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19.10.17

Jonathan Stock „Erst Dynamit, dann Worte

Bengasi ist die erste Stadt Libyens, in der die Einwohner die Macht übernommen haben. Während in Tripolis noch gekämpft wird, bereiten die Menschen hier schon die Zeit nach der Revolution vor - und organisieren, was keiner von ihnen wirklich kennt: Demokratie.

Salem Japer ist ein kleiner Mann mit einer zu großen Hornbrille, aber wenn er spricht, dann läuft den Männern der Rotz aus der Nase, die Frauen weinen und die Kinder fangen an, ihre Handys hochzuhalten, um jedes seiner Worte aufzuzeichnen. Denn Salem Japer mag klein sein, sagen sie, und eine zu große Hornbrille haben, aber wenn er rede, dann rede er mit dem Herzen.

Am achten Tag der Revolution, einem Freitag, spricht Salem Japer im Zentrum Bengasis, dort wo der libysche Aufstand begann. Die Menge ist so groß, dass keiner, den man fragt, sich erinnern kann, so viele Menschen in der Stadt gesehen zu haben. Und erst recht kann sich keiner daran erinnern, dass hier jemals über die Freiheit gesprochen wurde. Denn dafür wäre man ins Gefängnis gekommen in den vergangenen 42 Jahren.

Salem Japer hat oft über die Freiheit gesprochen und er war oft im Gefängnis. Dass er überhaupt noch lebt, liegt wahrscheinlich nur daran, dass er ein Mann Gottes ist und der berühmteste Imam der Stadt. Von seinem Platz auf der Bühne sieht es fast so aus, als ob die ganze Welt aus Menschen besteht, denn hinter der Menge ist nur noch ein Panzer, auf dessen Geschützrohr ein Junge sitzt, ein grauer Himmel und das Meer.

Er sagt, dass diese Revolution gesegnet sei und dass es ihre Revolution sei, und dass es gut sei, dass sie endlich auf die Straße gegangen seien. Denn viel zu lange hätten sie gelitten unter dem Tyrannen und viel zu lange seien sie geduldig geblieben mit ihm, während er ihre Gefängnisse gefüllt, ihre Seelen gefoltert und ihr Blut vergossen habe. 42 Jahre lang.

Als er weiterspricht ist seine Stimme heiser, aber man hört ihn trotzdem noch gut, so leise ist es auf dem Platz. Gaddafi habe das Land zerstört, sagt er. Und was noch schlimmer sei: den Ruf ihres Landes. Und was sie der Welt jetzt zeigen müssten, ist, dass sie einig sind und ihre Freiheit wollen und Demokratie, so wie in anderen Ländern auch. Er redet weiter, und die Leute auf dem Platz strecken ihre Hände in die Höhe und rufen: Allah ist groß. Dann eilen sie zu ihm, und er wird weggedrängt von einer Menge, die noch zwölf Stunden lang ihre Befreiung besingt. "We are all the same" hat jemand auf ein Gebäude am Rande des Platzes mit großen schwarzen Buchstaben geschrieben.

Zwei Stockwerke über der Schrift lehnt ein junger Mann am Fenster, und wenn man fragt, wer er sei, dann sagt er, er heiße Ahmed Sanalla, sei 26 und ein Amateur in Sachen Revolution. Er wisse zwar, wie man ein Polizeigebäude ausbrennt, einen Militärstützpunkt erobert, und aus einem Stuhl, drei Feuerlöschern und einem alten Metallrohr eine Satellitenschüssel ausbalanciert, um Revolutionsnachrichten twittern zu können. Aber viel mehr wisse er dazu auch nicht. Denn eigentlich ist er seit fünf Jahren Medizinstudent und spielt lieber Basketball.

Ahmed war dabei, als die Katiba fiel, das größte Lager des Militärs und der Sitz von Gadaffi, wenn er in der Stadt wohnte. Drinnen, hinter den vier Meter hohen Mauern harrten Tausende von Soldaten aus, mit Flugabwehrgeschützen, Panzern und Granatwerfern. Draußen war eine wütende Stadt mit Fleischermessern und Sprengstoff, das die Männer sonst nur zum Fische fangen benutzen. Ahmed erzählt Geschichten von Jugendlichen, die mit Messern gegen Soldaten liefen, von Bauarbeitern, die ihre Gabelstapler mit Sprengstoff beluden und gegen die Mauern richteten und von einem Sachverwalter, der seinen Kofferraum mit vier Gasflaschen füllte und damit gegen das Haupttor in den Kugelhagel fuhr.

Man möchte die Geschichten gerne als Übertreibungen abtun, aber fährt man zur Katiba - dann stehen da noch die Gabelstapler und das ausgebrannte Auto des Mannes hinter dem Haupttor, und im Krankenhaus liegen die Jugendlichen mit ihren Einschusslöchern, und die bei Bewusstsein sind, zeigen einem die Videos auf ihren Handys. Die Ärzte sagen: Ja, es wurde auch mit Flugabwehrgeschützen auf Menschen geschossen, aber für die hätten sie nicht mehr viel tun können. Ahmed sagt, sie wären lieber gestorben, als ohne Freiheit zu leben.

Als die Mauer fiel, sei er irgendwann hineingelaufen und habe gesehen, wie die Munitionsdepots geplündert wurden, auch AK-47s und Granatenwerfer, für alle Kämpfe, die noch bevorstehen, und dann habe die ganze Stadt gefeiert.

Außer Salwa Bugaigis. Denn die wusste, dass ihr Job jetzt erst anfängt.

Salwa Bugaigis ist Anwältin, aber ihre Freunde sagen im Scherz, sie und ihre Familie seien die neuen Gaddafis in der Stadt. Als die Proteste losgingen, wollte sie eigentlich mit ihrem Mann in der Kantine des Gerichts zu Mittag essen. Aber dazu kam es nie. Denn sie hatte das Gefühl, dass wenn niemand mehr die Stadt regiert, irgendjemand irgendetwas organisieren sollte. Zum Beispiel sich darum zu kümmern, die ganzen Waffen wieder einzusammeln.

Deshalb blieben Salwa und ihr Mann im Gericht, und sie rief ihre Schwester an, die Kiefernorthopädin ist, und ihren Schwager, der Bauingenieur ist, und da sie alle gut reden können und viele einflussreiche Leute kennen, haben sie diese Stadt irgendwie organisiert. 14 Komitees haben sie als Übergangsregierung der Stadt gegründet, für die Banken und Krankenhäuser, für die Schulen und für das Militär. Wenn man Salwa erwidert, dass man eine Stadt wohl kaum mit Komitees regieren kann, dann lächelt sie nur, und das soll wohl heißen: doch. Wenn sie gefragt wird, wer denn jetzt verantwortlich sei, dann sagt sie: die Leute.

Denn die Leute brachten tatsächlich ihre Waffen zurück in die Moschee und in das provisorische Rathaus, wenn auch bestimmt nicht alle, sagt Salwa. Sie stellten sich um ihre Banken, als es hieß, dass Gadaffi Truppen schicken würde, um sich das Geld zu holen. Denn das Geld gehöre ja nicht Gadaffi, sondern ihnen. Wenn man durch die Straßen geht, sieht man die Leute, wie sie umsonst Essen und Getränke verteilen und von einem vereinten Libyen reden und von einer Verfassung und davon, dass ihr Land wieder groß werden kann. Ein paar hundert Studenten regeln den Verkehr in der Nacht und sagen, dass man früher keinem Wildfremden geholfen habe, jetzt aber schon. Und dass früher, als die Polizei noch da war, viel mehr Verbrechen passiert seien, als jetzt.

Es ist ein Rausch, von dem die Stadt erst langsam runterkommt. Aber woher kommt der Rausch? Salem Japer sagt: Daher, dass man wieder stolz auf sein Land sein kann. Ahmed Sanalla sagt: Daher, dass die Macht wieder den Leuten gehört. Salwa Bugaigis sagt: Daher, dass man keine Angst mehr haben muss und sagen kann, was man will.

Fragt man den Mann, der spät in der Nacht noch als letzter auf dem Platz sitzt, auf dem Sabel Jaber gesprochen hat, dann überlegt er ein bisschen, schaut so, als ob er die Frage nicht richtig verstanden hat, aber trotzdem eine höfliche Antwort geben will und sagt: "Wissen Sie, ich glaube, wir sind einfach glücklich."

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Jonathan Stock


Geboren 1983. Trampreise von Eutin nach Indien. Geschichtsstudium in Berlin, Edinburgh und London. Henri-Nannen-Journalistenschule. Redakteur bei Geo Epoche und Spiegel Online. Mitbegründer des Arrabbiata-Preises, der den besten ersten Satz mit drei Tellern Nudeln prämiert.
Dokumente
Erst Dynamit, dann Worte (PDF)
Krisen-ABC
Recherche in einem Kriegsland - Mitschnitt des Workshops 2011

erschienen in:
Spiegel Online,
am 27.02.2011

 

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