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21.09.17

Jonathan Stock „Zwischen den Fronten

21 Tage lang lebten Mohammed Abu S. und seine Angehörigen im Feuer - mitten in der umkämpften Stadt Misurata: Auf der einen Seite schossen die Rebellen, aus der anderen Richtung rückten Gaddafis Soldaten an. Dann kam der Familie die rettende Idee.

Der schlimmste Moment seines Lebens, sagt Mohammed Abu S., der Moment, den er bis zu seinem Tode nicht vergessen werde, sei der gewesen, als er am vergangenen Donnerstag sein Haus verließ. Bevor er die Türklinke herunterdrückte, drehte er sich noch einmal um. Er sah seine vier Söhne und drei Töchter an, seine Frau, seinen Bruder, seine Schwägerin, die drei Neffen und eine Nichte und schärfte ihnen noch einmal ein, was sie zuvor besprochen hatten: "Wenn einer von uns stirbt", sagte er, "dann lasst ihn liegen. Steigt über ihn hinweg, bleibt nicht stehen." Er war sicher, dass jemand stirbt.

Dann ging er hinaus.

Da lebte Mohammed schon 21 Tage lang im Niemandsland zwischen den Fronten von Misurata, der am heftigsten umkämpften Stadt im Norden Libyens. Seine Familie und die seines Bruders waren die einzigen, die nicht rechtzeitig geflohen waren, als Scharfschützen beider Seiten auf den Hausdächern Stellung bezogen. 50 Meter waren es zu den Soldaten Gaddafis, 150 Meter zu den Rebellen.

16 Zivilisten lebten fortan mitten im Feuer dieses Krieges: "Wir haben jede Waffe gehört", sagt Mohammed, "meine Kinder können sie am Geräusch erkennen." Und dann verschwinden die Lachfalten aus seinem Gesicht, und die freundlichen, braunen Augen werden schmal, er hebt die schweren Arme, und die Muskeln seines Körpers zittern, als er in Erinnerung alles noch einmal durchlebt: die Schläge der Panzerfäuste und der Grad-Raketen, das Pfeifen der Scharfschützengewehre, das Wummern der Mörser, das Krachen der Flak. Die Geschosshülsen landeten oft in seinem Garten im Hinterhof, und Mohammed sammelte sie ein, weil es sonst nicht viel zu tun gab.

Wenn es eine Feuerpause gab, dann stritt er sich mit seinem Bruder. "Sie laden nach", sagte der. "Sie ziehen sich zurück", erwiderte Mohammed. Meistens hatte sein Bruder recht.

Mohammed ist Schlachter von Beruf, so wie es sein Vater und sein Großvater waren. 47 Jahre ist er alt, aber er kann nicht lesen und nicht schreiben. Am liebsten spielt er abends nach dem Gebet mit seinen Freunden Karten. Er interessiert sich nicht für Politik. Er ist in diesen Krieg hineingeraten - ausgerechnet dort, wo die Kämpfe am schlimmsten wüteten: in der Tripolis-Straße, der Hauptstraße der Stadt. Da, wo Gaddafis Soldaten auf die Rebellen trafen.

Es ist eine Gegend mit einem Netz aus Verstecken, Schleichwegen und verbotenen Zonen, in der bis jetzt gekämpft wird. Wer sich dort bewegen will, muss die Linien der Scharfschützen kennen. Man sieht entwurzelte Bäume und durchschlagene Mauern, verbrannte Autos und verdrehte Leichen. Es ist der Ort, an dem sichtbar wird, wozu ein Tyrann fähig ist, der auf die eigenen Menschen schießen lässt.

Und mittendrin leben Menschen, die Besuchern das letzte Brot schenken, das sie auf dem Tisch haben, die einem Bargeld in die Hand drücken, auch wenn sie es hundertmal nötiger hätten. Wenn man Mohammed fragt, wie er die politische Situation einschätzt, dann sagt er: "Wir sind einfache Leute. Wir helfen den Armen. Wir geben denen Essen, die Hunger haben. Wir wünschen allen das Beste. Wir wollen keinen verletzen. Wir sind friedliche Leute. Wir leiden viel."

Damals, als alles begann, am ersten Tag zwischen den Fronten, saß er mit seiner Familie in der Küche. Wenn die Gaddafi-Soldaten schossen, versteckte er sich dort - wenn die Rebellen schossen, im Gästezimmer. So krabbelten er und seine Familie ständig von einem Zimmer ins nächste, hintereinander, in einer langen Karawane.

Die Telefone funktionierten nicht. Sie hatten keinen Strom und kein Wasser. Aber sie hatten Hoffnung. Aus dem batteriegetriebenen Radio klang die Stimme al-Dschasiras, sie machte es ihnen leichter ums Herz. "Hilfe wird kommen", versicherte Mohammed seinen Kindern, "in ein paar Stunden wird Hilfe kommen." Da sollte es noch 20 Tage dauern. Am dritten Tag fingen sie an, Witze zu erzählen, damit die Kinder nicht mehr weinten. Sie schlachteten ein Schaf aus dem Garten. Das Fleisch vergammelte ein paar Tage später, der Kühlschrank funktionierte nicht. Dann aßen sie nur noch Reis, einmal täglich.

Am neunten Tag gingen den Familienvätern die Zigaretten aus. Am zwölften bekam Mohammed Zweifel, ob jemals Hilfe kommen würde. Am fünfzehnten Tag begannen sie einen Tunnel zu graben, aus dem Hof heraus, unter der Mauer hindurch. Sein Bruder Abdullah buddelte mit einer Schaufel ohne Griff, Mohammed und sein Sohn schafften die Erde weg. Nach einem Meter stießen sie auf eine Bodenplatte aus Beton, sie kamen nicht weiter. Jetzt wussten sie, dass sie vorne rausmussten, durch die Tür. Aber da waren die Scharfschützen.

Am 18. Tag kamen Gaddafis Soldaten ins Haus. Es waren drei Männer. Mohammed, ein Mann, der früher ganze Kamele zerlegen und beim Bankdrücken 120 Kilo stemmen konnte, lag nun auf den Knien vor Leuten, die er nicht kannte, und bettelte um das Leben seiner Kinder. Die Soldaten durchsuchten das Haus nach Waffen, fanden nichts, dann gingen sie wieder.

Mohammed bat darum, etwas zu essen kaufen zu dürfen. Sie durften nicht. Am 20. Tag ging ihnen der Reis aus. "Da wussten wir", sagt Mohammed, "es geht nun wirklich um Leben oder Tod." Sein Sohn Mohaned, 19 Jahre alt, Lieblingsfach Physik, hatte eine Idee. Die Schlammspur vor seinem Haus brachte ihn darauf.

Wenn er und die anderen Familienmitglieder dieselbe Farbe hätten wie der Schlamm, überlegte er, und sie sich sehr langsam bewegten, würden die Scharfschützen sie kaum erkennen können. Er sammelte Bettdecken aus dem Obergeschoss und beschmierte sie mit Erde und Staub aus dem Hof. Dann machte er nachts einen Test. Systematisch vorzugehen, das hatte er im Unterricht gelernt. Es könnte klappen, dachte er.

Am 21. Tag, um 2 Uhr morgens, bedeckten die wenigen Wolken nicht den abnehmenden Mond. Es würde schwierig werden. Mohammed stand im Hausflur. Hinter ihm duckten sich zwölf Menschen seiner Familie. Die drei Jüngsten trugen sie. Über den Körpern alte, dreckverschmierte Bettlaken. Mohammed ging als Erster hinaus.

Eine Woche später sitzt Mohammed zwischen den grauen Wänden eines Flüchtlingszimmers in der Vorstadt Misuratas. Die früheren Nachbarn kommen zu Besuch. "Wir dachten, ihr seid tot", sagen sie. Viele weinen, als sie die Geschichte hören. Der einzige Schmuck an der Wand ist ein Stammbaum des Propheten. Die Sonne scheint durch die offene Tür auf Mohammeds kurze weiße Locken. Er verschränkt die Arme, und da sind sie wieder, die Lachfalten um seine braunen Augen. Es gibt nichts im Raum außer ein paar Kissen. Mohammed hat nur noch das, was er am Leibe trägt. Aber er scheint der glücklichste Mensch der Welt zu sein. "Diese Stille", flüstert er, "diese Stille, Alhamdulillah - gelobt sei Gott."

Er sagt es in Misurata, einer Stadt, die seit mehr als 50 Tagen von Gaddafis Truppen beschossen wird und in der man jede Stunde den dumpfen Klang der Explosionen hört.

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Jonathan Stock


Geboren 1983. Trampreise von Eutin nach Indien. Geschichtsstudium in Berlin, Edinburgh und London. Henri-Nannen-Journalistenschule. Redakteur bei Geo Epoche und Spiegel Online. Mitbegründer des Arrabbiata-Preises, der den besten ersten Satz mit drei Tellern Nudeln prämiert.
Dokumente
Zwischen den Fronten (PDF)
Krisen-ABC
Recherche in einem Kriegsland - Mitschnitt des Workshops 2011

erschienen in:
Spiegel Online,
am 20.04.2011

 

Kommentare

Bubber, 25.04.2016, 06:42 Uhr:

haha narf, so you think that someone who has a legitimate medical need and someone who chooses to use one instead of walking because it’s hard for them to walk due to extreme obesity – those are the same, and th&7re#821e;s no inequity there?

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