreiben! Morde - Bombardements - Zerstörungen! Das hat Ayat verrückt werden lassen!’ Avigail: ‘Du hast viel Hass in dir.’ Um Ayat: ‘Wie kann ich dich lieben, wenn du mir mein Land gestohlen hast, meine Heimat? Du musst begreifen: Wo Besatzung ist, ist auch Widerstand!’ Avigail: ‘Das verstehe ich nicht. Kein Widerstand, nichts ist wichtiger als das Leben.’

Eine anti-chronologische Zeitstruktur findet sich exemplarisch in ‚Die Bewährungsprobe‘, eine Reportage, die sich eindringlich und feinfühlig zugleich mit dem Blutbad von Winnenden auseinandersetzt. Die Reportage lässt den Amoklauf von Winnenden am 11. März 2009, bei dem Tim K. fünfzehn Menschen erschoss, noch einmal Revue passieren. In der Geschichte kommen die Eltern der Opfer zu Wort, und die zeitliche Handlungsabfolge wird immer wieder durch die Darstellung von Träumen der Betroffenen unterbrochen. Durch das Stilmittel des Traums entwerfen die Autoren eine Parallelwelt, die fast schon die Funktion eines ‚kollektiven Gedächtnisses‘ übernimmt. Im Verlauf der Reportage werden dem Leser immer wieder Einblicke in diesen imaginären, von der eigentlichen Handlungskette losgelösten und sehr persönlichen ‚Nicht-Ort‘ geboten.

Ein Traum: Da steht die Tochter. Wo bist du, fragt die Mutter, warum kommst du nicht zurück? Die Tochter: Du weißt, dass ich nicht zurückkommen kann. Ich fühle mich gut, wo ich bin. Ich bin ganz ruhig. […] Ein Tag wirkt nach Wie der 11. März verblasst: Die Übertragungswagen stehen jetzt woanders. Winnenden, Winnenden, man kann’s nicht mehr hören, es gibt doch auch anderes; solche Stimmen gibt es jetzt öfters. Aber in Wahrheit ist nichts vorbei.

In Bezug auf die erzählerische Vermittlung des Raumes gilt es, grundsätzlich zu unterscheiden zwischen Reportagen, in denen räumliche Aspekte fast gänzlich in den Hintergrund treten, und solchen, in denen die Beschreibung des Ortes eine zentrale Rolle spielt. Annabel Wahbas Reportage ‚Der letzte Chat‘ orientiert sich am aristotelischen Prinzip der Einheit des Ortes. Die Geschichte führt den Leser an einen Ort, das Zimmer des 19-jährigen Abraham Biggs, der durch eine Webcam mit der Außenwelt verbunden ist. Sein Selbstmord wird in Echtzeit im Internet übertragen. Realer und virtueller Raum werden im Moment des Geschehens quasi eins. Auch in dieser Reportage wird also ein kollektiver Ort entworfen, dem jedoch klare (materielle) Grenzen gesetzt sind. Die Webcam gewährt dem Zuschauer/Leser nur einen begrenzten Einblick in das Geschehen. Der Ort ist definiert durch einen fixen Rahmen. Die Handlung wird ‚eingefroren‘ in einem ‚freeze frame‘ und dem Leser ein bedrückendes ‚Stillleben‘ vorgeführt.

„Die letzten Bilder von Abraham Biggs, die eine Kamera um die Welt schickt, kommen aus seinem Schlafzimmer. Sie zeigen einen jungen Mann, der in weißen Boxershorts und grauem T-Shirt auf dem Bett liegt. Er hat sich nicht herausgeputzt für diesen letzten Auftritt. Die Webcam gibt nur einen kleinen Ausschnitt des Zimmers wieder: den reglosen Abraham, 19 Jahre alt, das zerwühlte Bett, die kahle Wand dahinter. […] 220 Menschen schauen an diesem Nachmittag des 19. November 2008 auf Abraham Biggs, die Zahl ist auf der Webseite eingeblendet. In Großbritannien sehen sie ihm zu, in Australien, in Mexiko, in den USA. […] Alle sitzen allein vor ihren Bildschirmen, aber es ist als stünde eine Menge vor einem Mietshaus und beobachtete einen Lebensmüden am Fenstersims.“

Die Rolle des Erzählers, die ich ebenfalls in meiner Studie untersucht habe, ist hinsichtlich der Vermittlung des Erzählten von besonderer Bedeutung, da sie eng mit der Perspektivierung einer Geschichte zusammenhängt und somit auch mit der Frage, welche Informationen dem Leser letztendlich zugänglich gemacht und welche ausgespart werden. Juan Morenos ‚Ein ordentlicher Hurensohn‘ ist ein Ausnahmebeispiel diesbezüglich, da es die einzige Reportage des gesamten Korpus ist, in der der Reporter als ‚Ich-Erzähler‘ in Erscheinung tritt. Moreno begleitet einen Mann namens Scarpari auf dessen täglichen Fahrten durch das brasilianische Amazonasgebiet. Scarpari ist vom Staat dazu beauftragt worden, das Geschäft der illegalen Holzfäller trockenzulegen, wie der nachfolgende Dialog zwischen Moreno und Scarpari deutlich macht:

‘Was ist mit den ganzen illegalen Geschäften?’ ‘Alles gelogen.’ ‘Haben Sie Männer mit Waffen?’ ‘Nein, wozu sollte ich die brauchen?’ ‘Um die Menschen in Pontau zu bedrohen, wenn die aufmucken.’ ‘Das tue ich nicht. Ich kümmere mich um die Menschen dort. Fragen Sie die Leute, wer die Straße gebaut hat.’ ‘Um das Holz zu transportieren.’ ‘Um alles zu transportieren, auch Kranke. Wo ist der Staat?, frage ich. Wo?’

Der Reporter fungiert in diesem Fall als ‚erlebendes Ich‘. Diese Erzählhaltung erzeugt den Eindruck, der Reporter sei sowohl Erzähler als auch unmittelbarer Augenzeuge. Anders als in Morenos Reportage ist der Erzähler jedoch in den allermeisten Fällen nicht Teil der Geschichte. Die Narratologie spricht in diesem Zusammenhang von einem heterodiegetischen Erzähler. Viele Reporter machen darüber hinaus auch von der sogenannten Nullfokalisierung Gebrauch. D.h. der Erzähler ist allwissend. Er hat einen beträchtlichen ‚Wissensvorsprung‘ gegenüber den Figuren in der Geschichte und kann sogar in die Köpfe seiner Charaktere schauen. Beispiele für unterschiedliche Formen des allwissenden Erzählers finden sich u.a. in Heike Fallers ‚Die Liebe von Paul und Paula‘. In der Geschichte geht es um zwei Neuntklässler, die erste Liebe und die Frage, wie es die ‚Generation Porno‘ mit der Treue hält. In Fallers Reportage begegnen wir einem Erzähler, der nicht nur über die Gefühle und Gedanken zweier frisch verliebter Teenager Auskunft gibt, sondern die Geschichte in Form eines Films weiterdenkt:

„Wäre ihre Geschichte ein Film, sähe man in dieser Szene ein Mädchen, das in einer Altbauwohung in Berlin-Karlshorst in Jogginghose und Fleecejacke vor dem Fernseher sitzt und glücklich lächelt. Dann würde die Kamera sich in den Nacht-himmel erheben und über dunkle, baumbestandene Vorortstraßen fahren, um zwei Kilometer weiter das große Fenster einer zweistöckigen Dachgeschosswohnung in den Blick zu nehmen, wo ein Junge sitzt, ebenfalls allein vor dem Fernseher, ebenfalls lächelnd, weil er zum ersten Mal in seinem Leben dabei ist, in Liebe zu fallen.“

Auch in Sabine Rückerts preisgekrönter Reportage ‚Todfreunde‘ wird von einem allwissenden Erzähler Gebrauch gemacht. Die Reportage beschäftigt sich mit der langjährigen Freundschaft zwischen einem Polizeibeamten und einem Serienmörder, die sich im Laufe zahlloser Polizeiverhöre näher kommen. In Rückerts Reportage nimmt der Erzähler insofern eine besondere Rolle ein, als dass er sich abwechselnd in die Gedankenwelten von Jöris, dem Polizeibeamten, und Debisch, dem Mörder, katapultiert. Der Erzähler artikuliert auf der Grundlage wechselseitiger Identifikationsprozesse das Unterbewusste, also das, was den Figuren im Moment des Erlebten nicht oder nur schwer zugänglich ist.

„Man muss wohl schrumpfen und sich in Debischs klein gebliebenes, versteinertes Seelenhaus quetschen, durch seine Schießscharten in die Kloake hinausblicken, als die sich die Welt ihm präsentiert. Genau das hat Jöris getan. Und hat verstanden. Hat im anderen die entsetzlich schiefgelaufene Variante seiner selbst erkannt. Den finsteren, wütenden Bruder, der für sein Unglück Rache am Menschengeschlecht nahm, indem er Unbekannte als anonyme Vertreter dieser Menschheit zermalmt hat. Aus dieser Anteilnahme hat Jöris nie mehr ganz herausgefunden.“

Hochinteressant. Bitte gestatten Sie mir eine ganz einfache Frage – welcher Text hat Ihnen als Erzählforscherin am besten gefallen, und warum?

Die Frage ist ganz und gar nicht leicht für mich zu beantworten, denn Wissenschaftlern, die sich über einen längeren Zeitraum mit einem Thema oder einem Korpus an Texten beschäftigt haben, fällt es häufig nicht leicht, spontan und vor allem unvoreingenommen darauf zu reagieren. Zumindest kann ich sagen, dass vor allem diejenigen Texte, die nicht in die Kategorie der ‚Prototypen‘ fallen, mir persönlich am besten gefallen haben. Zu nennen wären da u.a. Fiona Ehlers‘ Reportage ‚Der ewige Augenblick‘, in der es um einen Studenten geht, der eine junge Iranerin aus verschmähter Liebe mit Säure übergießt, woraufhin ein Gericht dem blinden Opfer erlaubt, den Täter selbst zu blenden. Oder auch ‚Die Jungs aus Zelle 221‘ von Jana Simon. Dieser Text beschäftigt sich mit drei jugendlichen Straftätern, die nacheinander Jahre ihres Lebens in derselben Zelle eines Jugendgefängnisses verbringen. Beide Reportagen bestechen durch ihre emotionale Tiefe: Liebe, Hass, Trauer und Zorn liegen hier dicht beieinander.

Abgesehen von den besonders interessanten und reizvollen Thematiken weisen diese Reportagen ferner eine Kombination von Erzähltechniken auf, wie wir sie in den Prototypen nicht finden. In Simons Reportage ist es vor allem die Darstellung des Raumes, also die Zelle der drei Jungs, die sozusagen als Mikrokosmos der Sozialisation einen besonderen Stellenwert einnimmt. Eine solch detaillierte Beschreibung der räumlichen Gegebenheiten, die in dieser Geschichte durch die unterschiedlichen Sichtweisen der Jugendlichen eine jeweils neue Perspektivierung erfährt, findet man sonst nur selten in den Texten. Fiona Ehlers‘ Reportage ist nicht minder interessant, denn auch hier werden bekannte Erzählmuster aufgebrochen. Dadurch, dass die Reportage die Geschehnisse an zwei unterschiedlichen Orten, Teheran und Barcelona, geschickt miteinander verwebt, haben wir es auch hier mit einer komplexen Raumdarstellung zu tun.

Der Raum ist meiner Ansicht nach ohnehin die erzählerische Kategorie, mit der ein Journalist seine Leser am ehesten beeindrucken kann. Denn letztlich geht es doch darum, dem Leser die Möglichkeit zu geben, in fremde Welten einzutauchen. Ob es sich dabei um solch exotische und ferne Orte wie Teheran und Barcelona handelt oder aber die Gefängniszelle im naheliegenden Berlin-Plötzensee ist völlig egal. Wichtig ist, dem Leser andere und vor allem verschiedene Zugriffsweisen auf die Texte zu ermöglichen. Ein Leser wird es Ihnen danken, wenn er oder sie den Text imaginär aktiv mitgestalten kann und gefordert wird, die textuellen Leerstellen auszufüllen. Dies ist meines Erachtens eher bei solchen Texten möglich, in denen der Autor dem Leser nicht das Standard-Menü der Erzählmuster auftischt. Mit Filmen ist es doch in gewisser Weise so ähnlich; darum bevorzuge ich auch ‚alternative‘ Filme. Aber von Zeit zu Zeit muss es eben auch mal ein Hollywood-Streifen sein. Die Mischung macht’s!

Gibt es einen Trend in Sachen Reportagen? Was machen Reporter heute anders als, sagen wir, vor 10, 30 oder 50 Jahren?

Unabhängig davon, wie sich das erzählerische Potential der Reportage in ausgewählten Print-Texten niederschlägt, lässt sich ein allgemeiner Trend hin zu hybriden Formen des Erzählens beobachten. Gemeint sind Formate (wie wir sie auch im Film und im Fernsehen finden), die auf einer Mischung aus Fiktion und Nicht-Fiktion basieren. Genau diesen Brückenschlag leisten Journalisten, wenn sie literarische Reportagen schreiben, ohne die Überprüfung der Wirklichkeit dabei zu vernachlässigen. Es ist auch einer Internetplattform wie dem Reporterforum zu verdanken, dass solche kreativen, innovativen Darstellungsformen eine zunehmende Verbreitung finden.

Interessant. Können Sie mehr erzählen über spannende neue Erzählweisen in anderen Medien, im Netz, im Film, in Büchern?

Es gibt eine ganze Reihe von Filmen und Büchern, in denen von hybriden Erzählformen Gebrauch gemacht wird. In den USA spricht man in diesem Zusammenhang auch von ‚true fiction‘, also wahrer Fiktion. Es handelt sich dabei um Texte, in denen fiktionale und nicht-fiktionale Erzählweisen aufs engste miteinander verbunden sind, sodass eine eindeutige Zuordnung der Texte zu bestimmten Genres nur schwer möglich ist. Literatur und Journalismus gehen quasi eine Symbiose ein.

Als Paradebeispiel für eine solche Verschmelzung der beiden Systeme wurde bis vor kurzem immer noch der New Journalism genannt, ein Reportagestil, der in den 1960er Jahren von solch namhaften Persönlichkeiten wie Tom Wolfe, Norman Mailer, Gay Talese oder auch Hunter S. Thompson praktiziert wurde. Interessanterweise kann man gegenwärtig ein Wiederaufleben von Erzählweisen des New Journalism in unterschiedlichsten Medien beobachten. Da wären zum einen Comicromane, wie zum Beispiel Josh Neufelds A.D.: New Orleans After the Deluge oder Palestine und Safe Area Goražde von Joe Sacco. Auf dem Büchermarkt finden wir des Weiteren hybride Texte wie Zeitoun von Dave Eggers oder auch Half Broke Horses von Jeannette Walls. Und auch eine Vielzahl an audiovisuellen Medien greift den hybriden Erzählstil auf. Ich denke da insbesondere an Waltz With Bashir oder The Hurt Locker und – was amerikanisches Fernsehen angeht – wäre sicherlich an erster Stelle The Wire zu nennen.

Oft handelt es sich bei den Produzenten um Leute, die selber in ihrer Vergangenheit als Journalisten gearbeitet haben oder dies immer noch tun. Ich kann diese Werke jedem empfehlen, der sich einmal näher mit der Frage nach der Unterscheidung von Fakt und Fiktion auseinandersetzen möchte. Dieses gerade erst im Entstehen begriffene ‚mashup‘-Genre teilt meiner Ansicht nach mit dem New Journalism mehr als nur die bewusste Vermengung von Fakt und Fiktion. Oder wie würden Sie es sich erklären, dass diese Form des Erzählens immer dann Hochkonjunktur zu haben scheint, wenn wir uns gesellschaftspolitisch gesehen an einem Wendepunkt befinden?

Haben Sie auch die Dramaturgie der Reportagen untersucht?

Das kommt darauf an, was sie unter Dramaturgie verstehen. Ganz allgemein gesprochen befasst sich die Dramaturgie, die ja ein Teilgebiet der Poetik ist, mit den Kompositionsprinzipien von Theaterstücken. Es geht also um die Frage nach dem Spannungsbogen sowie um Formgesetze, d.h. dramaturgische Regeln, und nicht zuletzt auch um Identifikationsprozesse, also um die Wirkung eines Textes. Zwar habe ich selber keine Leserexperimente durchgeführt und auch kein dramaturgisches Regelwerk entworfen, aber ich denke, dass beispielsweise Fragen, die sich mit der Spannung in einem Stück befassen, eng mit dem Erzähltempo und anderen narratologischen Kategorien verbunden sind. Außerdem würde ich jetzt einfach mal aus dem Stegreif behaupten, ohne dies genauer erforscht zu haben, dass sich das Freytagsche Dramendreieck – also der pyramidale Aufbau eines Dramas von der Exposition bis zur Lösung des Konflikts – zumindest in leicht abgewandelter Form auf alle 25 Texte des Reporterpreises problemlos anwenden ließe.

Gibt es Dinge aus Ihrer Arbeit, die Sie als Small Talk auf Partys erzählen?

Da ich als Narratologin in meinen Seminaren an der Universität nicht selten von ‚voice‘ spreche und mein Vorname dem englischen Wort ‚narratologist‘ in gewisser Weise ähnelt, durfte ich mir neulich – als ich mir im kalten Kanada mal wieder eine Erkältung zugezogen hatte – von einem meiner Studenten – Sie wissen schon, diese Sorte Student, die stets in der ersten Reihe sitzt und altklug daherredet – anhören: ‘What happened to our Noratologist? She has lost her voice; how ironic, isn’t it?‘ Ob ich diesen Witz auf einer Party weitererzählen werde, muss ich mir aber noch mal überlegen.

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Nora Berning


Nora Berning M.A. studierte von 2005-2008 an der Albert-Ludwigs-Universität, Freiburg, "FrankoMedia: Französische Sprache, Literatur und Kultur" und "English and American Studies". Nach dem Erwerb des Bachelor-Grades wurde sie für das Erasmus Mundus Masterprogramm "Journalism and Media within Globalization: The European Perspective" ausgewählt. Den internationalen Studiengang an den Universitäten Aarhus, Amsterdam und Hamburg schloss sie (nach einem Forschungsaufenthalt an der University of Technology, Sydney) 2010 am Institut für Journalistik und Kommunikationswissenschaft der Universität Hamburg mit der Erlangung des Mastergrades ab. Seit September 2010 arbeitet Nora Berning im Rahmen eines PhD-Programms als Research Assistant an der Faculty of Information and Media Studies der University of Western Ontario in London (Kanada).
Dokumente
Wie Reporter erzählen (PDF)
Reader Reporter-Preis 2009
Der Reporterpreis 2009

erschienen in:
Reporter-Forum,
am 02.08.2011

 

Kommentare

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Lheanny, 25.11.2015, 15:14 Uhr:

Le fait que les asiatiques ont toourjus reboute9s les occidentaux hors de chez eux auraient du mettre la puce e0 l oreille des blancs ils (occidentaux) auraient du laisser les chinois dans leur bulle communiste hors du syste8me e9conomique. La strate9gie de de9localisation est une strate9gie occidentale et copie9e par les chinois, la diffe9rence est que les chinois n ont pas attendu cinquante ans pour le faire. Double tranchant alors que le dollars et l euro sont au plus mal Mais une beate blesse9e est dangereuse la re9action des blancs : ???? continuons la croise9e!!!! et le vol du pe9trole et colonisons la Palestine, utilisons l arme nucle9aire (les seuls au monde e0 l avoir fait), interdisons l alambic et contrf4lons les masses, achetons les me9dias et les foreats, contrf4lons la nourriture (mosanto) comme quoi l instruction et l intelligence sont deux choses totalement diffe9rentes car en ge9ne9ral le blanc e0 e9te9 loin e0 l e9cole.

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