Reporter Forum Logo
26.06.17

Florian Gless / Kuno Kruse / Giovanni di Lorenzo „Es gehört zu unserer Glaubwürdigkeit

Was darf ein Reporter, was nicht? Seit die Jury des Henri Nannen Preises einem der Gewinner den Sieg wieder aberkannt hat, gibt es Streit. Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit" und Jury-Mitglied, spricht im "stern" über die umstrittene Entscheidung und die tägliche Versuchung, eine Geschichte auszuschmücken.


Der Henri Nannen Preis ist der wichtigste deutsche Journalistenpreis. Als er in diesem Jahr am 6. Mai vergeben wurde, löste eine naheliegende Frage der Moderatorin Katrin Bauerfeind einen Eklat aus. Sie fragte den Preisträger in der Kategorie Reportage, den "Spiegel"-Reporter René Pfister, wie er in den Keller zur Modelleisenbahn von Horst Seehofer gekommen sei, über die er geschrieben hatte. Völlig unbefangen antwortete Pfister, dort sei er nie gewesen.

Seitdem ist eine Debatte entfacht, wie es sie im deutschen Print-Journalismus lange nicht gegeben hat: Darf der Reporter etwas beschreiben, was er nicht selbst erlebt hat - ohne es deutlich zu machen? Die Mehrheit der Jury des Nannen Preises ist der Meinung: Nein. Nach einer Telefonkonferenz drei Tage nach der Verleihung erkannte sie Pfister den Preis wieder ab. Einer der sieben Befürworter dieser Entscheidung ist der Chefredakteur der "Zeit", Giovanni di Lorenzo.


?:Herr di Lorenzo, was war Ihr erster Gedanke, als René Pfister auf der Bühne so offenherzig verriet, dass er nie im Keller von Horst Seehofer gewesen war?

!:Mir ging es wie den meisten, die da saßen - gerade jenen, die nicht aus der schreibenden Zunft kamen. Ich habe gestutzt.


?:Hatten Sie zuvor für Pfister gestimmt?

!:In beiden Jurysitzungen habe ich mich für diese Geschichte starkgemacht. Es gab den Einwand, dass das altbekannte Tatsachen seien, olle Kamellen. Dagegen haben wir argumentiert: Wenn zum Beispiel die Modelleisenbahn im Keller so bekannt ist, warum hat sie bislang niemand so gut beschrieben? Mir ging es nicht nur darum, einen brillanten Autor auszuzeichnen, den ich sehr schätze, sondern auch darum, dem Genre des politischen Porträts Mut zu machen, einem Genre, das manchmal etwas ausgelaugt wirkt. Insofern war ich sehr happy über Pfisters Ge- schichte. Und natürlich war dann die Enttäuschung groß, dass gerade die entscheidende Szene rekonstruiert worden war.


?:Dass Reporter über Dinge schreiben, die sie nur vom Hörensagen wissen, ist nicht ungewöhnlich. Warum jetzt diese Aufregung?

!:Es geht um den Einstieg. René Pfister beschreibt Horst Seehofer im Keller seines Ferienhauses an einer Modelleisenbahn: Seehofer habe ein Foto von Angela Merkel kleinkopiert, auf eine Plastikfigur geklebt und in eine Lok gesetzt. Das ist eine Szene, die sich als Metapher durch die ganze Geschichte zieht, bis hin zur Überschrift "Am Stellpult". Sie entfaltet das vermeintlich psychologische Grundmuster zum Verständnis der Figur Horst Seehofer.


?:Ja, und?

!:Der springende Punkt ist nicht: Hat René Pfister gelogen? Das hat er nicht, Seehofer selbst und auch "Spiegel"Kollegen haben ihm davon erzählt, es gibt diese Eisenbahn. Der springende Punkt ist: Es waren nicht irgendwelche Absätze in diesem Porträt, es waren die drei entscheidenden Absätze, aufgrund derer er den Preis bekommen hat. Hätte die Jury gewusst, dass gerade diese zentrale Szene rekonstruiert war, eine Szene, die alle so begeistert hat, wäre dieser Preis nie an Pfister gegangen. Eine andere sehr gute Reportage hätte ihn bekommen, der Autor dieses Textes ist um den Lohn seiner Mühe gebracht worden.


?:Warum hat die Nähe, die Pfister suggeriert, die Jury so fasziniert?

!:Die Nähe macht den Unterschied zwischen einer sehr guten und einer guten Reportage, aber Nähe darf nicht vorgetäuscht werden.


?:Hat die Jury nie daran gezweifelt, dass Pfister im Keller war?

!:Es war unmöglich, das zu erkennen. Es sitzen Leute in dieser Jury, die jahrelang nichts anderes gemacht haben, als Reportagen zu redigieren. Niemand von uns wäre auf den Gedanken gekommen, dass er nicht im Keller war. Es steht ja in der Szene sogar explizit drin: "auch jetzt im Sommer" - der Artikel erschien im August.


?:Nun ist Pfister den Preis los, sein Name wird für immer mit diesem Eklat verbunden bleiben.

!:Natürlich tut mir René Pfister leid, dass es ausgerechnet ihn getroffen hat, einen noch jungen Preisträger. Kein Journalist möchte erleben, was er jetzt durchmachen muss. Dass nun, wie manche fürchten, seine Existenz vernichtet oder gefährdet wird, das ist Gott sei Dank nicht der Fall. Er hat einen wunderbaren Job beim "Spiegel", seine Chefredaktion steht uneingeschränkt zu ihm, und ich sage: Ich wäre auch nach der Aberkennung froh, wenn ich René Pfister in der Redaktion der "Zeit" hätte.


?:Der Jury wird vorgeworfen, dass sie den Autor vor der Aberkennung nicht gehört hat.

!:Den Vorwurf muss sich die Jury gefallen lassen. Aber es gab vor der Entscheidung schon drei Tage hitzigster Debatten, und eine Rolle mag auch gespielt haben, dass die ersten Äußerungen von René Pfister gegenüber Journalisten etwas enttäuschend waren: kein Wort darüber, dass hier ein Fehler gemacht worden war. Ich will gar nicht sagen: kein Wort des Bedauerns.

Da ist der Eindruck entstanden, da sei von Pfister keine Einsicht zu erwarten.


?:Was waren die Argumente der Gegner dieser Aberkennung?

!:Rücksicht auf den Autor, der jung ist, der das ohne Vorsatz getan hat. Es gab auch den Vorhalt, das seien doch nur wenige Zeilen in einer sehr langen Geschichte. Und: Das beschädige die Jury. Das ist das Argument, in dem ich mich am wenigsten wiederfinde, da es doch um Glaubwürdigkeit und Transparenz geht. Die Jury hat mit ihrer Entscheidung auch gezeigt, dass nicht stimmt, was ihr gelegentlich vorgeworfen worden ist: dass hier nämlich ein Klüngel von Hamburger Journalisten einander auszeichnet und sich gegenseitig deckt. Dennoch habe ich Respekt vor den Kollegen, die gegen die Aberkennung gestimmt haben. Ganz besonders gilt das für den "Geo"Chefredakteur Peter-Matthias Gaede, der in der Jurysitzung ein entschiedener Gegner dieser Auszeichnung war und sich trotzdem danach mit großer Vehemenz gegen die Aberkennung ausgesprochen hat. Ich bin allerdings anderer Meinung.


?:Der Flurschaden ist nun groß.

!:Es war alles andere als eine bequeme Entscheidung. Aber jetzt gibt es auch eine Chance, das ohne Selbstgerechtigkeit und Selbstgefälligkeit abzuschließen, und die sollten wir nutzen. Vor allem sollte niemand die Sache benutzen, um ganz anderes auszutragen.


?:Was meinen Sie?

!:Es fällt schwer, sich vorzustellen, dass die liebevolle Begleitung der "Märklin-Affäre" durch die "Bild"-Zeitung nichts zu tun hat mit einer kritischen Titelgeschichte im "Spiegel" vor wenigen Wochen über die "Bild"-Zeitung.


?:Pfister hat sich bei der Preisverleihung ganz arglos geäußert. Zeugt das nicht davon, dass er sich einer Methode bedient hat, die branchenüblich ist?

!:Ja, sicher. Umso mehr müssen wir die Debatte schnell wegbekommen von René Pfister und dem "Spiegel" hin zu einer Debatte, die redaktionsintern bei jedem Blatt geführt werden muss und nach diesem Eklat mit Sicherheit auch geführt werden wird: Was darf eine Reportage, und was sollte sie tunlichst unterlassen? Ich sitze hier nicht als der Vertreter einer moralisch besseren Anstalt: Das sind Fragen, die wir alle kennen!


?:Sie auch?

!:Natürlich. Sicherlich kann man bei einem Mord, bei dem man nicht dabei ist, wie jeder nachvollziehen kann, nicht auf die Rekonstruktion verzichten. Ich würde sogar sagen: Die Mehrzahl der Geschichten sind heute Rekonstruktionen. Wir haben ja auch eine ausgezeichnet beim diesjährigen Henri Nannen Preis: die hervorragende "Spiegel"-Dokumentation über das Bombardement nahe Kundus. Auch hier gab es Vorbehalte. So werden immer wieder Details beschrieben, die können die Autoren nicht erlebt haben, und nach Meinung der Kritiker ist es relativ unwahrscheinlich, dass Zeugen den Reportern geschildert haben, dass etwa ein Kinn zittert oder jemand müde nickt. Aber trotzdem haben wir gesagt: Diese Recherche ist so brillant, sie stellt einen Dienst an der Weltöffentlichkeit da. Dennoch bleibt die Frage: Wie viel muss man kenntlich machen?


?:Wäre es besser gewesen, wenn Pfister geschrieben hätte, "so erzählt es Seehofer jedem gern"?

!:Natürlich hätte man diese Geschichte anfangen können - Herr Pfister würde das besser ausdrücken - mit dem Satz: "Immer, wenn Horst Seehofer besonders entspannt ist, erzählt er die Geschichte von seiner Modelleisenbahn." Punkt. Absatz. Und dann geht es so los wie im Text geschrieben. Warum steht das da nicht? Weil es da womöglich den einen oder anderen Kollegen gibt, der sagt: "Komm, das macht die Geschichte nur langsamer, das wirkt auch uncool." Und dann ist die Versuchung da, einen Eindruck von Authentizität herzustellen, die gar nicht gegeben ist.


?:Jeder von uns kennt diese Versuchung.

!:Oh ja. Ich war 21 oder 22 Jahre alt und hatte ein Interview mit Sergio Corbucci geführt, einem Großmeister des Italo-Westerns. In einem Anflug von Größenwahn bot ich dieses Gespräch dem deutschen Ableger des Magazins "Interview" an. Da meldete sich der Chefredakteur, übrigens ein ehemaliger stern- Kollege, und sagte: Liest sich ganz gut, aber wir brauchen als Vorspann noch ein bisschen Atmosphäre. Das war für mich schwierig, denn ich hatte dieses Gespräch nur am Telefon geführt. Ich hatte keinen Schimmer, wie es bei Corbucci zu Hause zugeht, hatte aber begriffen, was die Kollegen gerne lesen wollten: In dem kurzen Vorspann klapperten dann die Kochtöpfe, es roch buchstäblich nach gebratenem Knoblauch und Rosmarin, so wie man sich das Zuhause eines Italieners vorstellt. Es meldete sich dann der Chef und sagte: "Jetzt ist die Geschichte richtig gut." Das geht natürlich gar nicht, aber ich weiß noch genau, wie ich das Gefühl hatte: Alles richtig gemacht! Das war ein ganz unerhebliches Detail, es wurde aber zur Voraussetzung dafür, dass die Geschichte gedruckt wurde.


?:Ist die Empörung auch deswegen so groß, weil sich viele Journalisten ertappt fühlen?

!:Ich stelle jedenfalls fest: Beim Einstecken von Kritik sind unsere Fähigkeiten eher unterentwickelt. Wenn zu unserem Beruf gehört, Schwächen, Vertuschungen, Fehler anderer aufzudecken, dann gehört es auch zu unserer Glaubwürdigkeit zu sagen, hier gibt es Fehlentwicklungen: die Vernebelung der Quellenlage, Ausschmückung, Rekonstruktion von Szenen mit Details, die so nicht beobachtet worden sein können. Wir können übrigens aus einer Position der Stärke heraus Selbstkritik üben: In den deutschen Medien gibt es inzwischen eine fantastische Kultur der Reportage, und daran hat der "Spiegel" einigen Anteil.


?:Was schlagen Sie vor?

!:Es gibt keine allgemeingültigen Regeln, die man jetzt als Kodex verabschieden könnte. Jede Geschichte ist anders, und an jede Geschichte stellen sich andere Fragen - man muss sie nur diskutieren. Aber ich kann auch nicht jede Geschichte zerstören, indem ich jedes Mal nach drei, vier Sätzen hineinschreibe, wer wo was gesagt hat. Das geht nicht. Das weiß jeder, der Geschichten schreibt. Man muss doch auch dem Autor vertrauen können. Der bürgt mit seinem Namen dafür, dass die Geschichte stimmt.


?:Im Wettbewerb - zum Beispiel zu Internet-Blogs, in denen jeder schreiben kann, was er will - ist die Glaubwürdigkeit das höchste Gut der Journalisten ...

  !:Schon der reine Selbsterhaltungstrieb verlangt von uns Glaubwürdigkeit. Die Menschen, die uns noch in großer Zahl lesen, müssen uns vertrauen können. Das ist die ganze Geschichte.

Zurück

Florian Gless


Florian Gless besuchte die Henri-Nannen-Schule und ist Leiter des Ressorts "Deutschland und Gesellschaft" beim stern.

Kuno Kruse


Kuno Kruse ist seit 2001 Reporter bei der Illustrierten stern. Er studierte Romanistik und Germanistik an der Freien Universität Berlin und der Université de Nantes, hospitierte 1977 bei der französischen Tageszeitung Libération und gehörte danach zum Gründerkreis der Tageszeitung „taz“. Dort war er von 1979 bis 1988 Redakteur in Berlin und Korrespondent in Stuttgart. 1989 wurde er Redakteur in Ressort „Dossier“ der Wochezeitung „Die Zeit“. Er wechselte von dort 1998 für ein Jahr zum Spiegel und schrieb anschließend die Biographie des Tänzers Sylvin Rubinstein, die bei Kiepenheuer & Witsch erschien. Zusammen mit Marian Czura drehte er über Rubinstein den Film „Er tanzte das Leben.“ Kuno Kruse wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis, dem Joseph-Roth-Preis und dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet.

Giovanni di Lorenzo


Geboren am 9. März 1959 in Stockholm als Sohn einer Deutschen und eines Italieners, verbrachte Giovanni di Lorenzo seine Kindheit und Jugend in Italien und Deutschland. Ab 1987 arbeitete er bei der "Süddeutschen Zeitung", zunächst als politischer Reporter, später als Leiter des Reportage-Ressorts. Seit Januar 1999 ist Giovanni di Lorenzo Chefredakteur der Berliner Tageszeitung "Tagesspiegel". Am 19. August 2004 wechselt er als Chefredakteur zur Wochenzeitung "Die Zeit" nach Hamburg, bleibt aber als Herausgeber dem "Tagesspiegel" verbunden.
Dokumente
Das Gespräch mit Giovanni di Lorenzo als PDF

erschienen in:
Stern,
am 19.05.2011

 

Kommentare

Honey, 25.11.2015, 12:28 Uhr:

Mahan: believe it or not that's aculatly the plate it's a weird effect caused by layers of background architecture lining up and sliding against eachother. There's no rig removal in that area the safety line is in a different place altogether, but you'd be forgiven for thinking otherwise.

Kommentar hinzufügen

* - Pflichtfeld

*


CAPTCHA-Bild zum Spam-Schutz
Wenn Sie das Wort nicht lesen können, bitte hier klicken.
*
*
Kontakt: Reporter Forum e.V. | Sierichstr. 171 | 22299 Hamburg