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25.03.17

Frank Schirrmacher „Ein fataler Irrweg

»Thilo Sarrazin ist der Ghostwriter einer verängstigten Gesellschaft. Aber er verschweigt die Pointe seines Thrillers. Seine Thesen laufen auf eine vollständige Neudefinition unseres Begriffs von Kultur hinaus und erschöpfen sich nicht in muslimischen Milieus.

Die Zahl der Menschen, die ihm hinter vorgehaltener oder nicht vorgehaltener Hand recht geben, ist beträchtlich. Sein „Lettre“-Interview war im letzten Jahr sogar in der Auswahlliste des rechtsradikal unverdächtigen Henri-Nannen-Preises. Redet hier einer für alle? Zieht man ab, was bei der Rezeption seines Buches nur Rufmord oder pure Ideologie ist, so bleibt ein ganz anderer Befund: Sarrazins Thesen laufen auf eine vollständige Neudefinition unseres Begriffs von Kultur hinaus.

Zunächst: Dieses Buch hat nicht Thilo Sarrazin verfasst. Es wurde von einer Politik geschrieben, die seit Generationen nicht mehr in Generationen denkt, sondern in Monaten. Sarrazin ist lediglich der Ghostwriter der Gespenster, die uns jetzt heimsuchen. Umso erstaunlicher die Vorabrezension der Bundeskanzlerin, die das Buch wahrscheinlich nicht sehr konzentriert gelesen hat. Sarrazins Buch sei „nicht sehr hilfreich“ bei der Integrationsdebatte, ließ sie über ihren Regierungssprecher mitteilen. Sie ist damit, wie auch der inexistente neue Bundespräsident, im Begriff, die Spaltung der Gesellschaft zu befördern. Jeder, der Sarrazins Buch gelesen hat, weiß, dass er gut begründet, warum die Politik bisher nicht hilfreich war.

Liest man die Bestsellerlisten als Plebiszit derjenigen, die noch daran glauben, dass Bücher Vehikel zur Bewältigung der Realität sind, dann spricht schon der enorme Erfolg des Buches der verstorbenen Berliner Jugendrichterin Kirsten Heisig („Das Ende der Geduld”) Bände. Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ wird vermutlich über den rein verkäuferischen Erfolg hinaus erkenntnisprägend sein, ob das der Kanzlerin gefällt oder nicht.

Die Suggestion seines Vortrags wird, nach dem Wort Adornos, eine Haltung des „taking something for granted“ befördern, und sei es nur die Erkenntnis, dass die Integration gescheitert ist. Sarrazin beschreibt, woran im Befund nicht zu zweifeln ist, die Ergebnisse einer katastrophalen Einwanderungs-, Familien- und Integrationspolitik. Was immer Frau Böhmer, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, an den Statistiken Sarrazins auszusetzen hat: Sie sind, was die demographische Lage des Landes angeht, keine Meinungen, sondern Fakten, und völlig korrekt. Demographische Prozesse verändern nicht nur die Dynamik einer Gesellschaft. Weil sie ihre Zusammensetzung verändern, verwandeln sie auch die Märkte, die Mode und schließlich den Bildungs- und Wertekanon einer Gesellschaft. In der Vergangenheit sind demographische Umbrüche vor allem durch Kriege oder Seuchen ausgelöst worden. Plötzlich fehlen ganze Jahrgänge, Milieus oder Klassen. Zwischen dem Abiturienten des Jahres 1915 und dem Abiturienten des Jahres 1920 liegen nicht nur soziale, sondern auch demographische Welten.

Die Bundesrepublik hat glücklicherweise keinen Krieg erlebt, aber die demographische Veränderung stellt in den Schatten, was unsere Vorfahren zu bewältigen hatten. Der Prozess hat unendlich langsam begonnen und gerät jetzt in die Phase seiner unaufhaltsamen Beschleunigung. Die Fakten sind bekannt, sie werden mittlerweile empirisch durch die Erfahrung von Entvölkerung, Parallelgesellschaften, Kinderarmut und verändertem Wahlverhalten von jedem wahrgenommen. Thilo Sarrazin gilt als Mann des offenen Wortes. Er sagt, was er denkt, sagt man. Aber er tut es nicht. Denn Thilo Sarrazin, hat ein Buch geschrieben, das durchaus sehr viele richtige und notwendige Dinge sagt. Aber es führt zu Konsequenzen, die er sich selbst nicht zu ziehen traut und sogar mit Fleiß verbirgt und die in ihrem Ergebnis manchem seiner Anhänger den Atem rauben würden. Es ist kein Zufall, dass entscheidende Begriffe, Namen und Quellen im Register nicht auftauchen, obwohl sie sich in den Fußnoten oder über Verweise rekonstruieren lassen. Das ist kein Versehen. Man sollte Sarrazin nicht unterschätzen. Er will eine völlig neue politische Debatte auslösen, die im Kern biologisch und nicht kulturell argumentiert. Dafür gibt es Vorbilder auch in der Geschichte der großen Demokratien. In den Worten von Irving Fisher aus dem Jahre 1912, der zu den Befürwortern der neuen Einwanderungsgesetzgebung in Amerika zählte: eine Einwanderungsdebatte ist immer die Chance einer eugenischen Debatte. Sarrazin spricht, wenn er von Kultur redet, nicht vom Erbe, sondern vom Erbgut, und auch das ist Bestandteil demokratischer Diskurse vor exakt hundert Jahren: „Die Gesellschaft“, so der mächtige Biologe Harry Laughlin, „muss Erbgut als etwas betrachten, das der Gesellschaft gehört und nicht allein dem einzelnen.“

Sarrazin ist ohne Zweifel ein Bildungsbürger. Das ist die Grundhaltung seines Buches, wie sie allgemein verstanden wird: die Verteidigung der eigenen oder auch der abendländischen Kultur vor der demographisch induzierten Bedrohung vor allem durch muslimische Milieus. Es gibt unzählige solcher Bücher, und ein weiteres wäre der Rede nicht wert.

Hier ist das anders. Denn mit jeder Seite, die man liest, wird klarer, dass es sich hier nicht um ein bildungsbürgerliches Traktat handelt, sondern um die Etablierung eines völlig anderen Kulturbegriffs. Es geht um die Verbindung von Erbbiologie und Kultur und damit letztlich um, ein Wort, das Sarrazin (Darwin zitierend) so unerschrocken benutzt, wie einst Gottfried Benn, „Zuchtwahl“ und „Auslese“. Sarrazin redet nicht von Goethe und Schiller, obwohl auch Dichter in seinem Buch vorkommen. Kultur ist ihm der Reflex biologischer Prozesse. Die Schichtenabhängigkeit des generativen Verhaltens in Deutschland - die Tatsache, dass immer mehr Kinder in Unterschichtenmilieus geboren werden - führt zwangsläufig zu einer Verdummung der Gesellschaft, Aufsteigerkarrieren widersprechen dem Befund nicht. Auch diese These ist keineswegs neu. Im Gegenteil: sie steckt im Kern der gesamten aufklärerischen Idee von Bildung, Schule und Erziehung. Sarrazins Botschaft ist eine andere: Bildung, von der er höhnend als „Mantra“ spricht, ist letztlich nicht in der Lage, das Vehikel des intellektuellen Aufstiegs zu werden. Genetische und ethnische Disposition begrenzen die Fähigkeiten des Individuums ebenso sehr wie die ganzer Völker.

Man muss einräumen, dass der vorgeblich so unverblümte Sarrazin sich in seinem Buch etliche Hintertüren offenlässt. Aber gerade sie sind in Wahrheit Falltüren. Ist Intelligenz erblich bedingt oder ebenso sehr von Umwelteinflüssen geprägt? Von der Beantwortung dieser Frage hängt die Hauptthese des Buches ab. In Interviews redet Sarrazin von einem Mischungsverhältnis von fünfzig bis achtzig Prozent, im Buch von sechzig Prozent, in einer Fußnote heißt es dann, eine „Erblichkeitsannahme von 80 Prozent“ sei „grundsätzlich schlüssig“. Das aber sind, was man einem Banker nicht sagen müssen sollte, enorme Unterschiede. Wenn der IQ nur zu fünfzig Prozent vom Genpool abhängt, dann besteht eine ebenso große Wahrscheinlichkeit, ihn durch Bildung zu steigern, bei achtzig Prozent ist die Wahrscheinlichkeit gleich null.

Ein Großteil der Forschung zur Vererbung von Intelligenz basiert auf der Zwillingsforschung. Zur Überzeugungskraft des Buches trägt nicht bei, dass sich Sarrazin großenteils auf die hoch kontroversen Arbeiten von Charles Murray und Richard Herrnstein („The Bell Curve“) stützt. Doch er verschweigt ihre Namen im Register und in den Anmerkungen; er geht vor allem nicht auf die Einwände gegen ihre Ergebnisse ein, die bis zum Vorwurf des Betrugs und der Desinformation reichen. So hat Eric Turkheimer durch eine Überprüfung der Befunde der „Bell Curve“ deren Ergebnisse geradezu widerlegt: Er konnte zeigen, dass bei Zwillingen in Unterschichtenmilieus die Entwicklung der genetischen Anlagen tatsächlich von den Umwelteinflüssen abhängig war.

Stephen Jay Gould hat angesichts der Vererbungsthesen von Murray und Herrnstein, auf die Sarrazin sich beruft, darauf hingewiesen, dass die Tests nur spezifische Formen von Intelligenz testen und deshalb ein völlig falsches Bild von Begabungsprofilen liefern. Die Debatte ist unentschieden, und die Frage, ob Intelligenz größtenteils vererbt wird oder kulturell geschaffen werden kann, ist eine der völlig offenen Fragen. Sarrazin aber hält sie für beantwortet.

Sarrazin argumentiert aus einer Position der Verzweiflung heraus. Die demographischen Prozesse sind so träge, dass die Transformation unserer Gesellschaft nicht aufzuhalten ist. Und er hat recht damit, dass eine verfehlte Einwanderungspolitik Deutschland gleichsam ein Mittelalter importierte, das die Stabilität des Gemeinwesens in Frage stellen kann - umso mehr, als Politik zunehmend unfähig ist, das Problem zu adressieren. Aber er will Lösungen. Da er, der die Kultur verteidigen will, in Wahrheit selbst nicht mehr an ihre bindende und verbindliche Kraft glaubt, geschieht das, was grundsätzlich geschieht, wenn Gesellschaften um ihre Identität fürchten und ihren eigenen Werten misstrauen: die Flucht in den Biologismus. Es ist erstaunlich, in einem Kapitel über die moderne Arbeitswelt folgende Sätze zu lesen: „Jeder Hunde- und Pferdezüchter lebt davon, dass es große Unterschiede im Temperament und Begabungsprofil der Tiere gibt und dass diese Unterschiede erblich sind. Das heißt auch, dass manche Tiere schlichtweg dümmer oder wesentlich intelligenter sind als vergleichbare Tiere ihrer Rasse. Francis Galton war der Erste, der sich mit der Entwicklung und Vererbung menschlicher Intelligenz befasst hat. Er war der Vater der frühen Intelligenzforschung.“

Galton, so muss man hinzufügen, was Sarrazin hinzuzufügen vergisst, war vor allem der Vater der modernen Eugenik. Und auch das ist eine der Hintertüren, die Sarrazin sich offenlässt: ein Buch, das faktisch für eine eugenische Demographie plädiert, hätte den Begriff verhandeln und im Sachregister aufnehmen müssen, statt ihn verschämt als Adjektiv im Strom der Gedanken untergehen zu lassen. Das Gleiche gilt für einen anderen Schlüsselbegriff, der nie auftaucht, aber faktisch in allen Details inklusive der wissenschaftlichen Literatur beschrieben wird. Sarrazin beschreibt den demographischen Zustand des Landes klinisch als das, was man früher „Degeneration“ nannte. Bénédict Morel hatte in den fünfziger Jahren des vorletzten Jahrhunderts die Vorstellung einer pathologischen Eskalation in der Generationenfolge entwickelt, an deren Ende Idiotie, Sterilität und der Untergang der betroffenen Sippe standen. Sarrazin nimmt dies auf und wendet es auf die Zunahme von Erbkrankheiten in muslimischen Milieus in Deutschland an, die, wie er freilich nicht zuverlässig belegt, durch den Inzest in den Familienverbänden entstehe.

Ist er deshalb, wie manche behaupten, ein Rassist? Gewiss nicht, denn in Wahrheit bezieht er sich, ohne auch das deutlich zu machen, auf die große Einwanderungs- und Intelligenzdebatte, die vor fast genau hundert Jahren in den Vereinigten Staaten stattfand und dort zu einer Gesetzgebung führte, die bis 1965 in Kraft blieb. Wer nachliest, was damals unter dem Eindruck der Zuwanderungsströme im Ersten Weltkrieg in Amerika diskutiert wurde, befindet sich mitten in der Sarrazin-Diskussion. Die Zukunft des Landes war in Gefahr, die Intelligenz verkümmerte, Ethnien wurden analysiert und selektiert. Am schlimmsten waren die Japaner und die Süditaliener. „Nein, wir arbeiten nicht“, heißt es etwa in einem der einflussreichsten Werke der damaligen Zeit („The Old World in the New“) über die Italiener. „Wir haben andere, die für uns arbeiten. Es sind diese Parasiten, die die meisten Verbrechen begehen.“ Sie verlassen die Schule bei der ersten Gelegenheit, sie können nicht lesen und nicht schreiben, sind schlecht in Mathematik, und „ihnen fehlt die Fähigkeit zu denken“.

Es hat sich gezeigt, dass Bildung und der Glaube an die eigene Kultur die Integration dieser Gruppen nach 1965 viel mehr beschleunigte als jede Form eugenischer Politik.

Und dieses Beispiel ist auch die Antwort an Sarrazin. Er hat recht in vielem. Aber seine Antwort ist so radikal, dass sie vor muslimischen Milieus nicht haltmachen wird. Sie betrifft alle, das sollten seine Anhänger wissen. Es ist ein Symptom, dass eine demographisch verwundete Gesellschaft ihren Ausweg in der Biologie sucht. Es ist ein fataler Irrweg. Sarrazins Intelligenzmodell kennt keine spontanen Ausbrüche an Begabung und Talent. Er kann nicht erklären, wieso viele große geistige Leistungen der letzten Jahrhunderte aus bildungsferneren Schichten stammten. Dabei wäre dies der Impuls, mit dem man auch die muslimischen Milieus aufwecken könnte. Bildung und das Vermögen, sich des eigenen Verstandes zu bedienen, hat Menschen aus dem gesellschaftlichen Nichts zu den großen Bewegen gemacht, ganz gleich, wer ihre Eltern waren. Es stimmt nicht, dass, wie Frau Merkel meint, Sarrazins Buch nicht „hilfreich“ ist. Es ist sehr hilfreich und wird einen Wendepunkt markieren. Es ist hilfreich, um wirklich zu verstehen, was auf dem Spiel steht.



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Frank Schirrmacher


Geboren am 5. September 1959 in Wiesbaden. Studium der Germanistik und Anglistik in Heidelberg, der Philosophie und Literatur am Clare College in Cambridge. Seit 1. Juli 1985 Feuilletonredakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Von 1989 bis 1993 Leiter der Redaktion Literatur und literarisches Leben. Seit 1. Januar 1994 einer der Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Autor zahlreicher Bücher. 2007 ausgezeichnet mit dem Jacob-Grimm-Preis Deutsche Sprache. Frank Schirrmacher starb völlig überraschend am 12. Juni 2014 in Frankfurt. Er wurde nur 54 Jahre alt. Mit ihm verlieren wir einen einzigartigen Kollegen, einen furchtlosen Journalisten, der etwas bewegen wollte, der nach vorne drängte, jemanden, der schon früh nach einem Weg aus der Krise des Journalismus suchte.
Dokumente
Ein fataler Irrweg (PDF)

erschienen in:
Frankfurter Allgemeine Zeitung (FAZ),
am 29.08.2010

 

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