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24.11.17

Wolfgang Bauer „Das lange Warten auf diesen Tag

Gadhafis Palast in der libyschen Hafenstadt Bengasi ist geplündert, vor Offizieren steht niemand mehr stramm, und in den Straßenschluchten hallen Freudenschüsse. Jetzt soll Tripolis gestürmt werden

Der Generalmajor sitzt hinter seinem Schreibtisch und sieht auf die rußschwarze Wand des Büros. Er mustert die Krater an der Zimmerdecke, aus denen das Feuer den Putz gebrochen hat. Mustafa Suleiman Khalil, ein kräftiger Mann, früh ergraut, Kommandeur der größten Luftwaffenbasis im östlichen Libyen, hat die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Er will im gewohnten Offizierston von dem erzählen, was auf seiner Basis während der vergangenen Tage passierte, er setzt mehrfach an, stützt den Kopf auf die Fäuste, reißt die Augen auf, um sie rasch mit den Händen zu bedecken. Khalil legt den Kopf auf die Schreibtischplatte und wendet sich ab. Der General weint.

Es ist der zehnte Tag nach Beginn der Proteste in der libyschen Hafenstadt Bengasi, der sechste, seit die letzten regimetreuen Truppen abgezogen sind. Hinter dem Büro des Kommandeurs stehen aufgereiht russische Kampfhubschrauber und französische Kampfflugzeuge, lagern Kurzstreckenraketen in den Hangars, erstrecken sich zwei Startbahnen kilometerlang bis zum Horizont. Feiner Regen fegt über den Asphalt. Er streicht gegen das Bürofenster, aus dem der General jetzt schaut. Er sagt: »Es sind so viele gestorben. So viele unserer Kinder.«

Die Welt des Mustafa Khalil hat sich innerhalb weniger Stunden in ihr Gegenteil verkehrt. Feind ist jetzt Freund, und Freund ist Feind. 28 Jahre lang hatte er Muammar al-Gadhafi gedient, bis zum Nachmittag des 15. Februar, als in Bengasi die Jugend mit Steinen gegen Maschinengewehre anrannte, der Despot Gadhafi zur Verstärkung eine 2000 Mann starke Söldnertruppe schickte, die ihn, Generalmajor Khalil, in seine Kaserne einsperrte. »Die Söldner,« sagt der Offizier, »übernahmen die Torwache, schlossen unsere Waffen weg, nahmen unsere Handys und richteten die Gewehre gegen uns.« Denn sie trauten den Vätern nicht, deren Söhne sie töteten.

An seinem Schreibtisch drängen sich Freiwillige aller Berufe, Tagelöhner treten unangemeldet in sein Büro, Lehrer und Zimmerleute. Niemand steht vor niemandem stramm. Die Offiziere bewegen sich unsicher durch die Revolutionäre, sie befehlen nicht mehr, sie bieten Rat an. »Wir fragen die Jungs, was sie brauchen«, sagt Khalil.

Der Palast am Rand seiner Basis, in dem Gadhafi mit Silvio Berlusconi speiste, mit den Präsidenten des Tschad, Senegals und Simbabwes, ist geplündert. Die goldenen Prunkmöbel sind zerbrochen und zu Haufen aufgetürmt. Wie betäubt laufen die Offiziere über die Teppiche in der Halle, auf denen Splitter von Kronleuchtern liegen. Khalil steht vor einem hohen Prachtbett, das barockes Schnitzwerk aus Blumen ziert. Die goldenen Spiegel im Bad sind zerborsten, eine Ausgabe des Grünen Buches, Gadhafis Herrschafts-Bibel, liegt zerrissen im Wohnzimmer. Überall verstreut kleine Zettel, mit den letzten handschriftlich notierten Geheimdienst-Nachrichten an den Cousin Gadhafis, der hier bis zu seiner Flucht den Kampf gegen die Aufständischen organisierte. »In der Stadt Sentan werden hundert Demonstranten gesichtet«, lesen die Offiziere.

Dieser Aufstand ist noch längst nicht gewonnen, das wissen sie. Der Diktator hat sich in seine Festung in die Hauptstadt Tripolis zurückgezogen, nur eine Flugstunde von der Luftwaffen-Basis in Bengasi entfernt. Khalil will mit der bunten Truppe aus Soldaten und Studenten seine Rückkehr in die zweitgrößte Stadt Libyens verhindern. Sie haben die Passagiertreppen des zivilen Flughafenterminals auf die Rollbahnen geschoben, die Gepäckwagen und weißen Flughafenbusse. Sie sind kreuz und quer auf dem Asphalt verteilt, als hätte sie ein Hurrikan über das Gelände geschleudert. An Flakgeschützen am Rand der Rollbahn zittern Studenten in der Kälte. Sie haben von den Offizieren einen kurzen Einführungskurs bekommen.

»Die libysche Armee betrachtet Tripolis als eine von Feinden besetzte Stadt«, erklärt Khalil die neue militärische Lage. »Gadhafi ist wie ein Besatzer zu behandeln. Er ist ein Verbrecher.« Er sagt es, als könne er selbst nicht glauben, wie geschmeidig ihm diese Worte über die Lippen kommen.

Die 600 Kilometer lange Fahrt von der ägyptischen Grenze nach Bengasi führte durch ein Land, das sich neu entdeckt. In den Stadtzentren des Ostens feiern jeden Abend die Jugendlichen. Sie, die bisher machtlos waren, Rädchen im Regelwerk des Systems, haben vielerorts die Verwaltung übernommen. Lachende Schüler statt missgelaunter Polizisten regeln seit der Revolte den Verkehr. 16-Jährige in Freizeitkleidung besetzen Checkpoints. Ausländische Journalisten empfangen sie wie Helden. Sie singen Lobeshymnen auf westliche Reporter. Wann hat es das in der arabischen Welt gegeben? Die Älteren lassen sich von der Revolution der Jungen anstecken. Waren sie zunächst zögerlich nach 42 Jahren Gadhafi, spreizen auch sie die Finger zum Victory-Zeichen. Unwirklich wie eine Fata Morgana flimmert die neue Freiheit im Wüstenstaat. Ein arabisches Utopia. Viele fürchten, das Fest könnte nur von kurzer Dauer sein.

»Es ist längst nicht vorbei«, sagt Salwa Bugaighis in Bengasi. »Gadhafis Leute sind noch überall.« Wird das Regime zurückschlagen?

Die Frau, von der hier alle alles erwarten, schließt die Tür hinter sich. Sie lehnt sich von innen dagegen und stöhnt. Nur noch gedämpft dringt jetzt der Lärm im Gerichtsgebäude zu ihr, dieses unaufhörliche Schreien, dieses Brüllen, das Zuschlagen von Türen. Das »Nord-Gericht«, wie es immer noch genannt wird, ist der Sitz des vorläufigen »Nationalen Übergangsrates«, Keimzelle des Umsturzes in Bengasi, knapp 700.000 Einwohner, Stadt mit italienischem Flair. Hier tagen Komitees in hektischen Abständen, treffen sich Geschäftsleute, die Ordnung ins Chaos bringen wollen, ziehen übergelaufene Militärs in ihren Prachtuniformen ein, um über die Wiederaufstellung ihrer Einheiten zu sprechen.

Die 44-jährige Salwa Bugaighis arbeitete bis vor zwei Wochen als Anwältin für Zivilrecht und versetzte dem Regime mit Klagen gegen willkürliche Grundstücksenteignungen kleine Nadelstiche. Zusammen mit anderen befreite sie im vergangenen Jahr die Anwaltskammer vom Einfluss der revolutionären Komitees Gadhafis und organisierte Proteste gegen die Festnahme eines Menschenrechtsanwaltes. »Ich bin vollkommen fertig«, sagt sie. »Ich habe meine drei Kinder seit fünf Tagen nicht mehr gesehen. Ich esse seit Tagen nur noch Kekse.« Die Anwältin Bugaighis gehört mittlerweile zu den einflussreichsten Widersachern Gadhafis.

Sobald sie die Tür zum Flur öffnet, greifen die Menschen nach ihr. »Wir müssen die Müllabfuhr in Gang bringen!«, sagt der eine. »Kümmert euch um die Gefangenen«, bittet ein anderer. 3000 Kriminelle seien in Bengasi kurz vor der Machtübernahme freigelassen worden, auf Anordnung Gadhafis, um ein noch größeres Durcheinander zu verursachen. »Die Menschen haben Angst, dass die jetzt offene Rechnungen begleichen.« Ein Dritter steckt der Anwältin einen Zettel zu, mit der Telefonnummer eines Autohändlers, der eine größere Summe spenden möchte.

Nach und nach gründen sich 14 Komitees, die viele Bereiche des öffentlichen Lebens abdecken sollen. Das Transportwesen, die Krankenhäuser, die Stromversorgung. Die Anwältin Bugaighis versucht dabei, die Fäden zusammenzuhalten, was ihr im zunehmendem Menschenandrang immer weniger gelingt. »Unsere Revolution unterscheidet sich von der in Tunesien und Ägypten«, sagt sie. »Wir haben keine Institutionen, auf die wir aufbauen können. Es gibt keine Verfassung, kein Parlament, keine Parteien, keine Nichtregierungsorganisationen, nichts.« Nachts schläft sie in wechselnden Wohnungen. Immer wieder kommen Gerüchte auf, dass Anschläge auf das »Nord-Gericht« bevorstünden. Ein Mitglied eines Komitees wurde vor drei Tagen auf der Fahrt nach Hause beschossen. Seither steht ein ehemaliger Tagelöhner mit einer geschulterten Kalaschnikow am Eingang des Gerichtsgebäudes.

Der Stau kehrt auf die Straßen der Stadt zurück, Geschäfte öffnen. Die Sitzbänke auf den vielen kleinen Plätzen füllen sich mit Menschen, die ihre Gesichter in der Frühjahrssonne wärmen. Der Regen der ersten Revolutionstage lässt nach. Die Busse verkehren wieder, und doch ist nichts wie vorher. In einem Bürogebäude haben Freiwillige eine Rekrutierungsstelle aufgemacht. Junge und alte Männer stehen Schlange, ihre Ausweise in der Hand. »Nach Tripolis!«, erschallen Rufe in der Innenstadt. »Nach Tripolis!«

Hussein, der eigentlich Finanzbuchhaltung studiert, hat die Freiwilligen-Annahmestelle gegründet und sitzt in violetter Lederjacke hinter einem Stapel mit Namenslisten. »Gestern haben sich 1000 eingeschrieben, heute sind es schon 700.« Name, Ausweisnummer, Handynummer, Waffengattung, das alles fragt er eilig ab. Jede Nacht schleusen sie Kämpfer in kleinen Gruppen Richtung Westen. Der 24-jährige Student Hussein erklärt den Freiwilligen die Planung. »Wir rufen auf euren Handys an, wenn der Moment für euch gekommen ist.« Das Hindernis, das den direkten Weg nach Tripolis versperrt, Gadhafis Geburtsort Syrte, den er noch hält, umgingen sie mithilfe von Wüstenbeduinen. »Syrte,« sagt Hussein mit aufeinandergebissenen Kiefern. Dann begrüßt er einen ehemaligen Soldaten. »Sehr gut,« sagt er fröhlich. »Du bist Raketenexperte. Da sind wir noch unterbesetzt.«

»Macht doch ein Schild draußen an die Tür, euch findet man ja gar nicht«, beschwert sich ein Panzerfahrer. Es sind viele dabei, denen die Bürgerrechte aberkannt wurden und damit auch das Recht zu arbeiten. Sie kommen in löchrigen Schuhen und zerschlissenen Jacken. »Ich habe so lange auf diesen Tag gewartet!«, sagt ein ehemaliger Volkswirtschaftsstudent strahlend, der bei einer Demonstration vor fünf Jahren verhaftet wurde. Nach dem Sieg über Gadhafi, sagt er, wolle er sein Studium endlich fortsetzen.

Das Übergangskomitee im Stadtgericht ruft über eine hastig aufgebaute Radiostation die Bewohner dazu auf, die Waffen abzugeben, die sie aus Armee-Depots plünderten. »Es ist der Wahnsinn«, klagt die Anwältin Salwa Bugaighis zwischen zwei Konferenzen. »Es gibt Leute, die stellen sich aus Angst sogar Luftabwehrkanonen vors Haus.« Das Gewehrfeuer zuckt durch die Straßenschluchten, einzelnes Ballern, manchmal Salven, Freudenschüsse meist, aber nicht immer. Die Nächte klingen wie Bürgerkrieg.

Immer noch fliehen die Ausländer in geordneter Panik, Türken und Chinesen, Inder und Bangladescher. Das Hafengelände ist bedeckt mit aufgerissenen Koffern, aus denen Schuhe ragen und Kleider, Bücher und Dokumente. Zu Tausenden stehen an den Kais die Flüchtlinge in Kolonnen, die Gesichter zur See gewandt. Sie drängen sich aneinander, schützen sich so vor den Küstenwinden. Am Ende, als fast alle anderen Libyen verlassen haben, bleiben die Schwarzafrikaner. Die 1500 Bauarbeiter aus Ghana, Nigeria, der Elfenbeinküste drängeln sich vor der griechischen Fähre, die für die Chinesen kam. Die Kapitäne der Schiffe lehnen die Schwarzen ab. Die Europäische Union hat ihnen die Einreise untersagt. Die Bauarbeiter taumeln Richtung Hafenkante, einzelne drohen, ins Wasser zu fallen. Die libyschen Wachmannschaften schlagen mit Gewehrkolben auf sie ein, peitschen sie mit Ledergürteln. Völlig verängstigt sitzen sie abends wieder in ihrem Wohnlager am Rande eines Konferenzzentrums, das sie für Gadhafi hatten bauen sollen. In ihren Botschaften in Tripolis nimmt niemand ab. Die leitenden Ingenieure aus der Türkei sind schon vor Tagen geflohen.

Die Bewacher der Schwarzafrikaner reden nicht mit ihnen, sie schießen in die Luft. Sie schießen, wenn die Bauarbeiter in ihre Baracken gehen sollen. Sie schießen, wenn sie ihnen das Essen bringen. »Sie behandeln uns wie Tiere«, klagt einer der Schwarzen. Die Söldner Gadhafis, der sich seine Schergen aus ganz Schwarzafrika holt, haben die gleiche Hautfarbe. Immer wieder werden die Bauarbeiter von den jungen libyschen Revolutionären mit Killern verwechselt.

Die Stimme der Anwältin Salwa Bugaighis ist stets kurz vorm Zerreißen, sie keucht die Silben. Den Komitees gelang es mittlerweile, Teile der regulären Verkehrspolizei wieder auf die Kreuzungen zu holen. Die Hälfte der Banken in der Stadt hat geöffnet, lange Warteschlangen winden sich um die Häuserblöcke. Bugaighis Ehemann, ein Psychologe mit Golfkappe, lehnt rauchend an der Wand des Gerichtsflurs, die Augenlider geschwollen, am Rande der Kraft.

Es gibt Gerüchte, wonach Gadhafi vergiftete Lebensmittel nach Bengasi geschickt haben soll. Manche raunen, eine Panzerkolonne sei von Syrte aus unterwegs, Luftangriffe stünden bevor. Das Komitee für Telekommunikation arbeitet an einem neuen Mobilfunknetz. Das alte gehört einem der Söhne Gadhafis, er höre mit, heißt es, in Tripolis gebe es eine zentrale Abhöranlage. In sich auftürmenden Wellen branden jetzt die Menschenmassen an die Tür des Gerichts, sie stauen sich an der Treppe, klatschen mit den Handflächen gegen das Holz, schäumen hindurch, brechen sich an der neu installierten Metallschleuse. »Die Leute erwarten so viel von uns.« Es sei, sagt Salwa Bugaighis, »als wollten wir mit Hammer und Meissel einen Berg abtragen.«

»Was soll das für eine Revolution sein?«, flüstern zwei Gadhafi-Anhänger, die den feiernden Jugendlichen vor dem Gerichtsgebäude zusehen. »Das ist nur eine Party von Ungebildeten.« Die Protestslogans an den Wänden, die Gadhafi wahlweise als Lügner, Mörder und Zionisten bezeichnen, wimmelten vor Rechtschreibfehlern, sagen die beiden Männer. Sie stellen sich als Mediziner vor, die bisher an einem der städtischen Krankenhäuser gearbeitet hätten. Studenten hätten das Sagen, sie fühlten sich nicht mehr erwünscht. »Das alles hier ist schlimmer als Gadhafi.« Nur eine kleine Minderheit in Bengasi stehe hinter der Revolution. Am vorigen Tag hätten sie versucht, die Stadt zu verlassen, seien jedoch kurz vor Syrte von einer Panzereinheit Gadhafis gestoppt worden. »Sie sagten, sie ließen niemanden durch, der aus Bengasi kommt.« So kehrten die beiden um, gefangen zwischen den Fronten.

»Sollen wir gehen? Sollen wir bleiben?«, überlegt ruhelos Erika al-Mengar mit ihrer fünfköpfigen Familie. Die Oberhausenerin lebt seit 1982 in einem Vorort von Bengasi. Ihren wahren Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen. Ihr Haus ist ihr privates Paradies, mit hübschem Vorgarten, liebevoll eingerichtet. Sie und ihre drei Kinder zählen zu den wenigen Deutschen, die in der Stadt aushalten. Das Auswärtige Amt aus Berlin rief sie an, ein britisches Passagierschiff könne sie morgen mitnehmen, die Stadtverwaltung Oberhausen meldete sich. Doch Erika al-Mengar will bleiben.

»Ich gehe auf keinen Fall!«, deklamiert ihr Sohn Yusuf, 23, der sich kleidet wie der junge Che Guevara. »Das ist meine Revolution.« Vom ersten Tag an war er bei den Protesten dabei, er glüht, hilft der Übergangsverwaltung. Zum ersten Mal, sagt er, sei er stolz, ein Libyer zu sein. Die Tochter, 19, studiert Medizin, verbringt ihre Tage im Krankenhaus, wo sie verletzte Demonstranten betreut. »Die haben dort kein Pflegepersonal mehr«, sagt sie. »Das waren ja alles Frauen aus Bulgarien, Frankreich und Bangladesch. Die sind jetzt alle geflohen.« Zusammen sitzen sie abends vorm Fernseher und sehen die Dinge, die sie nur schwer glauben können.

»Diese Freiheit ist immer noch ein komisches Gefühl«, sagt Erika al-Mengar. Bis vor zwei Wochen habe sie selbst im Bekanntenkreis auf jedes Wort achten müssen. »Die Großen haben mir immer gesagt, sag nichts«, erzählt grinsend ihr Jüngster, 11, der sich auf dem Sofa an sie kuschelt. »Ich habe es meinen Kindern eingebläut, erwähnt am Telefon nicht den Gadhafi«, sagt seine Mutter. Die Urlaubsflüge nach Deutschland seien immer Flüge in die Freiheit gewesen, sie hätten im Flieger regelrecht aufgeatmet, sagt sie, doch jetzt sei die Freiheit zu ihnen gekommen.

Gestern saß eine Nachbarin auf ihrem Sofa und rang um Fassung. Ihr Sohn sei ein Mitglied von Gadhafis Elitetruppen. Er habe sie an diesem Tag angerufen, aus der Bastion des Despoten heraus, und am Telefon geweint. Er habe nicht über Details reden können, weil die Leitungen überwacht würden, er habe seiner Mutter nur gesagt: »Warum hast du mich damals überredet, zu den Spezialtruppen zu gehen?« Mutter und Sohn wissen nicht, ob sie sich je wiedersehen, und auch Erika al-Mengar bittet, von ihr keine Bilder zu machen. Für alle Fälle.

Es scheint noch alles offen. Haben die Aufständischen in den ersten Tagen schnelle Erfolge errungen, fielen damals fast im Stundentakt die Städte vom Despoten ab, scheint ihr Vormarsch jetzt zu stagnieren. Der »König aller Könige« hat sich festgebissen, und es gibt Beobachter, die sich an den Irak 1991 erinnert fühlen. Am Ende des ersten Golfkrieges hatte Saddam Hussein die Kontrolle über die Armee und zwei Drittel des Landes verloren. Und doch schafften es seine Elitetruppen binnen Wochen, den Irak fast vollständig zurückzuerobern. Auch Libyens Armee sei im Vergleich zu Gadhafis Elite extrem schwach, heißt es. »Wir machen, was wir können«, sagt Salwa Bugaighis im Hauptquartier der Revolution. »An alles andere denke ich nicht. Ich weigere mich. Es kommt, wie es kommt.«

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Wolfgang Bauer


Hamburger. Jahrgang 1970. Im äußersten Norden und Süden Deutschlands aufgewachsen. Zeitsoldat, Kriegsdienstverweigerung. Zweiter Bildungsweg auf dem Abendgymnasium Reutlingen, währenddessen Bäckereifahrer, Fremdenführer, Möbelpacker, Müllsortierer. Studium an der Universität Tübingen, zunächst Islamistik, später Geographie und Geschichte. Seit 1994 als freier Journalist tätig. Das Schreiben gelernt beim Schwäbischen Tagblatt (Tübingen). Autor der Agentur Zeitenspiegel/ Stern-Büro Baden-Württemberg. Zwischen 2001 und 2010 Pauschalist des Reportagenressorts bei Focus. Seit 2011 Autor für ZEIT-Dossier und ZEIT-Magazin. Unterwegs auch für Neon/Nido und das Greenpeace Magazin. Diverse Journalistenpreise.
Website des Autors
Dokumente
Das lange Warten auf diesen Tag (PDF)
Krisen-ABC
Recherche in einem Kriegsland - Mitschnitt des Workshops 2011

erschienen in:
Die ZEIT,
am 03.03.2011

 

Kommentare

Johnetta, 25.04.2016, 10:09 Uhr:

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