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24.08.17

Helge Timmerberg „Kalil el Maula (Libanon)

Ich war für den Spiegel unterwegs, um eine Geschichte über das neuerwachte Nachtleben von Beirut zu machen, und eine schlimme Tour mit jugoslawischen Huren und einem ghanaischen Koksdealer fand ein böses Erwachen im Zimmer 107 des Hotel Half Moon. Hussein war am Telefon, unser Taxifahrer. Er sagte, es sei zehn. War da ein Vorwurf in seiner Stimme? Ich schleppte mich durch den Treppenflur zum Swimmingpool, wo mich das mediterrane Licht wie eine gleißende Wand empfing. „Die verfluchten Christenhunde“, rief Hussein, als er mich sah.

Er hatte uns gegen seinen Willen am Abend zuvor in dieses Hotel gebracht, daß den Christen gehörte, genauso wie der Stadtteil, in dem es stand, und er hatte beim Abschied geschworen, am Morgen vorbeizukommen, um nach dem Rechten zu sehen. Am Swimmingpool standen Stühle. Ich setzte mich und stöhnte. Schwimmen wollte ich auf keinen Fall. „Was haben sie euch angetan“, wollte Hussein wissen. „Nichts“, sagte ich und als Kollege Pit klappernd und schweißnaß hinter mir auftauchte, übernahm Hussein die Initiative.

Die Details wurden im Wagen besprochen, ach was, besprochen – diktiert. Wir hatten keine Gegenkräfte. Er hätte uns überall hinbringen können.

Hussein erklärte, daß er in den Bergen Familie habe. Und daß in den Bergen jeder wieder gesund werde. Aber wir müßten seine Frau und seine Kinder mitnehmen, sonst kämen wir nicht durch die Straßensperren. „Was für Straßensperren?“ fragte ich. „Hisbollah“, sagte Hussein. „Geil, Alter“, sagte Pit, „seine Familie wohnt im Bekaa-Tal. Da wollte ich schon immer mal hin.“

Husseins Taxi war ein weißer Mercedes älteren Baujahrs, aber die Fensterscheiben ließen sich noch herunterdrehen. Fahrtwind duschte mich, draußen das gewohnte Bild. Zerschossene, zerbombte, abgefackelte Häuser ohne Ende, und dazwischen taten zwei Millionen Libanesen, als wäre nichts gewesen. Aufbauen macht Spaß.

Inzwischen wieder im moslemischen Teil der Stadt, stiegen Husseins Frau und Töchter zu. Zwei Töchter, ein Baby. Mutter und Säugling setzten sich nach vorn, die beiden Mädchen nahmen die Fensterplätze hinten, Pit und ich saßen zwischen ihnen. „Damit man bei den Straßensperren Kopftücher sieht“, erklärte Hussein. „So viel Kopftücher wie möglich.“

Das Bekaa-Tal war verbotenes Land für Journalisten und Touristen, sogar verboten für libanesische Polizisten. Die Hisbollah kämpfte nach dem Bürgerkrieg weiter gegen Israel. Im Bekaa-Tal lagen ihre Ausbildungszentren und Waffenlager. Die Israelis bombardierten die Angelegenheit von Zeit zu Zeit.

Nach etwa einer Stunde Fahrt erreichten wir die Straßensperre. Bärtige Paramilitärs mit roten Kopfbändern gingen mit Pappkartons von Wagen zu Wagen und sammelten Spenden für Raketen gegen Israel. Ich gab zehn Dollar. Damit wir uns nicht mißverstehen. Ich hätte hier auch zehn Dollar für Raketen gegen meinen Dealer gegeben oder gegen meinen Lieblingspuff in Taipeh.

Das Haus, in dem wir uns von dem Kater der vergangenen Nacht erholen wollten, lag eine weitere Stunde entfernt in den Bergen, vielleicht 20 Kilometer oberhalb der Stadt Baalbek, und stand ganz allein im Grünen. Von der Straße, die weiter nach Damaskus führte und von Nachbarn war nichts zu sehen. Es war ein kleines Haus, eine Hütte eher, aber aus Zement gebaut. Ein Zimmer, eine Küche. Man wohnte im Garten unter prächtigen Bäumen. Es gab einen Bach und wilde Rosen, die Luft war mit dem Duft von Kräutern gesättigt. Die Schwestern von Husseins Gattin, ihre Mutter und natürlich auch alle Kinder zeigten sich sichtlich erfreut, Deutsche zu sehen, und machten uns mit Decken zwei Betten ganz nah am Haus, damit der Schatten mit uns sei. Das ist etwas, was ich liebe. Krank, aber nicht allein. Zwitschernde Mädchen, schwatzende Vögel, summende Kochtöpfe.

Die Frauen beeindruckten mich schwer. Sie trugen Kopftücher und grobe Landkleider und sie sahen auch nicht wie Selma Hayek (Halblibanesin) aus, aber sie waren wach, neugierig und ihre Körperhaltung war so selbstbewußt wie eine Armee von 1.000 Mann. Hussein wurde zu einem kleinen Jungen in ihrem Kreis, und das will was heißen, denn Hussein war der beste Ringer des Landes, der Champ des Libanon, bevor er sich den rechten Fuß brach, falsch operiert wurde und Taxifahrer werden mußte. Er konnte nur humpelnd und unter Schmerzen gehen. Trotzdem bat er mich einmal zum Scherz darum, ihn aufzuhalten. Er drückte mich drei Meter durch den Raum wie Reispapier und tapezierte dann die nächste Wand mit mir. Aber unter den Frauen traute sich Hussein nicht, einen Joint zu rauchen. „The Ladies don’t like this“, sagte er.

Am nächsten Tag waren Pit und ich wieder vollständig bei Kräften und fuhren mit Hussein spazieren. Erst zu den Ruinen der alten Römer, dann nach Baalbek, da ging ich zum Friseur. Als wir wieder auf der Straße nach Damaskus roll­ten, wollten wir endlich eine Aktive rauchen. „Nicht hier“, sagte Hussein. Er bog von der großen Straße auf eine kleinere ab und während er ihren schattigen Kurven folgte, fiel ihm ein, daß ganz in der Nähe ein Freund von ihm wohnte. Ein alter Freund, den er lange nicht gesehen hat­te und der, wie Hussein meinte, auch so viel rauchte wie wir.

So gerieten wir auf Grund einer blöden Angewohnheit an einen sehr gefährlichen Ort. Wir verstanden es nicht sofort, als wir in diese Ansammlung solider, aber unverputzter Steinhäuser rollten, zwischen denen sich vollständig verschleierte Frauen wie Gespenster bewegten. Schwarze Schleier, schwarze Kleider, schwarze Kopftücher. Khomeini-Poster an den Hauswänden. Hussein hielt den weißen Benz vor dem größten Haus an, Stufen führten zu einer überdachten Terrasse hinauf, oben stand ein großer fetter Libanese, Mitte Fünfzig. Er sprach Deutsch.

„Mein Name ist Kalil el Maula“, sagte er. „Und wer seid Ihr?“

„Freunde“, rief Hussein, der hinter uns hergehumpelt kam. Er hatte seinen Kumpel wirklich lange nicht gesehen, vielleicht während des ganzen Bürgerkriegs nicht, vielleicht auch schon länger, und nachdem wir eine Weile an Kalil el Maulas Tisch beisammengesessen hatten, kamen Hussein Zweifel, ob es eine gute Idee gewesen war, ihn mit uns zu besuchen. Die Entwicklung, die das Gespräch nahm, gefiel ihm nicht, obwohl Verbrüderung am Werk zu sein schien. Kalil el Maula und Pit erkannten Gemeinsamkeiten an ihrer Art zu reden. Das Gefängnis hat seine Idiome. Kalil el Maula hat, wie er bald erzählte, ein paar Jahre in Zürich ein­gesessen, Pit saß woanders im deutschsprachigen Raum, erfolgreich resozialisiert übrigens, und die Parallelen in ihrer Vergangenheit schafften dann alsbald nicht nur Vertrauen seitens Kalil el Maula, sondern ließ ihn auch den Grund unseres Besuches verstehen. Natürlich lag er vollkommen falsch.

Die Hisbollah wird finanziert von dem Iran, von Syrien und vom Heroin. Das Opium kommt nicht aus dem Goldenen Dreieck (Thailand, Burma), sondern aus der Goldenen Sichel (Afghanistan, Pakistan) und ist für Europa bestimmt. Eine sicherere Homebase gibt es nicht. CIA, Interpol und jede Art internationaler Drogenbehörden hatten im Hisbollah-Land keine Chance, es sei denn, sie kämen mit Bodentruppen. Früher, in den guten alten Tagen (um auch das zu sagen), war das Bekaa-Tal die Heimat des roten Libanesen, der besten Haschischsorte des mittleren Orients. Hier wurde immer im großen Stil mit Drogen gehandelt, und Kalil el Maula war ein Drogenbaron, bevor er sich vor sieben Jahren zur Ruhe gesetzt hatte. Und wer waren wir? Anfangs glaubte er, wir seien Polizisten. Durch Pits Spezialdialekt eines Besseren belehrt, sprach er uns inzwischen als Kunden an.

„Was kann ich für euch tun? Wieviel Kilo. Zwei, zwanzig, zweihundert. Kein Problem. Wir bringen das Heroin bis Warschau, da übernehmt ihr. Oder wollt ihr Kokain?“

Hussein gefiel die Entwicklung des Gesprächs nicht, mir gefiel sie auch nicht. Was zum Teufel sollte ich antworten? Das wir keine Dealer, sondern Journalisten sind?! Kalil el Maulas Frau hatte sich bisher im Hintergrund gehalten, jetzt unterbrach sie unser Gespräch, um mit ihrem Mann etwas auf arabisch zu besprechen. Sie hatte strenge Gesichtszüge und muß einmal sehr schön gewesen sein. Auch ihr Kleid war in den Dorffarben gehalten, aber kein pechschwarzes Kopftuch bändigte ihr langes Haar. Sie sprach erregt mit ihrem Mann. Hussein übersetzte uns leise, warum sie so wütend war. „Sie will nicht, daß er wieder zu arbeiten beginnt.“ Und was sagte er? „Kalil sagt, daß er sich zu Tode langweilt. Er braucht dringend Abwechslung, sonst bekommt er seinen Bauch nie weg.“

Ein klassischer Sonntagnachmittag im Bekaa-Tal nahm Gestalt an. Der Gastgeber reichte alte Schwarzweißfotografien herum. Wie Kalil el Maula (sichtlich schlanker) mit Geschäftsfreunden und Bauchtänzerin in einem Kairoer Nachtclub Geld ausgab, wie Kalil el Maula in Amsterdam Spesen machte, wie Kalil el Maula auf dem Hamburger Kiez die Tage ausklingen ließ. Selbst Hussein entspannte sich, und plötzlich erschien ein bewaffneter Paramilitär in unserer Mitte. Er war so schnell und so leise die Treppe heraufgekommen, daß wir ihn erst bemerkten, als er auf die Terrasse trat und sich zu uns an den Tisch setzte. Auch er hatte sein Deutsch im Knast gelernt. „Acht Jahre Moabit.“ Mohammed war sein Name und er trug eine Heckler & Koch im Gürtel. Offensichtlich wurden wir gecheckt.

Ich versuchte es mit einer Halbwahrheit. Pit und ich seien für deutsche Investoren unterwegs, die wissen wollten, was nach dem Bürgerkrieg im Beiruter Nachtleben wieder für sie zu machen sei. Gastronomen, Hoteliers, so in der Art. Für sie haben wir uns die Bars angesehen. Alles andere sei Zufall. „Schöne Mädchen?“ fragte der Paramilitär. „Sehr schöne.“ „Mädchen aus dem Libanon?“ „Nein, aus Kroatien, Serbien, Rumänien. Auch Russinnen.“ „Siehst du, Kalil“, sagte Mohammed, „libanesische Mädchen würden so etwas nicht tun.“ Kalil el Maula bestätigte das und wollte wissen, ob es Blondinen unter den Mädchen gäbe. Es gibt einen Club, sagte ich, da sind sie alle blond. Er heißt White Horse.

Ergebnis des Gesprächs wurde eine Verabredung mit Kalil el Maula in Beirut. Hussein versuchte vergeblich, es ihm auszureden. Kommt Mohammed auch? Nein, das ginge nicht. Mohammed habe da unten zu viele umgebracht. Schade, wir hatten uns gerade an ihn gewöhnt.

© Solibro Verlag 2001/2011 Alle Rechte vorbehalten.

Auszüge mit freundlicher Genehmigung aus:
Helge Timmerberg: Tiger fressen keine Yogis. Stories von unterwegs. Münster: Solibro Verlag 1. Aufl. 2011 ISBN 978-3-932927-22-5; 256 Seiten; Preis: 7,95 Euro Erscheint September 2011

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Helge Timmerberg


geboren 1952, ist einer der bekanntesten Vertreter des „New Journalism“ in Deutschland. Nachdem er mit 17 Jahren per Anhalter in den Himalaja getrampt war, begann Timmerberg seine journalistische Karriere als Volontär der „Neuen Westfälischen“ in Bielefeld. Danach hielt es ihn nie lange an einem Ort. Als Reporter reiste er um die Welt und veröffentlichte seine subjektiv erzählten Reportagen in vielen Zeitungen und Magazinen, wie etwa „Tempo“, „GEO“ und „Playboy“. In den vergangenen Jahren schrieb Timmerberg auch immer mehr Bücher, wie etwa „Shiva Moon. Eine Reise durch Indien“, aber auch eine Fabel und einen Single-Ratgeber. Anfang Juni ist sein neues Buch „In 80 Tagen um die Welt“ bei Rowohlt erschienen.
Dokumente
Kalil el Maula (PDF)

erschienen in:
Solibro Verlag,
am 05.09.2011

 

Kommentare

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